Hamburger Szene(n)

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Intensität stand beim Samstagabendspiel der Bundesliga im Vordergrund – schließlich traf Markus Gisdol auf Christian Streich. Wir werfen (buchstäblich!) einen Blick auf wichtige Aspekte des Spiels.

Die Grundformationen zu Beginn.

Die Grundformationen zu Beginn.

Die Gastgeber mussten eine Woche nach dem Auswärtssieg in Leipzig nicht nur auf den kurzfristig erkrankten Nicolai Müller verzichten, der mit seinen kreativen kombinativen Qualitäten eine wichtige Stütze beim Spiel im letzten Drittel ist. Auch Bobby Wood meldete sich unmittelbar vor dem Spiel verletzt ab. Dafür begann Aaron Hunt in der Sturmspitze, während Diekmeier auf den rechten Flügel rückte.

Der Rest des Teams blieb zunächst unverändert: Walace und Jung haben sich als Doppelsechs etabliert. Holtby spielt davor in weiträumig unterstützender und ausweichender Zehnerrolle. Ostrzolek und Kostic bilden das Flügelpärchen auf links. Das neue Innenverteidiger-Duo aus Mavraj und Papadopoulos wurde allerdings durch eine Verletzung des letzteren bereits in der 30. Minute gesprengt. Dafür kam Djourou in die Partie. Zur zweiten Halbzeit wurde dann noch Gregoritsch als klarerer Zielspieler eingewechselt, Hunt ging auf die rechte Seite, was das Hamburger Spiel noch mal deutlich rechtslastiger werden ließ. Am Ende lief fast die Hälfte aller Angriffe über diese Seite.

Bei den Gästen aus dem Breisgau gab es im Vergleich zum 2:1 gegen Köln zwei Wechsel: Abrashi rückte auf die Sechserposition neben Höfler. Frantz nahm auf der Bank Platz. Selbiges tat Niederlechner, für den Petersen von Beginn an auf dem Platz stehen durfte. Hinter ihm lief wie üblich das gefährliche und variable Trio aus Philipp, Haberer und Grifo auf.

Hamburgs variables (Halbraum-)Pressing

Während das eigene Ballbesitzspiel vor allem in der Spieleröffnung höchstens als zweckdienlich zu bezeichnen ist, bestechen die Hamburger seit nunmehr einiger Zeit durch einen interessanten Pressingansatz, den sie überaus aggressiv umsetzen. Vielfach wird eigentlich auch das Aufbauspiel nur als Vorbereitung für Umschaltsituationen gebraucht, indem lange Bälle in Spieleransammlungen geschlagen werden. Dort soll Chaos erzeugt werden. Das erreicht man auch aus dem geordneten Spiel gegen den Ball, wobei der Plan, aus dem dieses Chaos hervorgeht, doch klar konturiert ist.

Der HSV spielt gegen den Ball aus einem 4-2-3-1 heraus. Viele andere Teams wechseln ihre Grundformation hier zu einem 4-4-2, das bei den Hanseaten jedoch nur situativ entsteht. Vor allem Holtby trägt zu einer variablen Staffelungsfindung bei, indem er viel pendelt, sich ab und zu auch neben die defensiven Mittelfeldspieler fallen lässt und grundsätzlich Pässe vom Flügel in den Halbraum und ins Zentrum belauert.

Hier werden vonseiten der Hamburger immer wieder Mannorientierungen aufgenommen, die vor allem unmittelbar möglichen Anspielstationen gelten. Ansonsten rückt die Mannschaft von Markus Gisdol gerne aggressiv auf angespielte Gegner heraus und erzeugt dabei viel Dynamik, während gleichzeitig der Handlungsdruck hochgehalten wird.

Um in diese Situationen zu kommen, spielt auch das Verhalten von Außenverteidigern und äußeren Mittelfeldspielern in Realtion zueinander eine wichtige Rolle. Selten halten beide gleichzeitig die Breite. Vielmehr bleibt der Außenverteidiger gemeinsam mit dem Rest der Viererkette eng, wenn der äußere Mittelspieler bei einem Pass nach außen in die Breite schiebt.

In der nachfolgenden Szene schloss Kostic so die vorwärts gerichteten Passoptionen für Kübler. Sollte der Ball doch irgendwie am Flügel durchrutschen, kann er dies aber trotzdem gemeinsam mit Ostrzolek und Jung verteidigen. Einen Pass in den Halbraum kann wiederum das Dreieck aus Holtby, Jung und Kostic attackieren. Es blieb alleine aufgrund des Blickfelds nur noch der Rückpass, den wiederum Hunt und Holtby antizipieren können. Auch der äußere Mttelfeldspieler kann bei höherem Anlaufen durchschieben und auf den Innenverteidiger Druck machen.

HSV Pressing - Außen breit

Ebenso kann der äußere Mittelfeldspieler bei ähnlicher Ausgangsposition seinen Deckungsschatten über den gegnerischen Außenverteidiger legen. Durch Holtbys entsprechendes Verhalten war in der konkreten Situation nur ein schmaler Korridor vertikal zu bespielen. In diesen setzte sich Grifo ab, doch Ostrzolek und Jung sprinteten dazwischen. In diesem Beispiel außerdem schön zu sehen: Die sichelförmige Staffelung des HSV auf außen, mit der sie den Gegner vom Zentrum wegdrücken.

HSV Pressing - Außen breit, Halbraumzugriff

Stellt der äußere Mittelfeldspieler den Vorwärtspass im Halbraum zu und bleibt nur ein Pass zur Seitenlinie möglich, ist es wiederum der Außenverteidiger, der breit bleibt und nach vorne verteidigt. In der Folge ergeben sich weiträumige Szenen für Sechser und Innenverteidiger. Letztere müssen dann etwaige Gegenspieler weit nach außen verfolgen, während einer der Sechser dessen Position sichern muss. In diesem Fall tat dies sogar der eigentlich ballferne Walace. Auf diesem Wege können dann schon mal ziemlich umständliche oder unübersichtliche Szenen entstehen, die sich unangenehm für die Endverteidigung gestalten.

HSV Pressing - AV breit, Durchsichern

Selbiges gilt für Situationen wie die folgende: Sowohl Hunt als auch Sakai waren zunächst auf den Halbraum fokussiert und umstellten gemeinsam mit Jung den anspielbaren Haberer lose. Sie griffen jedoch nicht alle gemeinsam zu: Jung nahm Frantz in den Deckungsschatten, Sakai ließ sich schräg zurückfallen. Der Ball konnte zu Grifo gespielt werden, was jedoch unsauber ausgeführt wurde. Hunt ging ebenfalls tiefer, wodurch das Vorrücken am Flügel unterbunden wurde. Nun musste allerdings Djourou aufgrund der Orientierungen seiner Mitspieler den Pass zu Haberer schließen. Die Hamburger erzeugen auf diese Weise immer wieder eine Überzahl und durchaus hohen Balldruck. Die mangelnde Bindung innerhalb der Kette kann jedoch zum Problem werden.

HSV Pressing - AV eng, Halbraum

Dies gilt erst recht, wenn der Ball flach vor die Hamburger Abwehr gelangt. Dass der diagonale Passweg ins Zentrum offen ist, kann dabei die Kehrseite der situativen Mannorientierungen sein, insbesondere gegen Rochaden, wie jene von Freiburg. Die Breisgauer bildeten situativ eine Raute, Walace ließ sich von Philipp nach hinten drücken. Hier agierte Haberer jedoch mit dem Rücken zum Tor und konnte noch von drei Hamburgern attackiert werden, ehe ein Aufdrehen möglich gewesen wäre. Gestaltet sich die Dynamik der Szene minimal anders, läuft er mit Tempo auf Mavraj zu, der eigentlich mit Petersen beschäftigt ist. Eine potentiell brenzlige Situation.

HSV Pressing - Zentrum

Freiburg zwischen fremder und eigener Unordnung

Dafür braucht es keinen anderen Beweis als das 2:2, welches gleichzeitig auch einiges über die Spielidee des SC Freiburg verrät. In diesem Fall war es Walace, der sich an Haberer orientierte und so den Passweg auf den weit von links eingerückten Grifo öffnete, der sich zuvor im Rücken von Jung abgesetzt hatte. Dieser richtete seinen Fokus (wie auch Holtby) vor allem auf Höfler. Mavraj rückte auf Grifo vor, Ostrzolek blieb bei Philipp, anstatt die entstehende Lücke zu füllen. In diese startete Grifo. Petersen setzte sich gegen Djourou und Sakai durch und komplettierte den (verzögerten) Doppelpass. Ein freier Abschluss. So kann man effektiv Überladungen ausspielen.

HSV 2-2

Andererseits konnten die Gäste sowohl ein ansprechendes offensives wie defensives Umschaltspiel zeigen. Der HSV war im letzten Drittel teilweise zu flach gestaffelt, die Abstimmung zwischen Walace und Jung nicht immer optimal. Häufig war es Haberer, der sich geschickt vor der Abwehr bewegte, Petersen wich ein ums andere Mal aus. Freiburg konnte effektiv aus Hamburger Kompaktheiten herausspielen, wodurch sich weite Wege ergaben. Der HSV musste kollektiv eine Menge sprinten, um Schlimmeres zu verhindern.

Ihr beizeiten ungestümes Zusammenziehen nutzte der SC Freiburg beispielsweise auch beim Treffer zum 1:1 mithilfe eines guten Gegenpressings aus. Walace klärte den Ball hoch in Richtung Mittelkreis, Kostics Weiterleitung schlug fehl, sodass er gemeinsam mit Jung in Richtung Ball stürmte. In ihrem Rücken positionierte sich Haberer genau im offenen Passfenster. Mavraj lief aus der Viererkette heraus, kam jedoch zu spät. Der Passweg zu Philipp blieb offen. Dieser leitete wiederum hinter dem Standbein auf Petersen weiter.

HSV 1-1 Bild 1

Abrashi lief durch. Sakai verfolgte seinen Lauf, während Ostrzolek und Papadopoulos gemeinsam versuchten, Petersen zu stellen. Dadurch öffnete sich wiederum der Weg in die ballferne Mitte zurück auf Philipp. Mehrere vor dem Ball stehende Hamburger liefen diesen Raum nicht zu. Abermals ein einfacher Abschluss ohne Bedrängnis.

HSV 1-1 Bild 2

Ein durchaus ähnliches Tor hatte das Team von Christian Streich bereits zum Jahresauftakt gegen die Bayern erzielt. Auch ihr Pressing erinnerte grundsätzlich an jenes aus dem Spiel gegen den Rekordmeister. Eine Mischung aus 4-2-2-2, 4-2-3-1 und verschobenem 4-3-3, wenn einer der äußeren Mittelfeldspieler auf den tief aufbauenden Außenverteidiger der Hamburger vorrückte. Die Sechser orientierten sich wechselnd an ihren Pendants oder fielen recht frühzeitig für lange Bälle zurück. Sie fanden nicht immer die richtige Balance, sodass ein offener Raum hinter den Freiburger Spitzen entstand, den der HSV zum Vorrücken nutzen konnte.

Gravierender noch gestaltete sich der Mangel an horizontaler Kompaktheit am eigenen Strafraum, der maßgeblich zu beiden Gegentreffern beitrug. Dieser Umstand wurde vom HSV gleichzeitig hervorragend ausgenutzt. Der gut ausweichende und clever unterstützende Holtby war an beiden Toren beteiligt (einmal links, einmal rechts). Beim 2:1 zeigte sich zudem die gute Abstimmung mit Hunt und Sakai.

Freiburg fokussierte sich enorm auf die Verteidigung des Strafraums und erzeugte eine (zu) klare Überzahl gegen Gregoritsch, während sich die anderen Spieler leicht nach außen mitziehen ließen und einen großen Raum öffneten. Der maßlos unterschätzte Sakai erkannte diesen sofort und stieß im Halbraum vor. Gregoritsch setzte sich geschickt im Rücken seines nebenstehenden Verteidigers ab und musste nach präzisem Zuspiel nur noch einschieben.

HSV 2-1

Ein abschließendes lobendes Wort in Richtung Gotoku Sakai sei noch gestattet: Der Japaner ist auffallend pressingresistent und kreativ, wenn er den Ball relativ tief am Flügel bekommt und angelaufen wird. Er kann das Spiel in solchen Situationen hervorragend verzögern, baut kleine Richtungsänderungen und Drehungen ein und lässt Gegenspieler im Anschluss durch die Nutzung beider Füße ins Leere laufen. So gibt er seinen häufig nicht optimal gestaffelten Kollegen Zeit, damit sie doch noch unterstützend eingreifen können. Es kommt nicht von Ungefähr, dass der Kapitän zwischenzeitlich auch als Sechser eingesetzt wurde.

Fazit

Doch, doch: Man darf den HSV schon mal loben an dieser Stelle. Aber sie bleiben eben auf Platz 15 und müssen durchaus aufpassen, dass sie nicht überdrehen und am selbst erzeugten Chaos scheitern. Vor allem an Tiefensicherung und Endverteidigung (mehrfach 1 gegen 1 an der letzten Linie) muss Gisdol noch arbeiten. Man kann jedenfalls nicht darauf vertrauen, einfach jedes Kopfballduell zu gewinnen. Ballbesitzspiel hat (noch?) keine Priorität. Gegenpressing könnte trotzdem noch zulegen. Naja, Nicolai Müller kommt demnächst wieder.

Freiburg schnuppert tabellarisch an der Europa League – Ihr Angriffsquintett (Niederlechner sollte man auch unbedingt hinzuzählen) könnte dort jetzt schon eine gute Rolle spielen. Dahinter sieht es trotz insgesamt guter Abstimmung deutlich schwächer aus. Platz 9 spiegelt das dementsprechend auch passend wieder.

ES 21. Februar 2017 um 10:55

Danke für die ausführliche Analyse zu diesem Spiel. Ich habe das Spiel sehr gerne gesehen, weil beide Mannschaften intensiv gepresst haben, aber jeweils unter dem Pressingdruck versucht haben, spielerische Lösungen zu finden. Dass das teilweise gelang, mag auch mit den von Dir erläuterten Mängeln im Pressing des Gegners zu tun gehabt haben, aber immerhin.

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Christoph 20. Februar 2017 um 01:36

Danke für den (wie eigentlich immer bei dir) tollen Artikel ES! Ärgerlich, dass mit Leipzig der andere Aufsteiger noch spektakulärer spielt (natürlich mit ganz anderen, aufsteigeruntypischen Rahmenbedingungen), so wird die mMn bisher herrausragende Saison des SC oft nur am Rande behandelt. Neben der für Streich typischen Intensität, zeichnet sich der SC durch ein attraktives Spiel im eigenen Ballbesitz (eigentlich auch typisch für Streicht) aus.
Spannend zu beobachten war die Integration von Haberer in die bis dahin schon gut funktionierende Mannschaft, was diese mMn nochmals stärker macht. Hatte Streich davor auf der rechten Seite meist einen balancierenden, aber in seiner offensiven Durchschlagskraft beschränkten Spieler (Bulut, Frantz, Stenzel), als Gegengewicht zu Grifo auf links aufgestellt, so rückt durch Haberers Hereinnahme der enorm begabte Philipp nach rechts, was das ohnehin schon fluide Offensivspiel noch flexibler macht. Haberer selbst verbindet Durchschlagskraft und eine saubere Technik mit einem großen Fleiß gegen den Ball und stellt so eine perfekte Verkörperung von Streichs Fußball dar.
Auch in der Defensive hat der SC extrem spannende und junge Spieler im Kader: Stenzel als spielmachender AV, Kempf der bisher leider aufgrund einer Verletzung noch kein Spiel machen konnte und Söyüncü, auf den ja sogar schon Pep ein Auge geworfen haben soll . Wie schätzt du/ihr Söyüncü denn ein? Für mich einer der spannendsten Spieler der Bundesliga überhaupt.
Mich würde es gar nicht mal so sehr überraschen, wenn der SC im Kampf um Europa noch ein Wort mitreden kann. So schafft man es vielleicht auch diese talentierte Truppe und ihren erfrischenden Fußball noch etwas länger in Freiburg zu halten.

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