FK Rostov auf Meisterschaftskurs

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Der Sensations-Tabellenführer FK Rostov gewinnt auch das Spitzenspiel der russischen Liga gegen Verfolger Zenit und bleibt damit auf Kurs Richtung Titel. Das andere große Topteam, CSKA aus Moskau, sitzt ihnen aber noch eng im Nacken.

rostov-zenit-2016Bisher hat die Überraschungsmannschaft aus Rostov in diesem Kalenderjahr noch keinen einzigen Liga-Gegentreffer hinnehmen müssen. Dabei ist sicher zu bedenken, dass die Rückrunde erst verspätet anfing, doch trotzdem kann man angesichts von acht Partien von einer beeindruckenden Bilanz sprechen. Gegen Zenit wies die Mannschaft von Trainer Kurban Berdyev erneut ihre Defensivstabilität nach. In einer abwartenden Haltung überließ sie dem Gast den Ball und formierte sich in einer 5-3-2-Formation mit pendelnder Viererkette und kleineren Umformungen Richtung 5-2-3-/5-4-1-hafter Systematik.

Rostovs Defensivarbeit

Zwar hätte es an manchen Stellen etwas mehr Intensität in den Abläufen sein dürfen, doch insgesamt überzeugte Rostov mit dem sehr sauberen und raumorientierten Verschieben, das Zenit kaum zur Entfaltung kommen ließ. Allein einige situative, unsauber ausgeführte Mannorientierungen der ballnahen Flügel- und Halbverteidiger in Zugriffsmomenten sorgten zwischendurch für Unruhe. In der Grundstaffelung verfügte Rostov über einen soliden Fünferblock über dem Zentrum, wobei die Stürmer den Raum vor den Schnittstellen zu den etwas verbreitert agierenden seitlichen Mittelfeldmannen besetzten. Ging der Ball nach außen, rückte der ballnahe dieser beiden Akteure oder der Flügelverteidiger heraus.

Letzteres war insbesondere auf links häufig zu sehen, indem Kudryashov neben Kanga auffüllte. Auf rechts agierte Erokhin etwas weiträumiger, schob beim Herausrücken zum Ball teilweise über die Höhe der Sturmreihe hinaus, aus der sich dann Azmoun etwas zurückzog und versetzt den entstandenen Raum stopfte. Aus einer sauberen Verschiebebewegung heraus konnte Rostov situativ eine der Varianten abrufen, sie ansatzweise mischen und die genaue Höhe der Flügelverteidiger dadurch immer mal variieren. Gegen diese Spielweise hatte die Mannschaft Zenits zwar viel vom Ball, aber insgesamt auch große Probleme:

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Mögliche Defensivstaffelung 1 (in Grobdarstellung)

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Mögliche Defensivstaffelung 2 (in Grobdarstellung)

Vielseitige Bewegungen nicht gut verbunden

Ihr flexibles Dreiermittelfeld zeigte zwar vielseitige Bewegungsmuster, bei denen die Spieler immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen in seitliche Zonen herauskippten. Allerdings gingen dadurch bisweilen sowohl die Präsenz in den gegnerischen Block hinein als auch die unmittelbaren Verbindungen verloren. So ließ sich manchmal gleichzeitig der Sechser nach hinten zurückfallen, während ein Achter seitlich neben der gegnerischen Sturmlinie außerhalb der Formation den Ball forderte. Dagegen konnte Rostov aber gut herausrücken. Vereinzelt sah man dann sogar gegenläufige Freilaufbewegungen des anderen Achters noch weiter in ballferne Richtung.

So musste Zenit den Ball immer wieder lange hinten zirkulieren lassen, konnte auch die gerade herausgekippten Akteure einbinden, aber kam nur selten über diese Linie hinaus. Sie sammelten weit über 70 % Ballbesitz, erreichten – bevor überhaupt Torannäherungen möglich gewesen wären – aber nicht einmal die vorderen Zonen. Dort zeigte sich auch das nominelle Angriffstrio zwar beweglich, hatte aber zu den sich seitlich anbietenden Mittelfeldkollegen nur instabile Anbindungen. Dzyuba wich an der letzten Linie nach außen aus, Shatov pendelte zwischen den Zonen, aber oft ohne Effekt. Die Fluidität zwischen den für sich je flexiblen Mannschaftsteilen war also nicht ausreichend miteinander verknüpft und abgestimmt.

Grundsätzlich hätten die sich dort – wenngleich nicht immer mit sauberer Positionsfindung – herumtreibenden Shatov, Hulk und Co. zwischen den Linien Platz gehabt, da Rostov in der Kompaktheit zur Abwehrreihe hin kleinere Schwachstellen anbot. Da der Überraschungs-Tabellenführer jedoch gute Staffelungen herstellte und Zenit zwischen den Mannschaftsteilen so klar strukturiert war, konnten die Hausherren die Einbindung der gegnerischen Stürmer oft versperren. Das Mittelfeld positionierte sich passend, das Herausrücken eines Flügelverteidigers verstärkte diese Linie. Somit waren die Passoptionen in jene potentiellen Zwischenräume hinein blockiert und es gab kaum Torgefahr.

Glanz nur im Gegenpressing

In weiten Teilen der ersten Halbzeit setzte Rostov fast ausschließlich auf Konter. Ihre beiden Stürmer lauerten dafür weiträumig, insbesondere Poloz rochierte immer wieder ausweichend nach links. Da auch einer der beiden nominellen Achter gezielt in den jeweiligen Flügelraum vorsprintete, entstanden leicht unorthodoxe, aber prinzipiell vielversprechende Umschaltaktionen. In letzter Instanz hätten sich aber doch noch weitere Akteure aus der Tiefe einschalten sollen, um final bessere Optionen zu haben. Zudem gelang es nur selten, ausreichende Präsenz für die Verbindung aus den tiefen, oft seitlichen Balleroberungszonen zu jenen Vorwärtssprints herzustellen.

Das machte besonders deshalb Probleme, weil Zenit eine sehr gute Vorstellung in Sachen Gegenpressing ablieferte. Die Mannen von André Villas-Boas formierten zwar die erwähnt wechselhaften Staffelungen beim Aufbau, rückten nach Ballverlusten aber sehr geschlossen und intensiv in stärkere Kompaktheiten nach. Einzelne Spieler wie etwa Shatov schienen dabei besonders jagend ausgerichtet zu sein und brachten zwischendurch passende Diagonalläufe gegen den Ball an, die Rostovs Optionen für mögliche Umschaltaktionen blockierten. Viele der Konterversuche der Hausherren sahen zwar nicht so schlecht aus, versandeten daher aber nach ein oder zwei Pässen auch schnell wieder.

Zenit mit Aufbauanpassung

Die Erfolge im Gegenpressing waren einer der beiden Pfeiler, mit denen Zenit im Verlauf der ersten Halbzeit ihre Offensivpräsenz erhöhen konnte. Da sie verlorene Bälle schnell zurückeroberten, drückten sie Rostov nun weiter nach hinten. Der zweite Pfeiler betraf das Aufbauspiel, wo es ihnen etwa ab der 20. bis 25. Minute besser gelang, zunächst einmal in die vorderen Zonen aufzurücken. Dafür nutzten sie die Bewegungen der Außenverteidiger gezielter und brachten die zahlreichen flexiblen, zuvor aber voneinander gelösten Ab- und Herauskippbewegungen der Mittelfeldspieler besser in Verbindung. Gerade auf der linken Seite zeigten sich diese Faktoren:

So rückte Zhirkov schon in den frühen Aufbauphasen konstanter nach vorne in Richtung der letzten Linie, konnte dadurch einige Male Kalachev effektiv nach hinten drücken und so dem gegnerischen Mittelfeld und dessen Bewegungen an Unterstützung nehmen. Gleichzeitig bewegten sich nun häufig zwei der Mittelfeldspieler in die entstehende Lücke zwischen Lombaerts und Zhirkov. So konnten sie das obligatorische Herausrücken Erokhins anlocken – welches der leicht einschiebende Azmoun nur in Richtung Mitte lose absicherte – und in lokaler Überzahl umspielen. An dieser Stelle wirkte sich die relativ breite Anlage der nominellen Dreiermittelfeldreihe bei Rostov aus, die in dieser Konstellation viel Raum abzudecken hatte.

Die aufwändigen und teilweise aggressiven Verschiebebewegungen der achterartigen Außenspieler waren in dieser Gesamtstruktur schon eine Herausforderung. Nicht immer konnten Noboa und der jeweils ballferne Akteur schnell und kohärent genug anschließen. So taten sich vereinzelt horizontale Zwischenlücken innerhalb der Mittelfeldlinie auf. Zusammen mit dem teils unstrukturierten Zugriffsverhalten konnte das einzelne Folgelücken ergeben, die auch an den wenigen Torgelegenheiten Zenits beteiligt waren. Potentiell hätten diese Schwachstellen von einer fokussierteren Offensivleistung verwundet werden können. Auf rechts wurde etwa Erokhin beim Herausrücken manchmal isoliert.

Steigerung der Offensivpräsenz drückt nach hinten

In diesem Fall hatte es Zenit mit ihrem angepassten Vorgehen dann leichter, den angestrebten Raum auf dem Flügel zu öffnen und über jene Kanäle weiter ins Angriffsdrittel aufzurücken. Nun schaltete sich einer der nominellen Stürmer mit ein, wenngleich Hulk auf links in der Folge zu sehr nach außen zog und sich auch mal in unnötige Dribblings verstrickte, während Shatov einige Male zu schnell zum Ball zurückfiel, anstatt sich für Folgeaktionen in anliegende Zwischenräume zu bewegen. Auch deshalb führte die erhöhte Offensivpräsenz nur zu klarerer Dominanz der Gäste, aber nicht wirklich zu größerer Torgefahr.

Den hinteren Restblock Rostovs hätten sie immer noch abschließend knacken müssen und das gelang ihnen aufgrund ihrer Probleme unverändert nicht. Trotzdem war dieser Abschnitt bis zur 35. oder 40. Minute die für die Hausherren kritischste Phase der Partie. Der Grund lag eben darin, dass sie nun stärker zurückgedrängt waren und kaum noch Entlastung fanden. Zenit erzeugte aus der gesteigerten Offensivpräsenz zwar keine Chancen, aber dafür – auch bedingt durch individual- und gruppentaktisch fahrige Momente bei Rostov – reihenweise unangenehme Standardsituationen. Läuft es unglücklich, kann daraus auch mal ein Tor durchrutschen.

Rostov wird zielstrebiger

In der absoluten Schlussphase der ersten Halbzeit änderte sich die Gemengelage schließlich noch einmal dahingehend, dass sich für die Gastgeber mehr Ballbesitzphasen ergaben, wodurch sie sich auch aus der tiefen Abwehrhaltung etwas lösten. Schon die gesamte Partie hinweg hatte Zenits Pressing einen ambivalenten Eindruck gemacht. Die zuvor aber nur selten aufgefallene Negativseite trat nun gelegentlich deutlicher hervor, weil Rostov eigene Ballbesitzmomente – wenn diese sich ergaben – gezielter nutzte und als einen Weg begriff, wieder besser in die Partie zu finden.

Bei Zenit bestand die Problematik prinzipiell darin, dass sich die Sturmreihe nicht konstant an der Arbeit gegen den Ball beteiligte. Gerade Hulk durfte einige Male zocken, später sogar etwas unpassend in zentralen Positionen. Zunächst gelang es den Gästen häufig, derartige Momente zu kaschieren, indem sie lokal mit einzelnen Intensitätsstichen anliefen und zwischendurch immer wieder verschiedene aufwändige diagonale Herausrückbewegungen aus dem Mittelfeld anbrachten. Zunächst schien Rostov noch das Risiko zu scheuen, legte auch die Zirkulation in den hintersten Reihen nicht immer konsequent in ausreichender Breite an.

Stattdessen griffen sie zu zahlreichen langen Bällen in Richtung der ausweichenden Stürmer. Bisweilen gingen beide zusammen auf eine Seite aus und auch der jeweilige äußere Mittelfeldspieler half dort. Darüber hinaus gab es aber nur wenig zusätzliche Unterstützung, so dass mögliche Ansätze nach jenen langen Bällen letztlich kaum in Strafraumnähe durchgebracht werden konnten. Erst beim späteren 3:0 – bereits nach dem Pausentee – sollte eine dieser Szenen zu Torgefahr führen: Zu diesem Zeitpunkt war bei Zenit jedoch das Nachrückverhalten schon inkonsequent geworden. Für Rostov machte sich der stärker gewordene Fokus auf den rechten Flügel um den durchgängiger eingebundenen Kalachev bezahlt.

Nachlässigkeiten bestraft

Zwischendurch hatte es immer mal Phasen gegeben, in denen Rostov mit ruhigerem und stärker raumnutzendem Aufbau die potentielle Anfälligkeit bei Zenit anzudeuten wusste. In den letzten Minuten vor der Halbzeit sah man dies häufiger – und entsprechend nahmen die Momente im Angriffsdrittel zu. Hinter der teilweise geringen Beteiligung von Hulk und Dzyuba mussten die verbleibenden Mittelfeldakteure Zenits eine Art zweite Viererkette improvisieren. Auch wenn die genaue Staffelungsfindung innerhalb der zentralen Akteure einige Male ansehnlich daherkam, wirkten die großräumigeren Abläufe jedoch unsauber und die Kompaktheit zur Abwehrlinie hin nicht immer optimal.

Als Rostov den Ball hinten ruhiger laufen ließ, konnten sie die langen Bälle und andere weiträumige Aktionen, mit denen sie gegen dieses Konstrukt vorgehen wollten, sauberer und überlegter anbringen. So gab es einige Direktpässe an die letzte Linie – wo sich die Stürmer vielseitig anboten, aber untereinander etwas zu flach für die Folgeaktionen bewegten – oder präsente Flügelüberladungen. Vor allem resultierte daraus die Entstehung des 1:0 kurz vor der Pause – mit dem ersten Abschluss, den die Gastgeber überhaupt abgaben: Die Flügelverteidiger sorgten hoch für Breite, die Läufe aus dem Mittelfeld für Unruhe, Azmoun konnte mal Garay herausziehen und Poloz nach Noboas Steilpass den entstehenden Raum nutzen.

Kein Zenit-Comeback nach der Pause

Eine Art Gegenkonter in Folge einer etwas unübersichtlichen Situation führte dann nach etwa einer Stunde sogar zum 2:0 durch Azmoun. Über die gesamte zweite Halbzeit hinweg lief Zenit diesem Rückstand erfolglos hinterher. Zwischenzeitlich stellten sie im Aufbau durch konstanteres Zurückfallen von Javi García mal auf eine Dreierkette um, doch auch das half nicht. Das Breitegeben der Flügelläufer konnte Rostovs Fünferkette auffangen, den verbleibenden Sechsern fehlte die Präsenz im Zentrum und auch die Stürmer agierten – insbesondere nach der Einwechslung Kokorins neben Dzyuba – zu hoch. Allein Hulk sorgte für vereinzeltes Zurückfallen in Zwischenpositionen, doch in einer solchen Rolle hätte es eines strategischeren Spielers bedurft.

So suchten die Mannen aus Sankt Petersburg zunehmend lange Bälle aus den aufgefächerten Aufbaustaffelungen in die Spitze, scheiterten aber trotz ihrer großgewachsenen Angreifer letztlich an der defensiven Präsenz des Gegners. Derweil wurde bei Rostov das Herausrücken des jeweiligen äußeren Mittelfeldspielers neben die Stürmer wieder sauberer und geschickter, gelegentlich formierten sie auch klarere 5-2-3-Staffelungen. Erst in den absoluten Schlussminuten kamen die Gäste wieder zu gefährlichen Angriffen, als bei Rostov die Konsequenz nachließ und dadurch deren Zwischenlücken weniger abgefedert waren. Bis etwa zur 80. Minute hatte es Zenit aber nicht vermocht, ihr Abschlusskonto im zweiten Durchgang über fünf Versuche hinaus hochzuschrauben. So mussten sie sich schlussendlich verdient geschlagen geben.

AP 27. April 2016 um 12:51

Starker Beitrag TR. Hast du Videomaterial oder wie kommst du an diese russische Fussballleckerbissen.

Rostow`s 5-3-2 interessiert mich sehr, evtl. hast du noch weitere Hinweise für mich.

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LM1895 28. April 2016 um 11:44

Überhaupt danke für diesen ausführlichen „Blick über den Tellerrand“. Sehr interessant, die russische Liga hab ich so gar nicht auf dem Radar.
Außerdem: „wenngleich Hulk auf links in der Folge zu sehr nach außen zog und sich auch mal in unnötige Dribblings verstrickte“ —> also im Prinzip einfach Hulk war 😉

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TR 28. April 2016 um 11:54

Hallo, danke für das Lob euch beiden. Zur Frage von AP: Dieses Spiel hier wurde bei sportdigital übertragen, die jeden Spieltag das eine oder andere Match aus der russischen Liga senden.

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