Auch ungewohnte Unruhe stoppt Juves Serie nicht

ac mailand1:2juventus

Dem AC Milan gelang es, Juventus in ein unangenehm hektisches, fahriges Duell zu reißen. Schlussendlich waren sie vor allem aber mit ihren Mannorientierungen in den Abwehrzonen zu unkompakt, um gegen die letztlich zu starken Turiner punkten zu können.

Von den beeindruckenden 20 Siegen, die der der Titelverteidiger aus Turin in den letzten 21 Ligapartien verbuchen konnte, gingen viele Erfolge ruhig, souverän und ungefährdet vonstatten. Auch in knapperen Matches ließen sie wenig Unruhe aufkommen. Im Aufeinandertreffen mit den noch um ihre Europa-League-Chance kämpfenden Milanisti entwickelte sich diesmal eine verhältnismäßig offene und teilweise hektische bis fahrige Partie.

milan-juve-2016Milans Defensive im 4-4-2/4-4-1-1

Gegen den Dreierkettenaufbau Juves formierten die Hausherren ein 4-4-2/4-4-1-1. Anfangs variierten die beiden Stürmer ihre genauen Anordnungen zwischen den gegnerischen Verteidigern noch vielseitiger und stellten einige gute bis interessante, wenngleich in letzter Instanz oft sehr unintensive Staffelungen her. Später ging Milan immer mehr dazu über, dass einer der beiden sich weiter zurückfallen ließ und in einer losen Mannorientierung im Dunstkreis von Marchisio bewegte. Die Außenspieler Honda und Bonaventura agierten in der Grundstellung etwas höher als die Flügelverteidiger des Tabellenführers, an denen sie sich prinzipiell orientierten. Gelegentlich rückten sie etwas vor, in der Rückzugsbewegung fielen sie oft abwartend in eine klare Viererlinie zurück.

Als die Halbverteidiger der Turiner neben der keilartig versetzten 1-1-Anordnung der Milan-Stürmer zunehmend Raum zum Aufrücken erhielten, bewegten sich die Mailänder Flügel aus einer abwartenden, tiefen Grundposition langsam diagonal nach vorne, um diese Vorstöße aufzunehmen. Gerade auf Juves linker Seite war das häufig in Person von Honda gegen Rugani der Fall. Der Japaner versperrte dabei die Passoptionen auf die Seite und leitete den gegnerischen Vorstoß ein wenig nach innen. Situativ machte auch der jeweils Ballnahe der beiden Sechser Druck, die trotz loser Mannorientierungen immer wieder auch weit mit zum Flügel verschoben. So wurde Juve beim Übergang oft zu frühen und schnellen Direktpässen gedrängt, konnte das eigene Spiel nicht so entwickeln.

Hektik in die Spitze

Das führte zu einigen vorschnellen Aktionen in die Spitze. Zudem mussten sie sich dann mit den zahlreichen engen Mannorientierungen auseinandersetzen, die den hinteren Teil der Mailänder Formation durchzogen. Insbesondere die beiden Innenverteidiger spielten weiträumig fast Mann gegen Mann im Duell mit Mandzukic und Álvaro Morata. Das war sehr unangenehm und führte zu einigen überengagierten, unsauberen Gegenbewegungen der Turiner. Gelegentlich gab es nach den Direktpässen einige gute Ablagen von Mandzukic auf Pogba in offene Zwischenräume. Später fand Juve auch gezieltere Mechanismen, die Innenverteidiger auseinanderzuziehen und mit kleineren Stafetten dynamisch Ausweichräume anzuvisieren.

In letzter Instanz mussten sie aber oft wieder in Einzelbewegungen hineinspielen, so dass die Szenen zwar Raumgewinn im Aufrücken brachten, aber letztlich Stückwerk blieben. So trug auch dies letztlich zum Effekt bei, der durch die Verbindung aus dem Anlaufen Milans gegen die Halbverteidiger und vor allem den Mannorientierungen entstand: Juve fand gegen diese Unruhe zunächst keinen klaren Rhythmus. Die letzte Mittelfeldkontrolle fehlte, Kwadwo Asamoah bewegte sich im Aufbau vereinzelt auch etwas zu breit, auf den ballfernen Achter rückte  oft der ballferne Flügelspieler Milans. Letztlich kam es zu einigen hektischen Phasen und schon frühzeitig öffnete sich die Partie ungewohnt stark. So fanden sich die Hausherren besser hinein. Sie hatten gelegentliche Konter und profitierten von kleineren Nachlässigkeiten in Juves Pressing.

Neben nachlässiger Formation aufrücken

Mit einer weiträumigen, schematischen Spielweise in ihrem 4-4-2-Positionsspielgerüst gelang es Milan gar nicht so schlecht, die Anordnung der Turiner auseinanderzuziehen. Deren Stürmer konzentrierten sich diesmal etwas zu sehr auf die Zentrumsversperrung, schoben nur wenig mit nach außen und legten teilweise auch nicht ihre höchste Intensität an den Tag. Daher hatte die restliche Formation gegen Milans breit gestreckte Ausrichtung viel Raum abzudecken. Durch die Grundstellung der Angreifer und lose Mannorientierungen der Achter auf die Sechser – vereinzelt auch mal höheres Nachschieben Marchisios – lenkte Juve Milan zwar oft auf Außen, doch diese versuchten ohnehin verstärkt dort aufzubauen und den Flügel herunterzuspielen.

Im Normalfall sah die Systematik bei Allegris Team vor, dass ballnah der jeweilige Achter auf den entsprechenden gegnerischen Außenverteidiger herausrückte, nur selten der eigene Flügelspieler. Diese wiederum verhielten sich lose mannorientiert gegen Honda und Bonaventura. Insgesamt wurden bei Juventus aber die Abstände manchmal etwas zu groß. Sie hatten einige passivere, im Verschieben zu abwartende Phasen im Mittelfeldzentrum, so dass Milan dagegen – zumal die Stürmer ebenso nicht ganz konsequent agierten – erst einmal über außen aufrücken konnte, ehe Lichtsteiner bzw. Alex Sandro herausschoben. Auch über Montolivos Herauskippen nach rechts wurde das vereinzelt forciert.

Ambivalente Flügelüberladungen und beispielhafter Ausgleich

Links kam es dann etwa zum Andribbeln Bonaventuras gegen den herausrückenden Lichtsteiner. Bei diesen Flügelangriffen halfen außerdem die Außenverteidiger – wenngleich in etwas zu simplen Bewegungsmustern – und einer der Stürmer, der weit herüberschob. Oft übernahm der ballnahe Halbverteidiger Juves diesen mannorientiert. Auch wenn nach Doppelpässen mal Bonaventura oder Balotelli im Zwischenlinienraum frei wurden, fehlte Milan die kollektive Unterstützung, um diese nicht ganz sattelfesten Zuordnungen und situativen Mannorientierungen gefährlicher zu bespielen. Gerade die beiden ballfernen Angriffsspieler standen horizontal weit entfernt in simplen, hohen Staffelungen.

Da jenen Flügelüberladungen die ausreichende Zentrumspräsenz „nebenan“ fehlte, blieb es nur bei Ansätzen. Milan konnte zwar für Torannäherungen, etwas Raumgewinn und vor allem Präsenz sorgen, aber es gelang kaum mal, die gegnerische Defensive wirklich abschließend zu knacken. Sie lebten davon, über die Kompaktheitsprobleme in den ersten Linien mit klaren, simplen Mechanismen nach vorne zu kommen und dort eben jene gewisse Präsenz zu erzeugen. Das erlaubte ihnen einige Ansätze und ihr Auftritt wirkte zumindest gefährlicher, als bei vielen anderen Teams. Die beiden besten Chancen entstanden jeweils nach Standardsituationen, so auch das 1:0 durch Alex.

Bis zum Ausgleich der Turiner dauerte es allerdings nicht lange. Der Treffer nach einem langen Ball war in gewisser Weise auch ein Beispiel für die Problematik der Mailänder Mannorientierungen in der Abwehr. Eine entscheidende Rolle spielte Buffon, der einen losen Ball erlief, aber nicht seinen Verteidigern übergab und wieder ins Tor zurückeilte. Vielmehr rückte er noch etwas auf und lockte damit Milans vordere Formation ein wenig heraus. So wurde deren Defensive gestreckt und die lose mannorientierten Sechser konnten erst recht nicht mehr nach hinten helfen. Dort war Juves Sturm-Duo alleine gegen die letzte Linie ohne Absicherung: Es brauchte nur ein gewonnenes Kopfballduell von Mandzukic, eine kleine Weiterleitung Moratas und schon war der Kroate frei vor dem Tor.

Noch mehr Offenheit, noch mehr Aufrücken

Die Offenheit der Partie nahm in der zweiten Halbzeit zunächst noch zu und führte zu einer zwischenzeitlich fahrigen Angelegenheit. Ein entscheidender Faktor war die Tatsache, dass beide Teams häufiger ins hohe Pressing übergingen. Juve nutzte dafür die Methodik aus dem ersten Durchgang in aggressiverer Ausführung, schob die eigenen Linien weiter vor. Bei Milan rückten sowohl die Stürmer, wenngleich oft etwas unsauber angeordnet, und die Flügelspieler höher auf. Diese attackierten nun häufiger auch mal die gegnerischen Halbverteidiger und ließen Abate bzw. Antonelli dahinter nachschieben. Überhaupt rückten diese auch in ruhigeren Phasen häufiger auf die Turiner Flügelläufer heraus.

Gerade rechts war dies zu sehen und mit einer engeren Grundpositionierung Hondas verbunden, der situativ auch mal Druck auf Kwadwo Asamoah zu machen versuchte. Überhaupt musste der Japaner im Zentrum verstärkt Lücken stopfen und einzelne Gegner übernehmen, da seine Sechserkollegen ihre Mannorientierungen nun weiträumiger und deckender ausführten, speziell Kucka gegen Pogba. All diese Faktoren zusammen bedeuteten eine weniger kohärente Defensivspielweise Milans, die nun die eigenen Linien immer improvisierter zusammenhielten und sich ungeordneter bewegten – durch die vielen Mannorientierungen und Aufrückbewegungen.

Juve entscheidet das Spiel und sichert den Sieg

Dagegen reagierte Juve in dieser Phase, auch unter dem Eindruck des höheren gegnerischen Pressings, mit frühzeitigen Direktpässen in die Spitze. Bei Milan war das Mittelfeld offener und die Außenverteidiger standen durch das Vorrücken auf die Turiner Flügel weiter herausgezogen. Das bot vielversprechende Räume für Schnellangriffe, die Juventus mit konsequenten Läufen gegen die Mannorientierungen startete: Immer wieder wichen die Stürmer aus und kreuzten, Pogba stürmte mit gutem Timing in offene Räume. Zwar neigte Juve auch zu vielen vorschnellen, überfrühten Vertikalaktionen und hektischen Ballverlusten, es ergaben sich aber auch einige sehr gute Szenen.

Vor dem 1:2, das Pogba stark nach einer Ecke markierte, hatten sich die Torannäherungen für die Gäste gehäuft. In Rückstand liegend, brachte Mihajlovic für die Schlussphase zusätzliche Offensivpower, in Person von Luiz Adriano, kurz danach auch Kevin-Prince Boateng. Dadurch agierten die Rossonieri nun fast schon mit drei Angreifern und steigerten die vordere Präsenz. Letztlich führte das aber gerade nicht zur nochmaligen Erhöhung des intensiven, unruhigen, kampfbetonten und fahrigen Rhythmus. Vielmehr kam eher eine gewisse Beruhigung des Spiels zustande, die letztlich vor allem den Gästen gut tat.

Bei Milan entstand immer deutlicher eine Trennung zwischen einem nun improvisierten, breit angelegten Dreiermittelfeld und den Angreifern. Diese Zwischenlücken erschwerten nicht nur eigene Angriffe, sondern boten Juventus Freiräume zur Ballsicherung, in denen sie drucklos das Leder laufen lassen und situativ auch mal wieder nach vorne tragen konnten. Gleichzeitig brachte der Titelverteidiger in diesen Momenten seine generellen Defensivqualitäten ein: Wie sie in dieser Phase kluge und bisweilen leitende Staffelungen herstellten, die wichtigen Passoptionen versperrten und damit fast jede zentrale Verbindung für Milan kappten, war in der sauberen Abstimmung ein ganz anderes Niveau als auf der Gegenseite.

Fazit

So ging der Sieg für den Tabellenführer letztlich nach der zweiten Halbzeit in Ordnung. Milan konnte eine ungewohnt hektische Angelegenheit erzwingen, zeigte aber in der Endabrechnung zu viele Schwächen durch die stärker werdenden Mannorientierungen und die fehlenden Anschlussverbindungen aus den Flügelüberladungen. Auch für Juve war es nicht das beste Spiel, sie nutzten die gegnerischen Probleme letztlich aber konsequent und sind weiter auf bestem Wege zu einer erneuten Titelverteidigung. Für Milans Saisonverlauf könnte die Partie dagegen endgültig die Weichen auf das Verpassen des fünften Tabellenranges gestellt haben.

August Bebel 11. April 2016 um 12:17

Da Milan im Pokalfinale steht, können sie sich entweder als Pokalsieger (unwahrscheinlich, da es wieder gegen Juve geht) oder als Tabellensechster – vorausgesetzt sie halten diesen Platz – auch für die Europa League qualifizieren. Eine schöne Analyse übrigens; ich finde, sie vermittelt eine gute Vorstellung vom Spiel.

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