Donnerstag, 21.08.2014

Über AS

AS stieß als zweiter Neuzugang im September 2012 zum Team. Bereits als aktiver Torwart gewöhnte er sich an, einen Überblick auf das gesamte Spiel, die strategischen Abläufe und Zusammenhänge zu entwickeln. AS schreibt außerdem für abseits.at und twittert unter @axlsem.

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Türchen 12: Edinson Cavani

NAP-ASR1

Edinson Cavani bestritt in den letzten dreieinhalb Jahren rund 190 Pflichtspiele für seine Klubs und die uruguayische Nationalmannschaft, erzielte dabei 131 Tore. Eine Quote, die auf einen waschechten Torjäger schließen lassen. Einen klassischen Mittelstürmer. Dabei ist der 26-Jährige eigentlich eher das Gegenteil: ein dynamischer, spielintelligenter und fleißiger Angreifer. Wurde bei den bisherigen Türchen des Adventkalenders vor allem darauf geachtet, den Fokus von den kämpferischen und läuferischen Eigenschaften einiger Spieler wegzulenken, so ist dies bei Cavani etwas, das in der breiten Öffentlichkeit droht unterzugehen.

Cavani, die Ein-Mann-Pressingmaschine – ein zweischneidiges Schwert

In der laufenden Champions-League-Saison legten teamintern bei Paris Saint-Germain nur Thiago Motta (61km), Blaise Matuidi (55,7km) und Gregory van der Wiel (55,2km) eine größere Laufstrecke zurück als Cavani (50km). Allerdings stand er von diesen Spielern auch am kürzesten auf dem Feld, bekleidet eine andere Position und die Distanz alleine gibt keine Auskunft darüber, wo sich ein Spieler bewegt und ob er dadurch aktiv ins Spielgeschehen eingreift. Daher beschränken wir uns in der folgenden Betrachtung auf Stürmer, die Cavani hinsichtlich der physischen Voraussetzungen mehr oder weniger gleichwertig sind.

Defensivaktionen pro 90 Minuten ab 2010/2011 (Quelle: whoscored.com)

Defensivaktionen pro 90 Minuten ab 2010/2011 (Quelle: whoscored.com)

Man erkennt, dass nur Andy Carroll in dieser Stichprobe durchschnittlich mehr Defensivaktionen als Cavani vorweisen kann, was zunächst verwunderlich ist. Der Engländer gilt als Sinnbild des verpönten statischen Mittelstürmers. Der Grund dafür, dass Carroll so weit vorne zu finden ist, ist die hohe Anzahl an Befreiungsschlägen, die er infolge von Defensivstandards verbucht. Cavani hingegen ist auch in den anderen Kategorien vorne mit dabei – ähnlich wie beispielsweise Mario Mandzukic.

Der Kroate ist ihm bezogen auf die kämpferischen und läuferischen Fähigkeiten durchaus ähnlich, agiert dabei aber nicht so weiträumig. Mit seiner extremen Bissigkeit verfolgt Cavani Gegenspieler nach zweiten Bällen und Ballverlusten bis vor die eigene Viererkette oder sogar in den Strafraum um Bälle abzugrätschen. Beim Confed-Cup gegen Brasilien oder gegen Atalanta sah man aber auch, dass er sich zudem ins normale Defensivspiel regelmäßig einbringt.

Dieses Verhalten ist aber nicht ganz unproblematisch, denn das Pressing ist eine kollektive Spieltaktik. Sie wird also von mehreren Spielern durchgeführt und erfordert deshalb ein gewisses Maß an Zusammenspiel zwischen den einzelnen Akteuren. Cavanis aggressives Gegenpressing steht phasenweise nicht im Einklang mit der Mannschaftstaktik. Mit seiner hohen Laufbereitschaft kann er dies zwar oft kaschieren, da der Druck auf den Gegner sehr hoch ist und vor allem individuell schwache Gegenspieler dadurch Fehler begehen, allerdings wäre so manche Situation wohl auch ohne sein Attackieren erfolgreich gewesen.

Im verlinkten Video aus dem Atalanta-Spiel hätte die Hereingabe beispielsweise hinter ihm ein Mitspieler ebenso problemlos abfangen können. Durch seine zeitweise übertrieben tiefe Position fehlt gleichzeitig eine zuverlässige hohe Anspielstation. Cavani ist nämlich auch im Luftkampf präsent und kann lange Befreiungsschläge gut behaupten oder dank seiner Dynamik gleich direkt zum Tor ziehen. Gerade bei Napoli, das unter Walter Mazzarri im Umschaltspiel brillierte, konnte er auf diese Weise zahlreiche Tore erzielen. Er lauerte meist auf Bälle hinter die aufgerückten Außenverteidiger und spielte im dortigen Raum seine Antrittsstärke aus.

Cavani, der Raumöffner – Dynamik und Spielintelligenz

Cavani nutzt seine Dynamik aber nicht nur um sich selbst in torgefährliche Positionen zu bringen, sondern bewegt sich aus so, dass er Räume für seine Mitspieler schafft. Das ist neben der Abschlussstärke – im Schnitt trifft Cavani mit jedem fünften Schuss – auch der Hauptaspekt in seinem Offensivspiel. Anhand eines Beispiels, dem 1:0 Anfang dieses Jahres beim Sieg gegen die Roma, sei dies nun näher ausgeführt.

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Die Roma steht hier im Grunde genommen zunächst recht gut da, hat nach vorne hin sämtliche Anspielstationen zugestellt. Cavani bindet aufgrund seiner Präsenz und potenziellen Torgefährlichkeit die beiden Innenverteidiger eng. Er bewegt sich anschließend horizontal in die Schnittstellen der Verteidiger, um so für Zuordnungskonflikte bei diesen bzw. Probleme beim Übergeben unter ihnen zu sorgen. Das gibt seinen Mitspielern Zeit.

Entscheidend ist letztlich, dass er nicht zwischen den beiden Innenverteidigern bleibt sondern weiter nach außen geht. So muss er innerhalb der gegnerischen Kette zweimal übergeben werden: vom rechten zum linken Innenverteidiger bzw. anschließend weiter zum linken Außenverteidiger. Dadurch schiebt er zum einen den rechten Innenverteidiger etwas aus dem Zentrum, wodurch Marek Hamsik Platz für einen langen Sprint in die Tiefe gegeben wird.

Andererseits verschafft er auch Goran Pandev zwischen den Linien Platz, da sich dessen nomineller Bewacher nun um Cavani kümmern muss. Der Mazedonier kann anschließend einige Meter mit dem Ball am Fuß zurücklegen und Cavani mit einem Steilpass einsetzen. Neben seiner Sprintstärke nutzt der Uruguayer auch die Tatsache aus, dass er auf der Innenbahn, also zentraler bzw. näher zum Tor, laufen kann. Er hat dadurch ständig seinen Körper zwischen dem Gegenspieler und dem Ball bzw. Passweg.

Auch diese raumschaffenden Bewegungen gehen bei der Beurteilung seines Spielstils zuweilen gerne unter. Dabei sind sie für das Kombinationsspiel äußerst wichtig, zumal Cavani kein spektakulärer Dribbler ist. Sein Passspiel ist solide und zuverlässig, seine Bewegungen geradlinig. Auch bei PSG, wo er wie im Nationalteam als Flügelspieler agiert, zieht er oft von der Seite zum Tor oder rückt horizontal in den Zehnerraum ein.

Mit Zlatan Ibrahimovic ergibt sich dadurch ein interessantes Wechselspiel, wie kürzlich in einem anderen Artikel ausgeführt wurde. Manche befürchteten, dass es Probleme geben würde, ihn bei den Franzosen einzubinden. Sein riesiger Aktionsradius hätte sich zum Chaos wandeln können, seine raumschaffenden Bewegungen wären aufgrund dessen, dass das Spiel zu sehr auf einen anderen Spieler ausgerichtet wäre, ineffizient. Laurent Blanc scheint allerdings eine passende Philosophie gefunden zu haben, die zu beiden Superstars passt.