Unsaubere Überlegenheit im besonderen 4-3-3

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Breite und tiefe Achter, viel engere Flügelstürmer – so bauten die Bayern häufig auf. Mit zwei verschiedenen Defensivanordnungen stemmte sich Hertha tapfer gegen die Übermacht, ohne aber darauf Zugriff zu bekommen. Bayern dominierte und konnte später vor allem über Thiago von außen die Reihen der Hauptstädter aufreißen.

Große Experimente hat Carlo Ancelotti bei den Bayern bisher nicht vorgenommen: Fast durchweg setzt der neue Coach auf eine 4-3-3-artige – anfangs noch etwas stärker asymmetrische – Formation. In dieser Begegnung gegen die Hertha wurde die derzeitige Besonderheit in der Rollenverteilung besonders deutlich: Die beiden Achter agierten häufig sehr breit und im Spielaufbau zurückgezogen, die nominellen Flügelstürmer rückten dafür weit in die Mitte ein. Dafür bewegten sich Lahm und Alaba teilweise weit nach vorne.

Herthas 4-1-4-1-Plan zu Beginn

Der Plan, den die Berliner dagegen setzten, sah zunächst eine 4-1-4-1-Anordnung vor. Von den Achterpositionen – ungewöhnlich mit Mitchell Weiser und Neuzugang Allan besetzt – wollte man Zugriff auf die Münchener Aufbauakteure Vidal und Thiago erhalten, mit Ibisevic derweil den Raum Xabi Alonsos besetzen. Das funktionierte trotz einer noch etwas wilden Interpretation zumindest ordentlich. Insgesamt wirken die speziellen Münchener Achterrollen ambivalent, da sie teilweise zu tief agieren oder sich bei ihrer breiten Raunsuche nicht mehr adäquat von dort befreien können. Bei ausreichender Gesamtdominanz jedoch – wie sie hier gegen die zurückfallenden Berliner Flügel und in der Zirkulation gegen die alleinige Spitze gegeben war – ist es für den Gegner sehr unangenehm, wie gut die Achter mit Ball von außen wieder in die Mitte eindringen können.

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Bayerns Aufbau in der besonderen 4-3-3-Struktur und Herthas 4-1-4-1 in der Anfangsphase. Nach außen konnten die Achter ihren Deckungsschatten nicht immer sauber aufrechterhalten. Teilweise gab es für Müller und Ribéry Raum neben Lustenberger, Haraguchi war dagegen für Hertha wichtig.

Für die Herthaner Gegenspieler gab es daher lange Wege, einige Male ließen sie sich von der breiten Struktur der Bayern auch ballfern mannorientiert locken und dann horizontal etwas zu sehr auseinander ziehen. So konnten sie nicht alle Vorwärtspässe aus der tiefen Präsenz der Hausherren verhindern, mit denen das eng formierte Sturmtrio gesucht wurde. Diese fanden neben Lustenberger als verbleibendem Sechser auch einige Räume. Doch zumindest gegen die linke Seite des Rekordmeisters konnte das Einrücken des zurückgefallenen Haraguchi aus tiefer Position Ribéry oft noch – nicht unwesentlich – stören. Insgesamt hatte die Hertha zwar kaum Zugriff auf die Zirkulation der Bayern, die trotz Unsauberkeit viel Präsenz entfachte. Doch bis zu deren 1:0 ließen die Gäste trotz des Drucks gar nicht so viele Szenen zu – die Doppelchance ganz zu Beginn und eine Klärung auf der Linie nach einer Ecke.

Achter sprengen von außen die Linien auf

Trotzdem: Nach jenem Gegentor veränderte Pal Dardai umgehend die Defensivorganisation seiner Mannschaft. Fortan überwog bei der Hertha das 4-4-2/4-4-1-1, indem Weiser nach vorne neben Ibisevic rückte. Diese Umstellung brachte aber keine entscheidende Steigerung, die Hertha besser entlastet hätte. Vielmehr ließ sie die Münchener – ohne dass die Gastgeber aber eindeutig gefährlicher gewesen wären als zuvor – nun häufiger zuverlässig, überlegener und harmonischer in Strafraumnähe kommen. Bei der Hertha hielten sich die Sechser nun zumindest vertikal eher positionsorientiert zurück, während sich die Flügel noch klar an Lahm und Alaba – und damit nach hinten – orientierten.

Da auch die erste Pressinglinie der Gäste nicht besonders konsequent nach außen nachrückte, konnten Bayerns Achter die Bälle seitlich gefahrenlos an diesen vorbeitragen. Das Aufrücken der Außenverteidiger blockte ihnen den Raum und verhinderte ein Herausrücken von Esswein und Haraguchi, zudem standen Lahm und Alaba als kurze Anspiel- und Ablagestationen bereit. Gegen das 4-4-2/4-4-1-1 sprengten Bayerns breite Achter daher die Kompaktheit zwischen den ersten zwei Linien auf und konnten dann das Aufrücken einleiten. Gerade auf rechts agierte Thiago dabei sehr auffällig und brachte viel Kreativität in die Folgeaktionen ein. Beispielsweise startete er aus den geöffneten Zwischenräumen diagonale Dribblings auf die Mittelfeldreihe und setzte diese unter Druck.

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Nach Herthas Umstellung auf 4-4-2/4-4-1-1: Lahm und Alaba blocken die Räume für die Achter, die die erste Reihe problemlos „umlaufen“.

Wenn gleichzeitig noch Müllers Läufe die Aufmerksamkeit von Lustenberger fanden und diesen beschäftigten und wenn sich auch Lahm entsprechend anpassungsfähig einschaltete, gingen in diesem Bereich – nach weiterem Aufrücken – einige Lücken auf. Die Bayern drückten die Mittelfeldlinie von Herthas 4-4-2/4-4-1-1 also weit zurück und konnten dann von außen immer wieder gefährlich in den Rückraum zurückspielen. Zum Strafraum hin ließ sich teilweise Lewandowski im Halbraum tiefer fallen als Müller, der für ihn Raum blocken oder ablegen konnte. Die genauen Positionierungen der Bayern im Zwischenlinienraum schienen diesmal im Vergleich zu den letzten Spielen etwas stabiler und variantenreicher.

Ungefährdete Überlegenheit

Die Hertha zeigte sich insgesamt im kollektiven Verschieben in dieser Begegnung dagegen etwas inkonsequent – nicht so stark wie schon gesehen. Sie arbeiteten dort nicht immer besonders kohärent und intensiv. Das galt bezüglich des horizontalen Nachschiebens gerade für die erste Linie, teilweise auch im defensiven Mittelfeld. Gelegentlich gab es dort – wenn die Bayern nach außen zum mal tiefer positionierten Außenverteidiger zirkulierten – einige unpassende situative Mannorientierungen auf seitliche Freilaufbewegungen eines eingerückten Münchener Offensivspielers, die dann kleine Zentrumslücken für andere zuließen. Das erleichterte jenen dann die angesprochene Rückraumöffnung.

Auch wenn die Bayern auf diesem Wege viel Raum vor der Berliner Mittelfeldlinie vorfanden, bedeutete das noch keine klaren, sauberen Abschlusspositionen. Eindeutige Durchbrüche gab es zumindest nicht in immensem Ausmaß, Hertha hatte zumindest oft noch viele Spieler halbwegs in Ball- und Zugriffsnähe. Diagonale Pässe Thiagos konnten mal größere Freiräume erzeugen. Ansonsten mussten die Hausherren sich mit ihren eng agierenden Offensivspielern im Strafraum aber noch durchwühlen. Sie zeigten viele Ansätze und gingen durch die individuelle Aktion Ribérys auch in Führung, brachten aber noch nicht die letzte Vollendung in ihr Spiel. Umso mehr war trotz jener Unsauberkeit die druckvolle Dominanz entscheidendes Fundament für die klare Überlegenheit und den kaum gefährdeten Erfolg.

Versuchte Flügelverdichtung zu passiv

Nach im dichten Zentrum gewonnen Abprallern, gescheiterten Dribblingversuchen oder gescheiterten Aktionen eines zum Flügel gegangenen Achters zeigten die Gastgeber einige Male eine kluge Entscheidungsfindung, in der Anschlussaktion das Spiel per Flügelwechsel aggressiv wieder zu öffnen und Herthas etwas brüchige Formation aufzureiben. Mit diesen Verlagerungen – rechts einige Male auch auf Thiago – setzten die Bayern ihr Ballbesitzmonopol weiter durch. Die Münchener Außenverteidiger positionierten sich im Zuge ihres Aufrückens im Aufbau – mit den Achtern hinter sich war ein etwaiges Einrücken nicht vonnöten – seitlich zwischen den Berliner Ketten, etwa auf halber Höhe zwischen deren äußeren Akteuren.

Schon in den anfänglichen 4-1-4-1-Phasen war dies für die Gäste unangenehm. Auf der linken Defensivseite blieben sie häufig passiv, der vordere Spieler zog sich etwas zurück und so ließ man das Aufrücken gewähren. Gegenüber zeigte Pekarík aggressivere Herausrückbewegungen, wie überhaupt massive Ballungen von bis zu vier Leuten auf den Flügel von Ribéry und Alaba schoben. Allerdings fanden die Berliner kaum den gezielten Übergang zur Zugriffsfindung, so dass sich das Duo der Münchener mit kurzen Doppel- oder Diagonalpässen lösen konnte. Daher war diese in jenem Bereich fast schon etwas zu sehr fokussierte Flügelverteidigung in ihrer Gesamtbedeutung nicht absolut durchschlagend.

Herthas Konter stechen nicht

Alles in allem kamen die Berliner nicht wirklich an ihre eigentliche Leistungsqualität heran, sie machten aber auch kein schlechtes Spiel, konnten in einigen brenzligen Szenen doch noch stabil bleiben und boten den Bayern lange Paroli. Allerdings hatten sie mit dieser Aufgabe, sich irgendwie gegen die Wucht der Münchener Überlegenheit zu stemmen, auch genug zu tun. Die Entwicklung eigener Angriffsbemühungen litt lange erheblich darunter. Kontermöglichkeiten entstanden kaum, da die offensiven Flügelspieler der Berliner tief nach hinten geschoben waren. Die gefährlichen Räume, die sie – oder zwischenzeitlich potentiell die weiträumigen Achter – hätten attackieren können, waren im Dunstkreis der bayerischen Achter:

Thiago und Vidal konnten entweder den Flügel absichern oder von der Seite einrücken und dann nachträglich unterstützen, um im Gegenpressing abzuschnüren. Insgesamt agierten die Bayern dort nicht auf höchstem, besonders intensivem oder geschlossenen Niveau, sie hatten aber diese günstigen strukturellen Gegebenheiten und mit Abräumer Xabi Alonso auch stets zumindest noch einen Mittelfeldakteur hinter dem Ball. Dass die Bindung zwischen Achtern und Offensivleuten dann nicht immer ganz eng waren, schadete unter diesen Umständen nicht nachhaltig, zumal die Hertha in der 4-4-2-haften Phase ohnehin selbst mit Problemen in der kompakten Anbindung zwischen Mittelfeld und Sturm – auch für das Umschalten – zu kämpfen hatte.

Von Aufbauscheu zu Aufbau(über)mut

Die wenigen Aufbauszenen, die den Berlinern abseits der Münchener Ballbesitzdominanz blieben, verliefen in der Regel im Sande – durch sehr frühzeitige lange Bälle von hinten heraus, auf die aber nicht allzu konsequent und offensiv nachgerückt wurde. Über weite Strecken blieb die Hertha in dieser Hinsicht vorsichtig. Bayern variierte zwischen engen 4-3-3-Pressingphasen mit klaren Mannorientierungen und asymmetrischen Varianten, in denen Lücken am Flügel etwa durch weite Herausrückbewegungen Alabas zugelaufen wurden, während Vidal links defensiv kurze Mannorientierungen auf den Rechtsaußen übernahm oder dort in der Abwehrkette mit absicherte. Teilweise sah das eher simpel aus.

Die Optionen im hohen Zustellen sollten sich aber in der letzten Phase des Spiels bezahlt machen, als die Hertha im Zuge eines sehr starken Strategie- und Rhythmuswandels nun auf einmal sehr konsequent auf mutigen Aufbau aus der Tiefe setzte: Mit breitem Auffächern und verschiedenen Zurückfallbewegungen. Dagegen eroberten die Münchener in zwei Szenen hoch  den Ball und erhöhten auf 3:0: einmal blieb Vidal tief, Xabi Alonso rückte mannorientiert weit heraus, Thiago presste vorne zwischen den Stürmern, einmal schoben beide Achter und Alaba riskant weiträumig nach vorne. Der Sechserraum blieb teilweise etwas offen und den Verteidigern mit überlassen. Mit diesem Doppelschlag um die 70. Minute herum entschieden die Hausherren die einseitige, von einzelnen sehenswerten Stafetten durchzogene Begegnung dann endgültig.

kobach 24. September 2016 um 22:27

Die Frage ist doch: Ist die Bayern-Ancelotti-Unsauberkeit letztendlich wirklich positiv bezüglich der wahrscheinlichen zukünftigen Ergebnisse?

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TR 25. September 2016 um 02:10

Ich höre da heraus, der Artikel wirke so, als sei diese Unsauberkeit vor allem etwas Positives? Sollte dem so sein, dann möchte ich dazu anmerken, dass das „unsauber“ die „Überlegenheit“ nicht noch qualitativ aufwerten, sondern eher relativieren sollte. In dem konkreten Fall gegen die Hertha hatte diese Unsauberkeit – in der Regel ist die natürlich fast nie positiv – schon etwas sehr Passendes und drückte die Berliner Inkonsequenz in problematische Situationen, aber trotzdem gab es in jener Begegnung bei aller Dominanz – wie auch im Artikel angesprochen – gar nicht allzu viele klare Torchancen.

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Handtuch 25. September 2016 um 08:45

Ich sehe das eher so wie @kobach, auch wenn du es anders gemeint hast. Auch Profis wie die von FCB brauchen ein bisschen Zeit, um sich auf neue Spielweise umzustellen. Wenn sie diese dann endlich umsetzen können dürften der FCB noch stärker werden und hätte seit Heynckes endlich mal wieder eine realistische Chance auf den Champions League Titel.

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Bernhard 25. September 2016 um 08:52

Bestand diese Chance unter Guardiola denn nicht?

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HW 25. September 2016 um 10:00

Auf diese Sticheleien sollte man nicht mehr eingehen. Abgerechnet wird am Ende der Saison. Was dann passiert hat nichts mit Heynckes oder Guardiola zu tun.

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kobach 25. September 2016 um 10:45

Ist diese Unsauberkeit Resultat einer nicht optimalen Trainerleistung? Oder kann diese auch von Ancelotti bewusst gewollt bzw. in Kauf genommen worden sein, um damit mehr Erfolg zu haben?
Und falls letzteres zutrifft, wäre dieser Ansatz im Fußball wirklich erfolgsversprechender?

Ich frage, weil ich es aus einer anderen Sportart kenne, daß ab einem gewissen Niveau der „Unsauberere“ Vorteile gegen über dem „Sauberen“ hat. Der Saubere spielt handelt zwar stets stringenter und richtiger in Bezug auf die vorher zu erwartenden Spielsituationen. Der Unsaubere hat aber Vorteile, da durch die Unsauberkeit der Saubere vor Probleme gestellt wird, die vorher nicht unbedingt so zu erwarten waren und für die man auch nicht so leicht vorher erlernte Gegenmaßnahmen unmittelbar als Antwort hat.
Oder um ein Beispiel aus der Musik zu nehmen: eine richtig gute Darbietung oder Aufnahme entsteht dann wenn die Protagonisten auf einem hohen Niveau unsauber spielen, denn ihre Ecken und Kanten sind genial auf Grund ihrer individuellen Klasse. Und können niemals von einem noch so perfekt „dirigiertem“ individuell nicht so starkem Ensemble erreicht werden.
(Tut mir leid, wenn das zu weit führt, aber so war meine Frage gemeint…)

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tobit 25. September 2016 um 11:33

Die Frage ist dann, wer bei gleicher individueller Klasse den kleinen Vorteil auf seiner Seite hat. Ein perfekt dirigiertes Orchester aus herausragenden individualisten oder eine Jam-Session derselben ohne klare Vorgaben? Auf diesem Niveau ist es glaub ich häufig Geschmackssache, was einem besser gefällt und ein bisschen Zufall, was letztlich erfolgreicher ist.

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Mike the Knight 25. September 2016 um 15:05

Ich denke, wenn der Gegner nicht auf dem absoluten Top-Niveau spielt er mit einer „unsauberen“ Spielweise des Gegners mehr Probleme hat. Einfach, weil er nicht die individuelle Klasse besitzt um auf die „unsauberen“ Feinheiten entsprechend reagieren zu können.
Stellt sich für mich nur die Frage, ob man soetwas wirklich trainieren kann, oder ob die Mannschaft einfach noch etwas Feintuning braucht aufgrund der veränderten Spielweise.

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