Türchen 2: Naby Keïta

Im Fußball der Zukunft wird Naby Keïta eine Ausnahme sein. Ein Spieler, so wenig greifbar wie seine Dribblings, so unübersehbar wie seine brachiale Athletik. Wer ist Naby Keïta?

Die Suche nach einer Antwort fällt schwer. Naby Keïta ist ein Chamäleon, ein Überathlet, ein Aggressor. Er kam von der Küste Guineas, durchschritt die Niederungen des französischen Zweitligafußballs, machte Halt in den österreichischen Alpen und verzückt nun das Publikum im sächsischen Flachland. Auch anderen hat der 22-Jährige bereits den Kopf verdreht, den Verantwortlichen im englischen Liverpool so sehr, dass sie kurzerhand das Scheckbuch zückten und in Vorleistung gingen. Niemand sollte ihnen ihren Keïta wegschnappen.

Als erst kürzlich aus der Feder dieses Autoren ein Text das Licht der Welt erblickte, indem eben jener Autor seine Gedanken schweifen ließ und darüber fachsimpelte, wer denn Naby Keïta alsbald bei seinem aktuellen Club ersetzen könnte, wenn er die Reise ins Vereinigte Königreich antritt, erreichten den Autoren die ganze Bandbreite an Meinungen. Die auserkorenen Kandidaten würden dem Spielertypen Keïta vielleicht gar nicht entsprechen, der Spielertyp Keïta wäre missverstanden worden.

Naby Keïta macht es dem geschulten Beobachterauge nicht leicht. Er ist ein Sechser, ein Achter, ein Zehner, ein Winger, ein Läufer, ein Zweikämpfer, ein Dribbler, ein Stratege, ein Tackler, ein Passgeber, ein Inspirationssucher, ein Ideenfinder, ein genialer Individualist, ein kongenialer Mitspieler, ein Traum für jeden Trainer, ein (Alb)Traum für jeden Manager, eine Herausforderung für jeden Schiedsrichter.

(Photo by Adam Pretty/Bongarts/Getty Images)

Das Chamäleon oder der Generalist?

Bei all diesen Attributen ist Keïta trotzdem keiner, der unbedingt und zu jeder Zeit der alles bestimmende, überpräsente Fokuspunkt seines Teams sein muss. Er strahlt in seinen jungen Jahren eine große Positionierungsruhe aus und behält trotz des oftmals hohen Spielrhythmus der Leipziger immer die Übersicht hinter den vordersten Linien. Keïta ist ein Kommandeur, der sich nicht immer unbedacht in die Schlacht stürzt.

Stattdessen bewacht er die Mitte des Spielfeldes und greift nur dann ein, wenn er einen Ballgewinn erzwingen oder einen Tempoangriff verhindern will. Ansonsten bleibt Keïta besonnen hinter seinem Partner im zentralen Mittelfeld zurück, wenn sich dieser in der Nähe des Balls am Pressing beteiligt. Das heißt aber nicht, dass der 22-Jährige keine Intensität und Aggressivität ausstrahlt. Das Gegenteil ist so manches Mal der Fall. Keïta neigt dann zur Übertreibung im Zweikampf. Timing und Ruhe sind essentiell für ihn, andernfalls verroht sein Spiel.

Aber eben genau diesen Reifeprozess scheint er momentan zu durchleben, was ihn noch gefährlicher und sein Agieren noch cleverer macht. Diese Ruhe strahlt der Guineer auch in der Spieleröffnung aus, wenn er sich tief in der eigenen Hälfte für die Ballzirkulation positioniert oder den Ball selbst führt. Seine Pressingresistenz verhindert allzu hastiges Vorgehen, die klare Passstruktur im Leipziger Spiel allzu große Improvisation. (Marco Verratti)

Bei seitlichen Angriffen bleibt er zunächst zurück und hält Kontrolle über das Zentrum. Im Pressing versucht er seinen Nebenmann regelmäßig zu schützen, ihm durch weiträumige Kontrolle der Sechserzone den Rücken freizuhalten. Kommt der Ball ins Zentrum, kann Keïta rasch die eigene Intensität und den Verteidigungsrhythmus des gesamten Teams erhöhen. Leipzigs Spiel ist zuweilen darauf ausgelegt, dass Keïta und sein Sechsercompagnon die Vorbereitung der pressenden Angriffslinie zur Vollendung, sprich zum Ballgewinn, bringen. Manches Mal verliert Keïta Überblick über den Raum und hat nur noch Augen für den Gegenspieler. In jenen Momenten möchte er den Ballgewinn erzwingen. Dosierung ist aber der Schlüssel zum Erfolg. Erst die Zukunft wird zeigen, wie sich der Stratege Keïta weiterentwickeln und in einer neuen Umgebung beweisen kann.

Voll entwickelt ist hingegen sein Dribbling und die Nutzung eben jenes. Der 22-Jährige geht auch hierbei nur selten überhastet vor. Er will keinen Vorstoß unnötig erzwingen und eine Gefahr für die eigene Mannschaft werden, sucht sich stattdessen die Situationen gezielt heraus. Keïta hat ein Auge für Dynamiken und Lücken auf dem Feld. Er penetriert die gegnerische Defensivformation im Zentrum und provoziert eine Reaktion – ein Verschieben, ein Auflösen von Verteidigungsschemen. Vielleicht hält er sogar situativ zu lange am Ball fest, verhindert aber Ballverluste durch eine Synergie aus Technik und Körperstabilität. So wird Raum diagonal vor ihm geschaffen, den er mit Pässen ansteuern kann. (İlkay Gündoğan)

(Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Was Keïta wirklich vom Rest des Feldes abhebt, ist seine auf 172 Zentimeter komprimierte Athletik. Diese körperliche Überlegenheit wird zuweilen von einem gewissen Unspektakulären verschleiert. Er gewinnt Zweikämpfe mit Leichtigkeit, nimmt Gegnern ohne sichtbare Anstrengung den Ball ab. Keïta verliert trotz seiner Physis nie jene Geschmeidigkeit, die seinem Spiel eine Eleganz verleiht. Weil alles so beiläufig wirkt, versteckt sich die ganze Brachialität zuweilen vorm Auge des Betrachters. (Paul Pogba)

Kommen diese Elemente zusammen, vereinigen sich in einem Spieler und erreichen das Keïta‘sche Niveau im Alter von 22 Jahren, so haben wir es hier mit einer Anomalie zu tun, die Qualität im Mittelfeld neu definieren kann. Die Einmaligkeit des Naby Keïta macht ihn unausrechenbar für den Gegner. Selbst wenn eine Stärke neutralisiert würde, kann er umschalten und eine andere Seite zeigen. (Kein Vergleich)

Die Zukunft

Viele Kopien und Plagiate von Keïta werden auch in Zukunft nicht über die Fußballfelder streifen. Und das liegt nicht etwa nur an der beschriebenen Verquickung von bestimmten Eigenschaften auf einem bestimmten Level. Der Fußball der Zukunft wird geprägt sein von hochqualifizierten Spezialisten. Keïta jedoch verkörpert eine Schnittstelle zwischen Spezialist und Generalist in einem Fußball, in dem jeder die kleinsten Details seiner Rolle verstehen, aber eben auch ständig die eigene Rolle wechseln muss.

Anpassung scheint das Gebot der Stunde. Keïta strahlt in Teilen des Spiels eine derartige Überlegenheit aus, dass er selbst die Regeln setzen kann. Er muss sich nicht zwangsläufig anpassen. Er tut es, wenn es opportun scheint. Doch zumeist werden sich die Gegner an ihn anpassen müssen, ohne eine Wahl zu haben. Einzig die eigenen menschlichen Schwächen könnten Keïta ein Bein stellen. Merzt er diese noch bis an den Rand der Perfektion aus, ist der Generalist unter den Mittelfeldspielern nur schwer zu stoppen.

gurkentruppe 4. Dezember 2017 um 22:09

Ein Liebesbrief 😀 Aber Recht hast Du.

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John2Joy 2. Dezember 2017 um 20:42

Sehr geile Analyse zu Keita !!!!
Er war völlig überfällig in diesem AK von SV.
Allerdings müssen endlich Varane und Martin Ödegaard auch in den AK.

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becks 2. Dezember 2017 um 22:57

Keine Sorge, aber Ödegaard kommt erst zu Weihnachten.

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om 2. Dezember 2017 um 13:06

Er ist ein Sechser, ein Achter, ein Zehner, ein Winger, ein Läufer, ein Zweikämpfer, a bitch and a lover, ein Dribbler, ein Stratege, ein Tackler, ein Passgeber, ein Inspirationssucher, ein Ideenfinder, ein genialer Individualist, ein kongenialer Mitspieler, a child and a mother, ein Traum für jeden Trainer, ein (Alb)Traum für jeden Manager, eine Herausforderung für jeden Schiedsrichter, a sinner and a saint. He does not feel ashamed.

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Robert 2. Dezember 2017 um 18:34

nice 🙂

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FloRe 2. Dezember 2017 um 12:04

Einfach ein richtig geiler Artikel. Vielen Dank!

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BornALion 2. Dezember 2017 um 10:00

Wenn ich ihn spielen sehe, dann erinnert er mich gerade wegen seiner Art komplett zu sein an Emerson zu seiner Leverkusener Zeit. Bei ihm fand man diese Eigenschaften auch: eine wuchtige Physio, situative Torgefährlichkeit, Technik zum auflösen von Engen etc.

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