Donnerstag, 27.07.2017

Türchen 12: Niederlande – Brasilien 2010

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Dungas Brasilien 2006-2010 war Hipster-Team und Taktik-Trendsetter. In Südafrika hatten sie prinzipiell das Zeug zum Weltmeister, scheiterten aber im Viertelfinale an den unangenehmen Niederländern – und an sich selbst. Eine in-depth-Analyse zu einem facettenreichen Phasenspiel.

Der heimliche Finalist besiegt sich selbst

WM-Viertelfinale, 02.07.2010

Eigentlich hat Dungas Brasilien nicht den besten Ruf. Viele Beobachter sprachen zwischen 2006 und 2010 etwas überspitzt und einseitig von einem Ersticken des Samba-Fußballs durch Schlichtheit, Europäisierung oder – wohl am häufigsten – zu viel Defensivfokus. Andererseits gehörte die Mannschaft in jener Phase zum taktisch Modernsten und vor allem Flexibelsten, was die Fußballwelt zu bieten hatte. Sprechender Beleg einer fortschrittlichen Vorreiterrolle ist die Tatsache, dass die beiden Kollegen RM und MR für das System jenes Teams sogar einen eigenen Begriff geprägt haben: Die „Dunga-Raute“.

akalender-2016-ned-bra-2010Gemeint ist die quasi schiefe Interpretation einer 4-2-3-1-Grundformation, die zum Markenzeichen dieser brasilianischen Mannschaft wurde. Zwischen den beiden nominellen Außenspielern bestand in der Rollenverteilung ein großer Unterschied: Links agierte Robinho sehr hoch, driftete häufig in die Sturmlinie und vielseitig an der letzten Linie entlang. Sein eigentliches Pendant auf der gegenüberliegenden Seite bewegte sich sehr viel tiefer, eingerückt im Bereich des Halbraums, in einer pendelnden Verbindungsrolle zwischen den Mittelfeldlinien. Insbesondere für die damaligen Gegner war dieses System sehr schwierig zu fassen.

Es bot den Brasilianern zusätzliche Verbindungsmöglichkeiten und Präsenz in zentralen Bereichen. Der Hybridspieler auf halbrechts brachte viel Diagonalität ins Spiel und konnte als zusätzlicher Stabilisierungsfaktor die Defensive unterstützen. Lange Zeit war dafür Elano die erste Wahl, er verletzte sich jedoch nach exzellentem Start ins WM-Turnier zum Ende der Gruppenphase. Für ihn rückte Barca-Rechtsverteidiger Daniel Alves – auf seiner Position hinter Maicon eingereiht – ins Team und nahm die Rolle in seiner großräumig raumfüllenden und in Abläufen sehr kombinierten Art herausragend ein. In seiner Asymmetrie wechselte die Formation der Brasilianer zwischen 4-2-3-1, 4-3-1-2 und 4-3-2-1 – es war ein modernes Mischsystem.

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Beispiel für die diagonal pendelnde Natur der Hybridrolle und ihren Nutzen in unangenehmen Szenen: Daniel Alves bewegt sich diagonal entgegen der Spieldynamik, macht den Pass fest und lässt ihn für Kaká liegen. Der kann so durch das komplette Mitttelfeld durchbrechen, macht Raumgewinn und zieht am Ende das Foul.

Brasiliens Defensivarbeit: Staffelungsfindung und Anpassung

Das äußerte sich gerade gegen den Ball in einer enormen Variabilität in der Staffelungsfindung. Gegen die Niederländer begannen sie diesbezüglich zurückhaltender. Vorwiegend verblieben die Südamerikaner in der 4-2-3-1-Grundformation – mit wechselnder horizontaler Kompaktheit vonseiten der Außenspieler – und gingen erst im Zuge der Rückzugsbewegung in eine stärkere Asymmetrie über. Gerade in der Arbeit gegen den Sechserraum von Oranje zeigte sich das flexible, passive Pressingkonstrukt des Dunga-Teams effektiv: Aufgrund der situativen Unterstützung von außen konnte man vielseitig Druck auf die nicht überdurchschnittlich pressingresistenten de Jong und van Bommel machen, etwa durch dynamische Bildungen enger Rauten in der ersten Linie.

Wenn Robinho sich mal höher im Halbraum positionierte, wurden die klaren Passwege auf jene Seite geschlossen und dem Gegner andere Herausforderungen gestellt. Im Verlauf der ersten Halbzeit tauschte der Santos-Star häufiger mit Kaká und presste dann mehrmals aus Halbstürmerposition diagonal über die Höhe des klar rechtsseitig positionierten Luís Fabiano hinweg. Während Daniel Alves sich auf seinen rechten Halbraum konzentrierte und fast so etwas wie einen defensiven Fixpunkt darstellte, passten sich die beiden Sechser entsprechend an. Im Mittelteil von Halbzeit eins orientierte sich Gilberto Silva zwischenzeitlich zu eng an Sneijder, später fand das Duo vor der Abwehr aber wieder mehr Kohärenz nach hinten zur letzten Reihe und zu mehr Ausgewogenheit zueinander.

Zu Beginn ergaben sich kleinere Probleme bei der Abstimmung zwischen Robinho und Kaká, wenn ein niederländischer Innenverteidiger oder ein zuvor abgekippter Sechser mal sehr aggressiv aus dem Halbraum heraus andribbelte.  Das war aber nur von sehr kurzer Dauer, schnell wurden die Staffelungen ausgewogener und leicht diagonal zum Ball gedreht. Zentral hatte Brasilien fast immer Überzahl gegen den eher im äußeren Halbraum aktiven Sneijder und die vertikal oft voreinander stehenden gegnerischen Sechser. Als Zehner orientierte sich Kaká oft lose in dieser Verbindung, während Luís Fabiano sich punktuell passiv an die Kante des Sechserraums zurückzog. Wenn Robinho mal mittiger blieb und van der Wiel dagegen mit dem Ball vorlief, schob eben Felipe Melo zum Pressing nach außen heraus.

Eine wichtige Stärke der Mannschaft Dungas bestand in der Passwegbelauerung, die damals noch selten bewusst eingesetzt wurde. Vorwiegend kam dieses Mittel hier im Mittelfeldbereich zur Anwendung: Kaká und Co. deuteten häufig an, Zuspiele auf einen bestimmten Spieler abfangen zu können, ohne das aber wirklich aggressiv auszuführen. Es ging weniger um die Vorbereitung von Balleroberungen als um Stabilitätsgedanken. Oranje sollte zu Rückpässen geleitet werden. Insgesamt gelang es den Brasilianern mit diesem Defensivrepertoire, dem Gegner die Vorwärtswege aus dem – leicht bevorzugten – rechten Halbraum zu blockieren.

Niederlande weichen in die Problemzone auf links – und wieder zurück

Gelegentlich fand Ajren Robben etwas Platz hinter Robinho, wenn van Persie mit aufwändigen Bewegungen und eventuell Ablagen unterstützte. Die niederländischen Versuche, nach kurzem Andribbeln von halbrechts in den Sechserraum zu spielen, scheiterten jedoch zumeist, da Daniel Alves aus dem ballfernen Halbraum ins Pressing ging und de Jong bzw. van Bommel aus dem Rücken attackierte. Gerade im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit gingen die Niederländer daher zunehmend zunächst den Weg auf die andere Seite. Das geschah über einige hohe, teils simple Verlagerungsbälle, vor allem aber per Umweg über den tiefen Linksverteidiger van Bronckhorst.

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Heitinga hat keine Optionen nach vorne. Die Option des aggressiven Andribbelns in den Raum vor ihm, was Brasilien möglicherweise locken könnte, zieht er nicht. Die Entscheidung fällt auf van Bronckhorst und die linke Seite.

Fast sämtliche Bemühungen über links enttäuschten bei den Niederländern aber. An Aktivität mangelte es nicht, denn sowohl Kuyt – aus seiner breiten Grundposition – als auch Sneijder zeigten viele ballfordernde Aktionen in der Tiefe. Die Hilfe des nominellen Zehners schuf Potential für Überladungsversuche über die normale Flügelbesetzung hinaus. Die strukturelle Nutzung dieser Zutaten ließ aber zu wünschen übrig: Beide ließen sich aus dem gegnerischen Defensivblock oft herausfallen, standen also außerhalb der Formation – teils gleichzeitig und damit redundant. So nahmen sie fast schon gegenseitig die Aufgabe weg. Der ausgleichende Zuarbeiter Kuyt, kein Spielmacher, erhielt so schon etwas zu viel Präsenz.

Beim Ballfordern fehlte es in diesen Szenen insgesamt am Balancegefühl, dass die verlassenen Verbindungspositionen – insbesondere jene Sneijders – wieder hätten übernommen werden müssen. Nicht zum letzten Mal sollte der begabte Zehner bei seiner Positionsfindung zu oft außerhalb der Formation oder in schwierig einzubindenden ballfernen Räumen landen. Brasilien brauchte eigentlich nur die eigene Kompaktheit zu halten, passiv etwas zurückzuweichen und hatte klare Überzahl in Richtung eigenes Tor. Zwar folgte Gilberto Silva gegen Sneijder vereinzelt etwas zu forsch, gerade die Rolle von Daniel Alves gab Dungas Team aber Ruhe und Sicherheit über dem Halbraum.

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Fortsetzung der Szene oben: Kuyt und Sneijder außerhalb der Formation, Daniel Alves belauert den einfachen Rückpass auf den Zehner

So konnte es für die Niederländer eigentlich nur darum gehen, von halblinks wieder nach rechts zu verlagern – und damit auf andere Weise Superstar Robben ins Spiel zu bringen. Die schnellen Seitenverlagerungen nach rechts erwiesen sich für Oranje in Halbzeit eins tatsächlich als das gefährlichste Mittel. Das lag nicht nur daran, dass die Brasilianer in ihren klaren Überzahlen gegen Sneijder und Co. gelegentlich mal unvorsichtig wurden, während die Niederländer mit Robben, van der Wiel und oft van Persie schnell ballferne Präsenz herstellten. Hinzu kam eine Eigenheit der brasilianischen Ausrichtung: An die ausgewogene und flexible Mittelfeldarbeit war die Abwehrreihe nicht wirklich angeschlossen.

Brasiliens Abwehr verteidigt eher für sich

Grundsätzlich agierte die letzte Defensivlinie vor allem für sich und organisierte seitliche Verschiebewegungen nicht immer als Ganzes. Gerade der linke Teil mit Bastos gegen Robben und auch Juan gegen van Persie verteidigte individuell und oft mannorientiert über große Strecken. Der Linksverteidiger musste teilweise großräumig gegen Robben herausrücken, auch wenn gerade keine feste Absicherung dabei war. Felipe Melo versuchte dagegen großflächig zu helfen und stopfte unter anderem nach hinten viele Lücken in der letzten Linie. Mit langen Ausweichbewegungen zum Flügel unterstützte van Persie den Rechtsaußen sehr konstant. Teilweise positioniere er sich schon vor dem Übergang aus dem zweiten Drittel in dessen Nähe.

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Gutes Zustellen der Optionen und deutliche Mittelfeldüberzahl. Die Abwehr ist daran jedoch nur bedingt angeschlossen, Bastos rückt weiträumig gegen den breitgehenden Robben heraus.

Gelegentlich öffneten ihre Bewegung gegen die Mannorientierung Passwege direkt von halbrechts neben den Block. Nach Verlagerungen konnten Robben und van Persie den rechten Flügel natürlich besonders gut hinunter spielen. Hinter dem brasilianischen Linksverteidiger ergaben sich potentiell große Lücken. Aus drei Gründen wurde aus den so vielversprechenden Ausgangslagen letztlich aber kaum etwas: Erstens hielten Felipe Melo und vor allem Juan die Angelegenheit sehr unaufgeregt irgendwie zusammen. Zweitens verpassten die Niederländer beim Ausspielen jener Szenen die gezielte Einbindung van Bommels, der hier zum entscheidenden Schlüsselakteur hätte werden können.

Insgesamt machte der damalige Bayern-Kapitän eine durchschnittliche Partie, hatte etwa in seiner Positionsfindung eine große Spannbreite zwischen Licht und Schatten. Wenn sich sein Team schnell über Robben nach vorne spielte, zeigte er mehrere sehr gute Nachstöße im rechten Halbraumkanal. Gerade nach vorausgegangen Verlagerungen war genau dort eine Lücke zwischen dem noch lose mannorientierten Gilberto Silva und dem außen helfen Felipe Melo. Mit zurück ins Zentrum gespielten Querpässen hätte er gerade bei Schnellangriffen sehr gefährlich  eingebunden werden können, wurde aber ein, zwei Mal übersehen. Die Ansätze beim Zusammenspiel mit Robben im Halbraum wiederum forcierte van Bommel nicht konstant genug.

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Robben überspielt nach einer Verlagerung Bastos auf den ausweichenden van Persie, Felipe Melo kommt nicht mehr rechtzeitig. Auch die anderen Mittelfeldakteure verschieben etwas langsam zurück. van Bommels Zwischenlauf könnte sehr gefährlich werden, van Persie verzögert aber nochmals – und Juan nimmt sich dann einfach den Ball.

Rückzugsbewegung fängt Kompaktheitsprobleme auf

Drittens – und das war der entscheidende Punkt – wurden die größten Gefahrenmomente für Oranje quasi allesamt von der brasilianischen Rückzugsbewegung aufgefangen. Hierbei hatte die Seleção einige beeindruckende Momente. Gruppentaktisch gab es durchgehend gutes Verzögern, das Mittelfeld eilte sehr zügig zur Unterstützung und der Zugriff wurde dann nicht plump, sondern aus mehreren Richtungen gesucht. So konnten sie Robben einige Male aus dem Tempo kurz ablenken und dann klar isolieren. Die Niederländer hingegen rückten gerade bei dynamischen Angriffsverläufen nicht gut nach: Dribbelte Robben auf den Strafraum zu, wurden die Kollegen oft passiv, machten kaum mehr etwas und standen recht weit entfernt.

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Nach einem Gegenkonter eine sinnbildliche Szene für die Rückzugsbwegung: Gutes Verzögern der Restverteidigung, dann schneller Zugriff…

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…das Ergebnis ca. 3 Sekunden später

Eine Folge der mannorientierten und vom Mittelfeld vergleichsweise losgelösten Spielweise der Abwehr war jedoch, dass die Abstände zwischen diesen Reihen teilweise zu groß waren. So hatten die Brasilianer Probleme mit der Vertikalkompaktheit und konnten dadurch ihre gute Staffelungsfindung nicht immer voll ausnutzen. Das war ein Grund, warum sich die Niederländer aus manchen nominellen Unterzahlen vergleichsweise gut einfach per Dribbling lösen konnten – wenn die Situation es hergab. Teilweise brachen die Kompaktheitsprobleme auch mal nach vorne auf. So erklärte sich die – zudem durch die Spielertypen unterstützte – Inkonstanz bei der Umsetzung der Passwegbelauerung.

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Fortsetzung der Szene aus der 19. Minute: Interessant, wie Felipe Melo den Diagonallauf van der Wiels aus dem Halbraum aufnimmt. Gilberto Silva hier mit etwas zu viel Risiko beim präventiven Herausrücken gegen van Bommel, denn den Passweg hätte Robinho bei Bedarf tatsächlich gut zugeschoben. Robben versucht das anspruchsvolle Zuspiel auf van Persie und den hier gut startenden Sneijder hinter Gilberto Silva, Brasiliens Innenverteidigung kann aber noch klären.

Gerade Kanäle für Querpässe vom Flügel in die Mitte, die etwa Luís Fabiano oder Robinho rückwärtig im Blick hatten, konnten in letzter Instanz doch nicht mehr ganz zugeschoben werden, weil die Abstände und damit die Wege zu weit geworden waren. Erwähnte individuelle Inkonsequenzen und/oder Unaufmerksamkeiten konnten in sehr unberechenbarer Verteilung hinzukommen. Umgekehrt spekulierte das defensive Mittelfeld dann etwas zu riskant auf einzelne mannorientierte Herausrückbewegungen, was Abknickpasswege öffnen konnte. Aus solchen Szenarien erwuchs zwar nie direkt Gefahr, die Niederländer entgingen aber dann dem Zwang zur aufwändigen Rückzirkulation. Kuyt traf etwa gute druckauflösende Entscheidungen bei Pässen auf van Bommel, wenn dieser halblinks half.

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Eine noch deutlichere Beispielszene für das Zurückfallen von Kuyt und Sneijder übrigens, wichtig aber in diesem Zusammenhang: Hier wird der Passweg quer in den Sechserraum zunächst von Luís Fabiano beachtet, der das aber nicht aufrecht erhalten wird. Kuyt kann den öffnenden Pass auf de Jong anbringen, der nun mit etwas mehr Platz vor der gegnerischen Formation steht.

Ein Phasenspiel mit Wechselhaftigkeit

Aufgrunddessen wirkten die Brasilianer letztlich nie komplett stabil und defensiv-dominant, obwohl sie eigentlich so anpassungsfähig spielten und zum Strafraum hin – dank der Rückzugsbewegung – auch fast nichts zuließen. Für ihre ruhige, oft abwartende Defensivspielweise war das niederländische Spiel mit seinen unorthodoxen Raumbesetzungen und teils irrationaler Entscheidungsfindung ein unangenehmer, stressiger Gegner. Abgesehen vom Robben-Fokus und der Präsenzballung im tiefen linken Halbraum hatte Oranje einige Phasen, in der sie ihre Offensivrouten fast schon willkürlich zu wählen schienen. Es wirkte, als würden sie geringe Erfolgsstabilität in Kauf nehmen und einen gewissen „Ausschuss“ einkalkulieren.

Vereinzelt spielten die Niederländer die Seitenwechsel von links auf Robben als Halbraumverlagerungen. Einrückende Bewegungen sollten ihn von Bastos befreien oder diesen weit herausziehen. Brasiliens Mittelfeld war aber – zumal mit der zusätzlichen Halbraumunterstützung durch Daniel Alves und den verspätet zentral zurückfallenden Offensiven – kompakt aufgestellt. Sie verstellten zwar nur anpassungsfähig und lose die umliegenden Räume und überließen die konkrete Verteidigung Robbens dem zugeteilten Gegenspieler. So wurde die Überzahl nicht immer für einen klaren Übergang zur aktiven Zugriffsherstellung genutzt. Dass schon erloschen scheinende Robben-Aktionen weiterglühten und im Nachgang neue Flammen schlugen, kam aber nur sehr selten vor.

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Weiterentwicklung der obigen Szene: de Jong versucht nun eine einrückende Bewegung Robbens zu bedienen, Bastos verfolgt. Mit Felipe Melo und Kaká könnte Brasilien Überzahl schaffen.

Zusammenfassend blieb in dieser Hinsicht festzuhalten: Die Brasilianer hatten zwar einzelne Defensivprobleme, vor allem die etwas abgetrennte Spielweise der Abwehr, die Mannorientierungen links defensiv und kleinere Kompaktheitsaspekte. Insgesamt waren sie jedoch – mit ihrem Mittelfeld als Prunkstück – sehr stark. So stand in der Quintessenz an klaren Chancen für die Niederländer eigentlich nur eine halbe ausgespielte Möglichkeit zu Buche. Häufig handelte es sich erst einmal nur Strafraumannäherungen, die zahlreicher waren als in die andere Richtung. Gerade in der zweiten von drei Phasen, in die sich der erste Durchgang grob aufgliederte, stand Brasilien unter Druck und wirkte in der Endverteidigung etwas chaotisch.

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Mit guter Aktion und etwas Glück kann Robben den Ball behaupten. Nach einem gescheiterten Zuspiel für van Persie gelangt er in die Mitte – und es bietet sich sogar eine recht große Halbraumlücke für Kuyt. Stark hier die Rückzugsbewegung von Daniel Alves, der überraschend nicht von hinten attackiert, sondern den Gegner umläuft, bis er Sneijder im Deckungsschatten hat. Kuyts versuchen Rückpass auf van Bronckhorst kann Daniel Alves dann sogar abfangen.

Niederländische Mannorientierungen: Balancierung und Probleme

Am deutlichsten wirkten sich diese unterschiedlichen Phasen auf das Offensivspiel der Brasilianer aus. Sie begannen in den ersten zehn Minuten wirklich gut und spielstark, schlossen diesen Abschnitt mit dem Führungstreffer ab. Danach folgte bis etwa Mitte des ersten Durchgangs eine Schwächeperiode, in der sie viel Potential liegen ließen und sich unnötig den Spielfluss zerrissen. Im weiteren Verlauf bis zum Pausentee fand das Team dann wieder besser in die Partie hinein und konnte sich langsam-stetig steigern, ohne aber an die besten Momente ganz anknüpfen zu können.

Der entscheidende Aufbauakteur bei Brasilien war Felipe Melo, der gerade den halblinken Raum dominierte und sich dort klug anbot. Zusammen mit Gilberto Silva und verschiedenen Zurückfallbewegungen aus den hohen Zonen erzeugte Dungas Team im zweiten Drittel viel Präsenz. Die Außenverteidiger schoben dagegen für gewöhnlich relativ schnell nach vorne und sollten für die Breite sorgen. Bei den Niederländern lautete eines der zentralen Rezepte: Mannorientierungen. Diese wurden aus einem eher tiefen und abwartenden 4-2-3-1 heraus gespielt, an manchen Stellen – etwa in Person van Bronckhorsts – sehr rigide, insgesamt aber noch gut gehandhabt. Robben musste Bastos nicht verfolgen, sondern schob einfach etwas in den Halbraum.

Vor allem eine gute, pragmatische Rückzugsbewegung ins Abwehrdrittel aus den Mannorientierungen heraus machte es den Brasilianern schwer. Die Sechser versuchten sich bei der Arbeit gegen Kaká abzuwechseln, wenngleich Nigel de Jong grundsätzlich schon als klarer Gegenspieler für den Zehner vorgesehen war. Von van Bommel sah man in vielen Phasen Vorrückbewegungen in ein 4-1-4-1 neben den vergleichsweise tiefen Sneijder. Es genügte aber eine kleine Unachtsamkeit in den Mannorientierungen für den Zusammenbruch. In Einzelfällen konnten die Mannorientierungen schnell zum Problem werden, was die Kohärenz der Abwehrreihe betraf oder manche Staffelung der Sechser voreinander. Auf einem umfassend stabilen Fundament ruhte das Team nie. Brasiliens Führungstor wurde zum Paradebeispiel für die Schwachpunkte der Mannorientierungen:

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Das 0:1, Rückzirkulation nach einem (klar mannorientiert, daher de Jong noch so eng bei Kaká) zugestellten Einwurf auf rechts: van Bommel schiebt unpassend heraus, das Mittelfeld ist durch die Mannorientierungen offen, Heitinga rückt unpassend gegen Daniel Alves heraus.

Unterschiede innerhalb des Aufbauspiels

Dieser Treffer war gewissermaßen das Highlight auf der Anfangsphase von Robinho und Co. Schon hier zeigte sich aber: Die Brasilianer mussten aufpassen, sich nicht auf die rechte Seite leiten zu lassen. So wurde etwa Lúcio von Keilstürmer van Persie einige Male zu isolierten Aufrückbewegungen verleitet und spielte dann lange Bälle mit geringer Erfolgsstabilität. Davor konnte Gilberto Silva im Halbraum nicht so gut eingebunden werden, da die Niederländer dort lokal recht kompakt waren. Das geschah mitunter auch zufällig, durch Sneijders linksseitige Position und van Persies Pressingarbeit dorthin, im Verbund mit dem horizontal weiten Verschieben de Jongs und schließlich dem häufigen Herausrücken van Bronckhorsts gegen Hybridspieler Daniel Alves.

Vielversprechender gestalteten sich Aufbauaktionen über halblinks, um Felipe Melo herum. Bevor dieser die Zügel später fast immer selbst führte, ließ sich zu Beginn noch sehr häufig ein Offensivspieler zusätzlich dorthin fallen und holte sich die Bälle ab, Robinho etwas häufiger als Kaká. Mit antreibenden Szenen jenes Offensivakteurs durch den Halbraum ließen sich die klaren Mannorientierungen der Niederländer im Mittelfeldbereich sehr gut bespielen. Dieses Zurückfallen wurde im späteren Spielverlauf viel zu sehr vernachlässigt. Mit ausweichenden Bewegungen konnte Kaká in der Frühphase de Jong mit nach halblinks herüberlocken und große Zwischenlücken für Daniel Alves Robinho und im Zentrum öffnen, der nach einem schnellen Doppelpass dort hineinzog.

Es war ein generelles Muster der Partie, dass Brasilien dann zum Kombinieren  kam, wenn sie eine oder zwei Mannorientierungen geknackt hatten: Die Niederländer reagierten mit etwas hektischer Improvisation, sich aus den umspielten Deckungen neu in eine geordnete Form zu organisieren. In diesem Kontext konnten die Brasilianer kleinräumiges Zusammenspiel mit zwei bis drei Spielern einbinden, das zumindest bei den klassischen „Anti-Manndeckungs-Mitteln“ nicht in der allerersten Reihe steht. Wenn Robinho oder Kaká von halblinks in den Zwischenlinienraum eindrangen, vertrug sich das gut mit Daniel Alves als Hybridspieler, der sich halbrechts an die begonnenen Angriffe anschließen konnte.

Brasiliens gruppentaktisches Potential

Aus den Aufbauaktionen halblinks spielte Felipe Melo auch einige direkte Halbraumverlagerungen auf den Katalonien-Legionär – seltener auch auf Gilberto Silva – für gegenläufige Anschlussdribblings diagonal in die Mitte. Wenn Kuyt gegen Maicon mannorientiert nach hinten verfolgte, ergab sich dort ein Raum für Freilaufbewegungen. Mit seiner unterstützend-kombinativen Art war Daniel Alves ein Sinnbild für die gruppentaktische Spielstärke bei Brasilien. Auch nach losen Bällen oder gegen das Gegenpressing Oranjes lösten sie viele Situationen mit Improvisation auf und machten Bälle mit kleinräumigen Stafetten fest.

Diese Qualität blitzte immer wieder auf, oft in mehrfachen Umschaltmomenten ohne eindeutige Grundstrukturen. Dungas Brasilien war sehr gut darin, die Gunst von entstehenden Situationen zu nutzen – und zwar kombinativ. Die Mehrzahl ihrer Torgelegenheiten entstand aus eher untypischen, wenig repräsentativen Szenen, die jeweils kreativ ausgespielt wurden. Nur selten gelang es aber, auch die letzte Linie der Niederländer sauber zu knacken. Zum klaren Durchbruch gegen die Kette fehlte im kleinräumigen Verbund die letzte Wucht, die Felipe Melos Direktpass vor dem 0:1 erzeugte. Am Strafraum kam die Rückzugsbewegung der Elftal häufig noch in die nötige Überzahl.

Die niederländischen Innenverteidiger zeigten sich bei der Endverteidigung überdies als sehr unangenehm, auch Nigel de Jong hatte bei einer überzeugenden Leistung normalerweise deutlich bessere Szenen als vor dem Gegentor. Oft genug gab er die Mannorientierungen auf, um aggressiv zum Ball herauszurücken. So verteidigte er etwa gegen von Robinho auf links initiierte Kombinationsversuche für gewöhnlich sehr weit auf dem Flügel mit. Er wechselte immer wieder zwischen dieser seitlichen Unterstützung, Vorrücken über van Bommel hinweg und aufmerksamen Lückenstopfen innerhalb der Abwehrlinie. Selbst bei etwas fahrigen und dann letztlich abgeblockten Kombinationsszenen funkelte aber stets das brasilianische Potential.

Zu viele lange Bälle, zu viel Lúcio-Präsenz

Zum Ende der ersten Halbzeit schien für die letzte Klarheit im Kombinationsspiel auch der ruhige Rhythmus zu fehlen. Dies waren die Nachwehen der schwachen und zerfahrenen Mittelphase der ersten 45 Minuten, auch wenn man jenen Abschnitt überwunden hatte. Im Anschluss an die Führung gingen die Brasilianer zu leichtfertig mit ihren Anlagen um und beschränkten sich auf eine unambitionierte Verwalterrolle. Der größte Problempunkt: Viele Aufbauszenen wurden durch unüberlegte, unstrategische, fast unbeteiligt gespielte lange Bälle einfach weggeschenkt. Vorne gab es mit Luís Fabiano und Robinho zu wenig Präsenz, um diese noch festzumachen. Gerade Júlio César beförderte seine Abschläge aus der Hand einfach nur irgendwo nach vorne, auch wenn Abrollen zu den Innenverteidigern möglich war.

Wenn statt des zu direkten Stils ruhiger aufgebaut wurde, ließ sich die erste Linie außerdem zunehmend zu leicht nach rechts leiten. Das – lose an Felipe Melo orientierte – Herausrücken van Bommels ins 4-1-4-1 wurde häufiger und hatte in seiner Dynamik eine gewisse verhindernde Wirkung auf das Spiel über jenen linken Halbraum. Die rechte Seite war nun auch keineswegs eine Zone, die im Normalfall nur wenig bespielt worden wäre: Neben der natürlichen Präsenz von Lúcio, der sich in manchen Phasen aufdrängte, betraf das vor allem die Rolle des Hybridspielers, der im asymmetrischen Gesamtsystem schließlich auch ein Verbindungsgeber durchs Mittelfeld war. Zwischen ihm, Maicon und Gilberto Silva bildeten die Brasilianer vereinzelt kleinräumige Dreiecke, um lockende Kombinationen zu suchen.

Auch aufgrund dieser Bedeutung ließ sich die Mannschaft vergleichsweise häufig dorthin treiben ließ. Nur: Aus diesen Zonen kamen sie letztlich kaum zum Zuge, trotz Anpassungsversuchen der Seleção. Später fiel gelegentlich Gilberto Silva bei Lúcios Vorwärtsläufen sehr dynamisch zurück, um Sneijder herauszuziehen und dem Innenverteidiger mehr Raum zu ermöglichen. Ähnliches versuchte Daniel Alves mit Rückstößen gegen van Bronckhorst herauszuziehen. Aus dem Sturmzentrum rochierte Luís Fabiano gegen Ooijer nach außen in den entstehenden Freiraum und bot sich für Lúcio an. Gegen die Rückzugsbewegung von Kuyt und Co. waren stabile Anschlussdynamiken aber schwierig.

Es dauerte zudem etwas, bis die weiteren Offensivspieler Brasiliens konsequenter in jene Räume mit durchschoben. Nur langsam fand Brasilien rechts offensiv mehr Präsenz und Zugriff, später schaltete sich Kaká häufiger ein, zumindest im Zusammenspiel mit Maicon. Der Rechtsverteidiger war vor der Pause im Übrigen kaum ein Faktor gegen Kuyt, da er teilweise zu früh statt mit Dynamik vorrückte. Nachhaltig und endgültig konnte Brasilien den Griff der gegnerischen Mannorientierungen nicht abstreifen. Situativ wurde Daniel Alves etwa an die Sechser übergeben, in der schwächten Phase Brasiliens hatte Oranje sogar einige Angriffspressingerfolge gegen Lúcio, wenn Kuyt diagonal mit vorrückte und die weiteren Zuordnungen durchgereicht wurden.

Das Spiel öffnet sich

Wie man die Feinheiten des brasilianischen Offensivspiels auch bewertet: Es war zumindest so gut, dass Bert van Maarwijk nach eigener Aussage froh war, dass es zur Pause nur 0:1 stand. Entsprechend begannen die Niederländer den zweiten Durchgang mit Veränderungen. Das äußerte sich zunächst einmal strategisch, sowohl in einem etwas früher störenden Pressing als auch in schnellerem, vertikaler angelegtem Vorwärtsspiel aus den hinteren Reihen. Letzteres wäre unmittelbar zu Beginn fast zum Bumerang geworden: Einige frühzeitige, hektische Pässe in den Sechserraum brachten van Bommel und de Jong in Verlegenheit, zumal sich die Kollegen nun sehr schnell in die Spitze orientierten. Teilweise erzeugte Brasiliens Mittelfeld klare Überzahl.

Gruppentaktisch verhielten sich die offensiveren Akteure gut und doppelten mit guter Entscheidungsfindung aus dem Rücken. So entstanden kurzfristig viele Ballgewinne und potentielle Konterszenen, die aber teils knapp zurückgepfiffen, teils schwach genutzt wurden. Das war ein Abschnitt, in dem Brasilien eine Vorentscheidung hätte herbeiführen können – so sollte es anders kommen. Die Phase nach dem Ausgleich – ein Eigentor Felipe Melos bei einem Standard – war später übrigens ein anschauliches Beispiel dafür, wie das Momentum eigentlich klare Kräfteverhältnisse ins Wanken bringen konnte. Man merkte den Brasilianern an, dass sie „eine Reaktion zeigen“ und sich Zugriff erobern wollten.

Dabei ging der Einzelne jedoch etwas übermütig vor, so dass sich individuell immer mal falsche Entscheidungen und die Vernachlässigung der gruppentaktischen Kohärenz einschlichen. So brachen die vertikalen Kompaktheitsprobleme etwas stärker und allgemeiner hervor – schon konnten sich die Sechser des Gegners besser lösen. Eine Szene beispielsweise knackte van Bommel mit sehr starker Drehung in den Raum. Auch zielstrebige, unternehmerische Dribblings in passive Staffelungen hinein gelangen nun besser. Das waren häufig eher Kleinigkeiten, aber in den Folgewirkungen verstärkten sie sich teilweise gegenseitig und zwangen den Gegner immer mehr zum Hinterherlaufen. Nach dem zweiten Treffer der Niederländer sollte sich ein ähnlicher Effekt erneut einstellen, nun in noch deutlicherer Manier.

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Oranje fokussiert Robben und die rechte Seite in Halbzeit zwei: Kuyt unterstützt nun sehr präsent, Sneijder lauert häufiger halblinks im Rückraum

Klarer Rechtfokus auf Robben

Eine weitere große Veränderung, mit der Oranje nach der Halbzeitpause in die Partie zurückgekehrt war, betraf ihre Angriffe über rechts. Diese wurden nun zum einen quantitativ fokussiert: Fast alles lief nur noch über diese Route, die linke Seite wurde endgültig Durchlaufzone. Zum anderen passte van Maarwijk die methodische Umsetzung an: Robben erhielt mehr Unterstützung durch weitere Offensivspieler, zumeist den weit herüber rochierenden Kuyt, so dass sich potentiell bessere Überladungsversuche ergeben konnten. Als Strippenzieher dribbelte der Bayernstar an, van der Weil bearbeitete den Flügel, Kuyt pendelte als Ablagestation zwischen den brasilianischen Mittelfeldspielern und van Persie suchte ballnah nun stärker die Schnittstellen.

Für Sneijder blieb zumeist eine weniger präsente, ausgleichende Rolle. Der torgefährliche Spielmacher besetzte die Zonen halblinks und lauerte auf Querlagen neben die zweite gegnerische Reihe, um aus dem Rückraum gefährlich zu werden. Ging er ganz nah an die letzte Linie, verfolgte Gilberto Silva optional mannorientiert. Im Übrigen rückte dahinter van Bronckhorst nicht allzu weit auf, sondern fokussierte sich auf den tiefen Halbraum. Bei diesem starken Rechtsfokus der Elftal hielt also nun kein Spieler konstant die Breite auf der ballfernen Seite, um sich für Verlagerungen anzubieten – angesichts ihrer eigentlich weiträumigen Art etwas überraschend. Nur im Einzelfall sorgte Kuyt für Ausnahmen, wenn Sneijder dessen Rolle übernahm.

Pressingbalance geht verloren…

An dieser Stelle machten die Brasilianer gegen den Rechtsfokus einen kleinen strategischen Fehler, der sich letztlich auch auswirken sollte. Sie verteidigten in den ersten Linien zu herausrückend und ließen sich gelegentlich von niederländischen Rückpässen zu häufig zu nachrückenden Aktionen verleiten. Das brachte einige gute Momente, aber insgesamt wäre es wohl günstiger gewesen, konstanter auf die Kompaktheit nach hinten als den Zugriff nach vorne bedacht zu sein. Insgesamt waren viele Staffelungen noch ausgewogen und auch bei Verlagerungen nach rechts passten sie sich gut an. Abgesehen von einzelnen Szenen, in denen Robinho mit Lupferpässen auf van der Weil sehr klar überspielt wurde, gab es diesbezüglich noch keine Probleme.

Aber Intensität und Konsequenz ließen nach: Die Abstände in der Vertikalen wurden größer, die Abwehrreihe ließ sich etwas zu früh zurückfallen. Das erleichterte Oranje das Aufrücken nach vorne. Bei Dungas Mannen waren passives Zurückweichen, Verteidigung im letzten Drittel und reaktive Neu-Staffelungen einkalkulierte Systematik. Bei nachlassender Kohärenz zwischen den Linien und einzelnen überambitionierten Herausrückbewegungen mussten sie aber unnötige, aufwändige Wege machen. Rechts presste Daniel Alves teils aufgedreht diagonal auf die Innenverteidiger oder den Keeper, was aber letztlich eher die Sicherung seiner Seite schwächte. Beispielhaft wurde hier deutlich, dass die Niederländer so einfacher zirkulieren, den Ball laufen lassen und entsprechend zu Offensivpräsenz kommen konnten.

Je häufiger Robben und Co. letztlich vorne waren, umso höher wurde die Wahrscheinlichkeit, dass eine Aktion durchrutschte oder Zufälle Einfluss nahmen. Im Grunde genommen passierte genau das: Die Niederländer kamen schnell nach rechts, hatten dort Präsenz – und sammelten zumindest Standards. Ein schnell ausgeführter Freistoß, eine schnell ausgeführte Ecke: Das reichte, und schon war der Spielstand auf 2:1 gedreht. Genau das hatte van Maarwijks Team auch tatsächlich gebraucht, denn aus dem Spiel kam trotz klar verbesserter Struktur und einigen Ansätzen weiterhin kaum etwas durch, was in qualitativ hochwertigen Torchancen geendet hätte.

…aber tiefe Stabilität bleibt

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Die niederländischen Rechtsüberladungen und Brasiliens tiefe Verteidigung in Durchgang zwei

Im zweiten Drittel hatte Brasilien gegen den Ball nun Probleme. Aber wenn die Niederländer vorne angekommen waren und ihre Rechtsüberladungen starteten, war ihre Defensivarbeit und Rückzugsbewegung sehr stark: Die Sechser schoben kompakt und aufmerksam aus dem Zentrum mit herüber. Felipe Melo versuchte die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger im Deckungsschatten zu halten, während Gilberto Silva darauf achtete, dass die Staffelungen nicht zu flach wurden. Als Ergänzung konnte sich Daniel Alves neben die beiden in eine Dreierreihe einsortieren, häufiger driftete er aber anpassungsfähig um diese Grundstruktur herum. Typisches Muster war weiterhin die Pressingbewegung aus dem rechten Halbraum ins Zentrum hinein, jeweils gegen die Passrichtung.

Wenn dann wieder auf den bevorzugten niederländischen Flügel verlagert wurde, setzte der Barca-Akteur nun häufig das Pressing fort – bis ganz auf die andere Seite. So gab es also Szenen, in denen der halbrechte Hybridspieler an der linken Außenlinie den Ballführenden anlief oder mit dem Linksverteidiger gegen Robben doppelte. Für Kaká und den insgesamt in Halbzeit zwei nachlassenden Robinho war das eine willkommene Entlastung. Beide formierten sich anpassungsfähig um diese Staffelungen herum und schalteten sich gelegentlich in passenden Momenten mehr ein. Auch wenn van Persie zwei, drei Mal aus der Schnittstelle fast zum Durchbruch kam und erst spät von der Endverteidigung um Juan gestoppt werden konnte, wäre es ohne die zwei – in ihrer Entstehung jeweils unglücklichen – Standard-Treffer wohl nicht zu einer Führung für die Niederländer gekommen.

Früheres Pressing verpufft Richtung Flügel

Kurioserweise führte der Versuch der Niederländer, aggressiver und herausrückender zu pressen, nicht zu mehr Hektik im Vorwärtsspiel des Gegners. Vielmehr schienen die kontrollierten Aufbausituationen quantitativ zuzunehmen. Ein Faktor dafür war natürlich, dass der Ausgleich vergleichsweise früh im zweiten Durchgang fiel und die Intensität unter diesen Vorzeichen nicht mehr so konsequent durchgezogen wurde, wie es wohl ursprünglich geplant war. Teilweise schienen sogar strategische Unsicherheiten zwischen den Niederländern zu bestehen, wie weit man jeweils herausrücken sollte, und den Brasilianern so in die Karten zu spielen.

Zum anderen hatte die Umstellung nun auch nicht auf ein Angriffspressing abgezielt, sondern „nur“ auf eine etwas höhere Interpretation des Mittelfeldpressings mit stärkerem Herausrücken. Statt nachschiebender Bewegungen van Bommels in ein eher tiefes 4-1-4-1 bewegte sich nun Sneijder aus seiner zurückhaltenden Position in 4-4-2-Staffelungen nach vorne, ohne aber die brasilianischen Innenverteidiger durchgehend zuzustellen. Diese waren zwar früher bedrängt, andererseits ging durch die formative Umstellung die Keilwirkung der versetzten Positionierungen von Mittelstürmer und Zehner verloren.

Statt dem Gegner über Präsenz und die ballnahen Staffelungen die Optionen zu verschließen, funktionierte das Pressing mit zwei Spielern in vorderster Linie eher über Intensität und die Dynamik des (angedeuteten) Anlaufens. Es gelang den Niederländern auch, direkte Zentrumspässe zu versperren und fast durchgehend Eröffnungen der Brasilianer nach außen zu provozieren. Einerseits fiel aber die eindeutig nach rechts leitende Wirkung weg, andererseits entstanden aus der symmetrischeren Defensivstaffelung am Flügel Szenen, in denen man nicht schon kompakt zugeschoben stand, sondern erst erneut ins Pressing übergehen musste.

Waren Lúcio und Juan zu den seitlichen Pässen gezwungen, erschwerte die mannorientierte Organisation den Niederländern jedoch eben dieses Nachschieben dorthin. Hinter dem herausrückenden Flügelstürmer konnte der Raum nicht so verdichtet werden, weil man sich an den jeweiligen Staffelungen der Szene orientierte – so dass das Ganze mal mehr, mal weniger gut funktionierte. Wenn die brasilianischen Außenverteidiger den Ball erhielten und dann angelaufen wurden, hatten sie in der Regel noch kurz Zeit, um zwischen Gegenspieler und dem ballnahen Stürmer zurück ins Zentrum zu spielen oder sich mit einem Dribbling zu lösen.

Links ging Robben zwar ohnehin nicht so konsequent ins Pressing, durch die nahe Positionierung von Felipe Melo in der Nähe von Bastos lohnte es sich aber auch nicht, dort aggressiv Druck zu machen versuchen ohne feste Unterstützung hinter sich zu haben. Von daher musste Brasilien in erster Instanz zwar oft nach außen spielen, konnte dort aber die Bälle häufig gut sichern und die Niederländer etwas zurückdrängen. So durften sie dann auf einen 4-4-Block oder ein 4-4-1 anspielen. Nun kam die halblinke Seite daher wieder häufiger ins Spiel und mit ihr die einleitende Einbindung für Felipe Melo.

Brasiliens Offensivrückkehr durch den rechten Halbraum

Diesen grundsätzlichen Fokus auf halblinks ergänzte Gilberto Silva, der als zweiter Teil der Doppel-Sechs weit mit herüberschob. Dadurch wurde nun auch vermehrt Sneijder aus seinem halblinken Grundraum hinausgezogen. Das war ein Mitgrund dafür, warum die Angriffe der Selecao im weiteren Verlauf seltener durch das Ausspielen über den Bereich vor Felipe Melo funktionierten, sondern stärker über Halbraumverlagerungen. Halblinks hatte man schließlich teilweise das komplette niederländische Mittelfeld in engen Abständen vor der Brust. Zudem taten sich im zweiten Durchgang in diesen Zonen bei Robinho Schwierigkeiten mit der Positionsfindung auf.

Von halblinks zum mannorientierten Zurückfallen Kuyts am gegenüberliegenden Flügel wiederum gab es einen offenen Kanal, aus dem Sneijder entweder herausgezogen wurde oder der sich in seinem Rücken öffnete. In diese Räume tendierte Brasiliens Spiel häufiger hinein, etwa über Daniel Alves. Wie sich zum Ende des ersten Durchgangs schon angedeutet hatte, suchte nun auch Kaká mehr Rochaden bis nach rechts. Teilweise bewegte er sich dort zunächst in 4-3-3-artige Staffelungen, um van Bronckhorst und dessen Herausrücken zu binden, dann vom Flügel diagonal Richtung Zwischenlinienraum einzurücken und längere Verlagerungen oder Pässe der Innenverteidiger für Daniel Alves zurück ins Mittelfeld abtropfen zu lassen.

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Ausweichendes Raumschaffen von Daniel Alves für Maicon. Luís Fabiano fällt zurück, um selbst anspielbar zu werden oder die Sechser zu beschäftigen.

Nicht nur dieser Mechanismus war aber ein Beispiel für eine anspruchsvolle Umsetzung. Bei den Einbindungen Kakás zu jener Seite hin gab es kleinere Balanceprobleme, was seine Beteiligung im Zentrum betraf. In diesem Kontext tiefer Verlagerungen nach rechts bzw. halbrechts wurde schließlich Maicon immer wichtiger und fast schon zu dem Schlüsselspieler Brasiliens in Halbzeit zwei. Der wuchtige Defensivathlet kurbelte nun aggressiv diagonale Dribblings in den Halbraum an. Im Gegenzug besetzte Daniel Alves vor ihm häufiger mal den Flügel, um die niederländische Abwehrkette zu strecken.

Maicon fand bei diesen Aktionen ein gutes Timing für Zuspiele in die Mitte. Mehrmals verzögerte er geschickt, bis sich zwischen den verschiedenen Mannorientierungen eine Lücke öffnete. So erhielt Kaká nach Querpässen einige gefährliche Szenen mittig im Rückraum – sein nomineller Bewacher de Jong wurde gegen die Vorbereitung im Halbraum gebunden. Wie auch bei den Verlagerungen waren zudem mehrere Vorwärtspässe durch den Kanal halbrechts auf Luís Fabiano dabei, der Ooijer herauszulocken und dann wieder abzulegen versuchte. Zumindest diese Zuspiele auf den Mittelstürmer wurden, wie schon vor der Pause, jedoch etwas zu früh gespielt, so dass die Anschlussaktion noch schwierig war. Dennoch: Gerade in der Phase zwischen den niederländischen Toren kamen die Brasilianer ihrerseits wieder vermehrt zu guten Offensivmomenten.

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Maicon dribbelt nach innen: van Bronckhorst (zuvor sehr deutliche Orientierung am Gegenspieler) muss den Rechtsverteidiger aufnehmen, van Bommel rückt daher gegen Daniel Alves heraus. So erhält Kaká Freiheiten für den Querpass, den Maicon gut abwartet. Der Rechtsverteidiger schaltet sich im weiteren Verlauf halblinks nochmals mit ein, die Kombination mit Kaká und Robinho bleibt aber knapp hängen.

Mit nur zehn Mann auf der Suche nach dem Ausgleich

Indes, den Treffer markierte Sneijder per Kopfball. Genau in diese kritische Phase kurz nach dem Rückstand hinein, die Besonnenheit verlangte, ließ sich Felipe Melo gegen Robben zu einem Nachtreten hinreißen und flog vom Platz. Die Suche nach dem rettenden Ausgleich in Unterzahl und unter Zeitdruck gingen die Brasilianer mit einer Mischung aus 4-2-3-0 und 4-3-2 an: Daniel Alves agierte grundsätzlich als Partner Gilberto Silvas vor der Abwehr, Kaká pendelnde zwischen Angriffszonen und Achterräumen halblinks, der für Luís Fabiano eingewechselte Movement-Stürmer Nilmar driftete halbrechts offensiv durch die Gegend.

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Formationen in der Schlussviertelstunde

Insgesamt sah das immer noch ganz gut aus, aber gerade der Rhythmus sollte zu einem Problem werden. Gegen die typischen Angriffe über Robbens Flügel war Brasiliens Defensivabteilung nun naturgemäß etwas offener, konnte über die Endverteidigung und überraschendes Rückwärtspressing – Kaká etwa vereinzelt mit unorthodox umlaufendem Attackieren – aber noch halbwegs stabil bleiben. Als schwerwiegend erwies sich vor allem, dass die Brasilianer zunehmend hektisch agierten und überfrüht den Weg in die Spitze forcierten. So spielten sie viele unpassende lange Bälle, worunter eher die vertikale Kohärenz litt, und wurden unstrukturierter.

Im letzten Drittel wiederum starteten sie etwas zu aktionistisch ausweichende Bewegungen, anstatt auch nochmals kurz die Dynamik einer Szene abzuwarten. Für die Niederländer war das 10gegen11 wiederum eine angenehme Grundkonstellation. Sie konnten sich primär auf ihren hinteren 4-2-Block konzentrieren, einzelne Spieler davon durften situative – aufgrund der ungleichen Verteilungen nun keine dauerhaften – Mannorientierungen aufnehmen und es verblieben dann noch genug absichernde Kräfte. Im defensiven Mittelfeld gab es also oft Überzahl gegen Kakás Versuche und die Stürmer konnten sie mit einer kompletten Viererkette verteidigen, die sich nun zumal horizontal enger auf die Kohärenz der eigenen Linie als auf bestimmte Deckungen konzentrierte.

Gegen den stärker werdenden Maicon stand ohnehin schon der defensivere Flügelstürmer – Kuyt zog sich einfach diszipliniert zurück. Währenddessen durfte Robben in der Überzahlsituation häufiger zocken und sorgte dabei für wertvolle Entlastung und Ballsicherungen aus dem Umschaltmoment heraus. Im Übrigen brachten Konter auf der anderen Seite die gefährlichsten Szenen der Brasilianer, da die Niederländer mit einem Mann mehr ihre typischen Rechtsangriffe auch in Führung einfach ähnlich weiterführten wie zuvor. Diese sahen nun wirksamer aus und schufen über kleine Doppelpässe o.ä. oft lokalen Raumgewinn, so dass der Gegner viel zum Hinterherlaufen gezwungen war.

Gefährliche Chancen zum 3:1 ergaben sich eher sporadisch. Vielversprechend waren Querpässe ins Zentrum, wo das Herausrücken der brasilianischen Innenverteidiger – insbesondere Lúcios – einige Male gut bespielt wurde. So entstand die größte Chance der Schlussphase, eine Doppelgelegenheit für van Persie und Sneijder. Andererseits gelangen den Brasilianern einige gute Ballgewinne – und dann ging es schnell in die andere Richtung. Vorteilhaft war hier, dass mit Robinho und Kaká die beiden primären Umschaltakteure halblinks agierten und daher nach den Balleroberungen gegen die Robben-Seite umgehend in der Nähe waren. Letztlich reichte es in der hektischen Schlussphase aber nicht mehr zum Ausgleich – plötzlich war Dungas Team ausgeschieden.

Nachwort

Ihnen bleibt die Schlussrede vorbehalten: Für die Brasilianer war es eine unnötig selbstverschuldete, aber auch unglückliche Niederlage. Eigentlich hatten sie aus dem Spiel heraus kaum etwas gegen Robben und Co. zugelassen, trotz zwischenzeitlich zerfahrener Phasen mit dem Ball ansehnliche, wenngleich oft unvollendete Momente gehabt. Gerade in dieser Hinsicht war dies nicht ihre beste Begegnung und kostete letztlich das Weiterkommen, das bei Halbzeit fast schon ausgemacht schien. Ein WM-Finale 2010 zwischen Spanien und Brasilien hätte eine sehr interessante und reizvolle Angelegenheit werden können. So sehr Iniesta, Busquets und Co. ihren Pokal natürlich verdient haben, so sehr wäre ebenso diese Seleção von Dunga ein würdiger Titelträger gewesen (ohne dadurch die Leistung dieser Niederländer unter van Maarwijk schmälern zu wollen). Selbst mit der Trophäe wären sie aber ein unterschätztes Team geblieben.

Peda 13. Dezember 2016 um 14:27

Ich weiß nicht warum, aber das war eine der seltenen Partien, in denen ich mir den Spielverlauf genau so erwartet habe: die Brasilianer taktisch sehr ausgereift und interessant, aber letztendlich psychisch etwas labil, die Leistung und Konsequenz zu sehr vom Spielverlauf abhängig. Die Niederländer dagegen insgesamt etwas mechanisch bis plump in der Spielanlage, aber stark erzwingend in der Umsetzung.

Dunga-Raute gegen 4-2-Hollywood, ich muss mir das wieder einmal anschauen. 🙂

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blub 12. Dezember 2016 um 20:20

Tolle Analyse eines tollen Spiels.

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