Schüchterne Lichtblicke in Hamburg

3:1

Mit etwas Verzögerung ergreift der HSV die auf dem Silbertablett liegende Chance zu einem Befreiungsschlag. Gegen zehn Stuttgarter waren die Hamburger eigentlich ganz gut aufgestellt, wegen Unsicherheiten in Entscheidungsfindung und konsequenter Raumnutzung blieb der Sieg aber lange Zeit in der Schwebe.


Unter für die Hausherren schlechten Vorzeichen stehend, nahm die Begegnung zwischen dem HSV und dem VfB einen ganz anderen Verlauf als erwartet. So trat Markus Gisdols Ankündigung einer „Veränderung“ in gewisser Weise ein. Personell hatte der Hamburger Coach vollendete Tatsachen geschaffen und die beiden offensiven Nachwuchshoffnungen Ito und Arp (wurde dem Hype durchaus gerecht; Zurückhaltung wird an dieser Stelle mit Überschriftenwortspielen geübt) von Anfang an in die wieder zurückgekehrte 4-2-3-1-Formation beordert. Insgesamt zeigte sich der HSV verbessert, hatte früh alle Trümpfe in der Hand, aber agierte auch noch mit viel Unsicherheit bei der Ausnutzung dieser Chance.

Frühe Räume neben den Sechsern

Startformationen

Startformationen

Von Beginn bis zum Platzverweis war es ein sehr dynamisches Spiel, in dem beide viel Pressing spielten und dabei verschiedene diagonale Nachrückbewegungen in die erste Linie nutzen. Als Folge ging es dann darum, dass dahinter etwas unorthodox nachgeschoben wurde und bei langen Bällen die Rückzugsbewegung nicht immer schnell genug greifen konnte. Der HSV setzte solche weiten Zuspiele etwas weniger ein als sonst, Stuttgart gezwungenermaßen etwas häufiger als sonst, bedingt durch die 4-2-1-3-Pressingphasen der Hausherren. Einige Abpraller konnte der VfB neben der gegnerischen Doppel-Sechs aufnehmen, links über den eingerückten Özcan, um den sich manche gute Gruppenstaffelung samt entsprechender Ansätze ergaben, und rechts über die sehr offensive Rolle von Beck.

Dessen Einbindung bzw. eigentlich die gesamte hochgeschobene Charakteristik der rechten Seite des 4-2-3-1 zeigte sich aggressiver ausgelegt als schon in anderen Partien, dafür nicht so ganz balanciert. Auch gegen den Ball „hing“ die Formation der Schwaben zu jenem Flügel und Asano versuchte oft Mavraj anzulaufen, in der Umsetzung erfolgte das aber zu individuell und mechanisch. Dadurch wurde Beck also zu riskantem Nachrücken gezwungen und dahinter mussten beim Durchsichern sowohl Baumgartl als auch der ballnahe Sechser viel improvisieren. Das geschah aus einer Spielweise heraus, in der die beiden Akteure vor der Abwehr überhaupt eher breit – wohl gegen den grundsätzlichen Flügelfokus des HSV – orientiert waren und eine weiträumige Rolle sehr individuell umsetzen durften. Taktisch hatte das schon einen Sinn, richtig optimal abgestimmt wirkte es aber nicht.

Zwischen den Sechsern gelegene Lücken besetzte der HSV zwar nicht immer konsequent. Man sah die entsprechende Problematik aber indirekt, wenn bei den Stuttgartern die Spieler sich gegenseitig nicht so zuverlässig absichern konnten oder bei abgeprallten Bällen etwas unsicher oder leicht chaotisch wirkten. Wenn Baumgartl mal sehr weit nach außen nachschieben musste, wurden schnell die Abstände in der letzten Reihe ungleichmäßig. Auch für Hamburg lagen die interessanten Räume potentiell neben dem gegnerischen Mittelfeld: In tieferen Zonen beispielsweise konnte sich der umtriebige Hunt einige Male neben der zweiten Pressinglinie für leichte Pässe von Mavraj anbieten, weiter vorne dann insbesondere Ito um die gegnerischen Sechser herum lauern. Durch die Disharmonien in ihrer Asymmetrien waren die Gäste insgesamt nicht ganz so gut im Spiel wie der HSV. In unruhigen Phasen gingen beide Teams situativ immer mal wieder stärker zu Mannorientierungen über.

Faktor Pressinghöhe

Viele grundlegende Elemente der Partie, die sich schon in der flotten unmittelbaren Anfangsphase abzeichneten, blieben auch danach prägend, obwohl sich mit dem merkwürdigen Platzverweis gegen die Schwaben ganz früh im Spiel das Bild doch auch entscheidend veränderte. Für Stuttgart wurde es gegen die spielbestimmenden Hausherren nun zunächst einmal gewissermaßen eine Frage der Pressinghöhe: Sie zogen sich nicht nur automatisch weiter zurück, sondern schienen auch bewusst im strategischen Verhalten mehr Vorsicht walten zu lassen. So fokussierten sich etwa die offensiven Flügel – zumal gegenüber den weiträumigen Sechsern – klarer auf die positionelle (sofern man nicht klare Pärchenbildungen am Flügel zu verteidigen hatte) Disziplin und rückten (teilweise zu passiv gegenüber den Zentrumsspielern) eng ein. Das war aber kein einschneidender, radikaler Wechsel, sondern eine Akzentverschiebung, bei der eine gewisse Variation bestehen blieb.

Ungefähre Grundformationen nach dem Platzverweis

Ungefähre Grundformationen nach dem Platzverweis

Weiterhin die Flügelstürmer – nun aus dem 4-2-3 – im Pressing nach vorne ziehen zu lassen, war jetzt aber schwieriger umsetzen und ermöglichte dem HSV eher Raum am Flügel, wo sie nach Verlagerungen schnell Offensivpräsenz zum Strafraum herstellen konnten. Beispielsweise tauschten bei höheren Zirkulationsphasen häufiger Ito und Diekmeier die Positionen auf rechts, so dass Ersterer dann Bälle aus der Tiefe nach vorne trug. Auf der anderen Seite stellte das Anliegen, über die hohe Beck-Rolle zusätzlich neben Asano Druck zu machen, ein Risiko dar: Wenn der Rechtsverteidiger nicht entscheidend in den Zweikampf kam, musste Baumgartl – noch mehr als ohnehin schon gegen den Zehner – viel Raum alleine verteidigen und die Restverteidigung noch vorsichtiger agieren, so dass keine Kapazitäten mehr beispielsweise für Herausrückbewegungen gegen Itos Einrücken blieben.

Nach diesem Muster entstand die Großchance für Diekmeier zum 2:0 – in einer Phase Mitte der ersten Halbzeit, in der Hamburg gegen mehr Vertikalität bei den Schwaben mal wieder mehr Druck zu erzeugen wussten. Mit einer etwas tieferen Haltung funktionierte es für den VfB zunächst einmal tatsächlich besser, auch wenn sich das gegnerische Ballbesitzübergewicht dadurch noch weiter ausweitete. Nach jener Riesenchance konnte der HSV dafür aber nicht mehr viel nachlegen, zumal schon das Führungstor per Freistoß gefallen war. Auch wenn aus schwäbischer Sicht erst einmal das Vorwärtsspiel sozusagen zurückgestellt wurde: Währenddessen legte der VfB doch merklich an Stabilität zu und konnte die diagonalen Halbraumwege in Strafraumnähe wesentlich besser verdichten.

Konstellationen im Angriffsbereich

Nach vorne ging aber wenig: Der offensive Fokus lag auf der rechten Seite, gegen das Herausrücken von Kostic. Schon zuvor hatte Arp beim Anlaufen immer wieder erfolgreich versucht, die Wege über Pavard abzuschneiden und Stuttgart den Aufbau über jene Seite aufzudrängen. Die Schwaben versuchten mit diagonalen Flugbällen den Raum im Rücken des Serben zu bespielen, wo hinter Becks weitem Aufrücken sich nun Aogo sehr konsequent mit auf die Seite schob. Bei Hamburg änderte sich nach dem Platzverweis die Anschlussorganisation insofern, dass Douglas Santos weniger herausrückte und – als in der Restverteidigung nicht so risikoreiche Variante – vielmehr Sakai weit auf den Flügel nachschob. Zu diesem Stabilitätsmotiv passte auch die tendenzielle Zuordnung, dass Ekdal sich zentral nicht einfach nur im Sechserraum positionierte, sondern knapp vor Ginczek hielt, der als weiterer optionaler Zielspieler beachtet werden musste. Die Rollen der offensiven Flügel hätten beim VfB noch etwas vielfältiger sein können.

Wenn der Gast sich also nun erst einmal über die Defensive definierte und darauf fokussieren musste, machte es dagegen für den HSV in Überzahl durchaus Sinn, den Ball um das gegnerische Konstrukt laufen zu lassen und im Zweifel mit einem Zurückfallen Hunts und viel Halbraumpräsenz außerhalb der Defensivformation Kontrolle zu generieren. Strategisch taten sie das teilweise recht gezielt und machten das ordentlich. Besonders im defensiven Mittelfeld bewegten sich die Stuttgarter dagegen aufmerksam und der HSV mied somit den Zwischenlinienraum oft, teilweise zu viel. Stattdessen ließen sie den Ball um den Block herum laufen und suchten die Offensivwege eher von den Außenbahnen, entweder mit Flügelangriffen oder von dort durch Horizontaldribblings.

Ordentliche Zirkulation und die Timingfrage

Diese fügten sich in einen ambivalenten Eindruck: Sie boten viel Potential und wurden mit gegenläufigen, raumschaffenden Bewegungen des Mitspielers gekoppelt. Vom Timing her drängten die Dribbler aber zu oft bei gleichzeitigem Ausweichen der Kollegen in die Mitte und mussten aufpassen, nicht in gegnerische Überzahlen hineinzulaufen. Erwartungsgemäß nach den letzten Wochen gab es beim HSV neben Licht auch viel Schatten. Die Übergänge aus der strategisch sinnvoll gewählten Zirkulation in die weiteren Angriffe wurden also nicht unbedingt optimal gesetzt, eben zu häufig in Form jener Dribblings. Dagegen dienten die Halbräume vor der gegnerischen Mittelfeldreihe rein der Zirkulation, aber kaum – in zusätzlicher Funktion – als Ausgangspunkt für die Angriffseinleitung.

Manchmal passte Hunts häufiges Zurückfallen gut und manchmal weniger gut, aber insgesamt wären schon Möglichkeiten da gewesen, um gegen die trotz guter Improvisation nicht ganz sauber herausschiebenden Stuttgarter Sechser die Überzahl im Mittelfeldzentrum klar als 3gegen2 auszumanövrieren. Hier hätte Hamburg noch aggressiver und energischer auch mal versuchen können, per Mittelfeldspiel zwischen die Linien einzudringen, zumal Konter seit dem Platzverweis viel weniger zu befürchten waren. Punktuell bot sich Hunt dann stattdessen um das Strafraumeck für kurze Pässe von den Außenpositionen an und wurde dort auch häufiger bedient. In jenen Räumen konnte er aber – sofern er also nicht zur Grundlinie zog – lokal von Stuttgart in Überzahl gestellt werden.

Auch wenn sie Potential liegen ließen und sich die einzelnen „Puzzleteile“ beim HSV selten wirklich harmonisch zusammenfügten, sondern eher für sich wirkten: Iinsgesamt ging der Hamburger Auftritt schon in Ordnung. Vor allem die grundsätzliche Organisation passte als Positivelement: Mit den halbraumfokussierten, vielleicht etwas zu weit auffächernden Sechsern, der weit pendelnden Rolle des überall auftauchenden Hunt, situativem Einrücken Itos und der unterschiedlichen Außenverteidiger-Einbindung gab es manchen Lichtblick. Allein die Raumnutzung und die Entscheidungsfindung standen als Problempunkt dahinter zurück. So wurden viele Angriffe, hinter denen viel Aufwand steckte, einfach schlecht ausgespielt.

Der HSV findet spät den richtigen Moment und die richtige Dosierung

In vereinzelten Szenen brachten selbst große Zentrumslücken oder aussichtsreiche Konter nichts ein, weil die Spieler anstelle eines zielstrebigen Umgangs mit der Situation einfach unpassend abwarteten, bis sich eine seitlich überlaufende Anspielstation ergeben hatte. Eine wirkliche Problematik erwuchs daraus erst in der zweiten Halbzeit, zuvor standen mehrheitlich zumindest konstruktive Versuche. Kurzzeitig gab es bei Stuttgart aus einem engen 4-2-3 mit mehr Fokus auf das Verschließen des Sechserraums und einzelnen guten lauernden Bewegungen der Flügel wieder eine druckvollere – wenngleich nicht unbedingt höhere – Phase, in der sie hinter dem ballnahen Pressingmoment teilweise riskant mit drei Mannorientierungen gegen drei Angreifer restverteidigen mussten.

Danach wurde das Ganze wieder 4-4-1-hafter. Hier verpassten es die Hanseaten, auszunutzen, dass der VfB nach der langen Unterzahl die Sauberkeit in Positionsabdeckung und Verschieben nachließ. Erstens wirkte sich im Hamburger Ballbesitzspiel der potentielle Problembereich Raumnutzung auch vermehrt aus, nicht zuletzt, weil er nun wichtiger wurde. Denn: Zweitens hätte es in jener Phase strategisch einer stärker attackierenden Haltung bedurft. Die einzig wirklich klar schwache Phase von Entscheidungsfindung und Raumnutzung fiel dann in dem Abschnitt zwischen dem Ausgleich und der erneuten 2:1-Führung. Die Entstehung jenes Tores war wiederum mal eine Szene, in der die Halbräume nicht nur als Durchlaufstation dienten, sondern offensiver bespielt wurden – und dann ergaben sich auch direkt Überzahlmöglichkeiten.

Davor hatte der HSV immer wieder konsequent versucht, den Gegner breit zu ziehen, und das auch gut gemacht, aber solche Chancen dann verpasst und entsprechend aus den Effekten der breiten Zirkulation wenig Effekt ziehen können. Für den VfB war die tiefere Verteidigung nunmehr auf Dauer doch zum Problem geworden – in dem Moment eben, in dem der HSV seinen eigenen entscheidenden Knackpunkt fand. In einem kurzem Zeitraum spielte der HSV mal einige Angriffe einfach offensiver in die Zwischenräume – und schon zeigte sich, als dann auch die entsprechenden durchschlagskräftigen Aktionen genau in jenen Momenten kamen, wie viel Potential das gebracht und wie lohnenswert das hätten sein können. So geschah das nun doch noch: Im Eiltempo machte der HSV den lange auf dünnem Eis liegenden Sieg klar.

Fazit

Ein seltsames Spiel doch insgesamt: Dermaßen frühe Platzverweise machen es oft schwer, allzu viel generelle Dinge zu einer Partie zu sagen. Aus Hamburger Sicht wird man trotzdem manch Positives aus der Begegnung mitnehmen und sich über einige weitere Lichtblicke freuen können. Ein Schritt in die richtige Richtung ist doch immer ganz nett, in diesem Fall kann man den schon auch allgemeingültig sehen.

sofalaie 6. November 2017 um 15:04

„In unruhigen Phasen gingen beide Teams situativ immer mal wieder stärker zu Mannorientierungen über.“ Sicher, dass das so rum gemeint ist? Eigentlich würde man doch eher das Gegenteil erwarten: In den unruhigen, chaotischen Situationen eher aufmerksam, flexibel sein und da hingehen wo’s brennt und in den ruhigen, sortierten Szenen vielleicht dann abwartender, mannorientierter verteidigen.

Ansonsten vielen Dank für die Mühe und die gute Analyse!

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