Wenig Wahn, viel Sinn

5:3

Ein 5:3 hört sich nach Scheibenschießen an, aber dieses Ergebnis täuscht. Beide Mannschaften waren zwar in einzelnen Bereichen leicht instabil, aber ein solches Torspektakel ergab sich nicht mit der sprichwörtlichen Ansage. Vor allem wurde in dieser Partie einfach guter und ansehnlicher Fußball gespielt. Vielschichtig und facettenreich war die Begegnung auch noch.

Man kann darüber streiten, ob der Tor-Wahnsinn dieser Partie ihr eigentlich gerecht wird. Gerade wenn man dies verneinte, wirkt die Begegnung schnell als komisches Spiel, zumal die Tore eigentlich mehrheitlich gegen den Spielverlauf fielen und insbesondere in der ersten Halbzeit fast vollständig aus Standardsituationen entsprangen. Die wiederum sind zwar in ihrer Entstehung grundsätzlich ein Produkt des Geschehens auf dem Feld, in ihrer Wirkung aber auch ein Stück weit davon abgekoppelt. Überhaupt gab es quantitativ gar nicht so viele Torchancen, wie man auch statistisch bei 11-8 Abschlüssen „from open play“ sieht.

hoffenheim-gladbach-2017Dass das spektakuläre Endresultat von 5:3 aber doch nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, hängt mit den grundsätzlich recht ausgeglichenen Kräfteverhältnissen zwischen zwei sehr konstruktiv ausgerichteten, dabei aber tatsächlich nicht absolut stabilen Kontrahenten zusammen. Da beide von ihrem guten Niveau nahe beieinander lagen, wechselten die Über- und Unterzahlverhältnisse um den Ball und in den Anschlussräumen häufig. Zwei gute, von kleinen Absicherungsproblemen geplagte Pressingansätze trafen auf jeweils spielstarke, gruppentaktisch gute und am Ball vielseitige Mannschaften.

So ergab sich eine große Brandbreite von gelungenen Stafetten und frühen Ballgewinnen, die dann wiederum auch manchen gefährlichen Gegenkonter hervorbrachten. Es gab viel Hin und Her in dieser Begegnung, in der schwächere und instabile Momente durch die gute Spielanlage des Gegners sofort zumindest in Teilerfolge und Raumgewinn umgemünzt werden konnten.

Hoffenheims Zentrumsblock presst nach außen weg

Leicht vorne lagen bei den Feldanteilen die Gäste, auch schon zu Beginn, zumal nach dem schnellen Rückstand hatten sie Initiative. Es entwickelte sich ein Duell zwischen Hoffenheims erstem Pressingwall und Gladbachs Verbindungsgebern in Person der Doppel-Sechs, die zunächst einen schweren Stand hatte. Im Fünfeck, das die Gastgeber mit Stürmern und Mittelfeldtrio formierten, kamen Strobl und Dahoud nur schwer zur Geltung. Über verschiedene Herauskippbewegungen stemmten sie zwar gelegentlich mal kürzere Zirkulationsphasen. Wenn sie sich dafür aber aus dem gegnerischen Block herausfallen ließen, um mehr Einfluss auf das Geschehen zu gewinnen, ließ sich die Anbindung nach vorne schwerer erhalten.

Dort ergab sich bei den Gästen vom Niederrhein die Tendenz, die Angriffsreihe eher hoch aufzuziehen, möglicherweise verstärkt durch die Besetzung in dieser Kombination, mit der funktionalen Art Hofmanns und dem auf Tiefenläufe spekulierenden Hahn. So gestaltete sich auch die Rollenverteilung in der flexiblen Doppelspitze etwas klarer und sah für verschiedene Zurückfallbewegungen primär Stindl vor. Der Kapitän suchte die Räume hinter den offensiv besetzten gegnerischen Achtern bzw. häufig sogar hinter Rudy, die Hoffenheim nicht ganz so souverän abgesichert bekam. Schließlich zeigte sich das Pressing der Hausherren trotz seiner starken Intensität, der guten Zentrumskompaktheit in den ersten Linien und verschiedener Variationen in der Anfangsphase nicht ganz sauber.

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Ausgangslage bei Hoffenheimer Pressing mit dem Fünferblock gegen die Doppel-Sechs. Ebenfalls eingezeichnet: Eröffnung nach außen, pendelnde Viererkette, Möglichkeiten zum Verschieben auf Elvedi und die Rollen von Stindl und Hahn.

Das galt speziell in der Anbindung nach hinten. Besonders über Nachrückbewegungen von Kramaric versuchten die Hoffenheimer etwa, flexible 5-2-3-Anordnungen einzustreuen. Dafür stopfte Szalai arbeitsam enorm viele Lücken unorthodox über Rückwärtsaktionen. Andererseits agierten sie von den Achter-Positionen aus sehr offensiv. Hatte der vordere Mittelblock die Gladbacher Aufbaubemühungen auf deren Außenverteidiger geleitet, fand das folgende Nachschieben zur Seite anpassungsfähig nach Situation statt – abhängig auch von etwaigem Herauskippen: Elvedi und Wendt wurden mal vom ballnahen Achter, mal vom aggressiver herausschiebenden Flügelläufer attackiert.

Absicherung um die Mittelfeldzonen

In diesem letzteren Fall arbeiteten die Gastgeber mit einer sauber umgesetzten pendelnden Viererkette, in der der jeweilige Halbverteidiger durchsicherte und sich dabei lose an den Gladbacher Außenbahnspieler heftete. Nicht ganz so choreographiert war das Verhalten aber phasenweise innerhalb des Hoffenheimer Mittelfelds bzw. um dieses herum: Bei höheren Positionierungen von Kramaric gegen einen nach außen geschobenen defensiven Mittelfeldmann der Borussia rückte Demirbay aus den ballfernen Zonen teilweise zu aggressiv auf den Sechserraum oder gegen den Mann nach. Über Verlagerungen konnte sich Gladbach daher Luft verschaffen, zumal Hoffenheim dagegen nicht zu riskant aus der Abwehrreihe herausrücken wollte.

Auf der linken Seite drückte Dahoud mit geschickten Bewegungen wiederum gegen Demirbay einige Male bei Rückpässen Raum für Strobl frei. Umgekehrt hatten sich die Gladbacher Sechser jedoch in solchen Momenten noch mit dem Zurückfallen der Stürmer zu befassen, von denen Szalai aus seiner versetzten Position bei diagonalem Zurückziehen in Richtung von Kramaric leiten konnte. Vielversprechender für Raumgewinn im zweiten Drittel erschien daher auf Seite der Borussia die direkte Einbindung der Offensivspieler. Die Absicherung riskanter Mittelfeldbewegungen erfolgte bei Hoffenheim recht großräumig über die Halbverteidiger. Diese rückten teilweise auch mannorientiert weit gegen Traoré und Hofmann – oder mal Stindl – heraus.

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Ein gruppenstrategisch etwas zu undefiniertes situatives Verhalten und die Mannorientierung Demirbays gegen Dahoud verhindern hier, dass Hoffenheim aus der eigentlich guten nominellen Überzahlstaffelung gegen Strobl Effekt erzeugen kann. Szalais Zuschieben gelingt nicht rechtzeitig, Strobl kann auf Christensen öffnen, der viel Platz im Halbraum vor sich hat.

Gladbacher Ansätze

Dagegen wählten die Gladbacher einen interessanten Mechanismus: Über enorm weiträumig horizontale und konstante Pendelbewegungen Hahns in der Horizontalen gelang es ihnen einige Male, Süle und Hübner zu binden, so dass die eigenen Flügelspieler kurzzeitig für leichtes Zurückfallen befreit wurden. Dies vermochten sie jedoch nicht konstant aufrecht zu erhalten. Insgesamt fand Gladbach also seine Möglichkeiten und deutete hier Potential an. Nur bereitete die Nutzung dessen Schwierigkeiten, zumal Hoffenheim sich schnell und geschickt wieder zurückzog, über einzelne Rückwärtspressingaktionen und flache 5-3-Staffelungen. Aus den geöffneten Halbräumen heraus tendierten die Gladbacher aus dem zweiten Drittel mitunter zu stark zu vertikalen Angriffsmustern.

Die vorderen Kräfte um den Ballführenden orientierten sich vor allem auf Sprints in die Spitze. Auf den Flügeln gab es verschiedene Doppelpassversuche, häufig mit Unterstützung Stindls, aber auch sehr attackierend aufgezogen. Insgesamt lief Hoffenheim in Endeffekt daher im ersten Teil der ersten Halbzeit nur selten wirklich Gefahr vor dem eigenen Tor, ganz zufriedenstellend griff ihr Pressing aber eben auch nicht. Daher schien Julian Nagelsmann etwa um die 20. Minute herum die Bewegungen von Demirbay – in Relation zu den Angreifern – anzupassen. In der Folge nahm aber nicht nur der Fokus auf Stabilität und Sicherheit oder auf Vereinfachung in den Abläufen zu.

Feinjustierungen um die Achter

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Kurz nach dem 2:0 eine der interessantesten Pressingszenen Hoffenheims, mit starkem Nachschieben Kramaric´ und Rudys auf Elvedi. Durch den ballnahen Zugriff lässt sich auch der riskante Bruch zur Abwehrreihe auffangen. Aus der letzten Linie schob Hübner improvisiert heraus, lose in Richtung Stindl.

Zwar verhielt sich Hoffenheim in manchen Szenen vorsichtiger, in anderen agierten die Pressingspieler aber auch verschobener zwischen den Positionen und teilweise aggressiver. Es handelte sich jeweils um kleinere, graduelle Auswirkungen, die teils möglicherweise schon zuvor – auch intuitiv – einsetzten und dann wiederum in geringem Maße auf weitere Spieler und Wechselwirkungen abstrahlten. Zunächst einmal hielt sich Demirbay etwas tiefer und breiter, rückte aber gegen Verlagerungen großflächig in die erste Linie nach. Dafür agierte Szalai tiefer und ließ sich häufiger auf Strobl fallen. Teilweise konnte die verschobene erste Linie das Spiel stärker auf Elvedi leiten, diesen über Rückwärtspressing Kramaric´ und weiteres Nachschieben Rudy präsent bedrängen.

Bis dahin hatten sich die Mannen aus Sinsheim oft gut gestaffelt, aber nicht ganz so druckvoll den Zugriff gesucht und waren daher in schwächeren, strategisch etwas halbgaren Momenten doch überspielt worden. Nun wirkten sie in der mannschaftlichen Entscheidungsfindung geschärfter zwischen aggressivem Pressingübergang oder zurückhaltender, aber dann auch konsequenter Passivität. Gegen die linke Gladbacher Seite hielt sich Demirbay fokussierter zwischen ballnahem Stürmer und herausgerücktem Defensivspieler schräg vor dem Mittelfeld. Daher stand der Gastgeber solider, kam Gladbach bis zur Pause eigentlich nicht mehr ganz so kontrolliert ins Spiel, erzielte aber dennoch den zwischenzeitlichen Ausgleich – per Standard und nach einem Pressingballgewinn.

Frühes 4-2-1-3-Pressing der „Fohlen“

Am ehesten als „Wahnsinn“ oder als annähernd illustrativ für den Torreichtum der Begegnung kann noch der Pressingansatz gelten, mit dem die Gladbacher in die Partie starteten und der sich zwiespältig auswirken sollte. Von einer recht mannorientierten Grundlage aus versuchte Dieter Heckings Team sehr früh das Aufbauspiel der Kraichgauer zu stören, teilweise noch höher und aggressiver als umgekehrt. Während sich abwechselnd einer der beiden Stürmer sehr sauber zurückzog und Rudy aufnahm, rückten die nominellen Flügel nach vorne in eine engere Position, um auf die Hoffenheimer Halbverteidiger zu pressen – eine sehr klare 4-2-1-3-Struktur. Dahinter ließen sich entsprechende mannorientierte Zuordnungen logisch fortsetzen.

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Gladbachs 4-2-1-3-Pressingstruktur mit nachrückenden Außenverteidigern gegen die Hoffenheimer Aufbauraute. Die farbigen Pfeile zeigen verschiedene Bewegungsmechanismen der Hausherren, um sich gegen die Mannorientierungen in den Raum freizulaufen. Wichtig gegen das Pressing waren auch Ablagen der Stürmer auf die Achter nach Direktpässen.

Für die befreienden Bälle nach außen auf die Flügelläufer, die sich in dieser Konstellation häufig aufdrängen würden, setzten die Gäste auf das weite Herausrücken des ballnahen Außenverteidigers, der auf Toljan bzw. Zuber mit Rücken zum Tor Druck ausüben sollte. So häufig allerdings kam es gar nicht zu dieser Situation, da die Gladbacher zumeist von außen diagonal nach innen pressten und die Hoffenheimer engagiert versuchten, sich über andere Wege zu lösen – insgesamt recht erfolgreich, wenngleich mit mancher Instabilität. In den tieferen Zonen versuchten sie über die konsequente Einbindung von Oliver Baumann Ruhe in die Zirkulation zu bringen. Für den Übergang nach vorne zeigten sie verschiedene raumöffnende Bewegungen und Abläufe, die zu den Höhepunkten einer insgesamt guten Partie zählten.

Aufbau-Highlights mit kleinem „Risiko“

So ließen sich die Halbverteidiger immer mal wieder kurz noch tiefer fallen, um damit speziell für den Keeper die Schnittstellen in der ersten Gladbacher Linie über dem Halbraum zu öffnen. Zudem sollte Vogt diese bespielen, nachdem er sich aus seiner zunächst etwas höheren Position in der Aufbauraute mit Baumann wieder für kurze Ablagen der Halbverteidiger zurückbewegte. In den geöffneten Räumen lief sich idealerweise Rudy mit längeren horizontalen Bewegungen frei, um das Leder in einer flüssigen Bewegung mitnehmen. Seiner bisher herausragenden Saison entsprechend startete er dabei längere Dribblings durch offene Zonen zwischen mehreren Gegnern hindurch für wertvolle Anbindung nach vorne.

Je nach Situation reagierten die Achter darauf ebenfalls freilaufend oder gingen aggressiv in die Offensivbewegung über, um direkte Schnellangriffe fahren zu können. Gerade Demirbay band sich darüber hinaus selbst für die Übergänge aus den Aufbauzonen ein: Mal lief er sich nach außen – wenn Toljan durch tiefe Positionierung Wendt zu locken versuchte – und mal nach innen – bei kreuzendem Ausweichen des nahen Sturmkollegen – frei, um dann mit seinem starken linken Fuß schnell weiter zu verlagern. Durch gezielte und mutige Bewegungen in den Raum hinein konnte sich Hoffenheim den jeweiligen Deckungen der Borussia entziehen und deren hohes Pressing ein ums andere Mal mit sehenswerten Spielzügen dynamisch aushebeln. Wichtig für dieses Vorgehen waren zudem Ablagen der Stürmer nach Direktpässen auf die nachrückenden Achter in den Raum.

Mit Blick auf das 2:2, nach dem – mit der Hand – abgefangenen Passversuch Baumanns, mag man vielleicht sagen, die Spielweise der Hoffenheimer sei von einem gewissen Risiko begleitet gewesen. Nur war das eine der seltenen, hier auch unglücklichen und regelwidrigen, Ausnahmen zwischen vielen gelungenen spielerischen Lösungen. Statt einer zu allgemein aufgezogenen Risikodiskussion lohnt bei diesem Beispiel vielmehr der Blick auf die Gladbacher, deren wichtigste Stärke bei der Umsetzung ihrer Spielweise hier aufschien: Das Aufrückverhalten aus dem 4-2-1-3 gegen Rückpässe zeigte sich mehrmals sehr stark. Die Gäste stimmten sich untereinander gut und beim kleinräumigen Nachschieben balanciert ab. Sie nutzten die Dynamik ihrer Bewegungen für deren Fortsetzung und wandten Deckungsschatten sinnvoll an.

Lange Bälle, Gegenkonter und Rückzirkulation

Daneben spielten schließlich auch längere Bälle aus dem Aufbau heraus eine nicht unwichtige Rolle für die Gastgeber, wenn man sich gerade nicht anders aus dem frühen Attackieren der Gladbacher herauszuwinden vermochte. Tendenziell schien Baumann diese nach halblinks zu spielen versuchen, da dort Kramaric als eigentlicher Angreifer gut zu den beiden physisch starken Stürmern aufrücken und Präsenz herstellen konnte. Neben einigen gewonnenen zweiten Bällen entstanden hieraus in der Folge auch manche offenere Momente, wenn sich ein Team nach der schnellen Raumüberbrückung abermals aus den kompakten Staffelungen lösen konnte. Daher durchzogen auch immer mal Gegenkonter die Begegnung.

Darüber hinaus provozierten die Hoffenheimer auf diesem Wege viele Freistöße, aus denen sie das Spiel neu eröffnen konnten. Problematisch für die Gäste war hier, dass sie nach der Rückzugsbewegung und gegnerischem Ballbesitz im zweiten Drittel oft nicht mehr richtig aus der Defensivformation herauskamen. Aufgereiht in einem tiefen 4-4-1-1 hielt sich die Mittelfeldreihe etwa auf Höhe der Hoffenheimer Flügelläufer, von wo es den Außenspielern schwerfiel, gemeinschaftlich getimt wieder so herauszurücken, dass die Halbverteidiger unter Druck gesetzt werden konnten. Speziell nach Unterbrechungen oder über die Rückzirkulation nach Schnellangriffen kam die Heimmannschaft zu ihren längeren Ballbesitzpassagen.

Präsenzfragen über die Defensivformation

In diesen Situationen genossen die drei hinteren Verteidiger aufgrund der tiefen Ausgangsstaffelung bei Gladbach zunächst manche Aufbaufreiheit. Das nutzten sie für einige aggressive Seitenverlagerungen, aber auch zum Andribbeln. Nicht nur die gegnerische, auch die eigene Formation bot ihnen Raum vor sich, da die Achter früh in die hohen Zonen für das Zusammenspiel mit den Stürmern aufrückten. Die genauen Staffelungen um den Zehnerraum waren aber etwas unsauber und nicht optimal verteilt. Kam Gladbachs Pressing wieder in Gang, hatten die Hausherren zwar gute diagonale Passmuster über Halbverteidiger, nach außen zum Flügelläufer und wieder nach innen zum Achter, ohne aber die Spielzüge in Strafraumnähe weiter durchzubringen.

Etwas problematischer wurde es für Gladbach diesbezüglich in Halbzeit zwei, als sie tiefer pressten im 4-4-1-1/4-2-3-1 und Hoffenheim entsprechend längere, höhere Ballbesitzphasen erhielt. Bei den Gästen überzeugten die Defensivbewegungen zum Flügel, wo die Außenspieler ihre Hintermänner bei weitem Aufrücken gut diagonal absicherten oder teilweise Elvedi und Wendt einrückten, um Pässe von außen zu versperren,  jeweils gut abgestimmt mit dem ballnahen Sechser. Aber jenes konsequente Herausrücken aus der Tiefe verpassten sie. Das wurde beim vierten Tor durch den eingewechselten Uth deutlich, als es – hier gerade in einer Fünferkette gestaffelt – nicht gelang, aus der flachen Anordnung den gegnerischen Rhythmus zu stören. Übrigens gab es auch bei Hoffenheim einzelne ähnliche Szenen, sie wirkten sich aber nicht so sehr aus, denn gerade zurückhängende Flügelspieler sind für ein 5-3-2 ein ganz anderes Thema als für ein 4-2-3-1.

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Gladbachs verändertes Pressing im Verlauf der ersten Halbzeit und teilweise auch im weiteren Verlauf. Bei Hoffenheim gab es in dieser Phase einige Anpassungen in den Positionierungen von Zuber (einrückend) und Kramaric (ausweichend oder für weite Bälle aufrückend).

Ein schleichender Linksfokus

Im Verlaufe der Begegnung entwickelte sich im Offensivspiel der Hoffenheimer ein stärker werdender Linksfokus. So suchte Kramaric häufiger auch die breiteren Zonen, um sich dort Bälle für Dribblings abzuholen. Zudem rochierte Demirbay weiter mit auf jene Seite herüber. Jedoch waren die angepassten Bewegungsmuster der Achter nicht nur Ursache, sondern auch Symptom – als Reaktion auf eine allgemeinere Entwicklung, die sich aus Veränderungen im Gladbacher Pressing und der Hoffenheimer Aufbaustruktur – miteinander zusammenhängend – ergab und das Spiel als Ganzes mehr in jene Richtung lenkte. Nicht ganz exakt aufzulösen ist die genaue chronologische Abfolge dieser Prozesse.

Bei Hoffenheim hatte es auf jener Seite schon zuvor gewisse Modifikationen gegeben, so eine teilweise engere Positionierung Zubers bei weitem Aufrücken von Kramaric für gezielte lange Bälle. Das sollte wohl die Formation als Ganzes kompakter um die Abpraller machen, das durch den vorrückenden Achter verlassene Mittelfeld stabilisieren und hatte teilweise sogar den Nebeneffekt, dass sich Strobl hinter dem mannorientierten Angriffspressing der vorderen Kollegen etwas weiter und unkompakter von der hinteren Linie in Richtung Zubers löste. Später wurde dessen engere Position auch mal mit einer breiteren Staffelung von Kramaric auf außen kombiniert.

Auch vonseiten der Gladbacher hatte sich schon über einen etwas längeren Zeitraum angedeutet, dass die Akteure am eigenen linken Flügel im Pressing höher und weiträumiger nachrückten. Das führte zunehmend zu asymmetrischen Pressingstaffelungen: Dabei bildeten eher Hahn, Stindl und Hofmann die erste Linie für das Anlaufen gegen Hoffenheims Dreierkette. Die Abdeckung Rudys dahinter wurde in diesem Szenario an den weit nachschiebenden Dahoud übertragen. Demgegenüber hielt sich Traoré etwas tiefer gegen Zuber und Wendt schob fast ebenso weit in Richtung Toljan vor, der zumal wegen der schiefen Anordnung der vorderen Gladbacher kaum mehr eingebunden wurde. Vielmehr leitete diese Systematik zahlreiche Szenen in der Fortsetzung auf die andere Bahn.

Ebenso schien bei den Gästen die linke Seite im Offensivspiel an Bedeutung zu gewinnen. Trotz einzelner breiterer, tieferer Positionierungen Szalais agierte Hoffenheim hier nicht ganz so intensiv und kohärent. Zwischenzeitlich fokussierte sich Gladbach stärker auf diesen Bereich. Über Wendt und Dahoud konnten sie einige Male außen am gegnerischen Block vorbei aufrücken. Das Spiel der Borussia blieb auch nach dem Seitenwechsel gefällig, erzeugte immer mal gruppentaktisch gelungene Raumöffnungen, etwa für Traoré zwischen Abwehr und Mittelfeld. Vorne zeigten Stindl und der jeweiligen Stürmer gute Kreuzbewegungen mit Ablagen, Ersterer war nahe genug an Dahoud eingebunden, bei ausweichenden Freilaufbewegungren neben die Formation boten die Flügelspieler konsequent Tiefensprints an. Nach dem abermaligen Anschlusstor blieb lange die Chance auf ein 4:4 gewahrt, letztlich setzte sich aber die TSG durch.

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