City lässt die Luft raus

5:0

Pep macht den Nagelsmann. Anschließend werden zehn Reds werden von elf Citizens zu 100% dominiert.


Es war mal wieder Klopp-gegen-Guardiola-Zeit in Manchester. Liverpool spielte gegen das „neue“ Manchester City, das vom 3-1-4-2-System und jungen Außenverteidigern neue Kreativität eingehaucht bekommen hat. Liverpool hielt im gewohnten 4-3-3(-0) dagegen.

Guardiola wie Nagelsmann

In der Anfangsphase hatte das Spiel sehr große Ähnlichkeit zur ersten Partie zwischen Liverpool und Hoffenheim. Guardiola nutzt zur Zeit die gleiche Formation wie Nagelsmann und hat natürlich mit seiner Mannschaft ebenfalls einen Ballbesitzfokus. Liverpool formierte sich so wie gegen Hoffenheim und daher konnte man viele taktische Details wiedererkennen. (Dafür bitte diesen Artikel lesen, ich will das nicht alles wiederholen.)

Dazu gehörte, dass Manchester City zwar mehr Ballbesitz hatte als Liverpool, aber Liverpool insgesamt etwas mehr vom Feld: Sie verteidigten insgesamt höher und City musste bei gegnerischem Ballbesitz häufiger an den eigenen Strafraum zurückfallen. Außerdem gab es nach Liverpooler Balleroberungen gefährliche Konterräume für Salah und Mané. Dadurch wirkten die Gäste in der Anfangsphase leicht überlegen.

Eine Szene, wie sie fast deckungsgleich auch bei Liverpool gegen Hoffenheim möglich gewesen wäre. Interessant ist, dass Silva versucht, den Raum für Jesus zu öffnen. Durch Liverpools kompakte, positionsorientierte Organisation sorgt das im Gegenteil dazu, dass Liverpool den Raum noch dichter verschließt. Otamendi muss improvisieren und versucht den hohen Ball zu Mendy zu bringen. Der bleibt hängen, Liverpool kommt in den Konter über Salah.

Halbraumfokus entsteht automatisch, wenn ein 4-3-3-0 auf ein 3-1-4-2 trifft. Interessant ist, dass Silva versucht, den Raum für Jesus zu öffnen. Durch Liverpools kompakte, positionsorientierte Organisation sorgt das im Gegenteil dafür, dass Liverpool den Raum noch dichter verschließt. Otamendi muss improvisieren und versucht den hohen Ball zu Mendy zu bringen. Der bleibt hängen, Liverpool kommt in den Konter über Salah.

Punktuelles Angriffspressing auf beiden Seiten

Während Liverpool meist im Mittelfeld- und City auch viel Zeit im Abwehrpressing verbrachten, gab es auf beiden Seiten auch Momente, wo sie aggressiv bis zum gegnerischen Torwart attackierten. Das war zum einen natürlich in Gegenpressingszenen auf beiden Seiten. Zum anderen aber nutzten sie Rückpässe, um die Aggressivität zu verschärfen.

Vor allem bei City funktionierte das gut, da die beiden Stürmer gemeinsam vorpreschen konnten und bei Rückpässen auf den Torwart dadurch auch die seitlichen Pässe zustellen konnten. Zudem gingen sie im Pressing aus dem 5-3-2 nach vorne auch oft in eine Art verschobenes 4-1-3-2 über, wenn Walker oder Mendy auf den Liverpooler Außenverteidiger herausrückten. So hatten dann auch die Achter kürzere Wege als die Achter bei Liverpool.

Das 1:0 fiel dann quasi nach einem Pressingduell. Liverpool attackierte hoch und provozierte den langen Ball. Manchester setzte aggressiv nach und zwang Mignolet zum erneuten langen Hieb. In der folgenden Szene gab es einen längeren Kampf um den zweiten Ball. Can nutzte die Zeit nicht, um den Raum für de Bruyne zu schließen. Klavan und Matip unterlief ein Abstimmungsfehler; Klavan nahm Agüero auf, Matip schob die Abseitslinie nach vorne. Die beiden City-Stars bestraften die beiden Fehler perfekt.

Klopp versucht’s mit 5-3-1

Nachdem City bereits mit einem Tor Vorsprung aus der ausgeglichenen Anfangsphase kam, bekamen sie auch noch einen Spieler Vorsprung. Mané kam nach einem guten langen Ball hinter die Abwehr einen Schritt zu spät, traf Ederson im Gesicht und flog dafür vom Platz. Liverpool musste nun 55 Minuten in Unterzahl spielen; das macht man ungern gegen eine Guardiola-Elf. Zunächst stellte Klopp auf das übliche 4-4-1 um. Schon vor dem Pausenpfiff bestrafte de Bruyne die geringere defensive Breite mit einer Bilderbuchflanke zum 2:0.

In der Kabine stellte Klopp auf ein 5-3-1 um. Oxlade-Chamberlain kam als konterstarker Arbeiter für die rechte Achterposition, links agierte Wijnaldum, später Milner. Can rückte zentral in die Fünferkette. So versuchte Klopp wieder etwas mehr defensive Breite zu erzeugen und die Halbräume besser zu verschließen. Beim Verschieben zum Flügel entstand dann oft ein verschobenes 4-4-1 oder ein gut gestaffeltes 4-3-2. Das Zentrum konnte Liverpool dabei recht gut kontrollieren, die Halbräume auch einigermaßen.

Liverpools Ausrichtung im 5-3-1, das zum 4-3-2 werden kann. Gute, kompakte Staffelung, Dominanz im Zentrum, aber eben überhapt keinen Zugriff auf den Manchester-Aufbau und die Flügel, die geschickt überladen werden.

Liverpools Ausrichtung im 5-3-1, das zum 4-3-2 werden kann. Gute, kompakte Staffelung, Dominanz im Zentrum, aber eben überhapt keinen Zugriff auf den Manchester-Aufbau und die Flügel, die geschickt überladen werden.

City mit U-Zirkulation und pendelnder Doppelsechs

Das Problem waren indes die Flügel; vorne wie hinten. Zunächst hatte Firmino nun überhaupt keine Chance mehr, die Ballzirkulation von City zu stören. Selbst, wenn einer der Achter ihn zu unterstützen versuchte, hatte Manchester locker genug Raum und Personal in den tiefen Zonen, um locker den Ball zwischen den Defensivpositionen zu zirkulieren.

Die Formationen nach den Einwechslungen von Milner und Sané.

Die Formationen nach den Einwechslungen von Milner und Sané.

Dabei bauten sie nun auch nicht mehr in einer Dreierkette auf. Guardiola hatte auf ein 4-4-2 umgestellt, nach Sanés Einwechslung für Jesus dann ein 4-2-3-1 mit Silva als Zehner. Dabei kippten Danilo und Fernandinho immer wieder im Wechsel auf die Seiten neben die beiden engstehenden Innenverteidiger; genau also in die Zonen, in denen Liverpool keine Präsenz hatte.

So zwangen sie Liverpool zum Verschieben, konnten sich dann leicht auf die andere Seite lösen und Liverpool nach und nach an den eigenen Strafraum zurückdrängen. Durch die breite Positionierung des ballnahen Sechsers konnte City auch nach Anspiel in höhere Flügelzonen leicht nach hinten zurückspielen, selbst wenn Liverpool die Situation gut zugeschoben bekam.

Asymmetrie für Überladungsangriffe

Spätestens mit dem Wechsel auf das 4-2-3-1 wurde Liverpool durch diese Pendelbewegung zunehmend überladen. Citys Rollenverteilung forcierte vor allem die Überladung auf links: Silva bewegte sich viel halblinks oder sogar ganz nach links, wo Sané meist die Breite hielt und de Bruyne auf der anderen Seite einrückte. Danilo kippte auch noch mehr heraus als Fernandinho.

So hatte Liverpool oft mit Danilo, Mendy, Sané und Silva vier Spieler am Flügelstreifen zu verteidigen, während Agüero, de Bruyne und Fernandinho im Zentrum lauerten und Walker ballfern. Das ist grundsätzlich erst mal äußerst schwer zu pressen, wenn die Struktur und Bewegungen zwischen den Spielern in der Überladungszone dann noch gut passen.

Liverpool ist hier "fertig" verschoben. Sie sind schon am Flügel mit ihrer Formation und halten nun die Positionen - aber City hat trotzdem Überzahl. Dazu kein schlaues Verhalten von Chamberlain und Arnold.

Liverpool ist hier „fertig“ verschoben. Sie sind schon am Flügel mit ihrer Formation und halten nun die Positionen – aber City hat trotzdem Überzahl. Dazu kein schlaues Verhalten von Chamberlain und Arnold.

Liverpool konnte in der 5-3-1-Systematik schlichtweg nicht genug Spieler in Ballnähe bringen, um dort Druck aufzubauen. Der ballnahe Halbverteidiger (Matip) hätte noch mit rausschieben können, aber im Grunde hätte man mindestens noch Henderson gebraucht. Das ist schlichtweg positionell nicht vorgesehen und hätte große Lücken geöffnet. Henderson verschob so weit, wie er sollte, und das reichte nicht.

Diese Problematik wurde durch die nachlassende Intensität noch verstärkt. Dadurch fiel Liverpool auch immer mehr ins Abwehrdrittel zurück und konnte kaum mehr – wie auf dem Bild weiter oben – im Mittelfeld verteidigen. So wurde auch die Initiierung von Kontern noch schwieriger. Diese war aber ohnehin beinahe unmöglich. Manchesters vier zentrale Defensivspieler hatten es permanent mit einem bis zwei, höchstens drei Angreifern zu tun. Die wurden dann auch reichlich selten kontrolliert in Szene gesetzt. Liverpool kam zu keinem einzigen Abschluss nach der roten Karte.

Hatte Klopp irgendeine Chance?

Die taktische Reaktion auf die rote Karte ist schwer zu bewerten, weil die Situation einfach so unheimlich unangenehm ist. Einer Mannschaft mit starkem Positionsspiel kann man ohnehin schon sehr schwer in Unterzahl begegnen. Und eine Mannschaft, die extrem auf U-Zirkulation setzt, die ist immer besonders unangenehm und anstrengend zu bespielen, siehe Real Madrid. Wenn beides zusammenkommt, dann ist das einigermaßen brutal. Zudem war Citys Pressing intensiv und organisiert genug, um keine längere Ballzirkulation zuzulassen; unwahrscheinlich, dass das einer besseren Ballbesitzmannschaft gelungen wäre.

Unter diesen Vorzeichen machte das 5-3-1 eigentlich einen ganz guten Job und verhinderte, dass City oft in gefährliche Zonen kam. Der xG von Manchester City war ab der roten Karte „nur“ bei etwa 1,8. City erwischte einen sehr guten Tag, was Torabschlüsse anging, gekrönt natürlich von Sanés Kunstschuss zum 5:0. Mignolet sah auch, beim 4:0 etwa, nicht gut aus.

Doch gerade die völlige offensive Ungefährlichkeit Liverpools und das individuelle Abwehrverhalten muss kritisiert werden. Alexander-Arnold und auch Can ließen City in entscheidenden Szenen zu leicht durchkommen. Währenddessen fehlte Liverpool die Präsenz in vorderen Linien für schnelle Konter. Stattdessen hätten sie sich in der sehr flachen, tiefen Struktur mit geschickten Dribblingaktionen aus Citys Gegenpressing befreien müssen; dafür ist Henderson aber eine absolute Fehlbesetzung auf der Sechs.

Eine Varianten wären vielleicht gewesen, ein 5-2-2 zu versuchen, in dem der Stürmer dann im Abwehrpressing den Rückwärtspass belauern kann und für schnelle Konter anspielbar ist. Ansonsten hätte man sich zumindest phasenweise vielleicht auf eine Art Schlagabtausch einlassen müssen, etwa mit einem 4-1-3-1-Angriffspressing, in dem dann die Abwehr viel hätte individuell reparieren müssen, wofür dann aber im Umschaltmoment viel mehr Raum verfügbar gewesen wäre.

Generell wäre wohl Can als Pressingauflöser auf der Sechs deutlich besser aufgehoben gewesen. Klopp hatte aber kaum Alternativen für die Fünferkette im Kader. Unter dem Strich also schwer zu sagen, ob Liverpool nach dem Platzverweis noch ernsthafte Chancen hatte, oder ob das Spiel an dieser Stelle quasi vorbei war. Zudem war Guardiolas Umstellung schlau: Gegen das 3-1-4-2 hätte Liverpool die Flügel wohl besser kontrollieren können und wäre vielleicht auch ab und zu nach Balleroberungen in die Halbräume gekommen mit den Achtern. Stattdessen ließ City komplett die Luft aus dem Spiel und stach in den richtigen Momenten zu.

Koom 13. September 2017 um 16:19

Die Frage stellt sich natürlich, warum Liverpool nicht in bessere Verteidiger auch investiert hat. Es ist ja nicht nur so, dass es taktisch schon brisant war, sondern das Klavan und Matip das auch individuell eher mässig lösten.
Generell wirken die Transfers von Klopp bei Liverpool nicht so stark. Fehlt ihm da ein besseres Scouting? Liegt er einfach nur so falsch? Er kann ja durchaus Geld in die Hand nehmen, auch für Verteidiger. Er trainiert ja nicht Real sondern Liverpool, wo man Fußball-Arbeit auch schätzt.

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Cali 13. September 2017 um 16:39

Man wollte Van Dijk holen, aber Southampton hat sich nunmal komplett quergestellt. Joe Gomez ist übrigens ein großes Talent.

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Dr. Acula 12. September 2017 um 23:25

hab sehr auf diesen artikel gehofft, danke dafür. schön, dass du das (recht hohe) 5:0 relativierst. ergebnisse täuschen oft über den wahren spielverlauf hinweg, daher ist es immer wieder erleichternd, hier auf SV durch das ergebnis hindurch schauen zu können. interessant vor allem deine ausführung zur reaktion in unterzahl. du sagst, es ist 1. schwer, gg eine mannschaft mit gutem pos.spiel und 2. eine, die eine U-förmige ballzirkulation hat. ich bin mir sicher, dass guardiola ersteres gerne hört, aber letzteres? ist das laut seiner ersten biographie nicht sein „feind“? dieses „beschissene tiki-taka, den ball im U nur um des ballbesitzes wegen hin und her schieben“? oder hat er das forciert, um die überzahl geschickter zu nutzen?
nochwas zu danilo, was mein vorschreiber auch anschneidet: guardiolas lobeshymnen wurden ja medial oft genug ausgeschlachtet und tatsächlich ab und an etwas übertrieben, aber wie oft und überschwänglich er danilo lobt, ist doch ungewöhnlich. v.a. seine flexibilität hebt er hervor; erinnert mich an seine kommentare zu alaba… seht ihr das auch so oder ist das nicht für bare münze zu nehmen?

einziger „kritik“punkt: ich hätte mir gewünscht, dass RM etwas zu den hereingaben citys aus dem halbfeld flach diagonal vor den TW geschrieben hätte. die sind brutal schwer zu verteidigen und waren nie und nimmer zufall, wie oft city die gespielt hat. hinter die abwehrreihe, aber außerhalb des TW-radius. hochinteressanter kniff

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Dr. Acula 13. September 2017 um 17:46

Hier übrigens eine Zusammenfassung besagten Kniffes https://twitter.com/tompayneftbl/status/849661954612490240

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tobit 12. September 2017 um 20:41

Danilo als Halbverteidiger leuchtet mir ja völlig ein (dynamisch, kräftig, angriffsorientiert) – aber als Sechser hätte ich ihn (gerade bei Guardiola) nie gesehen. War das nur für diese spezielle Situation oder ist das jetzt öfter zu erwarten? Wenn ja – Wieso kauft man (ziemlich lineare) AVs für 150 Mio um sie dann im Mittelfeld zu bringen? OK, der Markt für zentrale Mittelfeldspieler war dieses Jahr nicht gerade groß (siehe Paulinho => Barca), aber da dürfte es ja insgesamt ein Spieler (wenn auch nur BackUp) mehr sein.

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