Donnerstag, 27.07.2017

Türchen 4: Real Madrid – Barcelona 1988

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Bei völlig unterschiedlichen Ausgangslagen und mit taktisch klar unterschiedlichen Herangehensweisen trafen sich die zwei großen spanischen Rivalen in einem Clásico, der mal kein Spitzentreffen, aber doch ein Topspiel war.

Der Clásico, der kein Spitzenspiel war

La Liga, 02.01.1988

Es gab sicherlich spektakulärere, umstrittenere Clásicos, die mehr diskutiert waren und stärker – als besondere Erzählung im Fußballgedächtnis – herausgehoben stehen. Demgegenüber ging es in diesem Duell Ende der 80er-Jahre vergleichsweise ruhig zu. Aber ein Clásico gehört eigentlich immer zu den großen Spielen. Gerade  die Andersartigkeit, die Kontrastbilder zur heutigen Situation zwischen den spanischen Giganten macht dieses Match wiederum interessant, auch im taktischen Sinne.

Die beiden Teams starteten mit gänzlich unterschiedlichen Ausgangslagen ins Jahr 1988. Auf der einen Seite hatte Real Madrid in der Hoch-Zeit der „quinta del buitre“ schon wieder einsam die Tabellenführung inne und bewegte sich unaufhaltsam auf den dritten von fünf Meisterschaften in Folge zu – bis heute Rekord in La Liga. In jener Hinsicht war Barca damals kein Konkurrent, lag nicht einmal auf einem einstelligen Tabellenrang. Diese enttäuschende Saison sollte letztlich dafür sorgen, dass Johann Cruijff zu den Katalanen zurückkehrte – als Trainer.

akalender-2016-real-barca-88Trotz der so unterschiedlichen Saisonverläufe – im direkten Duell blieb das in seiner Offensivpower viel inkonstantere Team von Trainer Luis Aragonés ein quasi ebenbürtiger Gegner. Gegenüber sahen sich die Madrilenen zu einigen Umstellungen gezwungen, da mit Sanchís und Gallego ihre zwei wohl entscheidenden Defensivakteure im Clásico fehlten. Die Folge war eine ungewöhnliche Besetzung: Beispielsweise wurde Míchel, sonst in sehr allroundhaften und häufig nach außen pendelnden Mittelfeldrollen eingesetzt, als Libero aufgeboten.

Beenhakkers Interpretation des 3-3-1-3

Unter Trainer Leo Beenhakker spielten die Madrilenen eine 3-3-1-3- bzw. hier eher 3-1-3-3-hafte Formation, wie sie zur damaligen Zeit in der „niederländischen Schule“ verbreitet war. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch vom „Cruijff-System“ gesprochen, der defensivste Mittelfeldspieler war der „freie Mann“ – oder modern auch: Switch-Spieler – als Pendler zwischen Sechserposition und Innenverteidigung. Solche Rückzugsbewegungen in eine Viererkette gab es in diesem Spiel jedoch selten.

Überhaupt ist die Bezeichnung „Cruijff-System zunächst einmal eine gute Hilfe zur groben Darstellung der Ausrichtung Reals in dieser Begegnung. Jedoch zeigte die Interpretation Beenhakkers auch einige Unterschiede zu den „klassischen“ Varianten von Cruijff und van Gaal. Eine betraf die Außenpositionen im Mittelfeld: Seedorf und Davids bei Ajax 1995 übernahmen zwar Manndeckungen nach außen, aber agierten zumindest mit Ball klar als Halbspieler. Auch Cruijffs Barca hatte trotz verstärkter Asymmetrien zwischen den Flügelstürmern eigentlich fast immer zwei Achter dabei. Dagegen agierten hier Martín Vázquez und vor allem Gordillo breiter, eher wie Wing-Backs.

Beim zweiten Punkt geht es um die drei Angreifer, insbesondere die äußeren Akteure. Hier setzte Beenhakker weniger auf klare Dribbler, sondern kombinierte den in den Strafraum ziehenden Butragueño mit einer seltsamen, allround-artigen Rolle. In dieser Begegnung wurde diese von Paco Llorente ausgefüllt, der sich quasi überall herumtrieb und häufig ins Mittelfeld zurückfiel. So konnte man hinsichtlich der Rollenverteilung durchaus von einem Sturmduo bei den Madrilenen sprechen. Die Umsetzung dessen in der konkreten Spielweise und die grundsätzlich eher breiten Mittelfeldspieler sorgten für eine teilweise etwas wirre Ausführung des Systems.

Unfokussiertes Barca mit personalem Aufbauspiel

Diese Weiträumigkeit und die offensive Ausrichtung des positionellen Grundgerüsts machten die Hausherren zum dominanteren, präsenteren Team. Dagegen präsentierte sich das Spiel mit Ball bei den Katalanen als eher unfokussiert. In einer 4-4-2-artigen Ausrichtung – mit punktuell weitem Aufrücken eines Sechsers – spielten Schuster und Roberto als zentrale Aufbauakteure. Diese beiden hatten viel Präsenz, durften sich frei positionieren und gestaltend kreativ agieren. Ihre umliegenden Kollegen blieben zurückhaltend in anpassender Rolle und überließen den Mittelfeldmannen fast sämtliche attackierende Aktionen im Vorwärtsspiel: eher personal organisierte Aufbauarbeit.

Teilweise fiel Schuster halblinks ganz weit mit nach hinten zurück und versuchte praktisch aus der linken Innenverteidigerposition das Spiel zu organisieren. Dass sich die Spielmacher häufig schon in sehr tiefen Positionen die Bälle abholten, führte in der Konsequenz dazu, dass die Gäste auch mit vielen längeren Zuspielen dieser Akteure den Weg in die Offensive suchten. Abnehmer waren dort hauptsächlich die beiden Stürmer: Lobo Carrasco, der ohnehin wild durch die Räume pendelte, und Gary Lineker, der sich immer wieder nach außen Richtung Flügel absetzte – vor allem nach links.

In der niederländischen Systematik jener Jahre hatten die äußeren Verteidiger Manndeckungsaufgaben gegen das gegnerische Sturmduo – so auch hier bei Beenhakkers Real mit Chendo und Camacho gegen Barcas Angreifer. Die vielen langen Diagonalbälle auf Carrasco und Lineker in seitliche Ausweichräume neben der Dreierkette deuteten Gefahr an, wenn der entsprechende Außenspieler des Mittelfelds schnell als Rückpassoption in den Halbraum nachrückte. Links bewegte sich Víctor Muñoz ausgewogen und geschickt, ließ Julio Alberto breit aufrücken und vorderlief dann wieder. So gab es einzelne Chancen nach Hereingaben, vor allem wenn ein Sechser noch als Abnehmer mit in den Sechzehner nachrückte.

Zu wenig Präsenz gegen Manndeckungshandling

Alles in allem mangelte es Barcelona aber an ausreichender Offensivpräsenz. Jenes Nachrücken des Mittelfelds in die vorderen Räume fand insgesamt eher vorsichtig und inkonstant statt. Durch ihre primär – und gegen die Mannorientierung auch notwendig – ausweichende Ausrichtung fand das Sturmduo untereinander zudem selten ins Zusammenspiel. Darüber hinaus überzeugten die Madrilenen mit der Ausführung ihrer Mannorientierungen, die grundsätzlich über den gesamten Platz gespielt wurden. So orientierte sich Jankovic häufig am aufbauenden Schuster, Maqueda dann deutlich tiefer gegen das Aufrücken Robertos.

Bei sehr weiten Herauskippbewegungen wurde der entsprechende Barca-Sechser jedoch vom Außenstürmer der „Königlichen“ angelaufen. Auch verfolgten sie Lineker und Lobo Carrasco nicht zu weit ins Mittelfeld. Mit aufrückenden Läufen von Moratalla in Lücken zwischen den Zuordnungen kamen die Gäste zwischendurch mal dynamisch nach vorne, wenngleich sie sich dann zu häufig in schnellen, eher simplen Doppelpässen zwischen Außenverteidiger und -mittelfeldspieler festliefen. Beim Rückzug ins Abwehrdrittel verhielten sich die Madrilenen ebenfalls geschickt und ließen sich von ihren Zuordnungen nicht zu flach in die Abwehrkette drücken.

Eine Ausnahme entstand höchstens durch die äußeren Mittelfeldspieler Martín Vázquez und Gordillo, die dann aber für gewöhnlich sich sauber in die entstehenden Fünferketten eingliederten. Ansonsten brachen gerade die zentralen Akteure mannorientiertes Verfolgen häufig im richtigen Moment ab und rückten dann außerdem sofort wieder auf den Ball heraus. So konnte man Versuche Barcelonas, mit einzelnen Läufen aus der Tiefe die Mannorientierungen zu bespielen, sehr effektiv in plötzlichen Überzahlen begegnen und präsent zuschieben. Ergänzt wurde das punktuell durch gute Rückwärtspressingaktionen der vorderen Spieler, in erster Linie in Person von Hugo Sánchez.

Katalanisches Abwehrpressing dominiert

Das Barca jener Jahre war – trotz Lineker und Schuster ohne die ganz großen Superstars – kein allzu dominantes Ballbesitzteam, auch nicht von einem dynamischen Angriffstrio getragen. Ihr Prunkstück lag 1988 vielmehr in einer disziplinierten und recht sauberen Interpretation der 4-4-2/4-4-1-1-Defensivformation, so atypisch dieses Barca-Bild aus heutiger Sicht sein mag. Gerade die nominellen Flügelspieler zogen sich kompakt an den Block zurück und doppelten nahe an der Abwehrlinie. Die zwei Viererketten bewegten sich schon in einem recht modernen Sinne im Raum und stellten ein phasenweise eindrucksvolles Abwehrpressing her.

Etwas aus der Reihe fielen in dieser aufgereihten Sauberkeit die beiden Sechser, die sich in ihrer Positionsfindung und Staffelung zueinander gewisse Freiheiten nehmen konnten. Gelegentlich wurde Schusters Position gegen den Ball vom arbeitsamen Víctor Muñoz übernommen. Ergaben sich trotzdem mal größere und potentiell gravierende Räume, füllte einer der Innenverteidiger die Lücken auf. Den Zwischenraum in der letzten Linie versuchten sie dann per Deckungsschatten abzusperren und so für die kurze Übergangsphase des Herausrückens unbespielbar zu machen.

Dagegen konnten die Madrilenen – primär als torhungrige Offensivwalze bekannt – ihre schnellen, ruckartigen Vertikalkombinationen durchs Zentrum nicht so gut einbringen. In der ungewohnten Besetzung mit ihren Folgewirkungen fehlte es den Haupstädtern an der Abstimmung. Zum einen gab es im höheren zweiten Drittel zu viele Phasen, in denen sich die Stürmer außerhalb der kompakten Formation den Ball abholen und dann von außen Dribblings oder entscheidende Aktionen starten wollten. Teilweise kamen jene ausweichend-ballfordernden Freilaufbewegungen von mehreren Spielern gleichzeitig. Hatten sich die Katalanen erst einmal ins eigene Drittel zurückgezogen, bot ihre Kompaktheit nur wenige Nachlässigkeiten.

„Hau-Drauf-Kombinations“-Mentalität bei den Madrilenen

Zum anderen gab es Szenen, in denen der Weg in den Block gesucht wurde, aber nicht zum Erfolg fand. Beim Übergang in vordere Bereiche war der Beginn vieler Angriffe eigentlich noch vielversprechend für Real. In diesen Phasen besetzten sie mit verschiedenen Spielern die zentralen Zwischenräume recht präsent. Bei den Gästen standen in diesen ersten Momenten die beiden Mittelfeldspieler oft voreinander gestaffelt in losen Mannorientierungen gegen Maqueda und Jankovic. So ergab sich zu den äußeren Mittelfeldakteuren bisweilen eine etwas größere Lücke, in die sich ein Real-Stürmer fallen lassen und nach erfolgten Zuspielen losdribbeln konnte.

Vor allem Paco Llorente tat sich hier hervor, vereinzelt geschah dies auch in Person von Martín Vázquez oder gar Jankovic selbst. Allerdings scheiterten die Gastgeber mehrmals an mangelndem Gefühl beim Timing der Pässe. Aus den Halbpositionen – durch die Verteidiger, teilweise auch durch die vereinzelt kurz einrückenden äußeren Mittelfeldspieler – hämmerten sie förmlich anspruchsvolle Vertikalzuspiele in die Zwischenräume. Die Grundstrukturen waren prinzipiell also sehr gut, deren Nutzung lief nur unkontrolliert ab. Auch die vielen aggressiven Vorwärtsdribblings zwischen den Barca-Stürmern hindurch trugen dazu bei, dass viele der Ansätze letztlich sehr instabil waren und schnell scheiterten oder unterbrochen wurden.

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Hypothetische Beispielsituation für Reals schnelles, ruckartiges Vertikalspiel in Zwischenräume hinein, hier in den besser getimten Szenarien. Man sieht aber auch, wie unangenehm es gegen Barcas 4-4-2 weiterhin bleibt, etwa wegen Urbanos Einrücken. Paco Llorente oder Jankovic konnten sich anbieten, Hugo Sánchez eventuell Roberto beschäftigen und den Passweg vergrößern. Bei erfolgreichen Zuspielen auf Jankovic gegen Urbano waren beispielsweise nach dem ersten Abschirmen mehrmals kurze Querpässe auf einen Außenstürmer, hier Butragueno, zu sehen.

Diese generell eher ungeduldige Vorwärtsausrichtung sorgte auch für viele schnelle, längere Pässe hinter die Abwehr auf einen der Flügelspieler. Darauf antwortete der Gast mit einer gut einstudierten Abseitsfalle. Wenn die Madrilenen aus den Zwischenräumen heraus schnell wieder nach außen – insbesondere auf den die Seite konstanter besetzenden Gordillo links – verlagern wollten, fing die starke Rückzugsbewegung Barcas diese überlaufenden Aktionen häufig auf. Gerade am Flügel rückten die Katalanen schnell und geordnet nach hinten zurück, da sich Urbano und Víctor Muñoz in dieser Hinsicht sehr diszipliniert und aufmerksam zeigten.

Real Madrid und das Erzwingen

Erst im weiteren Verlauf gelang es den Madrilenen, ihre flügelverteidigerartigen Akteure effektiver zu nutzen. Alle ihre Aufbauaktionen fanden aus einer eigentlich hohen Präsenz im Sechserraum statt – mit den drei hinteren Verteidigern, dazu Maqueda und situativ unterstützenden Kräften. Die in der ersten Linie eher breite Position der Barca-Stürmer erlaubte ihnen Aufrückräume im Zentrum. Da sich die Katalanen so sehr auf ihre hintere und für Real sehr unangenehme Kompaktheit fokussierten, wurde aber auch der Abstand zu jenen Angreifern sehr groß.

Zwar agierten die Teams in der damaligen Zeit generell gestreckter zwischen den Mannschaftsteilen als heute, aber gerade vor diesem Hintergrund fiel eine vergleichsweise enge, „moderne“ Kompaktheit von Verteidigung zu Mittelfeld im Abwehrpressing noch stärker ins Gewicht. Das nutzten die Madrilenen: Sie eröffneten gezielter diagonal auf Vázquez und Gordillo nach außen, um dann gegen die sich verengende Rückzugsbewegung der Barca-Ketten ins zentrale Mittelfeld zurückzulegen. So schufen sie sich hinter den katalanischen Stürmern Raum, um das Spiel zunehmend zu kontrollieren und die Gäste zurückzudrängen.

In der Folge konnten sie Barca häufiger in tiefe, strafraumnahe Szenen zwingen und dort einfach über konstante Aktivität schon für eine gewisse Grundunruhe sorgen. Zusätzlich schienen sie gegenläufige Diagonalbewegungen von und zum Sechzehnereck als konkretes Mittel zu forcieren. Der hintere Barca-Block verlor ein Stückchen an Souveränität und wurde, so wirkte es, anfälliger für Fehler. Passenderweise fiel das 1:0 per Elfmeter, provoziert aus einer wühlenden Situation. Für eine solche Vorgehensweise waren die Rochaden von Hugo Sánchez und Butragueño sowie vor allem die wirre, unsaubere Spielweise von Paco Llorente gut geeignet.

Letzterer, quasi ein Athletik-Kombinationsspieler, lief fast überall herum und wusste unangenehme Hektik zu provozieren. Als Spielertyp war er durchaus ein Sinnbild des Stils, den sein Team in dieser Partie an den Tag legte. Einerseits fehlte die letzte Sauberkeit für zuverlässige Konstanz in der Offensive, andererseits war man imstande, Gefahr zu erzwingen. Real konnte den gegnerischen Block entweder beschäftigen, aber auch – wie beim 2:1-Siegtor – über raumgreifendes Spiel zurechtlegen und dann überspielen: Nach einer Verlagerung fand Barca – zumal Urbano für Schuster das Zentrum übernommen hatte und nach riskantem Herausrücken außen fehlte – keinen Zugriff auf Gordillo. So hatte dieser Zeit für den langen Diagonalpass vom Flügel hinter die Abwehr auf Hugo Sánchez.

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