Paul Pogba: Urgewalt und Juwel

Juwel, Phänomen, Urgewalt. Es gibt viele Charakteristika, die Paul Pogba vereint. So unterschiedlich die Wahrnehmung des 23-Jährigen ist, so variantenreich ist der lange Schlacks auf dem Rasen.

Dass nicht jeder Beobachter zu hundert Prozent von Pogba überzeugt ist, liegt an seiner etwas eigenwilligen Art. Seine Körpersprache erinnert zuweilen an Zlatan Ibrahimović oder Mario Balotelli. Eine sichtbare Lässigkeit ist jedoch kein Ausdruck von überbordender Arroganz. Vielmehr verfügt Pogba über diesen natürlichen Swag, der in anderer Form schon Thierry Henry zu einer einmaligen Figur machte.

Doch anders als der schwebende Henry verbindet Pogba seine eleganten Bewegungen mit brachialer Athletik – was natürlich nicht heißen soll, dass Henry nicht auch athletisch war. Pogba jedoch kann von einem auf den anderen Moment seinen Spielrhythmus, seine Körperposition und sein damit verbundenes Charisma verändern. Ist er zuvor noch dieser leichtfüßige, unbeschwerte Ballstreichler, wird er plötzlich zu einem Rammbock, der Gegenspieler niederrennt.

Welchen Wert hat dieser einmalige Spieler für Juventus, aber insbesondere für das französische Nationalteam? Pogba ist ein Spielantreiber auf dem Weg zur Perfektion. Seine Position im Mittelfeld sollte stets ein Epizentrum der ganzen Formation sein. Denn er ist kein balancierender, zuarbeitender Akteur. Er könnte diese Rolle sicherlich ausfüllen. Es wäre allerdings verschenktes Potenzial.

Pogba muss vielmehr als Ballmagnet fungieren. Als jemand, der Spielzüge nach ihrer Eröffnung übernimmt und Impulse in Richtung Offensivabteilung gibt. Er ist dann stark, wenn er über einen Halbraum oder Flügel agiert. Dabei benötigt er keine Zuspiele in hohen Räumen. Seine Stärken kommen zum Tragen, wenn er aus der Tiefe operiert. Nicht etwa zwischen den zentralen Verteidigern und weit weg vom eigentlichen Geschehen. Pogba muss schon in des Gegners Formation eingedrungen sein und dann auf unnachahmliche Art seine Aktionen starten.

Er erinnert in gewisser Weise an Benficas heimlichen Star aus den 1950er und 1960er Jahren: Mário Coluna. Beide eint diese seltene Mischung aus Physis, Technik und Spielverständnis. Versucht die gegnerische Mannschaft Pogba in Manndeckung zu nehmen, kann er sich mit seinem Antritt, mit seinen geschmeidigen Drehungen und seinen Dribblings befreien. Ähnlich verhielt es sich mit Coluna, der Antreiber im Mittelfeld Benficas war.
Pogba hat jedoch im Gegensatz zu diesem ihm ähnlichen Prototypen des weiträumigen Allrounders in aller Regel mindestens einen weiteren Spielmacher neben oder hinter sich. Bei Juventus war es jahrelang Andrea Pirlo, mittlerweile übernahm Claudio Marchisio diese Rolle. Folglich müsste Pogba nicht einmal diese unnachahmliche Aura vorweisen können. Doch diese ermöglicht seiner jeweiligen Mannschaft, sehr variabel Schwerpunkte zu setzen und die taktischen Schwerpunkte flüssig zu verlagern.

TOPSHOT - France's midfielder Paul Pogba plays the ball during the Euro 2016 round of 16 football match between France and Republic of Ireland at the Parc Olympique Lyonnais stadium in Décines-Charpieu, near Lyon, on June 26, 2016. / AFP / FRANCK FIFE (Photo credit should read FRANCK FIFE/AFP/Getty Images)

(Franck Fife/AFP/Getty Images)

Zudem kommt der Gedanke auf, dass Pogba angesichts der Stärke-Schwäche-Profile seiner Nebenmänner eigentlich als bevorzugter Spielmacher fungieren muss. In der französischen Nationalmannschaft agiert mit Blaise Matuidi bereits ein weiträumiger Spieler im Mittelfeld, der von der Achterposition aus die Sturmspitze verstärken oder einen Flügel überladen kann. Dahinter gibt es keinen Akteur, der unbedingt als autoritärer Impulsgeber auftreten muss. Pogba hingegen kombiniert Selbstbewusstsein mit Können. Es erscheint als natürlicher Prozess, ihm mehr Verantwortung zu übertragen. Insbesondere mit Blick auf die partiell vorhandenen Schwierigkeiten in der Spieleröffnung muss die Équipe Tricolore ihr Mittelfeldjuwel als ständigen Verbindungsgeber in Betracht ziehen.

Technisch befindet sich Pogba auf dem höchsten Level. Hin zur Perfektion muss der 23-Jährige gewiss noch an der Konstanz seiner Ballannahmen arbeiten. Gelegentlich verspringt ihm das Spielgerät bei der ersten Berührung und er zerstört die Dynamik, die seine Mitspieler entwickeln. Aber selbst dann ist er noch so geschickt, um mit leichten Bewegungen in Ober- und Unterkörper das Spielgerät zu sichern.

„Juventus‘ Star Pogba kann den Ball in engen Räumen behaupten, ist kreativ, dabei aber tororientiert.“ (aus dem Heft von Spielverlagerung zur WM 2014)

Zur Gesamtheit seiner Fähigkeitenpalette gehören noch weitere Merkmale: So ist er nicht nur Initiator, sondern auch Vollstrecker. Aufgrund seiner individual- wie auch gruppentaktischen Brillanz, in Kombination mit seinem Talent für Dribblings, kann er enorme Durchschlagskraft entwickeln. Interessanterweise nutzt er diese schon in tiefen Räumen, sollte der Gegner hoch pressen und versuchen, Pogba den Weg nach vorn zu versperren.

„Ein Beispiel für seine völlig verrückte Kreativität in Drucksituationen: Im Spiel bei Atlético Madrid wird er in der neunten Minute von drei Gegenspielern an der Seitenlinie festgenagelt, während der Ball als Kerze von oben herunterfällt. Er lässt den Ball aufspringen und balanciert ihn für zwei Sekunden auf dem Kopf. Der Zugriffsmoment der Spanier verpufft, er dreht sich entlang der Seitenlinie nach vorne, lässt den Ball auf den Boden tropfen, spielt ihn direkt aus der Szene heraus und wird gefoult.“ (aus dem Ballnah Spezial zur Champions-League-Endrunde 2015)

Noch interessanter wird seine Durchschlagskraft in der Nähe des gegnerischen Strafraums. Entweder er kommt als verkappter Flügelspieler über die Außenbahn und bewegt sich mit dem Ball nach innen. Oder er attackiert frontal den Zehnerraum. Wenngleich Matuidi, wie angesprochen, ähnliche taktische Bewegungen auf dem Platz präferiert, strahlt Pogba bei seinen Vorstößen noch mehr Gefahr aus.

Er verhält sich aufgrund seiner grundsätzlichen Athletik, der trotz des vergleichsweise aufrechten Laufstils großartigen Körperbalance sowie seiner präzisen Ballführung geschickt in den verengten Zonen am gegnerischen Strafraum. Das macht ihn umso wertvoller. Und bedenkt man zudem das Zusammenspiel zwischen Antoine Griezmann, Dimitri Payet und Pogba, besitzt Frankreich eine sehr starke Waffe, um Durchbrüche zu initiieren. Griezmanns und Payets Ablagen, Dribblings und raumöffnende Läufe sind das perfekte Komplementär zu Pogbas vorstoßendem Spielstil.

Doch in diesem Kontext wird eine große Schwierigkeit deutlich: Frankreich braucht Pogba in der Offensive an beiden Enden des Spielfeldes. Er ist so gut und derart einmalig, dass die Équipe ihn womöglich mit Aufgaben überlastet. Die besonderen Probleme eines besonderen Spielers.

Dieser Text erschien in unserer EM-Vorschau.

Dr. Acula 13. Juli 2016 um 11:24

„Technisch befindet sich Pogba auf dem höchsten Level.“
Nein. Einfach nein. Wenn er auf dem höchsten Level ist, was ist dann Iniesta, Modric usw?
Er ist für mich wie ein Mittelfeld-Cristiano. Brachial, athletisch, durchsetzungsstark. Aber technisch und spielerisch limitiert. Für mich muss ein Sechser intelligent, filigran und wendig sein. Gut das ist Geschmackssache; nichtsdestotrotz ist dieser Hype völlig übertrieben. Wenn Real tatsächlich 100m+ für ihn hinblättert und Kroos/Modric für ihn aussortiert werden, wird der Fehler ans Licht kommen.

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Bernhard 19. Juli 2016 um 11:31

Wer sagt denn, dass Pogba ein Sechser ist?
Technisch ist er einer der besten Spieler weltweit. Gegen die Bayern wurde das deutlich, da sie keinen Zugriff auf ihn hatten.
Außerdem hat die kolpotierte Summe, die ein Club für einen Spieler zahlen will ned unbedingt was mit seiner Qualität zu tun. Beispielsweise wären 200 Millionen Euro für Busquets zu wenig, dennoch würde vermutlich kein Club mehr als 50 zahlen wollen.

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Lacksi Lucksi 11. Juli 2016 um 20:14

Lieber Herr Spielverlagerung,

ich möchte doch so gerne mal einen (meinetwegen auch sehr kurzen) Artikel über Ricardo Kaká lesen… einer der (Achtung: meine Meinung) komplettesten Spieler, die es je gab (in Bezug auf seine Rolle und bei AC Milan). Es reicht auch ein kurzer Kommentar aus begabter, fußballerisch intelligenter Hand. Vielen Dank.

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Bernhard 19. Juli 2016 um 11:32

„komplettesten Spieler, die es je gab“ siehe MR Rooney.

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Lacksi Lucksi 19. Juli 2016 um 13:51

wie heißt der Artikel?

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Bernhard 19. Juli 2016 um 15:12

Ist in der EM-Vorschau der Spielverlagerer zu finden.

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Lacksi Lucksi 20. Juli 2016 um 09:03

danke

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Lacksi Lucksi 20. Juli 2016 um 14:12

also in dem E-Book? das man sich kaufen muss? das habe ich nicht.

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savona 20. Juli 2016 um 16:13

Tja, was machen wir nun? Schwierige Situation. 😉

Bernhard 20. Juli 2016 um 23:45

Es ist das Geld wert.
Kostet nit viel.


HK 11. Juli 2016 um 14:22

Irgendwie kapier ich nicht was ich gégen Pogba habe.
Ein guter Spieler? Klar natürlich. Aber weiter? Seine Eigenschaften werden hier sehr schön beschrieben. Ich kann sie sehen und würdige sie. Manchmal bin ich begeistert. Ich sehe tolle Szenen vor mir.
Aber reicht mir das um ihn zu „dem“ Spieler zu erklären? Demjenigen der alle Transferrekorde brechen soll? Das Talent seiner Generation?
Dazu fehlt mir bisher noch sehr viel. Und nicht zuletzt das, dass ich bis dahin noch nie ein Spiel gesehen habe das mich vollständig überzeugt hat. Ein Spiel das er wirklich geprägt hat und dem er seinen Stempel aufgedrückt hat. Mag sein das war mal gegen Frosinone oder wie die heißen. Aber mal ein Spiel auf hohem Niveau? Immer ein paar gute Aktionen dabei natürlich, aber das reicht eben dafür um ein guter Spieler zu sein, nicht unbedingt mehr.
Liegt vielleicht auch daran, dass man bisher noch nicht die richtige Position für ihn gefunden hat. Zumindest habe ich den Eindruck seine Trainer können nicht so wahnsinnig viel mit ihm anfangen.
Ist für mich auch ein Kritikpunkt an Deschamps, dass er über das ganze Turnier keine vernünftige Einbindung für ihn herstellen konnte. Was war denn das im Finale? Irgendwas zwischen tiefer Sechs und Ausputzer?

Irgendwie erinnert mich das an Gullit. Da war auch über Jahre klar was für ein Riesenfußballer das war. Aber so richtig hat das nie gepasst. Wäre keiner auf die Idee gekommen, dass er mal als verkappter LInksaußen zum Superstar aufsteigt. Oder bei Schweinsteiger der sich jahrelang als Flügelflitzer versuchte um dann erst in der Zentrale zur Weltklasse zu avancieren.
Vielleicht ist es nur dieser Moment der auch Pogba noch fehlt. Dass ihn irgendjemand mal richtig einbindet.

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GatlingJ 7. Juli 2016 um 19:00

also die Mondpreise sind mehr auch schleierhaft, dazu fehlt ihm noch eine ganze Dimension Konstanz in seinen Leistungen. Bezogen auf heute Abend: hab es ja schon an anderer Stelle anklingen lassen. Er gehört für mich zu den Euphoriespielern der Mannschaft. Positiv wenns gut läuft, negativ wenns hakt weil diese Spieler dann fast abtauchen. War ein paar Mal so bei ihm in dieser EM, es fällt auf, dass er sich durch Gestik und Mimik offenbar gegenüber den Zuschauern/Öffentlichkeit beweisen muss. Auch diese kolportierte Arm-Geste geht ja in die Richtung. Dieses ganze Gehabe macht einer nicht, wenn er souverän wäre. Mal sehen wie das heute im Spiel sich darstellt.

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Javier Müller 7. Juli 2016 um 16:57

Zur beschrieben Szene im Spiel gegen Atletico gebe ich folgende wahre Anekdote zum Besten. Mir hat vor ein paar Jahren Marino Magrin – er spielte am Ende der achtziger Jahre bei Juve – folgendes erzählt. In einem Spiel Juve gegen Napoli kam es zu folgender Szene. Abschlag vom Tor Napoli auf Maradonna. der steht an der Mittellinie direkt an der Auslinie und ist von 3 Juve Spielern (einer war Magrin, der zweite Stromberg, an den dritten Namen erinnere ich mich nicht mehr) zugestellt. Der Ball kommt hoch, Maradonna stoppt ihn mit der Brust, dreht sich, spielt den Ball mit der Hacke, läuft zwischen den dreien durch und „wir haben Ihm hinterher geschaut“. Rudi Völler, der auch dabei stand und die Geschichte mithörte, war angesichts der Klasse von Maradonna gar nicht sehr verwundert. „Was der konnte konnte keiner“. Oder Pogba jetzt doch?

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Bernhard 7. Juli 2016 um 15:41

Das Hinspiel im Achtelfinale der CL zwischen Juventus und Bayern bleibt mir in besonderer Erinnerung. Philipp Lahm sah gegen Pogba wirklich schlecht aus. Ein einmaliger Dribbler.

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Libano 7. Juli 2016 um 15:05

Ich werde von Pogba noch nicht so richtig warm. Irgendwie sieht das alles noch nach Rohdiamant aus, da fehlt die letzte Präzision und werden Situationen über die Athletik gelöst wo ein kluger Pass angebrachter wäre. Erinnert mich als Typ an Yaya Touré. Die Summen, die auf dem Transfermarkt gehandelt werden, kann ich nicht verstehen (120Mio und Toni Kroos obendrauf – irrwitzig, Kroos allein halte ich schon für wertvoller). Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Wenn’s geht aber nicht heute.

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LM1895 7. Juli 2016 um 13:34

Sehr schöne Einschätzung, die Szene gegen Atlético muss ich mal raus suchen 🙂
Ich hab mich lange zeit schwer damit getan, ihn einzuschätzen und hab ihn für etwas überhyped gehalten. Talent war sichtbar, aber ich er wirkte immer so schludrig, absolute Konstanz konnte man aber natürlich in de Alter sowieso noch nicht erwarten. Ich finde aber, dass er sich besonders im letzten Jahr unglaublich toll entwickelt hat, besonders strategisch ist er viel besser geworden, so weit ich das beurteilen kann. Dass er erstmal nicht so ins Turnier rein kam finde ich angesichts der gigantischen Erwartungen absolut entschuldbar. Ich hoffe ja irgendwie, dass er nicht zu Real wechselt, da befürchte ich dann eine Stagnation in seiner Entwicklung :/

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