Türchen 16: England – Polen 1973

Am „Hipster-Freitag“ gibt es ein vergessenes Spiel aus dem Jahr 1973 im Adventskalender: das WM-Qualifikationsspiel zwischen England und Polen aus dem Jahr 1973.

„The death of football“

WM-Qualifikationsspiel, 17. Oktober 1973

Es gibt Fußballspiele, die sind hierzulande völlig in Vergessenheit geraten, in der Heimat der Protagonisten genießen sie jedoch Legendenstatus. Fragen Sie am Wochenende vor einem beliebigen deutschen Bundesliga-Stadion einen Fan, ob er sich noch an das WM-Qualifikationsspiel zwischen England und Polen im Jahr 1973 erinnert. Sie dürften höchstens ein Kopfschütteln ernten ob dieser nerdigen Frage.

Vor englischen und polnischen Stadien dürften die Reaktionen ganz anders ausfallen. In Polen wird dieses Spiel für immer der Höhepunkt einer glorreichen Fußballzeit sein – noch vor dem Olympiasieg 1972, noch vor dem dritten Platz bei der WM 1974. Denn was gibt es Größeres, als die Qualifikation zu einer Weltmeisterschaft im Mutterland des Fußballs zu schaffen, in der (damals noch) uneinnehmbaren Festung Wembley? In England bleibt dieses Spiel für immer in Erinnerung als Ende einer goldenen Ära, vielleicht sogar als endgültiger Schlusspunkt der englischen Vormachtstellung im Weltfußball.

Die Ausgangslage

Was war passiert? Die Fifa hatte England und Polen zusammen mit Wales der Qualifikationsgruppe 5 zugeteilt. Mangels Setzliste trafen also zwei der seinerzeit stärksten Nationen aufeinander: die aufstrebenden Polen gegen das Mutterland des Fußballs. England begann die Qualifikation mit einem standesgemäßen Sieg gegen Wales. Im Rückspiel kamen sie zwar nicht über ein 1:1 hinaus. Da Polen aber überraschend mit 0:2 in Wales verlor, fuhren die Engländer mit einem klaren Vorteil nach Charkow zum direkten Duell mit Polen. Polen überraschte die Engländer jedoch mit einem hohen Pressing und einem aggressiv geführten Spiel. England verlor aufgrund zweier Fehler von Bobby Moore und einer roten Karte gegen Alan Ball mit 0:2.

Da die Polen ihr Heimspiel gegen Wales gewannen, war die Ausgangslage vor dem finalen Gruppenspiel klar: England musste gewinnen, um sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Eine Weltmeisterschaft ohne das Mutterland des Fußballs? Undenkbar. Seit England nach dem zweiten Weltkrieg an Weltmeisterschaften teilnahm, konnten sie sich auch immer qualifizieren. Und schließlich fand das Spiel im guten, alten Wembley Stadium statt. Zwar war der Ruf der „uneinnehmbaren“ Festung nach der 1:3-Niederlage gegen Deutschland im Jahr zuvor leicht ramponiert. Doch die polnischen Spieler hatten noch immer großen Respekt vor der „Geburtskirche des Fußballs“.

Die Taktik

England gegen Polen 1973

England gegen Polen 1973

Von der ersten Minute an wollten die Engländer keinen Zweifel aufkommen lassen, wer der Herr im Haus ist. Ihr nominelles 4-4-2-System interpretierten sie äußerst offensiv. Martin Peters, der letzte verbliebene 66er-Held in der Anfangself, rückte aus dem Mittelfeld immer wieder nach vorne. Stürmer Clarke wich häufig auf die Flügel aus, während Chivers sich vorne im Strafraum anbot.

Polen hielt dem englischen Sturmlauf ein totaldefensives System 1-3-3-3 entgegen. Nur zwei der drei Stürmer blieben meist vorne, um etwas Präsenz im Konter zu ermöglichen – für jene Zeit nicht viel. Der Rest postierte sich vor dem eigenen Sechzehner und versuchte, den Gegner mannzudecken. Da die englischen Spieler oft in Richtung Strafraum sprinteten, folgten ihnen die polnischen Mittelfeldspieler. Es standen also oft sieben oder mehr Polen an oder im eigenen Strafraum.

In der Folge waren es die englischen Außenverteidiger, die als freie Radikale das Spiel bestimmten. Ihr aggressives Vorrücken auf dem Flügel war der einzige Freiraum, den das enge polnische System ließ. Die Engländer versuchten gar nicht erst, durch das Zentrum zu kombinieren, sondern schickten ihre Flügelläufer immer und immer wieder an die Grundlinie. Das brachte England vor allem Eckbälle. Die Polen lenkten praktisch jeden Ball ins Toraus, egal ob nötig oder unnötig.

Die polnischen Angriffsbemühungen waren indes eher spärlich gesät. Polen war zu jener Zeit eine der stärksten Kontermannschaften der Welt. Mittelfeldstratege Deyna kann man als Andrea Pirlo seiner Zeit bezeichnen: Aus dem Hintergrund heraus leitete er das Spiel und verteilte den Ball. Mit langen Flugbällen schickte er die schnellen Außenstürmer hinter die gegnerische Abwehr. An diesem Tag stand er jedoch neben sich. Currie nahm ihn mit einer engen Deckung aus dem Spiel – ein interessanter Schachzug, einen einrückenden Außen gegen Deyna zu stellen, denn so opferte England keinen Mittelfeldspieler, der gegen Deynas Zurückfallen hätte herausrücken müssen. Doch selbst ohne Druck spielte Deyna teils wahnwitzige Fehlpässe. Polens Konterspiel versandete daher im Nichts. Wenn es mal nicht versandete, waren die Engländer mit teils überhartem Einsteigen zur Stelle. Gleich zwei Szenen hätten nach heutigem Standard als Notbremse zu einer roten Karte geführt. In jener Zeit gab es dafür Gelb – wenn überhaupt.

Es lag nicht nur am schwachen Deyna, dass Polen kaum aus der eigenen Hälfte kam. Den Engländern muss man zugutehalten, dass sie ein – für diese Zeit – kompaktes Mittelfeldpressing spielten. Die englischen Mittelfeldspieler verharrten nicht in Manndeckung eng an ihrem Gegenspieler. Die Mittelfeldreihe war relativ am Raum orientiert, wobei die Spieler immer wieder dynamisch rausrückten, um die Polen zu stellen. Sie bekamen so einen hohen Zug in ihre Zweikämpfe, verteidigten dynamisch und nicht wie viele Teams jener Zeit statisch. Sie konnten auch die Passwege nach vorne abklemmen, wodurch sich die Polen immer wieder zu teils gefährlichen Querpässen verleiten ließen. England war in diesem Spiel eindeutig der Herr über das Mittelfeld.

Die zweite Halbzeit

Nach der Pause intensivierten die Engländer ihre Angriffsbemühungen. Die Außenverteidiger hielt nichts mehr hinten, und so agierte England teils mit acht Mann weit in der gegnerischen Hälfte. Channon und Peters gesellten sich praktisch permanent zu den Stürmern in den Strafraum, die Engländer hatten hier also eine hohe Präsenz. Im Hintergrund lauerten Currie und Bell auf Abpraller und Nachschüsse. Sie blieben meist ungedeckt, da Polen nun mit acht Mann den eigenen Sechzehner verbarrikadierte. Flanke um Flanke flog in den Sechzehner.

Durch die totale Offensive der Engländer blieb ihre defensive Absicherung auf der Strecke. Die polnischen Konter gewannen somit an Wucht. Kurz nach der Pause eroberte Grzegorz Lato auf Linksaußen einen Ball nach einem Stockfehler durch Hunter. Der Rechtsaußen startete durch, Polen spielte die Überzahlsituation aus und erzielte den Führungstreffer (55.). Im Anschluss hatten sie noch mehrere gute Kontergelegenheiten.

England hatte aber nun ebenfalls Chance um Chance. Sobald es möglich war, schlugen sie den Ball in den polnischen Strafraum. Dank ihrer Lufthoheit eroberten sie zahlreiche dieser Bälle. Mal um Mal scheiterten sie jedoch am polnischen Keeper Jan Tomaszewski. Er gewann durch das Spiel Legendenstatus – nicht nur in Polen, sondern auch in England. TV-Experte Brian Clough trug maßgeblich dazu bei, indem er Tomaszewski vor dem Spiel als „Clown“ titulierte. Diese „Expertenmeinung“ entlarvte Tomaszewski als grandiose Fehleinschätzung. England gelang nur noch der Ausgleich durch einen Elfmetertreffer (63.). Es blieb beim 1:1. Zu wenig für die WM-Qualifikation.

Der englische Fußball – eine Karikatur seiner selbst

Dass dieses Spiel zur Legende wurde, hatte nicht nur mit den Umständen zu tun. Dramaturgisch gesehen war es schlicht eines der großartigsten Spiele der Fußballgeschichte. Jedem polnischen und englischen Fan, der das Spiel live erlebt hat, dürfte der Atem gestockt haben – und das nicht nur ein- oder zweimal, sondern ein ganzes Dutzend mal. Allein die Schlussviertelstunde bot mehr Action als manche Bundesliga-Vereine in einer ganzen Saison. Lato vergab wenige Minuten vor Schluss völlig freistehend die Chance auf das 2:1, im Gegenzug hatten die Engländer nicht eine, nicht zwei, sondern drei Chancen auf den Siegtreffer, die Tomaszewski jeweils parierte. Allein in der Schlussminute mussten die polnischen Verteidiger gleich zweimal den Ball von der Linie kratzen. Doch es war wie verhext. England traf das Tor nicht. In einer Szene hatte Channon schon den Arm zum Jubeln hochgerissen und sich vom Tor abgewandet. Erst an der Reaktion seiner Mitspieler erkannte er, dass der Ball gar nicht im, sondern Zentimeter neben dem Tor landete.

Am Tag nach dem Spiel war England geschockt. Wie konnten sie das Spiel nur verlieren? Hatten sie nicht genug Chancen für zehn Siege? In der Tat kann man das Spiel als unglückliche Niederlage lesen. Mit über vierzig Jahren Abstand steht dieses Spiel allerdings auch sinnbildlich für die Entwicklung des englischen Fußballs nach dem WM-Sieg 1966.

Denn auch wenn England genug Chancen für einen Sieg hatte – wirklich herausgespielt waren diese Chancen nicht. England war nur gefährlich, wenn sie den Ball hoch in den Strafraum bekamen. Aus den „wingless wonders“, den flügellosen Wunderkindern, die 1966 die WM gewannen, war binnen sieben Jahren eine vollkommen flügellastige Mannschaft geworden. Während zur selben Zeit Deutschland und die Niederlande das Kombinationsspiel durch das Zentrum auf eine neue Stufe hoben, waren die Engländer im Hoch-und-Weit ihrer Vorfahren steckengeblieben. Ein flaches Spiel durch das Zentrum war nicht möglich, da sich im offensiven Mittelfeld schlicht niemand befand. Ein vorstoßender Franz Beckenbauer, ein zurückfallender Cruyff, ein spielmachener Deyna? Fehlanzeige.

Die Engländer waren in dieser Partie ein Abbild ihres eigenen Klischees: Jeder zweite Ball wurde hoch gespielt, das Körperliche stand vor dem Spielerischen. Typisch englischer Kick’n’Rush. Alf Ramseys Erfolgsformel, die England 1966 den Titel bescherte, hatte sich abgenutzt. Es sollte sein letztes Spiel als Nationaltrainer und damit das Ende eines langen Zyklus sein. Die konterstarken Polen fuhren zur Weltmeisterschaft, die Engländer blieben zu Hause.

Manche werden sagen, es hat viele Jahre gedauert, ehe sich die englische Nationalmannschaft von diesem Schlag erholt hat. Andere werden behaupten: Sie hat es nie. Am Tag nach der Niederlage titelte eine englische Boulevardzeitung: „The death of football“. Ein wahrhaft „großes Spiel“.

Peda 18. Dezember 2016 um 16:14

Ich habe von dieser Partie noch nie zuvor gehört, also erst einmal ein großes Danke an TE dafür.

Aber nach dem Lesen ist für mich nicht klar, wie die Begegnung letztendlich ausgegangen ist.
Das 2:1 wollte nicht fallen, aber im Anschluss wird von einer unglücklichen Niederlage gesprochen. Hä?

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savona 18. Dezember 2016 um 18:12

Es ist insgesamt eine Niederlage für England gewesen, da nur der Gruppenerste sich für die WM qualifizierte und Polen durch den 2:0-Hinspielsieg einen Punkt Vorsprung hatte. England hätte dieses Spiel gewinnen müssen, um Polen noch abzufangen.

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TE 18. Dezember 2016 um 19:18

Danke, das hätte ich vielleicht noch stärker herausarbeiten können. Ich habe noch einen Halbsatz hinzugefügt.

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Izi 17. Dezember 2016 um 06:56

Ein schöner Artikel zu einer tollen Mannschaft! Und echt hipsterig 🙂

Leider konnte ich mit meinem Browser (Safari für OS/iOS) dieses Türchen nicht öffnen — ich bin über den Link ”die neuesten Kommentare” darauf gestoßen. Bei allen anderen Türchen hatte ich das Problem nicht… Merkwürdig…

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savona 16. Dezember 2016 um 14:22

In der Tat schien es so, als sei mit dem Fehlen Lubanskis die polnische Niederlage besiegelt. Ich habe damals das Ausscheiden Englands bedauert. Polen hatte zwei Jahre zuvor in der EM-Qualifikation nicht wirklich überzeugt, und der Olympiasieg relativierte sich durch die schwache Qualität vieler Teilnehmer; es galt ja noch das Amateurstatut, und da waren die osteuropäischen „Staatsamateure“ halt immer im Vorteil gegenüber den reinen Amateurteams aus Ländern mit Profiligen. Ich zumindest habe im November 1973 nicht geahnt, welch phantastischen Fußball dieses polnische Team wenige Monate später bei der WM in Deutschland spielen würde. Im Nachhinein genau der richtige Spielausgang.

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Schorsch 16. Dezember 2016 um 23:37

Dass der Olympiasieg der polnischen Nationalelf 1972 sich wegen der schwachen Qualität der Teilnehmer sich relativiert, kann ich so nicht teilen. Ich habe viele Spiele des damaligen Olympiaturniers gesehen, und da waren schon starke Teams dabei, die auch ansehnlichen Fußball gespielt haben. Für die polnische Équipe habe ich mich besonders erwärmt, da sie bereits in diesem Turnier attraktiven Kombinationsfußball zeigte. ‚Kaz‘ Deyna war übrigens Torschützenkönig und zeigte oft seine überragende Klasse. Die deutsche Olympiaelf konnte sich auch durchaus sehen lassen, nicht nur wegen Uli Hoeneß (der insgesamt mMn überfordert war). Aber auch die Sowjetunion, Ungarn und die DDR konnten überzeugen. Sicher, alles ‚Staatsamateure‘. Aber ausgezeichnete Mannschaften. Ich will mich da nicht als ‚Augur‘ bezeichnen, aber weder die gute Rolle der DDR, noch die phänomenale Leistung der Polen bei der WM 74 haben mich überrascht. Im Gegenteil, ich hatte dies sogar erwartet. Im Falle der Polen allerdings nicht in diesem Ausmaß, das gebe ich zu. Aber das Passspiel der Polen war 72 einfach schon grandios, zumindest habe ich das seinerzeit als Jüngling so gesehen.

Den Ausgang des WM-Qualifikationsrückspiels in Wembley habe ich -wie man sich denken kann- daher regelrecht bejubelt. Als junger Mensch sympathisiert oder identifiziert sich gar vielleicht leichter mit einem Team; bei mir waren dies eben die Polen.

Dass sv.de dieses Spiel für den Adventskalender ausgewählt hat, finde ich grandios. Und ein ganz großes Dankeschön an TE für die Analyse! Ein tolles Fußballspiel, in Polen eine Legende. So ganz vergessen ist es in Deutschland auch nicht, es gibt da immer noch so ein paar freaks… 😉 Wobei man hier meiner Erinnerung nach die Qualifikation der Polen etwas weniger in den Mittelpunkt gestellt hat und sich stärker mit dem Ausscheiden der Engländer befasst hat. Es war schon irgendwie merkwürdig, dass direkt vor der WM 74 (naturgemäß) die DFB-Elf und die Niederländer im Fokus standen, und auch die Brasilianer als Titelverteidiger. Die Polen hatte man irgendwie nicht ernstgenommen.

Deyna, einer meiner absoluten Lieblingsspieler aller Zeiten, war an diesem Abend in Wembley in der Tat erschreckend schwach; sehr ungewöhnlich. Die Engländer übten in der Tat teilweise einen ungemeinen Druck aus, aber irgendwie wirkte das (in meiner Erinnerung) ohne die letzte zündende Idee, wie man so schön sagt. Aber an diesem Abend war Tomaszewski aus dem Feld heraus unbezwingbar. Fantastisch, was er alles gehalten hat. Das Spiel habe ich mit Engländern zusammen gesehen, die englische TV-Übertragung. Sie haben es sportlich fair ertragen, dass ich zu den Polen gehalten habe… 😉

In England wird dieses Match zu den gerne einmal alle 10 Jahre aus der Versenkung geholt; zuletzt 2013. Ich persönlich bin schon auch der Auffassung, dass dieses Spiel das ‚Ende‘ des erfolgreichen englischen Nationalmannschaftsfußballs einläutete (im Gegensatz zum englischen Clubfußball, der in der zweiten Hälfte der 70er und Anfang der 80er in Europa dominierte). Eingeleitet wurde er aber schon früher. Und zwar mit der Niederlage gegen die DFB-Elf bei der WM in Mexiko. Dort scheiterte man letztlich mMn an der eigenen Überheblichkeit. Und es war mMn auch kein Zufall, dass man 2 Jahre später im Rahmen der EM in Wembley gegen die modern spielende deutsche (Not-)Elf verlor.

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ES 21. Dezember 2016 um 17:24

Ich meine mich schon erinnern zu können, dass die Polen so ein klassicher „Geheim“-Favorit bei der WM 74 waren, jedenfalls war es nicht völlig absurd, dass sie bis ins Halbfinale kommen würden (so absurd wie zum Beispiel die Endspielteilnahme von Griechenland bei der EM 2004 war, vom Vorfeld aus gesehen).

Eine rein sachgemäße Beurteilung der Stärke der DDR-Mannschaft war von westlichen Medien meiner Erinnerung nach nicht möglich. Das war viel zu politisch. Es ging ja am Ende ideologisch darum, die Überlegenheit des freien Westens im Mannschaftssport gegenüber dem staatlich durchorganisierten System zu demonstrieren. Polen galt als das „freiere“ Land im Ostblock, also durften die auch Erfolg haben.

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Schorsch 21. Dezember 2016 um 19:10

Dass die Polen in ‚Fußballfachkreisen‘ zum erweiterten Kreis der ‚Geheimfavoriten‘ zählten, ist wahrscheinlich so gewesen. Nur in der ‚breiten Fußballöffentlichkeit‘ und den Medien eher nicht.

Was den Fußball in der DDR und die DDR-Auswahlmannschaft anbelangt, so kann ich den Eindruck aus meiner damaligen Wahrnehmung heraus nicht bestätigen. Die olympischen Spiele in München waren gerade einmal 2 Jahre her, bei denen sich die Bundesrepublik fast schon verbissen als ‚weltoffener Gastgeber‘ präsentieren wollte. Was leider auch sehr verhängnisvolle Auswirkungen hatte. Es war die frühe Zeit der sozialliberalen Koalition und diese wollte ‚das neue Deutschland‘ ins Schaufenster stellen. Die Entspannungspolitik führte auch dazu, dass man Einzelsportler und Mannschaften aus den Ostblockstaaten mit besonderer Freundlichkeit behandelte. Das war teilweise vor Freundlichkeit fast schon verkrampft, was die Verkrampfung bei den Gästen (gerade bei den Sportlern aus der DDR) noch steigerte. Teilweise surreal. Aber man wollte sich nichts nachsagen lassen.

Das hatte sich auch zur Fußball-WM 74 im Prinzip nicht geändert. Trotz und gerade wegen der Guillaume-Affaire, welche die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR wieder in Richtung Minusgrade geführt hatte und den Rücktritt Willy Brandts auslöste. Man war peinlichst darauf bedacht, die Mannschaft der DDR zuvorkommend und höflich zu behandeln, auch in den Medien.

Die DDR-Führung und die Stasi waren nach außen auch bemüht, das Zusammentreffen deutscher Teams im Fußball harmonisch erscheinen zu lassen. Intern ging es da aber ganz anders zur Sache. Beim ersten Aufeinandertreffen zweier Teams aus den beiden deutschen Staaten im Europapokal der Landesmeister (Dynamo Dresden – Bayern München, zwei legendäre Begegnungen) 1973 wurde die Stasi mit der ‚Aktion Vorstoß‘ aktiv, bei der den Dynamo-Spielern immer wieder die Wichtigkeit eines Sieges zur Demonstartion der Systemüberlegenheit eingetrichtert wurde. Reinhard Häfner, der großartige Spieler Dynamos, hat dies später mehrfach geschildert. Wobei er meinte, dass die meisten Spieler nach außen genickt, aber innerlich die Parolen ignoriert hätten. Auch bei den Zuschauern, nicht nur beim Rückspiel in München, hat die Stasi nichts dem Zufall überlassen.

In der Bundesrepublik war es sogar so, dass die Sympathien in den Medien, die eher links oder linksliberal orientiert waren, vor der Begegnung bei Dynymo lagen. Grund war die Entscheidung der Bayern, vor dem Spiel nicht in Dresden zu übernachten. Das wurde im Westen teilweise schärfer kritisiert als im Osten.

Politisch wurde Polen damals von vielen eher reaktionären Politikern und den seinerzeit noch starken Heimatvertriebenenverbänden kritischer gesehen als die DDR. Gerade die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Staatsgrenze hat zu den heftigsten Auseinandersetzungen geführt. In dieser Frage war die deutsche Gesellschaft damals sehr gespalten.

Die Spieler der DFB-Auswahl und Bundestrainer Schön wussten um die Stärke des DDR-Fußballs. Aber der ’normale Fußballfan‘ in der Bundesrepublik hat sich trotz aller Erfolge von DDR-Mannschaften einfach kaum für den Fußball in der DDR interessiert. Es waren ja auch so gut wie keine Spiele zu sehen. Der normale Fußballfan in der DDR, selbst im ‚Tal der Ahnungslosen‘ hingegen wusste sehr genau, was in der Bundesliga ablief.

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savona 22. Dezember 2016 um 14:56

Es war allerdings kein Problem, Ende der 60er Jahre im Radio Reportagen von Spielen der DDR-Oberliga und hören. Ich hab das gelegentlich getan, frage mich allerdings, worin der Reiz wohl bestanden haben mag. Vermutlich im Widerspruch zwischen Bekanntem (Sprache, Fußballjargon) und Fremdem (DDR-spezifische Ausdrücke, Klubs und Spieler, die man in unseren westlichen Medien kaum erwähnte). Auch das Fehlen jeglicher Sym- oder Antipathien (mangels Kenntnis) hat was – wenn es die Ausnahme bleibt.

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ES 22. Dezember 2016 um 08:19

Ja, auch die von Dir beschriebene Überkompensation durch „political correctness“, wie man heute sagen würde, gab es. Das Verhältnis war schwierig, deshalb war eine rein fußballerische Betrachtung kaum möglich. Die Niederlage gegen die DDR 1974 war eine schwere und Aufsehen erregende ideologische Schlappe der BRD in einem Kernkompetenzgebiet, eine mögliche Niederlage gegen Polen im Halbfinale wäre nur fußballerisch bewertet worden.

Was du allerdings über das gespaltene Verhältnis zu Polen und die Diskussion um die Oder-Neisse-Linie schreibst, ist korrekt. Für weite konservative Kreise war der Kniefall Brandts in Warschau faktisch Landesverrat.

Habe ich Dich richtig verstanden, dass Du der Weltoffenheit der BRD 1972 eine Mit-Verantwortung gibst für das verheerende Attentat bei den olympischen Spielen, wie Du es andeutest? Das fände ich dann doch ein wenig weit hergeholt. Die Exekutivorgane der BRD und der Länder waren auf diese Art von Anschläge schlicht nicht vorbereitet, waren überfordert und haben sich dilettantisch verhalten, weil es so etwas vorher nicht gab. Man konnte auch mit dem RAf-Terrorismus nicht adäquat umgehen, das hat man erst lernen müssen. Sonst müsste man ja der damaligen Strauß-Regierung und der Münchener Polizei zu viel Weltoffenheit vorwerfen, das wäre dann doch zu viel der Ehre. Die Gründung der GSG9 war ja eine bekannte Konsequenz aus den Fehlern 1972, mit dem positiven Ergebnis der Befreiung der Geiseln in Mogadishu zwei Jahre später.

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savona 22. Dezember 2016 um 14:59

Das kann man so sehen, wenn auch zwischen diesen dramatischen Ereignissen nicht zwei, sondern fünf Jahre lagen.

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ES 22. Dezember 2016 um 15:16

Danke für die Korrektur.

Schorsch 22. Dezember 2016 um 20:18

‚Gut gemeint‘ ist oft das Gegenteil von ‚gut gemacht‘. Die Absicht, bei den Olympischen Spielen 1972 in München sich ganz bewusst von den Olympischen Spielen 1936 abzusetzen, war sicherlich unumstritten richtig. Wobei es kurioserweise den Nationalsozialisten in geradezu perfider Weise gelungen war, sich in Berlin als ‚weltoffen‘ darzustellen. Die Propagandamaschinerie hat da prächtig funktioniert und viele Sportler, Journalisten und Besucher aus dem Ausland geblendet. 1972 wollte man unbedingt jeden martialischen Anklang vermeiden. Doch wenn gute Absicht, Naivität, Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit sich paaren, kommt es oft zu falscher Prioritätensetzung. Und genau dies ist im Vorfeld der Spiele von München geschehen. Dass man die Sicherheitskräfte vor Ort (Polizisten aus fast allen damaligen Bundesländern) in freundliche Uniformen steckte, die mehr an Ordnungsdienst denn an Polizei erinnerten, war völlig in Ordnung. Dass man diese Polizisten bewusst unbewaffnet ließ, war hingegen zumindest diskussionswürdig. Fatal hingegen erwies sich die Entscheidung, sich nicht nur allgemein locker zu geben, sondern im Zweifelsfall ‚ein Auge zuzudrücken‘ (selbst mehrfach vor Ort erlebt) und vor allem die Bewachung des olympischen Dorfes so gut wie gar nicht stattfinden zu lassen.

Und es ist war nicht so, dass die Behörden (Bund, Land, Kommune) nicht vorgewarnt gewesen wären. Man hat eine bewusste Entscheidung gegen die Sicherheit getroffen, obwohl man es hätte besser wissen musste und vielleicht sogar wusste. Gerade in München. Gut 2 Jahre vor den Spielen kam es auf dem Flughafen München-Riem zu einer Stürmung einer El-Al – Maschine durch ein palästinensisches Terrorkommando, bei dem ein Passagier getötet wurde. Einige Tage später wurde der schreckliche, sehr ‚fachmännsich‘ ausgeführte Brandanschlag auf das Altersheim der israelitischen Kultusgemeinde in München verübt, bei dem 7 Bewohner getötet wurden. Darunter auch Überlebende von NS-Vernichtungslagern. Der damalige Bundesinnenminister Genscher sprach auf der Trauerfeier sehr eindringlich (ich habe es noch sehr, sehr gut im Ohr) davon, dass es unerträglich sei, dass jüdische Menschen wieder auf deutschem Boden getötet würden, nur weil sie Juden sind. Und er versprach (ja, er benutzte das Wort ‚Versprechen‘), dass das deutsche Volk nie wieder zulassen würde, dass auf deutschem Boden Terror und Gewalt regieren. Man stellte nach dem Anschlag in Deutschland jüdische und israelische Einrichtungen unter Schutz und Bewachung. Aber bei den olympischen Spielen tat man dies nicht. Heute geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass dieser Anschlag von einer linksextremistischen Gruppe durchgeführt wurde, so wie der (durch Zufall nicht geglückte) Anschlag in Berlin zuvor. Die Gefährdungslage war groß, und sie war den Behörden bekannt. In München waren seinerzeit
einige linksextremistischen Gruppen mit antisiraelischen und antisemitischen Aussagen und Aktionen aktiv, gleiches trifft auf palästinensische Studentengruppen zu. Die Verbindungen dieser Gruppierungen zu palästinensischen Terrororganisationen war den Behörden bekannt. Hinzu kamen rechtsextremistische Gruppen mit antisemtischen Aktionen und Aussagen. Im Vorfeld der Spiele kam es in Deutschland zu Treffen eines Rechtsextremisten mit einem palästinensischen Terrordrahtzieher, bei denen es u.a. um Beschaffung von Waffen ging. Von diesen Treffen wusste die Polizei und informierte auch Bundes- und Landesbehörden. Konsequenzen daraus für das Sicherheitskonzept der olympischen Spiele wurden nicht gezogen. Ein Krimalpsychologe aus München hatte sogar vor den Spielen das Szenario eine Terroranschlags durch die PLO während der Spiele entworfen, das frappierende Ähnlichkeit mit den tatsäschlichen späteren Ereignissen hatte. Konsequenz: Null.

Das Desaster von Fürstenfeldbruck resultierte aus einem Mix von Unprofessionalität, Kompetenz- und Abstimmungsproblemen, falscher Entscheidungsfindung und schlichter Unfähigkeit. Es hatte hatte aber mit der vorher getroffenen Entscheidung, keine besonderen Schutzmaßnahmen für das olympische Dorf (auf die man ja sogar bewusst verzichtet hat) und insbesondere für die israelische Olympiaéquipe zu ergreifen, nichts zu tun. Man hätte sehr wohl ‚weltoffen‘ auftreten und gleichzeitig auch für die damalige Zeit vollkommen normale Schutzmaßnahmen durchführen können, zumal man es ja bei anderen jüdischen Einrichtungen auch getan hatte. Dass als Konsequenz aus dem Fiasko von Fürstenfeldbruck die GSG 9 entstand, dürfte der wohl einzige positive Aspekt gewesen sein.

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ES 23. Dezember 2016 um 07:42

Deine Detailkenntnisse ist immer wieder erstaunlich. Zum Beipaiel hatte ich das Attentat auf das jüdische Altersheim 1970 nicht mehr in Erinnerung, vielleicht war ich zu dem Zeitpinkt noch zu jung. Ich stimme mit Dir völlig überein, dass eine Gefährdung zu erkennen gewesen wäre und bessere Schutzmaßnahmen erfordert hätte.

Am Ende fasst Du richtig zusammen, dass man sehr wohl hätte weltoffen auftreten und dabei minimale Schutzmaßnahmen ergreifen können. Dass man es nicht getan hat, und dass dies die schrecklichen Ereignisse sehr begünstigt hat, war also dem von mir allgemeiner angesprochenem nicht adäquatem Umgang geschuldet, weniger der Weltoffenheit an sich.

Schorsch 23. Dezember 2016 um 14:53

@ES
Ich habe zu dieser Zeit als junger Bursche in München gelebt und bin überdies von den Ereignissen in gewisser Weise auch persönlich betroffen gewesen. Bei den Olympischen Spielen 72 war ich als ‚volunteer‘ (wie man heute neudeutsch sagen würde) hautnah dabei. Das Attentat hat mich tief getroffen. Es hat mich durchaus geprägt, das kann man so sagen. Ich befasse mich seit meinem Studium und auch heute noch damit und habe im Laufe der Jahre einige Menschen kennengelernt, die unmittelbar betroffen waren. U.a. eine der wunderbarsten Frauen, die ich je in meinem Leben begegnet bin. Deshalb die Detailkenntnisse.

Zur ‚Weltoffenheit‘: Entscheidend ist, dass man sie lebt. Nach außen demonstrieren kann oft trügerisch sein. Und es ist kein Widerspruch, Weltoffenheit zu leben und Sicherheit zu gewährleisten (so weit dies machbar ist).

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ES 27. Dezember 2016 um 09:47

O.k., Danke für Deine persönliche Offenheit.

Den Punkt unten zur Weltoffenheit sehe ich wie Du, wobei das grundsätzlich für alle Werte gilt, dass entscheidend ist, ob und wie sie gelebt werden (vom Einzelnen und der Gesellschaft) und nicht wie sie gezeigt werden bzw. wie sich dazu geäussert wird.


HK 16. Dezember 2016 um 10:50

Wenn es hierzulande auch nicht so bekannt sein mag, ein wahrhaft würdiges Spiel. Kann man vielleicht wirklich als eine Art Zeitenwende betrachten.
Dazu sollte man vielleicht noch die Geschichte um Lubanski erwähnen, den damaligen polnischen „Wunderstürmer“. Lubanski traf noch im Hinspiel in Polen und wurde in diesem Spiel dann durch ein übles Foul schwer verletzt. Er fiel dann jahrelang aus und kam nie mehr so recht auf die Beine.
Dieses Fehlen mag auch ein Grund sein für die in diesem Spiel überschaubare Leistung von Deyna, dem so überraschend sein kongenialer Partner abhanden gekommen war.

Übrigens war das Spiel in Polen nicht in Charkow (Ukraine), sondern in Chorzow.

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