Kleine Collage der Nachwuchsturniere

In einem ungeraden Jahr wie diesem bieten die Sommermonate stets zahlreiche Nachwuchsturniere auf europäischer und globaler Ebene. An dieser Stelle sei in ungleichmäßigen Ausschnitte auf die 2017er-Auflagen zurückgeblickt – mal ausführlicher, mal aspektorientierter, mal auch „nur“ in Form von Linklisten. Besonders im Fokus stehen U20-WM (Betrachtungen der Positiverscheinungen des Turniers) und U19-EM (Analyse des Finals).

U20-WM in Südkorea

Sambia (Viertelfinalist)

nachwuchsturniere sommer 2017 zam-u20Für eine der größten Sensationen des Turniers, als sie die deutsche Nachwuchsauswahl im Achtelfinale ausschalten konnten, und für viele torreiche, unterhaltsame Partien sorgte Sambia. Die Mannschaft von Trainer Beston Chambeshi stieß bis ins Viertelfinale vor und musste sich dort Italien erst nach einer dramatischen Begegnung, in der sie lange auf der Siegerstraße zu fahren schienen, geschlagen geben. Die Verlauf dieses Spiels gestaltete sich für Sambia letztlich etwas unglücklich, entsprang jedoch zu Teilen auch aus ihrem Problem, eine Partie zuverlässig über längere Phasen zu kontrollieren und damit gewissermaßen „abzuschließen“. Eine der großen Stärken des Teams bei dieser U20-WM bestand in ihrer Explosivität, lokale Szenerien mit plötzlichem Zugriff zu verändern.

Zu den Glanzpunkten gehörten zudem die guten Überrückbewegungen aus dem Mittelfeld im recht vertikal und dabei allerdings teilweise zu riskant angelegten Pressing: Aus einer 4-4-1-1-haften Ausgangsstellung – mit leicht versetzter Anordnung der beiden vorderen Akteure – schob Musonda in diesem Mechanismus über den lose an den tiefsten gegnerischen Sechser orientierten Banda quasi hinaus und machte über diese Dynamik Druck auf die ballführenden Aufbauspieler. So konnte der große Deckungsschatten eines weiträumigen, durchlaufenden Spielers mit den ballnah schon bestehenden, raumbesetzenden Positionierungen kombiniert werden. Variiert wurde diese Variante daneben mit stärkerer Einbindung der beiden Außenspieler, die situativ auch mal ballnah diagonal nach vorne und sich dabei über die Passwege zu ihrem jeweiligen nominellen Gegenspieler schoben.

Insgesamt zeigte sich Sambia hierbei recht flexibel, wenngleich in dieser letzteren Alternative etwas lasch um die eigenen Flügelakteure herum organisiert, so dass deren gute Staffelung aufgrund der fehlenden Kohärenz doch überspielt werden konnten. Überhaupt traten immer wieder mal Nachlässigkeiten und Inkonsequenzen in verschiedenen Teilbereichen auf, die mitunter auch abgestraft wurden. Doch wiederum zeigte sich Sambia potentiell – vor allem gruppentaktisch – sehr stark: Sie verfügten eigentlich über eine sehr gute Zugriffsfindung in den Mittelfeldzonen, wo sie in mehreren Szenen sehr gelungen und vielseitig aus verschiedenen Richtungen attackierten und so Zwischenräume zuschoben.

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Überrücken von Musonda aus dem defensiven Mittelfeld über den am gegnerischen Sechser orientierten Zehner hinaus, während Daka den Querpassweg zwischen den Innenverteidigern zustellt

Mit dem Aufbauspiel hatten die Mannen von Chambeshi gewisse Probleme. Phasenweise schlugen sie die Bälle vergleichsweise schnell nach vorne – auch, weil das insgesamt unstetige und wechselhafte Bewegungsspiel im Mittelfeld keine absolut festen und zuverlässigen Strukturen aufkommen ließ. Bei Szenen im zweiten Felddrittel aber zeigten sich die Jungs aus Sambia sehr spielstark und kombinativ ausgerichtet. Sie starteten hier geschickt das Zusammenspiel, auf den Flügeln etwa immer wieder verschiedene gruppentaktische Abläufe. Vor allem die nominellen Außenspieler taten sich mit guter Einbindung hervor:

Sakala versuchte viel anzukurbeln, kam stärker über attackierende Dribblings und Pässe, während der dürre Chilufya eher als anpassungsfähiger, mannschaftsdienlicher Mitspieler ausgerichtet war, der für seine Kollegen Gegnerdruck auf sich nehmen konnte. Das half etwa den aktiven, aber in jenen gruppentaktischen Aktionen oft auch unorthodox-unsauberen Zentrumsspielern. Viel Bewegung schuf Mittelstürmer Daka, der bei seinen häufigen Ausweichbewegungen viel Engagement zeigte. Einerseits agierte er bisweilen etwas hektisch, andererseits ließ er vor allem mit starken Richtungswechseln seine Qualitäten aufblitzen. Das Team hatte diesbezüglich großes Potential und nutzte dieses in ihren fünf Turnierpartien für zwölf Tore und viel Spektakel.

Venezuela (Finalist)

Bevor Venezuela sich mit dem unerwarteten Finaleinzug sogar zum Überraschungsteam des gesamten Turniers aufschwang, machten sie im vorigen Verlauf als Defensivbollwerk von sich reden: Sie blieben in den ersten vier Partien komplett ohne Gegentreffer und wurden erst in der Verlängerung des Viertelfinals erstmals bezwungen. Das sorgte schon zu jenem Zeitpunkt für Aufsehen.

nachwuchsturniere sommer 2017 ven-u20Die Mannschaft von Trainer Rafael Dudamel war aber gar kein Team, das sich so sehr über das Spiel gegen den Ball definiert hätte, sondern eher mit dem eigenen Bewegungsspiel punktete. Aus einer 4-2-4-artigen Grundformation heraus stellten sie eine insgesamt hoch formierte Offensivabteilung auf, die sich aber flexibel formierte und häufig durch die Zonen rochierte. Auffällig zeigten sich vor allem die beiden Außenverteidiger: Sie überzeugten mit starkem Timing und Anpassungsfähigkeit bei ihren Auf- und Nachrückbewegungen und schoben auch im Pressing häufig – wenngleich nicht selten mannorientiert – über Asymmetrien ins Mittelfeldband hinein.

In der weiteren Ausführung agierten die Venezolaner in der Defensivarbeit recht großräumig (nicht seltene Nutzung von 4-1-3-2-Staffelungen, etwa im Finale oft durch Herreras Herausrücken) und ambivalent. So gerieten die weiten Herausrückbewegungen der Innenverteidiger in die von ihren seitlichen Nebenmännern gelassenen Räume bisweilen zu wilden Aktionen. Die erste Linie zeigte sich laufstark und variierte immer wieder die Pressinghöhe, die oft mannorientierte Ausrichtung auf den Flügelpositionen wirkte dabei aber zwiespältig:

Einerseits mussten Kompaktheit und Kollektivität im Zugriffsverhalten dadurch immer ein Stück weit begrenzt bleiben, andererseits konnten im günstigen Falle Isolationen des Gegners und Pressingmöglichkeiten entstehen: Anstelle der einfachen Bälle nach außen musste der Gegner vermehrt anspruchsvolle Eröffnungen durch die Halbräume spielen, bei suboptimaler Umsetzung könnte er nach außen in den Zwischenraum zwischen den beiden südamerikanischen Flügelspielern abgedrängt werden.

Wo die venezolanische Mannschaft dann jedoch tatsächlich dem typischen Bild eines Defensivteams ähnelte, war die gute (gruppentaktische) Absicherung im Abwehrdrittel. Abermals taten sich als Beispiel die Außenverteidiger hervor, indem sie bei weitem Herausrücken ihrer zentralen Kollegen sehr aufmerksam und defensivorientiert in Richtung von deren Positionen zurückschoben und recht harmonische Staffelungen zu bilden halfen.

Den Aufbau stemmten die Südamerikaner häufig über lange Bälle, die hier ein wichtiges Mittel darstellten. Dafür nahmen sie auch manches Mal einen Fokus auf einen der beiden Flügel vor und gruppierten sich dort kompakt. Auf rechts konnte beispielsweise Córdova aufgrund seiner Größe als Ankerpunkt dienen. Die Mehrzahl ihrer Offensivaktionen starteten die Venezolaner also mit direkten Tiefenpässen oder über – so sie erfolgreich erobert werden konnten – Abpraller im Bereich des zweiten Drittels und weniger über die klare Einbindung der Doppel-Sechs. So spielten auch in diesen Momenten wiederum die Außenverteidiger eine ungewohnt tragende Rolle.

Gerade Rechtsverteidiger Ronald Hernández glänzte mit seinen Auftaktbewegungen, Laufwegen und einigen kreativen Dribblings, so dass er oft den diagonalen Passweg nach innen aufziehen und Kapitän Yangel Herrera im Halbraum wieder ins Spiel bringen konnte. Zudem lieferte er einige scharfe Tiefenpässe auf den schlaksigen, bisweilen mit gewissen koordinativen Finessen überraschenden, aber insgesamt wohl etwas zu präsenten Córdova. Vor allem der spektakuläre, robuste Dribbler Peñaranda und der wendige, explosive, leicht ungerichtete Techniker Soteldo wirkten federführend bei der erwähnten Besetzung des Zwischenlinienraums.

Jedoch mussten die Venezolaner aufpassen, sich nicht zu früh schon in ihre Positionen dort zu bewegen und dann keine Dynamik mehr entwickeln zu können. Ihre Ansätze wurden dadurch abgewertet, dass sie sich aus den zentralen Bereichen für die Pässe der Außenverteidiger oft wieder zur Seite neu freilaufen mussten. Etwas ernüchternd war, dass sich die Sechser auch hier kaum – etwa durch Nachstoßbewegungen – beteiligten. Daher klaffte mit Ball nach hinten häufiger mal ein größeres Loch. So mussten die entscheidenden, durchschlagskräftigen Szenen oft von Einzelaktionen Peñarandas ausgehen. Mittelstürmer Peña spielte einige starke Ablagen und zeigte sich diesbezüglich unmittelbar in Strafraumnähe sehr aktiv, hielt sich ansonsten im Ausweichen aber etwas zurück.

So zeigten sich die Venezolaner also letztlich nicht als offensiv vielseitige und zuverlässige Scoring-Mannschaft. Abgesehen vom Torfestival gegen Vanuatu in der Gruppenphase stachen sie in dieser Hinsicht nie heraus, sondern lieferten solide ab. Sie wurden vor allem von der Effektivität ihres disziplinierten und in wichtigen Teilpunkten guten oder unangenehmen, gar nicht so bollwerk-haften Defensivstils getragen.

England (Turniersieger)

nachwuchsturniere sommer 2017 eng-u20Die Endstation für Venezuela war schließlich erst im Finale das englische Nachwuchsteam. Bei den Jungs von der Insel ergab sich ein starker Fokus auf die beiden Sechser in ihrem 4-4-1-1, über die fast alles im englischen Spiel (zusammen)lief. Sie agierten enorm weiträumig, entwickelten im Regelfall viel Präsenz und Dominanz, zeigten sich als bestimmende Kräfte. Eine Position war an den führenden und herausstechenden Onomah vergeben, einen ursprünglich offensiven Flügeldribbler. Daneben spielte meist Kapitän Cook, ein guter Techniker, der sich über viele Phasen auch balancierend zurücknahm und Onomah das Ruder überließ. So blieb selbst Arsenals Maitland-Niles weitgehend nur Ersatzmann, der als Sechser aber ebenso hohen – verglichen mit Cook dominanteren – Einfluss ausübte wie der bloß in einer Gruppenpartie eingesetzte, etwas unsaubere und instabile, aber mit manchen herausragenden Drehungen beeindruckende Ejaria.

Einerseits stellten die Sechser mit vielen diagonalen und balltreibenden Dribblings in entscheidendem Maße die Anbindungen im Aufbauspiel und weitere Übergangsmomente her – bzw. vor allem Onomah. Er glänzte durch sein enorm bedachtes Raumgefühl: Ganz oft positionierte er sich einfach sehr geschickt zu Gegebenheiten und Gegnern, hatte dann einen gewissen Vorteil, um sich logisch und simpel quasi vor deren Zugriffswege zu schieben. Auch im Pressing gaben die Sechser oft den Ton an, rückten häufig weit heraus. Entweder schoben sie mit nach außen um die teilweise eng-passiven Flügel herum oder diagonal nach vorne, während der hängende Angreifer das Zentrum hielt und sich lose an den gegnerischen Sechser pinnte. Aufgebrochen wurde das von engen 4-2-3-1-Staffelungen über dem Halbraum, in dem die Flügelspieler aufmerksam die Räume verengten und sich die Sechser kompakt dahinter gruppierten.

Besonders im Aufbauspiel hing dadurch viel auch von der situativen individuellen Einbindung der beiden Sechser ab. Um diesen die entsprechenden Entfaltungsräume zuzugestehen, orientierten sich die Flügelakteure tendenziell früh in die Spitze. Gerade Dowell auf rechts trieb sich oft weit eingerückt, nicht selten dann an oder nahe der letzten Linie herum. Dort agierte er unterstützend und balancierend, jedoch konnten sich Probleme bei der Anbindung nach hinten ergeben. Einige der eingesetzten Innenverteidiger, etwa der zwischenzeitlich in die Stammelf gerutschte Fry, eröffneten sehr oft nach außen, wo die Engländer unnötig viele Bälle aufgrund von Optionslosigkeit für Kenny und Walker-Peters früh hergeben mussten.

Letzterer präsentierte sich als für einen Defensivspieler ungewohnt dribbelnden Typen, mit seinem ebenfalls kleinräumig ausgerichteten und trickreichen Partner Lookman initiierte er einige Szenen durch den Halbraum. Wenn von diesen Positionen zusätzliche hohe Initiative ausging, hatte England teilweise großes Engagement in potentiellen Überladungen und gute Voraussetzungen, musste aber aufpassen, dass die einzelnen Spieler nicht alle zu dominant agierten und sich dann gegenseitig eher die Räume zustellten. Alles in allem waren die „Three Lions“ von Trainer Paul Simpson aber letztlich ein verdienter Titelträger, da sie klar die offensiv gefährlichste und dort mit dem höchsten Potential ausgestattete Mannschaft darstellten – gerade auch aufgrund jener Aktionen über den linken Halbraum.

Überladungsangriffe aus diesem Bereich gingen dort von einer guten Grundbasis und starker personeller Besetzung aus, konnten daher über das ganze Turnier hinweg für entscheidende Unterschiede in engen Partien sorgen. Wenn sie über ihre dribbelnden Akteure vor allem halblinks die Übergänge erst hergestellt hatten, ergaben sich vorne viele lokal angrenzende Optionen. Mit den einleitenden Akteuren selbst, Dowells zuarbeitenden Weiterleitungen und nicht zuletzt Dominic Solanke als Halbstürmer bestanden gute Voraussetzungen für gute Angriffe. Mit seiner Technik bot Letzterer sich – für Doppelpässe sehr klug bewegend, teilweise schon zu früh zurückfallend – oft als Wand- und vereinzelt Nadelspieler im Zwischenlinienraum an, sorgte auch im Umschalten für wichtige Ballsicherheit. Bei Ballbesitz der Außenverteidiger kreuzte er oft mit dem ballnahen Flügel zur Seite: Dadurch wollten die beiden entweder Räume füreinander schaffen oder die Ballsicherheit Solankes an der Seitenlinie haben, falls letztlich doch nur der Pass am Flügel entlang möglich sein würde.

Es sind schon viele Debatten darüber geführt worden, wie aussagekräftig Ergebnisse von Nachwuchsturnieren auf verschiedenen Ebenen denn nun seien. In diesem Fall kann man wohl als wahrscheinlich annehmen, dass England von seinem ersten U20-WM-Titel überhaupt auch langfristig etwas haben müsste – denn in diesem Jahrgang fanden sich mit Solanke, Onomah und Co. so viele starke Spieler, von denen man in absehbarer Zeit den einen oder anderen auch in der A-Auswahl sehen dürfte.

U21-EM in Polen

Die U21-EM in Polen wurde vor allem von den beiden jeweils exzellent besetzten Finalisten dominiert, den im Ballbesitzspiel enorm starken Spaniern und der recht kompletten, lange nach der richtigen Zusammenstellung suchenden, aber dann zum Schluss enorm starken DFB-Auswahl. Der Kollege Martin Rafelt (MR) hat diese U21-EM mit zahlreichen Analysen begleitet:

Vor dem Turnierstart: Kurze Kadervorstellung der deutschen U21 (externer Link)

Trotz sehr interessanter Ansätze ein schwieriger Turnierstart der DFB-Junioren: Analyse Deutschland U21 – Tschechien U21 2:0

Die Stärke der Spanier im Mittelfeldbereich: Analyse des Halbfinals Italien U21 – Spanien U21 1:3

In einem beeindruckenden Endspiel gelingt der DFB-Auswahl gegen die leicht favorisierten Iberer die „Titeleroberung aus allen Richtungen“: Analyse des Finals Deutschland U21 – Spanien U21 1:0

Nach dem Turnier: Blick auf einzelne Spieler der deutschen U21 und des Confed-Cup-Kaders (externer Link)

U19-EM in Georgien

In gewisser Weise wurde die Qualität der englischen U20 deutlich, wenn man ihre Partien mit dem Finale der einige Wochen später endenden U19-EM in Georgien vergleicht. Dieses Match der englischen mit der portugiesischen Auswahl blieb in verschiedenen Aspekten doch dahinter zurück, wenngleich man den kleinen Altersunterschied definitiv noch in Richtung stellen sollte. Aus der taktischen Perspektive stellte sich diese Begegnung als solides, aber eigentlich unspektakuläres Aufeinandertreffen zweier sich recht ähnlicher Mannschaften dar.

Finale der U19-EM: Portugal – England 1:2

nachwuchsturniere sommer 2017 u19-por-engAus ihrem 4-1-4-1 agierten die von Trainer Hélio Sousa betreuten Portugiesen recht mannorientiert, vor allem im Mittelfeld mit klaren Zuordnungen. Das Spiel der Engländer fand sich damit aber recht gut zurecht. Nicht zuletzt die Ballsicherheit einzelner Akteure spielte dafür eine entscheidende Rolle: So versuchte sich etwa der linke Sechser Edun (jedoch im Passspiel schwächer als sein Partner Dozzell) mit Abfolgen mehrerer Drehungen aus dem Zugriff des Gegenspielers zu lösen und gab damit den Teamkollegen einfach mehr Zeit, um sinnvolle Bewegungen zu starten. Der gerade jeweils ballferne defensive Mittelfeldspieler kippte zudem häufig in die ballnahen Räume hinter den Kollegen ab und konnte sich dann in der Lücke zwischen Stürmer und den nun eher zurückweichenden portugiesischen Achtern die Möglichkeit zum Aufdrehen schaffen.

Vorne pendelten die Angreifer in einer 4-2-1-3-haften Rollenverteilung viel in der Horizontalen, recht aktiv, ohne dabei aber zu weiträumig zu werden. Dagegen hatte Portugal etwa bei längeren Bällen gewisse Probleme mit der Kontrolle von Abprallern, die die Engländer dann einfacher über die Physis der Individualisten erobern konnten. In Richtung des eigenen Abwehrdrittels spielte Kapitän Rui Pires letztlich vorsichtig sehr nah vor der eigenen Kette, was mitunter zu Zuordnungsproblemen und flachen Staffelungen führen konnte. Während die Flügelspieler sich teilweise ebenfalls sehr tief und flach vor der Abwehr einordneten, konnte die mannorientierte Spielweise der Achter zum Problem werden: Es entstanden dann Zwischenlücken nach hinten.

Das galt umso mehr wegen der (erzwungen) tiefen und absichernden Spielweise des verbleibenden Sechsers. So gelang es den drei englischen Offensivspielern gelegentlich, sich abwechselnd in unorthodox gelegenen Zwischenlücken freizulaufen – vor allem Sessegnon mit interessanten Ansätzen. Auch der als Zehner durch die Räume pendelnde Mount hatte es dadurch etwas leichter, die Räume hinter den Achtern zu nutzen. Allerdings vermochten die Jungs von Trainer Keith Downing dabei kaum konstant gegenseitige Unterstützung zu erzeugen. Die flexiblen Bewegungen wirkten häufig vor allem so, als wolle man dem Kollegen primär Raum für Einzelaktionen schaffen.

Viele Nachrückbewegungen orientierten sich zu sehr vom Ball weg und in der Folge recht stark in Richtung Abschlusspositionen, wenn sie nicht umgekehrt zu zögerlich umgesetzt wurden. Einen Zwischenpol fanden die Engländer selten, erzielten ihre Treffer letztlich per Standard und Ballgewinn. Ihre besten Szenen aus den Ballbesitzphasen hatten die Engländer, wenn sie individuelle Freilaufbewegungen sofort vertikal und risikoreich anspielten. Bei Momenten längerer Zirkulation in höheren Zonen fehlte es ihnen etwas an Struktur und Nachrücken, zumal sich die Portugiesen beim Übergang ins Abwehrdrittel nun sehr wohl weit zurückzogen. Die überhaupt oft nach außen tendierenden Achter arbeiteten dann vermehrt in die Breite, so dass sie teilweise die englischen Flügelstürmer mit trippelten.

Trotz etwas anderer Akzentuierungen zeigte die Aufbausituation in die andere Richtung viele Ähnlichkeiten in der Gesamtbetrachtung: England startete das eigene Pressing häufig aus der 4-2-3-1-Grundformaton heraus. Die beiden nominellen Flügelspieler arbeiteten dabei ballfern insgesamt gut und diszipliniert in die Halbräume zurück. Bei den Iberern war Ähnliches ab der zweiten Halbzeit häufiger zu sehen. Dort konnten sie etwaige Einrückbewegungen ihrer jeweiligen portugiesischen Pendants aufnehmen, die der umtriebige Rechtsaußen Mesaque Dju forcierte, später von der linken Seite zunehmend auch der eingewechselte Rafael Leão. In Ballbesitz ergab sich im portugiesischen Mittelfeld eine dreischrittige Rollenverteilung, in der Quina vor allem im zweiten Drittel viel nach außen arbeitete und dann über die Halbräume nachstieß, während Gedson Fernandes attackierender ausgerichtet war und höhere Flügelbesetzungen für den phasenweise fast überall herumlaufenden Dju übernahm.

Die Portugiesen arbeiteten in der ersten Halbzeit sehr viel mit ambitionierten langen Bällen, die regelmäßig in die Sturmreihe geschlagen wurden, etwa auf den technisch starken João Filipe (mit dem gruppentaktisch starken, leicht tollpatschigen Conté als Unterstützung). So gab es auch viele Phasen, in denen Mesaque Dju oder Gedson Fernandes sehr weit außen die Bälle forderten. Bei diesen Versuchen bekam die Mannschaft von Hélio Sousa aber nicht genug Verbindung zwischen die jeweiligen Pärchen ins Spiel. Die seitlich aus der Formation kippenden Aufbau- oder Anschlussbewegungen etwa von Quina ließen sich daher recht gut durch einfaches diagonales Herausschieben des ballnahen englischen Sechsers aus der Mittelfeldkette auffangen und zurückdrängen, ohne dass die – punktuell ebenfalls, etwa auf der Zehnerposition recht mannorientierten – Engländer brillierten.

BS 7. August 2017 um 14:05

Vielen Dank für diese Übersicht!!

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