Deutsche Frauen starten überflexibel in die EM

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Die deutschen Frauen starten gegen einen hochkarätigen Gegner mit viel Ballbesitz aber ohne Tor in die Europameisterschaft. Die Offensivtaktik war ambitioniert, doch funktionierte nicht so recht.


Zum Start in die EM gab es für die DFB-Auswahl direkt einen hochkarätigen Gegner mit Pia Sundhages Schwedinnen. Die schlechte Nachricht zuerst: Beide Mannschaften spielten 4-4-2. Die gute: Deutschland löste die Mittelfeldpositionen bei Ballbesitz beinahe auf und attackierte in einer recht interessanten 3-5-2- oder 4-1-3-2-Systematik. Wegen zahlreicher Detailprobleme reichte das aber nicht für ein Tor.

Schwedischer Fußball

Zunächst lässt sich der Ansatz des deutschen Gegners recht zügig zusammenfassen: Schweden spielte typisch schwedischen Fußball. Das 4-4-2, welches in auch bei den letzten Männerturnieren das schwedische Spiel geprägt hat, wurde auch von den Frauen angewendet. Mit den üblichen Problemen: Schlechte Verbindungen zwischen den Offensivspielern, wenig Passmöglichkeiten im Aufbauspiel, in der Folge sehr viele lange Bälle und lineare Flügelangriffe entlang der Seitenlinie.

Deutschland hatte dieses Offensivspiel zumeist gut unter Kontrolle. Bei schwedischem Aufbauspiel spielten das DFB-Team ebenfalls 4-4-2 in einem hohen Mittelfeldpressing. Die beiden Stürmer machten hier gute Arbeit und verhinderten Zuspiele auf die Sechser; die Flügelstürmer standen etwas breiter als gewohnt, was mangels schwedischer Halbraumnutzung kein Problem darstellte, aber den Zugriff an der Seitenlinie vereinfachte.

In Kontersituationen hatte Deutschland etwas größere Probleme. Oft konnte Schweden lange Bälle in den Raum hinter die deutschen Außenverteidiger schlagen. Daraus entstanden einige 2-gegen-3-Situationen, in denen Schelin und Rolfö gegen die Innenverteidigung und Demann ins Dribbling gehen und Abschlüsse suchen konnten.

Ein Klassiker: Das Abkippen im 4-4-2-Duell

GER 0-0 SWEDeutschland löste den typischen, unattraktiven 4-4-2-Patt durch das Abkippen des Sechsers auf. Kristin Demann spielte bei Ballbesitz manchmal sogar wie eine feste dritte Innenverteidigerin, sodass eine Art 3-5-2 entstand. So gab es eine 3-gegen-2-Überzahl im Aufbauspiel; da die Sechserposition gut aufgefüllt wurde oft 4-gegen-2. Das sorgte grundsätzlich für eine klare Ballbesitzdominanz für Deutschland.

Zuweilen wurde diese Struktur aber nicht konsequent genug ausgespielt: Peter und vor allem Henning ließen sich durch seitliches Anlaufen etwas zu leicht isolieren. Demann setzte sich dabei nicht klar genug nach hinten ab, im defensiven Mittelfeld wurde zu spät die Anspielstation geschaffen, um auf die freie ballferne Position der Dreierkette zu verlagern. Das war aber ein geringeres Problem, da vor allem Henning recht gut andribbelte und dann vertikal spielte; der Ball war dann aber naturgemäß in der Folgeaktion manchmal schwierig zu behaupten.

Unstrukturierte Rochaden im Zentrum

Entscheidend bei diesem Duell von 4-4-2-Abkippen gegen 4-4-2-Mittelfeldpressing sind meist die Bewegungen im Mittelfeldzentrum: Kann sich die angreifende Mannschaft dort geschickt aufdrehen und durch die Lücken des 4-4-2 spielen oder wird sie zum Spiel über die Flügel gedrängt? Hier war es von beidem etwas.

Grundsätzlich war die Systematik bei Deutschland hochinteressant: Maroszan, Magull und Däbritz hatten nämlich scheinbar keine festen Positionen, sondern durften diese frei durchwechseln. Däbritz war selten auf der zentralen Achterposition, ansonsten gab es dabei alle Konstellationen. Auch defensiv wurden die Positionswechsel übernommen und auf ihrer Position konnten sich die drei Spielerinnen völlig frei durch das Mittelfeld bewegen.

So interessant das zu sehen war, brachte es aber zwei Probleme mit sich: Zum einen gab es keine feste Struktur, also keine festen Verbindungen und Orientierungspunkte für die Offensivspieler. Alles wurde improvisiert – das ist schwierig und das sah man der Mannschaft auch an. Zum anderen kamen die Spielerinnen dadurch nicht unbedingt in ihre optimalen Räume und Rollen, sondern mehr oder wenig einfach in irgendwelche Positionen und Konstellationen, in denen sie sich selbstverantwortlich einbinden mussten.

Das führte zum Beispiel dazu dass Däbritz, die sich teilweise recht geschickt gegnerbindend bewegte, deutlich weniger Präsenz hatte als die anderen beiden und nur etwa halb so viele Aktionen am Ball – angesichts ihrer taktischen und spielerischen Fähigkeiten eine Verschwendung. Maroszan hingegen wurde vor allem im zweiten Durchgang immer präsenter, forderte Bälle sehr tief und versuchte sich als Spielmacherin, die sich nicht ist. Ihre Durchschlagskraft in hohen Räumen hingegen sah man selten; die größte Chance leitete sie nicht im Aufbauspiel ein, sondern von der Rechtsaußen-Position.

Zu wenig Aktionen gegen die Verschieberichtung

Grundsätzlich lässt sich konstatieren, dass die deutschen Frauen sich zu sehr die Räume und die Spielrichtung vom kompakten schwedischen Block diktieren ließen. Vor allem die Stürmer bewegten sich sehr oft mit der Viererkette mit, statt in Gegenrichtung. Auch im Mittelfeld gab es zu viele Bewegungen zum Ball und wenige Angriffe, bei denen nach einer Verlagerung schon Anspielstationen da waren. Die Außenverteidiger waren nach Verlagerungen oft 1-gegen-2 oder höchstens 2-gegen-2, wobei Blässe aus diesen Szenen noch viel rausholte, teilweise mit sehenswerten Diagonaldribblings.

Auch individualtaktisch setzte sich diese Tendenz fort: Die Ballannahme im Zentrum waren viel zu häufig in Verschieberichtung. Besonders Maroszan verpasste viele Gelegenheiten um aufzudrehen. So wurde der Ball nach Pässen ins Zentrum oft direkt wieder klatschen gelassen oder auf den Flügel abgelegt. Pässe zwischen den zentralen Spielern und flache Bälle auf die Stürmer waren Mangelware. (Auch hier war Däbritz‘ fehlende Präsenz wieder ein Problem, da sie das potentiell besser kann.)

Interessanterweise wurde dieses Schema noch am stärksten von Demann aufgebrochen. Sie zog es bei längeren Angriffen zuweilen mit nach vorne, wo sie gute Verlagerungspositionen einnahm und gute Aktionen in die Zwischenräume anleitete. Außerdem bewegte sie sich sehr gut in den Strafraum. Solche Szenen waren aber aufgrund ihrer sehr tiefen Rolle leider nicht häufig. Aufgrund ihrer Athletik wird sie wohl auch weiterhin in dieser Rolle verbleiben.

Fazit

Die deutsche Mannschaft präsentiert sich taktisch auf jeden Fall bedeutend spannender und ambitionierter als unter Silvia Neid. Theoretisch gibt es eine interessante Struktur mit viel Bewegung und einem gewissen Halbraumfokus. Praktisch machten einige Details diese Ansätze aber zunichte.

Gemessen an der Spielanlage des schwedischen Mitfavoriten machte die DFB-Elf aber eine gute Figur und lässt für den Turnierverlauf auf mehr hoffen. Wichtig wird sein, dass die Schlüsselspieler ihre Rollen finden und sich die Rochaden im Zentrum besser einspielen. Grundsätzlich passt die Spielweise zum Kader. Auch Lena Goeßling könnte sich wohl in dieses System gut einfügen.

weinsztein 25. Juli 2017 um 04:03

Schade, bisher nur ein Beitrag zur Fußball-EM der Frauen 2017.
Ich finde das Turnier sehr spannend und reich an Überraschungen. Etwa das Ausscheiden Norwegens, die Erfolge Österreichs, Dänemarks, der Niederlande. Oder die brillante Defensivtaktik der Engländerinnen gegen Mitfavorit Spanien. Die Schwächen des Geheimfavoriten Schweiz und so weiter. Die Kräfteverhältnisse im europäischen Frauenfußball verschieben sich. Davon dürften auch die USA, Japan oder Brasilien betroffen sein.
Klar, in manchen Ländern riechen Großklubs wie der FC Barcelona, Chelsea, Arsenal, Paris St. Germain einen neuen Markt.
Das sollte eine Analye von spielverlagerung.de wert sein.

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Schorsch 21. Juli 2017 um 19:43

„Maroszan hingegen wurde vor allem im zweiten Durchgang immer präsenter, forderte Bälle sehr tief und versuchte sich als Spielmacherin, die sich nicht ist. Ihre Durchschlagskraft in hohen Räumen hingegen sah man selten; die größte Chance leitete sie nicht im Aufbauspiel ein, sondern von der
Rechtsaußen-Position.“

„Wichtig wird sein, dass die Schlüsselspieler ihre Rollen finden und sich die Rochaden im Zentrum besser einspielen.“

Ich verfolge die Entwicklung von Dzsenifer Marozsán seit ihrer Zeit als junges Mädchen. Mal aus großer Nähe, mal aus großer Entfernung. Die gleichaltrigen Jungs hat sie schon sehr früh ‚auf dem Kanaldeckel dreimal nass gemacht‘, wie man in vergangenen Zeiten so schön sagte. Aber besonders auffällig war, dass man schon in jungen Jahren so etwas wie Spielintelligenz bei ihr beobachten konnte; jedenfalls in Relation zu ihren Mitspielern und Mitspielerinnen. Hinsichtlich ihrer Trainer war sie damals in sehr guten Händen und die Eltern haben das ihrige dazu getan (was wenig wundert).

Es war klar, dass sie einmal eine außergewöhnliche Fußballerin werden würde, wenn sie nicht durch widrige Umstände zurückgeworfen oder an sich selbst scheitern würde. Während der gesamten Zeit habe ich mich gefragt, was denn einmal die ideale Position und Rolle im Spiel für sie werden könnte. Möglicherweise hat sie diese nun bei OL gefunden. Fußballerin des Jahres zu werden im ersten Jahr in einer anderen Liga im Ausland – das passiert nicht allzu oft. Nicht auszuschließen, dass sie auch einmal ‚Weltfußballerin‘ wird.

Mich würde Deine Einschätzung sehr interessieren, wie Du die ideale Rolle und Position im Spiel für Dzsenifer definieren würdest; gerade auch vor dem Hintergrund der eingangs zitierten Anmerkungen von Dir.

Eine kleine Bemerkung noch, auch wenn sie beckmesserisch klingen mag und es sich wahrscheinlich einfach um einen Buchstabendreher handeln dürfte. Der Nachname Dzsenifers schreibt sich mit ‚zs‘ und nicht mit ’sz‘. Ist im Ungarischen schon ein großer Unterschied hinsichtlich Aussprache und Bedeutung.

Jetzt schaun mer mal, wie sich die Mädels gegen die Italienerinnen so machen werden… 🙂

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MR 24. Juli 2017 um 04:54

Ich denke, dass sie eine der technisch spektakulärsten Fußballerinnen der Welt ist, ich fand ihr taktisches Verhalten aber schon immer sehr merkwürdig und speziell. Als ich sie das erste Mal gesehen hab (war glaube so mit 20?) hab ich mal scherzhaft gesagt „sie vereint die Schwächen von Bergkamp und Ibrahimovic“, weil sie ähnlich unpräsent war wie Bergkamp und ähnlich träge und selbstfokussiert am Ball wie Ibra in manchen Phasen seiner Karriere. Im Grunde hat sie sich damals bei jeder Aktion erst mal in die Gegenspielerin reingedreht und versucht individuell durchzubrechen, ganz ganz seltsam. (Dass ich die beiden Namen gewählt hab, beinhaltet aber natürlich auch eine gewisse Wertschätzung.)

Ich denke durch ihre gute Athletik und herausragende Technik kann sie diese Spielmacher-Achterrolle in einer sehr gut strukturierten Mannschaft ganz gut ausführen, aber ich denk nicht, dass sie das Niveau von Nadine Keßler erreicht. Ich glaube, überragend kann sie nur in einer sehr offensiven Rolle sein, wo sie sich in schwierigen, hohen Zonen bewegt und für den Überraschungseffekt sorgt. Also Mittelstürmer oder sehr hohe zweite Spitze, vielleicht einrückende Flügelstürmerin. Am besten mit einer Mittelstürmerin, die sich sehr gut bewegt und sich verstärkt auf den Abschluss konzentriert.

Beim aktuellen DFB-Kader wäre da etwa ein 3-5-2 möglich mit Däbritz und Magull als Achtern und Doppelspitze Marozsan-Islacker oder ein 4-1-2-1-2 mit Mittag-Marozsan vor einer torgefährlichen Zehn.

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Schorsch 27. Juli 2017 um 14:35

Danke für die Einschätzung, die ich leider (warum auch immer) bislang übersehen habe 🙁 . Je mehr ich darüber nachdenke, gerade auch nach dem Spiel gegen Russland, umso mehr komme ich für mich zu dem Schluss, dass eine Position als hängende Spitze doch wohl das geeignetste für Dzsenifer wäre. Über die Jahre war ich eigentlich zu der Meinung gelangt, dass eine tiefere Position (’10er/8er-Mix‘) das Ideal wre für sie, so wie es auch @HW beschreibt und ich es in anderen posts unterstütze. Wirklich sicher war ich mir allerdings nie und bin es auch jetzt noch nicht. Wahrscheinlich ist es so, wie Du es ausführst. In der letzten Phase des Spiels gegen Russland hat Dzsenifer endlich etwas von ihrer Gefährlichkeit aufblitzen lassen, was Deine Einschätzung zumindest näherungsweise bestätigt.

Was das Niveau einer Nadine Keßler anbelangt, so sehe ich es ebenfalls so wie Du. Sie war eine Spielerin, die sowohl strategisch, als auch taktisch so stark war wie kaum eine zweite. Ich vermisse sie sehr im Team der Nationalelf. Schade, aber was nicht mehr ist, ist halt nicht mehr.

Was hälst Du eigentlich von Lena Goeßling als Innenverteidigerin? Bei einem Gegner wie Russland fand ich die Idee nicht die schlechteste. Wenn es gegen Frankreich und Co geht, dann habe ich da so meine Bedenken. Da würde ich sie mir im defensiven Mittelfeld wünschen. Ich habe den Eindruck, dass sie wieder Tritt gefasst hat.

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mrb 29. Juli 2017 um 00:13

Derzeit macht sie zuviel und hat zu viele Rollen inne: von 6 bis 8, 10 einrückende Außenspielerin. Dem entgegen zu steuern ist ihre Aufgabe und die Aufgabe der Trainerin.
Dzsenifer Marozsan hat ne Bombentechnik, ist abschlussstark und kann verdammt lässig mit einzelnen Bewegungen Gegnerinnen aus dem Spiel nehmen. Daher ist es meine Meinung ebenfalls, dass sie der größte Gewinn ist, wenn sie sich frei hinter der Spitze (oder den Spitzen bewegt) und sich nicht weiträumig tief fallen lässt.
Die deutsche Elf versucht es so oft mit Steilpässen ins offensive Mittelfeld, wo dann aber eine Mitspielerin fehlt um aus der ersten Ablage was zu kreieren. Das könnte doch ihre Paraderolle sein: Aus jenen bislang viel zu oft erfolglosen Bemühungen was Torgefährliches zu machen.

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HW 24. Juli 2017 um 09:33

Ich frage mich ob Marozsans Talent in jungen Jahren nicht vielleicht sogar ein Hindernis war um sich auf einer Position fest zu etablieren. Sie hat in frühen Profijahren (zuletzt habe ich sie nicht genau beobachtet) vom defensive Mittelfeld bis zur Stürmerin alles gespielt. Vielleicht hätte man sie einfach nur auf die 10 stellen sollen. Natürlich hat die Flexibilität auch enorme Vorteile und eine zu starker Fokus auf eine Position engt die Entwicklung ein oder macht einen Spieler ausrechenbar. Nur ist es eben auch schwierig wenn man einen Spieler hat der alles ganz gut kann und dann im Zweifel auch alles machen will. Wenn sie sich fallen lässt, fehlt sie natürlich vorne hinter den Spitzen. Da fehlt es mMn manchmal an der Konsequenz. Das liegt nicht alleine an der Spielerin sondern eben auch daran wie sie über Jahre eingesetzt wurde.
Wenn da noch ein „10er“ auf dem Feld stehen würde wäre das was anderes. Wenn Rochaden aber dazu führen, dass Spieler dauerhaft von ihrer besten Position weg sind, dann muss man das etwas weniger machen.

Zur Marozsan und ihrer Idealposition. Das sollte sowas wie die 10 oder die 8 sein. Allerdings war ich etwas überrascht als sie vor ein paar Jahren Ronaldo als ihr Vorbild angab. Was den Trainingseifer betrifft, mag das gut sein. Aber Ronaldo ist ein Abschlussspieler und kein Spielmacher. Ich hätte von einer Mittelfeldspieler in erwartet dort jemanden mit mehr Übersicht und anderen Aufgaben genannt zu bekommen. Ob sie daher die typische Spielgestalterin ist.. ich sehe ihre Stärke dann doch eher im Abschluss und vielleicht noch in den Halbpositionen, weniger als alleinige Spielmacherin die nur auf Vorlagen aus ist. Aber ich habe sie zuletzt auch nicht beobachtet.

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tobit 24. Juli 2017 um 15:51

Die Beschreibung klingt ein bisschen nach Pogba. Sehr viel Talent und Ambitionen/Präsenz in allen Bereichen dadurch aber Schwierigkeiten in der Balance für sein/ihr Team. Vielleicht fehlt den beiden durch ihr besonderes Talent auch dieser „Balance-Instinkt“, wie ihn z.B. Schmelzer oder Britton entwickelt haben.

Wie wurde Marozsan denn im zweiten Gruppenspiel eingebunden? Habe nur beim kicker gesehen, dass es nominell eine Raute mit ihr auf der Zehn gab, konnte das Spiel aber nicht sehen.

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HW 25. Juli 2017 um 21:10

Kein Plan ob Pogba ein passender Vergleich ist. Man könnte auch Ballack nennen. Aber am Ende hat jeder Spieler seine eigene Entwicklung.

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Schorsch 24. Juli 2017 um 18:40

Zunächst einmal Danke für die Einschätzung, wobei ich den Gedanken hinsichtlich des Talents als Hindernis in jungen Jahren sehr interessant finde. Allerdings ist es (oder war es) im Frauenfußball gerade im Nachwuchsbereich durchaus üblich, dass besonders talentierte Spielerinnen auf verschiedenen Positionen eingesetzt werden. Die Leistungsunterschiede sind (oder waren) in den Kadern doch recht hoch, sodass die beste Spielerin häufig auf derjenigen Position spielen muss(te), wo gerade der größte Bedarf war. Ich glaube aber eher nicht, dass es Dzsenifers Entwicklung in frühen Jahren
abträglich war, im Gegenteil. Sie wurde dabei hauptsächlich auf zentralen Positionen eingesetzt (9 / hängende Spitze, 10, 8, 6). Ich bin davon überzeugt, dass es hinsichtlich Taktik und Spielverständnis eher nutzt, wenn ein Spieler Erfahrungen auf verschiedenen Positionen sammeln kann. Entscheidend ist, dass sich die ‚Idealposition‘ eines Spielers rechtzeitig herauskristallisiert. Und das der/die jeweiligen Trainer dann auch die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt treffen. Dzsenifer war bei der U 17 – EM noch Torschützenkönigin, und nicht wenige haben damals ihre Zukunft eher als hängende Spitze gesehen. Was ihre Fähigkeiten, ihre Mitspielerinnen einsetzen zu können, allerdings ein wenig zu kurz kommen ließe. Bei OL ist sie bislang auch als hängende Spitze eingesetzt worden, meistens aber aber auf der 10/8, so wie Du es auch als ‚Idealposition‘ siehst. Für das Toreschießen sind bei OL andere zuständig (Le Sommer, Hegerberg) und der Spielaufbau hat eine besondere Qualität (Renard, Kumagay, Abily). OL hat eine überragende individuelle Qualität im Kader und kann auch von daher taktisch flexibel reagieren, ist taktisch/formativ aber etwas übertrieben ausgedrückt doch eher ’starr‘. Die Rollen sind recht klar definiert, und genau dies fehlt mir momentan ein wenig beim deutschen Nationalteam. Vielleicht sollte Steffi Jones (oder ihr ‚Co‘) hier etwas mehr an einer feste Struktur arbeiten und Dzsenifer keine ‚carte blanche‘ ausstellen. Sonst sieht sie sich immer wieder ‚genötigt‘, auf ganz andere Positionen aufzutauchen. Möglicherweise sind es doch zu viele Änderungen und die Hereinnahme von Lena Gößling könnte hier eine klarere/fixere Struktur bringen, wenn sie hinter Dzsenifer spielt.

Das mit Ronaldo als ‚Vorbild‘ würde ich nicht auf die Goldwaage legen. Hier scheint sich etwas verselbstständigt zu haben, was zu Fehlschlüssen führen kann. Dzsenifers Vorbild war immer
Nadine Keßler (die auch beim FCS anfing), aber nicht unbedingt auf ihre Spielweise und Position/Rolle im Mittelfeld bezogen. Und so verhält es sich auch mit C. Ronaldo. Sie findet seine Spielweise bemerkenswert, aber nicht in dem Sinne, dass sie sich in einer ähnlichen Rolle sehen würde und dem nacheifern würde. Mit Ausnahme seiner Schusstechnik, die für Dzsenifer tatsächlich Vorbildcharakter hat.

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HW 25. Juli 2017 um 21:03

Es ist doch gerade seltsam, wenn die talentierteste Spielerin als Lückenbüßerin eingesetzt wird/wurde (überspitzt ausgedrückt) und sich den anderen Spielern anpassen muss. Es sollte doch die Entwicklung dieses besonderen Talents im Mittelpunkt stehen. Aber ich kann das nicht pauschalisieren und will auch keinem Trainer etwas unterstellen.

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Schorsch 26. Juli 2017 um 21:51

Man muss die fußballerische ‚Sozialisation‘ Dzsenifers sowie die entsprechende fußballerische ‚Infrastruktur‘ in ihren jungen Jahren kennen; das relativiert vieles. Als Kind hat sie mit ihrem Bruder und dessen Freunden (also ausschließlich mit Jungs) auf den Bolzplätzen in Saarbrücken-Burbach Fußball gespielt; ihr erster Verein war die DJK Burbach. Die Ehrenamtlichen leisten dort im Rahmen ihrer sehr eingeschränkten Möglichkeiten ausgezeichnete Arbeit. Was halt in Kreisligavereinen so geht – oder eben nicht geht. Da spielen dann eben völlig unterschiedlich talentierte Spieler zusammen; Mädels und Jungs in einem Team (wovon die Mädels profitieren). Immerhin hat man Dzsenifers Talent erkannt und gefördert und ihr den Weg in die weibliche Jugend des FCS geebnet. Dort war man natürlich wesentlich professioneller und hat eine hervorragende Nachwuchsarbeit geleistet; mehrere Nationalspielerinnen gingen daraus hervor, und nicht die schlechtesten. Aber obwohl Zweitligist (mit einigen ‚Abstechern‘ in die Bundesliga), so war und ist man dort weit von den Rahmenbedingungen etablierter Bundesligisten weit entfernt. Unter diesen Umständen ist die Arbeit der damaligen Verantwortlichen nicht hoch genug zu bewerten. Ihren ersten Bundesligaeinsatz hatte sie mit knapp 15. Wie man dann beim FFC, dem damaligen Topclub neben Turbine Potsdam, die Entwicklung Dszenifers weiter betrieb, ist vielleicht eine andere Sache.

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HW 25. Juli 2017 um 21:08

Was die Rolle bei OL betrifft. Es könnte sein, dass sich in der Spitze des Vereins Fußballs bei den Frauen gerade echte Superclubs heraus bilden. Sportlich war Lyon immer stark. Auch Frankfurt früher oder Wolfsburg zuletzt. Aber jetzt scheint es einigen Vereinen finanziell zu gelingen Super-Kader aufzubauen und damit auch jede Position spezialisiert und extrem gut zu besetzen.
Die Branche ist eigentlich gerade sehr Interessant. Mal sehen wie die Club Landschaft in ein paar Jahren aussieht.

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Schorsch 26. Juli 2017 um 22:48

Man kann die aktuelle und zukünftige internationale bzw. europäische Entwicklung in der Clublandschaft eigentlich mit der entsprechenden bisherigen Entwicklung in Deutschland vergleichen. Zu Beginn des organisierten Frauenfußballs in Deutschland war dieser eine Domäne kleiner Provinzvereine. Das Interesse etablierter Clubs an Frauenfußball war schlichtweg nicht vorhanden, das Image überdies in einer Männerdomäne wenig positiv. Dabei hat man in Bonn, Bergisch-Gladbach, Siegen, Brauweiler, Bad Neuenahr oder anderswo hervorragende Arbeit geleistet, verbunden mit einer stetigen Qualitätsverbesserung. Wer kennt diese Vereine heute noch? Einige dieser Clubs existieren heute gar nicht mehr. Abgelöst wurden sie durch Clubs wie den FFC (wo ähnlich wie bei OL die Vision einer zentralen Person der ‚Treiber‘ war/ist) oder Turbine, wo durchaus ähnliches gilt (wenn auch in anderen Zusammenhängen). Beide Clubs sind allerdings mittlerweile abgelöst worden vom VfL Wolfsburg und Bayern. Denn mittlerweile haben die etablierten Clubs den Frauenfußball entdeckt; das Image hat sich gewandelt. Gegen die finanziellen Möglichkeiten dieser Clubs können andere mit noch so guter Nachwuchsarbeit auf Dauer nichts entgegensetzen. International jedoch werden auch diese Clubs nun von den ‚Großkopfeten‘ in den Schatten gestellt. PSG hat mittlerweile ein höheres Budget als OL, und der eine oder andere PL-Club steigt mittlerweile auch ganz groß ein (z.B. Chelsea). Diese Clubs werden dann sicherlich über große spielerische Klasse verfügen, weil sie finanziell einfach allen anderen überlegen sind. Allerdings wird dies zu einer Entwicklung wie im Männerbereich führen. Immer die gleichen ‚Großkopfeten‘ werden die Titel unter sich ausmachen. Und genau das fände ich sehr bedauerlich. Aber die ‚Gesetze des Marktes‘ sind wohl so.

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HW 25. Juli 2017 um 21:24

Ich will einne Punkt noch einmal ausführen. Es ist sicher gut wenn eine Spieler mehrere Positionen kennenlernt. Aber es geht dabei nicht um die Freiheit alles gleichzeitig machen zu dürfen. Das durfte nur Cruijff.

Wenn man aber auf einer Position spielt, dann braucht gerade ein junger Spieler auch Rahmenbedingungen oder taktische Orientierungspunkte. Das hilft sich zu konzentrieren und damit auch sich zu entwickeln. Mit der Zeit bekommt der Spieler selbst die Erfahrung wann er/sie welche Rolle ausfüllen sollte. Aber am Anfang können Grenzen vom Trainer helfen effektiv zu sein und die Entwicklung zu lenken.

Ich hatte früher teilweise das Gefühl Marozsan hatte keine Bindung zum Spiel oder Probleme die richtige Entscheidung zu treffen. Das war in jungen Jahren sicher auch normal und lag nicht an ihr (oder an ihr alleine). Aber Positionswechseln helfen da nicht wirklich. Taktisch mag es damals Gründe gegeben haben sie so einzusetzen. Vielleicht auch aus personellen Not heraus. Wenn man aber einen 8er oder sonst einen Spieler entwickeln will, dann muss man ihn/sie auch regelmäßig dort einsetzen und Lücken eben anders füllen oder schwache Spiele Mal in Kauf nehmen.

Was diese EM betrifft, würde ich die übermäßige Variabilität nicht ursächlich bei Marozsan sehen.

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Schorsch 26. Juli 2017 um 19:58

Dzsenifer braucht mMn ein ‚Korsett‘; sie ist keine Spielerin, die ihrer Mannschaft ein Korsett geben kann. Da wäre meiner Einschätzung nach Sara Däbritz die geeignetere Spielerin. Grundsätzlich halte ich beide im ‚Duett‘, richtig eingesetzt und eingebunden, für eine echte ‚Waffe‘. Das deutsche Trainerteam sollte sich mMn, wie bereits erwähnt, die ‚carte blanche‘ für Dzsenifer noch einmal gründlich überlegen.

Den von Dir angesprochenen konsequenten Einsatz auf einer bestimmten Position zur Erreichung einer bestmöglichen Entwicklung hätte man mEn bei ihrem Wechsel nach Frankfurt durchziehen müssen. Dito in der Nationalelf.

PS Pelé durfte dies auch. Er war allerdings klug genug, sich diese Freiheit nicht zu nehmen… 😉

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Uncle Jack 20. Juli 2017 um 21:01

Vielen Dank für diese Betrachtung/Analsyse: Erste Spielverlagerung.de-Frauenfußballspielanalyse in fast zwei Jahren. Wird geschätzt!

Da ich das Spiel leider nicht sehen konnte, eine Frage: Im vierten Absatz heist es, “die [deutschen] Flügelstürmer standen etwas breiter als gewohnt.“ Sind damit jetzt Simon und Blässe oder aber Maroszan und Däbritz bzw. Magull gemeint?

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MR 21. Juli 2017 um 00:59

Däbritz und Maroszan/Magull im Pressing.

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Uncle Jack 21. Juli 2017 um 18:14

Danke!

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Musiclover 20. Juli 2017 um 12:11

Sorry, keine inhaltliche Anmerkung, dafür aber eine gestalterische: gelb auf weißem Grund ist eine schlechte Kombination.

P.S.: ansonsten eine sehr gute Analyse. 🙂

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