Polen und Nordirland machen dicht

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Die deutschen Gruppengegner liefern sich ein Duell ohne Räume und mit einem formativen Patt.

Nordirisches 5-3-1-1-Bollwerk

POL-NIREin Trend der WM scheint nur auf der Insel angekommen zu sein: Fünferketten. Neben Wales setzt auch Nordirland auf drei Innenverteidiger. Die beiden Flügelläufer füllen immer wieder die Kette auf. Wie bei Uruguay bei der WM ergibt sich daraus eine 5-3-1-1-Formation mit einer Raute im Mittelfeld und einem Stürmer dafür; besser gesagt aber einer Dreifachsechs mit einem Keil-Duo davor. Zehner und Stürmer versuchten nämlich möglichst, die horizontale Ballzirkulation durch seitliches Leiten zu stören, damit Fünferkette und Dreifachsechs effizienter verschieben und Überzahl herstellen können.

So nutzte Nordirland die üblichen Vorteile der Fünferkette und der Dreifachsechs. Sie konnten flexibel herausrücken, sich in der Flügelverteidigung gut absichern, situative Mannorientierungen eingehen und sehr massiv in die Halbräume schieben. Nach vorne setzten sie hauptsächlich auf lange Bälle in die aufgerückte 3-1-4-2-Formation; dabei verschoben die Mittelfeldspieler geschickt ballorientiert und die Höhe der Flügelspieler war recht balanciert, sodass sie soliden, gut abgesicherten Raumgewinn erzielten; naturgemäß fehlte ihnen in dieser Ausrichtung aber Kontrolle und Konstruktivität.

Polen mit Ballorientierung statt Positionsspiel

Interessanterweise versuchten die Polen kaum, das Verschieben des defensiven Bollwerks mit Verlagerungen zu bespielen. Gerade wegen der Formationslücken über den Außenverteidigern war das recht merkwürdig und unerwartet. Stattdessen versuchten sie sehr konsequent, in Ballnähe Struktur und Anspielstationen zu schaffen. Sprich: sie verschoben zum Ball, so wie das normalerweise die verteidigende Mannschaft tut. (Anders als zum Beispiel bei Guardiolas Positionsspiel, wo ein wesentliches Konzept ist, gerade das zu vermeiden.)

Zwei Spieler links, drei in der Mitte, und lässige 15 Spieler in der rechten Seite des Feldes. Wenig überraschend: Aus dieser Szene resultierte kein Tor.

Zwei Spieler links, drei in der Mitte, und lässige 15 Spieler in der rechten Seite des Feldes. Wenig überraschend: Aus dieser Szene resultierte kein Tor.

Sowas kann durchaus funktionieren, wenn man auf diese Weise in die gegnerischen Zwischenräume hineinkommt und dadurch die Überzahlbildung der Defensive verhindert. Das schaffte Polen aber fast gar nicht. Vereinzelt konnten sie zwar Dribblings oder kleinere Kombinationsansätze vom Flügel in die Mitte bringen, aber meistens konnte die dichte Struktur des 5-3-Blocks die Verbindungen gut abschneiden; zudem waren die Außenverteidiger schwer einzubinden und man hatte in den offensiven Räumen dadurch Unterzahl, dass die Innenverteidiger und Sechser zu zweit gegen jeweils nur einen Gegenspieler standen.

Absicherungsschlacht

Letzteres deutet die Natur des Spiels an: In beide Richtungen gab es formativ bedingt massive Absicherungseffekte, eine Art Pattsituation. Im Grunde wurde Nordirland nach vorne auf allen Positionen gedoppelt: Die Flügelspieler gegen Flügelstürmer und Außenverteidiger, der Zehner gegen die Sechser, der Stürmer gegen die Innenverteidiger. Andersrum bei Polen: Die vier Offensivspieler (plus ein Außenverteidiger) gegen acht Defensivspieler.

Polen konnte seine Überzahl auf den tieferen Positionen zur Stabilität und Ballzirkulation nutzen und dominierte das Spiel. Nordirland hatte die Überzahl vor allem auf den Halbpositionen, die sie mangels Ballzirkulation kaum einbinden konnten, die aber zumindest für Stabilität nach langen Bällen sorgten.

Das polnische Tor fiel passenderweise nach einem langen Ball Polens, bei dem die Favoriten den zweiten Ball zurückeroberten und mit zwei schnellen Pässen die Räume neben und vor den drei Innenverteidigern nutzen konnten; letztlich herausgespielt, aber aus taktischer Sicht eher erzwungen.

3-4-1-2 zum Schluss

In der Endphase wurde die nordirische Raute aufgelöst und machte Platz für eine Doppelspitze. Dadurch erhöhte Nordirland die Präsenz in der letzten Linie, konnte öfter mal den Raumgewinn durch Standardsituationen festigen und bekam Davis als Sechser besser eingebunden. Zudem hatten sie im Spielaufbau durch die offensivere Grundstaffelung schlichtweg mehr Raum. So kamen die Außenseiter, die bis dahin völlig ohne Schussversuch waren, zumindest noch zu ein paar ansatzweise gefährlichen Szenen und zwei Abschlüssen. Letztlich setzte sich aber Polens Stabilität und individuelle Klasse einigermaßen ungefährdet durch.

Disclaimer: Wir haben leider zu diesem Turnier nicht die Kapazitäten, jedem Spiel (in der Vorrunde) eine vollwertige Analyse zu widmen. Wir versuchen dennoch, einen möglichst guten Überblick über die Geschehnisse zu liefern und werden daher vermehrt mit Kurzanalysen wie dieser arbeiten, welche die wichtigsten Punkte eines Spiels skizzieren sollen, aber nicht das Spiel in Gänze abbilden werden. Teilweise werden diese Texte noch deutlich kürzer ausfallen als diese hier.

Jürgen 21. Juni 2016 um 16:27

Jetzt habe ich endlich herausgefunden, warum die Nordiren eine so dicht gestaffelte Verteidigung aufziehen konnten, die haben mit elf Feldspielern gespielt (schaut Euch das Bild von der 31. Minute an)! 😉

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Atütata 16. Juni 2016 um 20:04

Danke!
Ich lese SV Artikel ungefähr seit Oktober, November letzten Jahres und ich hab mich aber sehr gewundert, das es einen so großen Unterschied dazwischen gab, wie ich früher Fußball geguckt habe und jetzt. Damals fand ich alle Torraumszenen am interessantesten und jetzt fokussiere ich mich mehr auf das, was „normale“ Fußballfans „Mittelfeldgeplänkel“ nennen. Also haben 9 Monate SV Artikel lesen doch was gebracht. 😉

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Peda 16. Juni 2016 um 11:36

Ich hab absolut kein Problem mit Kurzanalysen, eher sind sie mir bei der EM sogar recht.
Mir fehlen als Leser nämlich auch die Kapazitäten für zwei, drei Detailanalysen am Tag! 😀

Da von euch aber auch abseits analysiert wird, wäre eine Spieltagszusammenfassung – also die Partien eines Tages in einem Artikel – mit eventueller Linkliste doch völlig ausreichend, gerade in der stressigen Gruppenphase.

Momo Akhondi hat nämlich das Österreich-Spiel analysiert, aber eben nicht hier, sondern hier.

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Niklas 16. Juni 2016 um 09:23

Finde die Kurzanalysen gar nicht schlecht!
So kann man sich kurz durchlesen, ob sich die eigenen Eindrücke mit euren decken. Und bekommt vielleicht noch die ein oder andere Idee, worauf es sich beim nächsten Spiel der entsprechenden Mannschaften zu achten lohnt.
Und wenn eh jeden Tag 3 Spiele laufen, dann wären entsprechende 3 vollwertige Analysen fast zu viel.

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Atütata 16. Juni 2016 um 09:09

Ich habe das Gefühl, dass ihr den letzten Absatz nur wegen mir geschrieben habt, aber trotzdem danke, bin sowieso ein großer Fan von SV.de. Aber gibt es eigentlich was Neues zu „Wie analysiere ich selber“? Ich hab mich mal bei Irland-Schweden und Belgien-Italien daran versucht und es ist zwar näher an eurer Analyse zu Belgien-Italien dran, als ich erwartet hatte, aber immer noch nicht so gut wie bei euch.

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Nadan-Ralf 16. Juni 2016 um 09:53

Ich weiß zwar nicht wie lange du dich mit Fußballtaktik und dem ganzen drum herum beschäftigst, aber ich kann dir sagen, dass es schon etwas länger dauert bis man wirklich „den Durchblick“ hat (sofern man das so verallgemeinern möchte), bzw. sogar auf dem Niveau der Jungs hier ist. Ich beschäftige mich bestimmt seit drei – vier Jahren mehr oder weniger intensiv mit dieser Thematik und würde vielleicht seit einem halben Jahr behaupten wirklich zu wissen wovon ich da spreche und mir eine eigene Meinung zu bilden, die in seltenen Fällen auch mal von denen der Analysten hier abweichen kann.

Dazu solltest du beachten, dass ein Fußballspiel bis zu einem gewissen Grad auch immer einer sehr subjektiven Wahrnehmung unterliegt. Das gilt zwar vielleicht weniger für grundsätzliche Strukturen wie z.B. die Abläufe im Pressing, aber ob die einrückenden Bewegungen des rechten Flügelstürmers im 4-3-3 nun im entsprechenden Moment sinnvoll waren oder doch eher den Raum des Stürmers beschnitten haben ist eine eher subjektive Wahrnehmung. Zusätzlich ist es ja auch so, dass zwei Menschen ein Fußballspiel nie genau gleich sehen werden und je nach persönlichen Vorlieben/ Gewohnheiten unterschiedliche Dinge beobachten und deshalb auch anders bewerten werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn du Spaß daran hast Fußballspiele auf diese Art und Weise zu verfolgen, dann mach das. Denn durch nichts anderes lernt man so viel über Taktik. Aber vergleiche dich bzw. deine Analysen nicht ständig bis aufs letzte Detail mit denen auf SV. Es hilft mit Sicherheit diese zu lesen, aber du musst nicht immer alles genau so gesehen haben.

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