Abstöße als effektivste Spielmacher – für den Gegner

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Ingolstadt gegen Köln ist das Duell zweier Mannschaften, die sich unter dem Radar vieler Fans bewegen. Beide Teams stehen nicht für spektakulären Fußball, sondern fokussieren sich auf Stabilität. Auch die großen Namen fehlen im Kader und auf der Trainerbank. Doch die zwei Österreicher, Peter Stöger und Ralph Hasenhüttl, haben zwei formidable Mannschaften gebastelt, die sich im Mittelfeld der Tabelle etabliert haben. Platz 9 gegen Platz 10 bedeutet ein Duell der Tabellennachbarn; und sollte auch entscheiden, ob eines der Teams noch in Richtung internationaler Plätze anklopfen könnte.

Kölner Defensivplan

Grundformationen

Grundformationen

Das auffälligste in den Aufstellungen beider Teams war die Viererkette der Kölner. Mit Heintz, Sörensen, Maroh und Mavraj starteten gleich vier nominelle Innenverteidiger. Mladenovic und Olkowski, die Alternativen für die defensiven Flügel, wurden erst später eingewechselt. Vermutlich wollte man damit das auf lange Bälle fokussierte Spiel der Ingolstädter aufhalten (81 lange Bälle pro Spiel, die meisten in der Liga und prozentuell nur hinter Darmstadt). Außerdem sind die Ingolstädter stark nach Standards (sechs Tore, nur fünf Teams haben mehr), weswegen die Hereinnahme der Innenverteidiger bei Köln in die Viererkette auf dem Papier überaus verständlich war.

Interessant war auch die Bewegung vor der Viererkette. Vogt und Lehmann als Doppelsechs besetzten die zentralen Räume und verhielten sich öfters mannorientiert, ebenso  wie Risse und Bittencourt auf den Flügeln. Gerhardt wiederum spielte noch eine Reihe davor, diagonal hinter Modeste versetzt. In diesem 4-4-1-1 spielte Modeste mittig und orientierte sich häufig an Matip und Hübner in der gegnerischen Innenverteidigung, doch Gerhardt spielte dahinter etwas nach links verschoben.

Dadurch wollten sie vermutlich Ingolstadts größte Stärke und prägendste Angriffsstruktur verteidigen.

Ingolstadts Rechtsfokus

43% aller Angriffe Ingolstadts kommen über die rechte Seite; kein Team in der Liga greift so häufig über eine Richtung an. Meistens nutzt Ingolstadt dabei Vorstöße des rechten Außenverteidigers Da Costa, der sich weit nach vorne bewegt und die Flügelräume besetzt. Groß bewegt sich aus dem Zentrum in die dadurch geöffneten Räume und baut das Spiel aus diesen Zonen auf. Der rechte Flügelstürmer wiederum kann sich dank des hohen Außenverteidigers in die Mitte bewegen und Räume überladen. Mit dem Mittelstürmer und dem linken Flügelstürmer, der ebenfalls häufig weit in Richtung Mitte einrückt, erzeugt man enorme Präsenz auf dem rechten Flügel und in den angrenzenden Räumen.

Die langen Bälle Ingolstadts kommen deswegen oft von Groß oder den Innenverteidigern in diesen geballten Haufen; behauptet man den Ball, gibt es einfachen Raumgewinn und Durchbruchmöglichkeiten direkt hinter die gegnerische Abwehr. Auch einige Ablagen und darauffolgende schnelle Kombinationen oder Hereingaben von der Seite in die Mitte können durchgebracht werden, während die Spieler in den angrenzenden Zonen diese Aktionen unterstützen und absichern können.

Dieser Rechtsfokus wurde von Köln mäßig verteidigt. Trotz Gerhardt fanden die Ingolstädter immer wieder Räume für Groß und Co. Roger ließ sich teilweise auch zwischen die Innenverteidiger zurückfallen und sorgte dadurch für eine breite Formation in der ersten Linie. In tieferen Zonen half jedoch die Kompaktheit und gute Strafraumverteidigung, um keine größeren Chancen zuzulassen. Dennoch hatte Ingolstadt eine gewisse Überlegenheit – dank ihres Schlüsselspielers.

Groß, der Halbraumspielmacher

Spieler von kleineren Mannschaften – wie Daniel Baier beim FC Augsburg – haben oft das Problem, dass ihre Leistungen in der Öffentlichkeit wenig beachtet oder unterschätzt werden. Ein solcher Spieler ist Ingolstadts Pascal Groß. In dieser Partie zeigte er, wieso. Er läuft sich sehr gut frei und findet immer wieder mit gutem Timing offene Räume. Desweiteren ist er schwierig unter Druck zu setzen; ein paar Mal befreite er sich in dieser Partie aus Pressingsituationen mithilfe von kleinen Finten, Drehungen und sogar Hackenpässen.

Groß am Ball in offenem Raum

Groß am Ball in offenem Raum

Dazu hatte – trotz einer Passgenauigkeit von „nur“ 74% (über dem Schnitt beider Mannschaften – zahlreiche kreative, intelligente und technisch hochwertige Pässe. Ein paar Mal lockte er z.B. das Pressing des Kölner Mittelfelds an und spielte dann geschickt in die dahinter geöffneten Räume auf höher positionierte Mitspieler.

Sein bevorzugtes Arbeitsgebiet ist hierbei der defensive Halbraum. Von dort aus kann er viele unterschiedliche Rollen ausüben. Mal hilft er im Aufbauspiel und kümmert sich um eine ruhigere Ballzirkulation; dies war gegen Kölns relativ tiefes Pressing öfters der Fall. Mal spielt er die langen Verlagerungen und Diagonalbälle aus dieser Zone und gelegentlich versucht er eben mit scharfen Flachpässen vertikal nach vorne zu spielen. Desweiteren ist er in seinen guten Standards ebenso ein starker Spieler. Auch in der Arbeit gegen den Ball überzeugte Groß und hatte dort gleichfalls eine Schlüsselfunktion.

Variable Defensivformation bei Ingolstadt

Die Hausherren sind eine der wenigen Mannschaften, die den Gegner im Spielaufbau teilweise bewusst in die Mitte lenkt, um dort zu pressen. Dabei nutzen sie z.B. eine Art 4-3-3/4-2-3-1-Formation, in welcher die Flügelstürmer etwas weiter entfernt vom Mittelstürmer stehen und die Schnittstellen öffnen. In diesem Spiel wurde dies ähnlich gemacht, aber etwas angepasst.

Besonders in der Anfangsphase gab es 4-1-2-3-Staffelungen, in welchen Groß zentral aktiv war. Wenn der Gegner dies überspielte, konnte sich Groß auf den rechten Flügel fallen lassen und es entstand – im Verbund mit dem Zurückfallen des linken Flügelstürmers – ein 4-4-2 oder 4-1-3-2. In der ersten Halbzeit wurde dies mit unterschiedlichen Spielern gemacht, weil Leczano, Hinterseer und Leckie häufig die Positionen wechselten.

Später, mit der Führung im Rücken, spielte man konstanter in einem 4-1-4-1 mit Leckie und Hinterseer als Flügelstürmern auf Höhe der beiden Achter. Einen großen Unterschied machte es nicht. Das Spiel wurde letztlich nicht durch taktische Wechselwirkungen entschieden. Grundsätzliche strategische Entscheidungen beider Mannschaften sorgten für beide Tore.

Leiten im Pressing, erste Pressingattacke und Bewegungen, um ein 4-4-2 herzustellen, wenn es überspielt wird. Allerdings gab es aber eben viele 4-1-4-1-Staffelungen, in welchen Groß zentral blieb und Hinterseer/Leckie zurückfielen.

Leiten im Pressing, erste Pressingattacke und Bewegungen, um ein 4-4-2 herzustellen, wenn es überspielt wird. Allerdings gab es aber eben viele 4-1-4-1-Staffelungen, in welchen Groß zentral blieb und Hinterseer/Leckie zurückfielen.

Abstoßchaos

Sowohl Köln als auch Ingolstadt nutzen in jedem Spiel häufiger lange Abstöße. Die Idee ist einfach: Man riskiert nicht durch den Aufbau mit flachen, kurzen Pässen den Ballverlust in gefährlichen Räumen, kann sich direkt mit hoher Absicherung formieren und fokussiert sich auf die Eroberung des langen Balles. Dass diese langen Abstöße allerdings auch ein Risiko mitbringen, wird oft übersehen. Das Chaos bei diesen hohen Bällen und die Richtung, mit welcher das eigene und gegnerische Team orientiert sind, hat durchaus eine Gefahr. In diesem Spiel erhielten beide Teams das Gegentor nach einem eigenen langen Abstoß.

Köln machte den Anfang. Ihr Abstoß führte zu einem Ballverlust auf links, Ingolstadt spielte über Umwege auf die andere Seite und schaffte einen Durchbruch über die dort offenen Räume auf rechts. Eine Flanke in die Mitte führte zur Führung.

Beim Ausgleich war es ein Abstoß von Ingolstadt, bei welchem Köln die resultierenden Luftzweikämpfe gewann. Ingolstadt wollte nach- und hochschieben, aber kann das nicht sauber wegen der unkontrollierten Situation. Dies erlaubt einen Pass hinter die Abwehr und freie Spieler in der Mitte. Den Abschluss von der rechten Seite kann der Torwart zwar parieren, doch Modeste verwertet den Abpraller per Kopf.

Fazit

Kein berauschendes, aber exemplarisches Duell. Ingolstadts Pressing und Rechtsfokus, die zwei großen Markenzeichen der Hasenhüttl-Elf, zeigten sich ebenso prägnant wie Kölns stabilitätsorientiertes Pressing inkl. der damit einhergehen Mannorientierungen und die Kompaktheit. Ingolstadt war leicht überlegen. Sie hatten mehr gute Chancen und Schüsse, doch die Dominanz war marginal. Später wurde Köln aggressiver im Pressing, die Flügelstürmer rückten gelegentlich eine Linie vor und der ballnahe Außenverteidiger schob nach, doch wie schon in der Analyse erwähnt war dies nicht relevant für die Tore. Stattdessen war es die Furcht vor dem Aufbauspiel in tiefen Zonen, welches auf beiden Seiten zu den Gegentoren führte. Mit dem Unentschieden dürfte für beide Mannschaften der Traum von den internationalen Pläten beendet sein. Zu groß sollte der Rückstand nun sein.

Schorsch 3. März 2016 um 21:38

Zum Thema ‚lange Abstöße‘ fällt mir immer Harald (‚Toni‘) Schumacher ein. Warum? Weil er die nämlich eher selten praktiziert hat. Es war wohl eher einem Meniskusschaden geschuldet, aber er entwickelte eine deutlich präzisere und effektivere Alternative: Den weiten Abwurf. Den gab es zwar auch schon vorher, aber er schleuderte dabei den Ball mehr, als dass er ihn warf. Sehr präzise, zum eigenen Mann. Nicht nur, um das Spiel schnell zu machen. Sondern auch, um eben auch einen ‚rebound-Effekt‘ zu vermeiden. Toni konnte mit seinen Abwürfen den Ball über die Mittellinie hinaus zum eigenen Mann bringen. Dadurch, dass der Ball durch das ‚Schleudern‘ eher flach und schnell und nicht wie beim Abstoß eher hoch im Bogen und langsam gespielt wird, konnte sich der Gegner auch nicht so leicht darauf einstellen und es entstanden keine ‚Pulks‘.

Es wundert mich ein wenig, dass diese Form des weiten Torwartabschlags so aus der Mode gekommen ist.

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Schorsch 10. März 2016 um 12:03

Eine Beobachtung aus dem gestrigen CL-Spiel Chelsea vs PSG:

Mir ist aufgefallen, dass Kevin Trapp einige Male den Abwurf gewählt hat. Meist auf Außen, da sich dort der freie Mann befand und die Gegenspieler im Zentrum konzentrierten. Die Bälle kamen sämtlich an und es entwickelten sich durchaus gelungene Angriffe daraus, da die Geschwindigkeit des Abwurfes und die Präzision Chelsea kaum Zeit zum Verschieben ließ. Das (allerdings mMn nicht sehr konsequente und nur phasenweise effektiv praktizierte) Pressing Chelseas konnte so schnell und effektiv einige Male umgangen werden.

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Peda 3. März 2016 um 13:45

Standards sind vermutlich der Punkt, der im Spitzenfußball noch am meisten ungenutztes Potential birgt.

Selbst Freistöße werden ja noch überwiegend auf gut Glück ausgeführt (Direktschuss oder Flanke in den Pulk), kollektive Bewegungen sieht man eher selten. Jede einstudierte Variante – ob geglückt, oder nicht – schafft es dann direkt in irgendein Best Of-Video. Da sind Ecken meinem Gefühl nach sogar variantenreicher. Vielfach wird kurz abgespielt, gegen Manndeckungen werden oft Weiterleitungen effektiv eingesetzt, die Schwächen des Torwarts (unter Bedrängnis unsicher bei hohen Bällen, unsicher beim Herauskommen) werden auch oft berücksichtigt und bespielt.

Einwürfe haben ja den großen Vorteil, dass bei der Ausführung das Abseits aufgehoben ist, dazu werden die Mitspieler oft sogar manngedeckt. Durch entsprechende Bewegungen ließen sich da sicher erfolgsstabil Räume für Angriffe öffnen. Defensiv sieht man, wie von TobiT schon geschrieben, bei hoch pressenden Mannschaften oft starke Verschiebebewegungen, die die speziellen Umstände eines Einwurfs (begrenzte Reichweite, hoher, langsamer Ball) gut bespielen.

Lange Abstöße dagegen halte ich nur schwer für wirklich offensiv nützlich, zumindest für die ausführende Mannschaft: meistens ballen sich alle 20 Feldpsieler auf 10% des Spielfeldes. Der Ball ist sehr lange Zeit in der Luft, wodurch wirklich überraschende Routen schon einmal verunmöglicht sind. Dann hat die gegnerische Hintermannschaft den Vorteil den Ball und das Spielgeschehen immer im Blickfeld zu haben, wohingegen sich die eigene Mannschaft mit dem Ball mitfrehen muss. Es folgt meist nicht nur ein, sondern mehrere Zweikämpfe, bis eine Mannschaft eindeutig in Ballbesitz ist. In dieser Zeit befinden sich alle „Unbeteiligten“ in einer mehr oder weniger schwimmenden und passiven Position. Ein Lotteriespiel mit leichten Vorteilen für den Gegner. Es muss in der allgemeinen Spielweise schon deutliche Vorteile im Luftzweikampf und dem Kampf um die sogenannten zweiten Bälle geben, um daraus Kapital schlagen zu können.

Generell hat TobiT wohl Recht, offensichtlich werden die Unterschiede nur bei Extrembeispielen.
Ich denke aber, dass sich durch die gezielte Nutzung von Standards sehr (trainingszeit-)effizient Torgefahr erzeugen lässt. Ob das aber auch genutzt wird, hängt oft vom persönlichen Engagement eines Co-Trainers ab, da eine bewusste Nutzung nur in Ausnahmefällen (Nerdtjylland) zu beobachten ist.

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TobiT 3. März 2016 um 14:14

Halte in den meisten Fällen auch nichts/wenig von langen Abschlägen/langen Bällen. Gerade, weil sie meist nur grob in Richtung eines Schranks weit vorne gebolzt werden.
Mir kommt gerade die Idee mit mehreren schnellen, dribbelstarken Spielern kurz vor der Mittellinie zu stehen und dann, je nach Höhe der gegnerischen Abwehr, lang in deren Rücken (hoch) oder in den Zwischenlinienraum (tiefer) zu spielen. Erfordert natürlich einen TW/IV mit herausragenden langen Bällen und der passenden Entscheidungsfindung zur länge des Passes, sowie die entsprechenden Spieler wie Chicharito, Reus, Mkhitaryan, Robben, … in der Offensivreihe. Dazu bräuchte man ein sehr gutes Gegenpressing als Absicherung für Ballverluste und die Möglichkeit des kurzen Aufbaus, da sich der Gegner sonst zu leicht auf den „Trick“ einstellen kann.

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Dr. Acula 2. März 2016 um 17:51

der titel bringt mich dazu, hier mal etwas anzustoßen, das mir schon etwas länger durch den kopf geistert: die frage, inwiefern abstöße, ecken und insbesondere einwürfe als taktisches mittel nutzbar sind. bei einwürfen achte ich seit längerem drauf, mir ist da aber kein besonderes verhalten aufgefallen, sondern das was wir auch in den junioren mannschaften gelernt haben: freilaufen, versuchen den ball mitzunehmen und weiter gehts. meinungen?

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TobiT 2. März 2016 um 18:48

Ich fand es bei RB Leipzig, Leverkusen, Ingolstadt und tlw. Stuttgart unter Zorniger auffällig, wie weit bei Einwürfen verschoben wurde. Da standen diese Teams manchmal mit 6, 7 Mann auf sehr engem Raum und haben auch häufig dadurch den Ball erobern können.
Bei Abstößen sieht man ja auch immer wieder Ballungen in einzelnen Feldbereichen, wo dann auch der Ball hingeht.
Wirklich offensichtlich werden diese Unterschiede in solchen Situationen aber nur bei den Extrembeispielen.

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