Donnerstag, 22.06.2017

TEs Bundesliga-Check: Die Weihnachts-Awards

Passend zum Ende der Hinrunde verteilt TE die Taktiktafel in Gold, Silber und Bronze sowie viele weitere tolle Preise. Dadurch lässt er zugleich die Hinrunde Revue passieren.

Hereinspaziert, hereinspaziert! Weihnachten steht vor der Tür, die Bundesliga geht in die verdiente Winterpause. Zeit für mich, zurückzublicken auf eine Saison, die aus taktischer Sicht bisher überraschend abwechslungsreich war. Welche Teams haben am meisten Spaß gemacht? Welche Spieler sind besonders hervorzuheben? Und wird TE wieder so tun, als hätte er eine Erklärung für alles, obwohl er sich bei der Rasenfunk-Saisonvorschau stärker blamiert hat als Jens Lehmann mit seiner Hrubesch-Anekdote?

Taktiktafel in Bronze in der Kategorie bestes Team: RB Leipzig

Gab es je ein Team, das sein taktisches System so konsequent durchzog wie Leipzig? Ihr 4-2-2-2 ist zunächst einmal kein System, das es in den vergangenen Jahren so noch nie gab. Es hatte aber genug Feinheiten in petto, um die Bundesliga ordentlich aufzumischen. Gerade mit Ball waren die Leipziger stärker, als man erwartet hätte. Allerdings braucht es mehr als ein 4-2-2-2, um die begehrte Taktiktafel in Gold zu gewinnen, und so reicht es nur zu Bronze. (Gerüchte besagen, dass es zu Leipzig sogar noch eine längere Analyse in der Winterpause geben soll.)

Taktiktafel in Silber in der Kategorie bestes Team: Eintracht Frankfurt

Wer hätte das gedacht? Nico Kovac‘ Team überwintert auf einem Europapokal-Rang. Noch viel überraschender ist, dass ausgerechnet Frankfurt eins der taktisch interessantesten Systeme spielt. Überraschend deshalb, weil a) Frankfurt in den vergangenen Jahren nie mit taktischen Experimenten auffiel und b) Nico Kovac in seiner Zeit als kroatischer Nationaltrainer eher uninspiriert taktierte. Dank der Mischung aus 5-3-2 und 5-2-3 mit den vielen Mannorientierungen gelang es Frankfurt in der Hinrunde, so manchen Gegner kaltzustellen. Kein einziges Spitzenteam konnte gegen Frankfurt gewinnen. Frankfurt steht völlig zurecht oben in der Tabelle. Daran erkennt man übrigens die wahren Experten: Sie lassen sich nicht von vergangenen Ereignissen blenden und erkennen das Potential einer Mannschaft. Hust hust.

Taktiktafel in Gold in der Kategorie bestes Team: 1899 Hoffenheim

„Jeder muss seine Rolle spielen.“ Ich kann nicht aus meiner Haut. Als Taktik-Hipster muss ich einfach Julian Nagelsmann abfeiern. Dementsprechend kann die goldene Taktiktafel nur an Hoffenheim gehen. Sie bauen das Spiel großartig auf, spielen viele diagonale Bälle, überzeugen mit ihrem guten Positionsspiel. Man merkt: Hier steckt viel Liebe zum taktischen Detail in der Mannschaft, sei es bei den sich ständig variierenden Rollen der Achter oder den formativen Anpassungen an die Gegner. Der jüngste Trainer der Bundesliga lässt auch den modernsten Fußball spielen. Eine ausführliche Analyse gibt es hier.

Taktiktafel in Gold bester Spieler: Thiago

Ich habe Thiago erst vor wenigen Tagen eine Hymne gewidmet. Deshalb halte ich mich kurz: Was Thiago gegen RB Leipzig gespielt hat, war eine der stärksten Einzelleistungen, die ich je gesehen habe. Wie er die Rolle als Zehner interpretierte und mit seinem Raumgefühl das kompakte Zentrum der Leipziger aushebelte, war großes Kino. Wer Thiagos Fähigkeiten anzweifelt, dem empfehle ich eine Szene aus dem Spiel gegen Leipzig: Thiago spielt einen Weihnachtsmann(!) an, der gerade auf der Werbetafel eingeblendet wird. Er schaut nicht mal in Richtung Bande. Ein No-Look-Pass perfekt auf den Fuß. Einer Abbildung auf der Bande, wohlgemerkt. Groß.

Trendpreis beste Formation: 5-3-2

„Welche Taktik ist denn das Modell der Zukunft?“ Diese Interviewfrage ist für Taktikblogger das Äquivalent zu „Blumentopf – wie kamt ihr auf den Namen?“. Es gibt nicht das überlegene Spielsystem der Zukunft, denn wenn es eins gäbe, würde es sofort jeder adaptieren. Es gibt Formationen, Systeme, taktische Feinheiten, die gegen andere Taktiken überlegen sind – und genau deshalb zu einer bestimmten Zeit funktionieren. Das 5-3-2 ist aktuell diese Formation, das gegen das übliche 4-2-3-1 oder 4-3-3 im Vorteil ist. Es bietet gute Kombinationsmöglichkeiten, man kann das Zentrum sehr leicht dominieren und die Frage, wie man die Außenverteidiger ordentlich einbindet, erübrigt sich durch ihre offensive Rolle in der Fünferkette. Die Vorteile dieses Systems sind in der Hinserie offensichtlich geworden. Selbst Wolfsburg nutzt es. Nichts gegen Wolfsburg, aber verdammt, es ist Wolfsburg.

Hühnerhaufen in Gold für das vogelwildeste Spiel: Werder Bremen

Man kann getrost sagen, dass sich das taktische Niveau in den fünf Jahren, seit Spielverlagerung existiert, krass gesteigert hat. (Menschen, die uns jetzt Größenwahn vorwerfen, sollten bitte den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität googlen.) Viele der taktischen Fehler, die wir in unseren frühen Analysen beobachtet haben, gibt es heute nicht mehr. Zumindest dachte ich das, bis Werder Bremen im Eröffnungsspiel der Saison bei den Bayern antrat. Hier durfte ich in meiner Analyse noch einmal die ganzen Klassiker der Spielverlagerung-Frühzeit auspacken: Hohe Abwehrkette ohne Pressing? Check. Abwehrspieler lassen sich aus der Formation ziehen? Check. Keine Tiefenstaffelung nach langen Bällen? Check. Ich möchte Victor Skripnik nichts Böses. Vielleicht hatten seine Spieler an diesem Tag nur keine Motivation. Es war aber auf jeden Fall der taktisch schwächste Auftritt der Hinrunde. Darauf ein Wiesenhof-Hähnchen.

Guardiola-Gedächtnis-Preis für ständige Formationswechsel: Peter Stöger

4-3-3, 4-2-3-1, 4-4-2, 5-3-2, 5-4-1 – im Verlauf der Hinrunde hat Peter Stöger praktisch jede Formation genutzt, die im modernen Fußball denkbar ist. Keine Mannschaft ist so wandlungsfähig wie der Effzeh. Jonas Hector verkörpert diese Wandelbarkeit, indem er mal im Mittelfeld, mal als Außenverteidiger aufläuft – und immer Dreh- und Angelpunkt des Kölner Spiels ist. Am Rhein lebt das Vermächtnis des Formationenwechslers Pep Guardiola fort.

Professor-Brinkmann-Preis für die unerwartetste Wiederbelebung: Markus Gisdol

Kennen Sie diese Geschichten von Koma-Patienten, die nach Jahren völlig unerwartet erwachen? Die Metapher lässt sich durchaus für den Hamburger SV dieser Saison anwenden. Unter Bruno Labbadia waren die Hamburger ein defensiv kompakter, aber auch recht eigenschaftsarmer Bundesliga-Abstiegskandidat. Gisdol hat binnen weniger Wochen die Mannschaft auf links gedreht. Dank seiner Hochdynamik-Spielphilosophie ist der HSV wieder Herr über den Rhythmus des Spiels – was bei Gisdol freilich bedeutet, dass der Rhythmus abartig dynamisch und chaotisch ist. Immerhin punktet der HSV wieder. Oder wie es der ältere Herr in meiner Werkstatt vergangene Woche zu mir sagte: „Der Gisdol, der bringt die Jungs richtig zum Laufen! Der kann was! Die spiele ja plötzlich ein dolles Forecheck-Pressing!“

Die Analyse, auf die wir alle noch gespannt warten: Dortmund – Bayern

„Hey, wann kommt denn endlich eure Analyse zu Dortmund gegen Bayern? Ich warte!“
„MR hat sich für die Analyse in unserem System eingetragen.“
„Ja, und wann ist er fertig?“
Stille.
„Kannst du ihm denn keinen Druck machen?“
„Ich bin nicht sein Chef.“
„Wie jetzt? Was seid ihr denn bitte für eine Redaktion?“
„Wir sind keine Redaktion. Die Autoren erhalten kein Geld, deshalb kann ihnen auch keiner Druck machen.“
„Und wann kommt die Analyse jetzt?“
„Ich schätze, direkt nachdem er mit der Brasilien gegen Chile Analyse fertig ist…“

Meist vermisster Spielverlagerung-Autor: RM

Wir vermissen ihn. Er ist jetzt aber an einem besseren Ort.

Ausführliche Analysen des 16. Spieltags

Borussia Dortmund – FC Augsburg 1:1

Schorsch 30. Dezember 2016 um 23:01

Taktik-Award in Silber für die Frankfurter Eintracht – das ist mal ein Wort! Und das mit dem sich selbst auf die Schippe nehmen gefällt mir fast noch besser… 😉

Niko Kovac hat bei Übernahme der Trainertätigkeit bei der SGE einige interessante Aussagen getätigt. Z.B., dass er so einiges im Bereich Taktik(hinzu)gelernt habe in seinen Hospitationstätigkeiten und er dies peu à peu einbringen wolle. Zunächst müsse aber die Defensive stabilisiert und über diesen Weg der Klassenerhalt geschafft werde. Das hat mich neugierig gemacht und die neue Saison hat sich auch nicht schlecht angelassen. Immerhin hat er bei der Eintracht seinen ersten Job als Clubtrainer angetreten. Man sollte seinen Bruder Robert dabei nicht außen vor lassen; die Brüder scheinen als Team ganz gut zu funktionieren. Was die 18 Spiele bis zum Saisonende bringen werden, bleibt abzuwarten. Hübner meinte, ein einstelliger Tabellenplatz wäre am Ende ein Riesenerfolg. Ich bin gespannt.

Antworten

tobit 31. Dezember 2016 um 10:20

Die Eintracht finde ich auch ziemlich interessant. Sie sind defensiv durch ihre Mannorientierungen mit Kombinationen kaum effektiv zu knacken, da braucht es immer wieder die individuelle Klasse der Dribbler, die aber durch die teilweise ruppige Spielweise stark eingeschränkt werden. Offensiv ist die Klasse schon sehr ordentlich. Mit Huszti und Fabian zwei „Spielmacher“ die auch die Drecksarbeit beherrschen. Einige schnelle Spieler und Meier als „Strafraum-Phantom“. Das gepaart mit der Spielstärke Abwehr ist für jeden unangenehm zu bespielen.

Antworten

Pan 30. Dezember 2016 um 11:40

Hertha schließt die Rückrunde zum zweiten Mal hintereinander als Dritter ab und spielt hier weiterhin keine Rolle, was ich als Fan von Spielverlagerung und des Vereis natürlich sehr schade finde. Betrachtet man die letzten 2 Jahre, sieht man totz des Einbruchs in der letzten Rückrunde, eine verblüffende Leistungskontantz, die aber weiterhin vollkommen unter dem Radar bleibt. Naja, wahrscheinlich ist das Unterschätzen und die geringe Aufmerksamkeit auch die größte Stärke des Teams (individuelle Klasse und Taktik scheinen es ja nicht zu sein).

Antworten

CE 30. Dezember 2016 um 11:45

Wir hatten auf Spielverlagerung.com eine längere Teamanalyse zur vergangenen Saison: http://spielverlagerung.com/2016/04/01/hertha-berlin-analysis/

Antworten

a_m 27. Dezember 2016 um 16:09

An dieser Stelle nochmals meinen Glückwunsch an RM, freut mich sehr zu hören, dass eure Fachkompetenz nun auch für einen Vollzeitjob bei einem Profiverein genügt. RM war immer besonders produktiv, aber letztendlich ist das auch eine Auszeichnung für euch alle. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg und hoffe, dass noch viele weitere Nachrichten dieser Art folgen werden (obwohl ich diese Seite sehr vermissen würde ;))!

Antworten

HK 27. Dezember 2016 um 19:04

Ja Glückwunsch an RM.
Für diese Seite definitiv ein großer Verlust. Er war eine wahre „Analysiermaschine“.

Antworten

fluxkompensator 25. Dezember 2016 um 00:12

man munkelt, mr bringt demnächst den zweiten teil über den kriselnden bvb unter klopp raus!

Antworten

Izi 24. Dezember 2016 um 11:11

Danke für diesen schönen Jahresrückblick!!! Eine schöne Idee, dies mit Awards zu machen! 🙂

Am Ende des Jahres blicke ich auch zurück auf die großartige Arbeit, die ihr Autoren leistet — und das ausschließlich in eurer Freizeit! Dafür habe ich allergrößten Respekt und danke euch von Herzen!

Frohe Festtage an das SV-Team und alle Leser!

Antworten

AP 23. Dezember 2016 um 23:51

Geil. TE hält die Fahne hoch. Wie lange noch. Ihr habt abgeliefert, jetzt macht es RM nach und steigt ein in die „gut“ bezahlte Fussballwelt. Er wird doch bald in Leipzig auftauchen 🙂

MR in Dortmund und TE? Zw. Hannover und Hamburg. Schöne Weihnachten und danke für Eure Beiträge in 2016 Männer

Antworten

Tanqueray 23. Dezember 2016 um 21:04

Ich wollte die Szene mit dem Weihnachtsmann eigentlich hier posten, aber euch entgeht ja nichts … 😉

Schade das Barcelona ihn nicht gehalten haben. Ich hätte aber auch nicht gedacht dass er tatsächlich mal an das Busquets/Iniesta/Xavi Niveau ran kommt.

Antworten

Christoph 24. Dezember 2016 um 17:12

Finde es auch sehr schade, dass Barcelona ihn nicht halten konnte 🙁 Ein Mittelfeld aus Busquets/Thiago/Iniesta hinter Messi/Neymar/Suarez würde wohl jede Woche Fußballkunst produzieren (ohne Rakitic zu Nahe zu treten, den ich ebenfalls für einen fantastischen Fußballer halte).
Hoffentlich bleibt Thiago mal über einen längeren Zeitraum gesund, es ist jedes Mal ein Genuss ihm beim Fußballspielen zuzusehen (auch wenn man es (wie ich) nicht gerade mit den Bayern hält). Besonders beeindruckend finde ich mit was für einer Leichtigkeit Thiago spielt, ähnlich wie bei Messi wirken alle Bewegungen so mühelos und natürlich (z.B. dieser traumhafte Volley- Pass über den halben Platz gegen Frankfurt). Hinzu kommt neben seinen unglaublichen technischen Fähigkeiten, ein tolles strategisches Geschick und eine grandiose Spielintelligenz, sowie sein defensiver Fleiß, welcher bei Thiago aufgrund seiner anderen, auffälligeren Stärken oft übersehen wird.
Sollte Thiago doch einmal wieder länger ausfallen bin ich sehr gespannt, wie die Bayern das verkraften würden, da sie mMn diese Saison doch sehr abhängig von Thiagos Genialität sind. Eventuell sollte die Kaderplanung der Bayern dahingehend auch einmal kritisch hinterfragt werden, dass außer Thiago kein kreativer Nadelspieler im zentralen Mittelfeld im Kader steht (besonders nach dem Abgang von Götze). Außerdem wäre es wohl auch mit einem fitten Thiago, bei all den Qualitäten die Bayerns andere Mittelfeldspieler unbestritten besitzen, schön anzusehen, wie dieser mit einem ähnlich kreativen und technisch beschlagenen Partner im Mittelfeld das Spiel gestalten würde.

Antworten

tobit 24. Dezember 2016 um 22:01

Thiago ist aktuell tatsächlich der beste Robbery-Ersatz. Er spielt zwar eine andere Position, aber sorgt von dort für die entscheidenden Impulse.
Man stelle sich das 433 vom Saisonbeginn mit drei Thiagos (oder zwei+Lahm mit Kimmich als RV) im Mittelfeld vor *Träum
Damit wäre Bayern wohl nahezu unaufhaltsam in der Liga.

Antworten

Ancelottis Augenbraue 25. Dezember 2016 um 12:53

„Ich hätte gerne tausend Thiagos.“
(CA)

Antworten

luckyluke 25. Dezember 2016 um 15:03

Oder Thiago mit einem Götze…ich finde, das sollten sich die Bayernbosse mal ernsthaft überlegen

Antworten

tobit 26. Dezember 2016 um 10:43

Im 433/4321 der Bayern könnte ich mir Götze in seiner aktuellen Einbindung/Spielweise sehr gut als linken Achter vorstellen. Mit Ribery als LA wäre das eine brutal spielstarke Seite. Götze ist eigentlich ein perfekter Partner für die teilweise chaotischen Ribery und Alaba, weil er eine sichere Anspielstation in jeder Situation darstellt.

Antworten

Spinoza 23. Dezember 2016 um 19:54

Ich vermisse rm auch total. Grade als bayern-fan war es echt cool die analysen zum spiel so schnell von ihm geschrieben zu kriegen. Auch seine nicht immer ausgeglichene art auf mal mehr mal weniger angebrachte Kritik zu reagieren, vermiss ich total.
Muss mir wohl mehr rb u18 Spiele ansehen 🙂

Antworten

SMR 23. Dezember 2016 um 18:15

Einfach eine herrliche Kolumne. Danke an den Autor! Sehr schöne Idee, diese Weihnachts-Awards zu vergeben, das zieht die Bescherung der Leser um einen Tag vor, hehe 🙂

Ich möchte anmerken, dass das Timing in der letzten Kolumne zur Hymne an Thiago nicht besser hätte sein können. Ich freue mich schon wie Bolle auf die Analyse des Spitzenspiels in einigen Tagen!!!!!
An alle: Frohe Weihnachten!

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*