Donnerstag, 28.07.2016

TEs Bundesliga-Check: Kölner Ketten, Wolfsburger Narren

Die Spieltagskolumne behandelt dieses Mal Wolfsburgs Krise, Darmstadts Höhenflug und die Fünferkette der Kölner. Helau!

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag drei Aspekte heraus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den “langen” Spielanalysen keinen Platz finden. Der Analysehappen für Zwischendurch.

Wolfsburgs schwache Defensive

Es ist Karneval! In Wolfsburg feiert man traditionsgemäß keinen Karneval [an dieser Stelle bitte „Wolfsburg hat keine Tradition“-Witz einfügen] . Dieses Jahr gibt es erst Recht nichts zu feiern, so schwach waren die Ergebnisse zuletzt in Wolfsburg. Und das liegt vor allem an der Anfälligkeit gegen Konter.

Ein gutes Ballbesitzspiel definiert sich nicht nur über das Spiel mit Ball. Wer ein Spiel dominieren und den Gegner einschnüren möchte, muss auch an den Mechanismen gegen den Ball feilen. Pep Guardiolas wahre Kunst liegt darin, ein System zu kreieren, das zwei Dinge gleichzeitig kann: zum Einen öffnen seine Bayern durch ihr Zonenspiel offensive Räume, zum anderen können sie direkt in ein Gegenpressing und eine gute Defensivordnung übergehen.

Der VfL Wolfsburg tut sich momentan mit Zweiterem schwer. Coach Dieter Hecking versucht sich derzeit an einem recht offensiven 4-3-3-System. Max Kruse und Julian Draxler orientieren sich als Achter – ihrer Spielernatur entsprechend – nach vorne. Dadurch können große Lücken entstehen im zentralen Mittelfeld.

Normalerweise schließt Wolfsburg diese Lücken durch das Herausrücken der Innenverteidiger. Gegen Schalke war das nicht immer leicht. Wolfsburgs Außenverteidiger spielten sehr hoch. Schalkes Sane und Choupo-Moting sorgten für Breite bei Schalker Kontern. Die Innenverteidiger mussten den Blick nach Außen wahren, damit keiner der beiden Flügelflitzer durchbricht.

Schalkes erster Treffer beim 3:0-Erfolg gegen Wolfsburg. Huntelaar erhält den Pass im völlig offenen Zwischenlinienraum. Knoche kann Huntelaar nicht stellen, ohne Sane den Weg zum Tor zu öffnen. Huntelaar kann völlig unbedrängt schießen.

Schalkes erster Treffer beim 3:0-Erfolg gegen Wolfsburg. Huntelaar erhält den Pass im völlig offenen Zwischenlinienraum. Knoche kann Huntelaar nicht stellen, ohne Sane den Weg zum Tor zu öffnen. Huntelaar kann völlig unbedrängt schießen.

Auch das wäre noch kein riesengroßes Problem, wenn Wolfsburg verhindern würde, dass der Gegner nach einem Ballverlust diese Lücken bespielen kann. Allerdings ist das Gegenpressing zu unsauber. Es funktioniert, wenn Wolfsburg den Flügel überlädt und dort eine Gleichzahl herstellt. Wenn Wolfsburg jedoch einen Flügel bespielt, auf dem sie in Unterzahl sind, fehlt die kollektive Rückwärtsbewegung, um die entstehenden Lücken zu schließen.

Somit hatte Wolfsburg in 19 von 20 Bundesliga-Spielen mehr Ballbesitz. Auf einen Sieg warten sie jedoch nun bereits seit sieben Spielen.

Darmstadt kann auch clever

Darmstadt 98 wird gerne auf Kampfgeist, lange Bälle und Standards reduziert – zumindest was das Offensivspiel angeht eine durchaus zutreffende Reduktion. An dieser Stelle möchte ich einen tieferen Blick auf das Darmstädter Defensivspiel werfen. Das hat sich im Verlaufe der Saison überraschend verbessert.

Die gesamte Saison bereits setzt Darmstadt auf Mannorientierungen auf den Flügeln. Die Außenstürmer verfolgen die gegnerischen Außenverteidiger und lassen sich neben die eigene Viererkette fallen. Darmstadt postiert situativ fünf bis sechs Verteidiger in eigenen Abwehrkette. Darmstadt kann so, bereits die gesamte Saison, gut gegen Bälle an die eigene Abwehr vorgehen.

Szenenbeispiel Darmstadts Defensive: Hoffenheim wird im Aufbau auf den Flügel gedrängt, dann werden die Optionen zugestellt.

Szenenbeispiel Darmstadts Defensive: Hoffenheim wird im Aufbau auf den Flügel gedrängt, dann werden die Optionen zugestellt.

Dass dies nicht zu Schwächen im Mittelfeld führt, liegt am klugen Raumgefühl der Mittelfeldspieler und vor allem von Stürmer Jan Rosenthal. Er pendelt das System aus. Die Bewegungen im Zentrum drängen den Gegner früh auf die Außenbahnen. Darmstadt versperrt durch die Mannorientierungen den Passweg auf die Flügel und schließt gleichzeitig den Passweg ins Zentrum. Gerade spielschwache Gegner wie Hoffenheim finden keinen Weg vorbei an diesem 6-2-1-1-System.

Darmstadt zwang Hoffenheim, fast 80% ihrer Angriffe über die Flügel zu spielen. Hoffenheim konnte daraus nie Kapital schlagen. Im Gegenzug leiteten sie ihre eigenen Konter über Hoffenheims rechte Seite ein. Am Ende waren es jedoch wieder Standards und lange Bälle, die für den Sieg sorgen. Darmstadts starke Defensivleistungen der vergangenen Woche sollten allerdings nicht unterschlagen werden.

Kölns Fünferkette

Dreier- und Fünferketten sind eine Rarität in der Bundesliga. Der 1. FC Köln hat am Wochenende verhindert, dass sie unter Artenschutz gestellt wird. Sie haben nämlich eine gute, passende Fünferkette gegen den Hamburger SV gespielt – und damit bewiesen, dass die Fünferkette noch nicht tot ist.

Köln gegen Hamburg

Köln gegen Hamburg

Der größte Vorteil der Kölner Fünferkette lag in der Defensive: Mit fünf Spielern in der Abwehrkette ist eine Mannschaft bestens abgesichert gegen versuchte Schnittstellenpässe. Vor allem gegen den Hamburger SV ist dies wichtig. Die Hamburger haben mit Müller, Lasogga und Neuzugang Drmic gleich drei Angreifer auf dem Rasen, die an der gegnerischen Abwehrkette auf Durchbrüche lauern. Und wenn doch einmal einer der drei Spieler zurückfällt, kann ein Verteidiger die Verfolgung aufnehmen, ohne dass die Abwehrkette löchrig wird.

Im Spielaufbau wird aus der Fünferkette schnell eine Drei-Mann-Abwehr. Die Kölner bauten das Spiel ähnlich auf wie die Bayern: Die Drei-Mann-Abwehr stand sehr breit, um den gegnerischen Zwei-Mann-Pressing-Sturm auseinanderzuziehen. Köln lockte den HSV immer wieder heraus – und bediente über die aufrückenden Außenverteidiger Stürmer Modeste.

Am Ende hatte Köln zwar viermal so viele Torschüsse wie der HSV auf dem Konto (20:5). Gewonnen haben sie trotzdem nicht, weil sie in der entscheidenden Situation schliefen. Bleibt abzuwarten, ob Köln öfters diese Variante einsetzt – oder ob die Fünferkette zurück auf die Liste der bedrohten Arten gehört.

Ausführliche Analysen des zwanzigsten Spieltags

Leverkusen – Bayern
Ingolstadt – Augsburg
Hertha – Dortmund (englisch)

August Bebel 10. Februar 2016 um 11:32

Ich wollte nur mal darauf hinweisen, dass der FC diese wie letzte Saison schon mehrfach mit Fünferkette gespielt hat (gegen Bayern und Dortmund sowie die letzten 20 Minuten gegen Schalke, letzte Saison auch gegen Leverkusen). Schmadtke hat im Winter gesagt, dass sie Mavraj nicht verkaufen würden, weil der Trainer über eine Dreierkette nachdenke (womit er drei Innenverteidiger meint). Aber gegen den HSV war es das erste Mal, dass gegen eine Mannschaft auf Augenhöhe mit Fünferabwehr operiert wurde.

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CK 11. Februar 2016 um 13:47

Das stimmt soweit ich muss auch sagen ich fand das einen gelungenen Schachzug von Stöger, der FC hatte in den letzten Partien immer mal wieder Schwierigkeiten in der Abwehr im Zentrum. Vornehmlich nach Standards aber auch aus dem Spiel heraus. Durch den dritten Innenverteidiger wurden diese Probleme nahezu vollkommen abgestellt. Ich persöhnlich hätte mir ja einen etwas Spielstärkere Offensive gewünscht indem man Zoller noch gegen Jojic oder Osako tauscht, Allerdings macht er das Tor super daher hat der Trainer wohl alles richtig gemacht 😉

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Koom 11. Februar 2016 um 15:05

Übrigens auch wieder ein Beleg dafür, dass Defensivspiel nicht mehr so „uncool“ ist wie früher. Wo Burghausen, Bochum und andere früher für ihren zerstörerischen Defensivfußball medial zerrissen wurden, respektiert man sowas heute generell sehr viel mehr, wenn man mal zu einer Fünferkette greift oder wie Darmstadt tatsächlich die 80er Jahre fußballerisch noch mal aufleben lässt.

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Alexander 9. Februar 2016 um 17:53

Könntest du noch etwas zum Kölner Spiel im Ballbesitz sagen?

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HK 8. Februar 2016 um 20:40

Wer die letzten Jahre der Darmstädter verfolgt hat, kann gar nicht anders als ziemlich viel Respekt und zumindest ein gewisses Maß an Sympathie zu empfinden.

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mk 8. Februar 2016 um 19:19

Das noch effektivere an der Kölner Fünferkette war doch aber zumindest in der ersten Halbzeit, dass sie damit gut fürs Rausrücken abgesichert waren, oder? Mit dem recht aggressiven Ausbrechen aus den Ketten (teilweise ja sogar mannorientiert von Heintz, wenn Hamburg noch in der ersten Linie aufgebaut hat) wurde ja Hamburgs Spielaufbau komplett abgewürgt, da musste man gar keine Schnittstellenpässe mehr verteidigen. Hamburg hatte über Minuten ja gar keinen Ballbesitz vor der Kölner Abwehr. Dann ist Holtby ja auch herausgekippt, da war dann die Zuordnung klarer, aber er wurde nicht mehr so stark angelaufen. So hab ich den Sinn der Formation zumindest interpretiert – wenn der Gegner ohnehin ziemlich labil im Aufbau ist, nerve ich ihn eben so viel es geht dabei; aber weil wir Köln sind und das gut abgesichert sein will, nehme ich eben die Fünferkette. Hat ja auch überwiegend gut funktioniert.
Aber so oder so, zumindest die erste Halbzeit hat mich daher deutlich besser unterhalten, als ich es vor dem Spiel befürchtet habe.

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Schorsch 8. Februar 2016 um 17:51

Also, ich oute mich einmal als Sympathisant der Lilien. Das hat sicherlich viel mit ‚Fußballromantik‘ zu tun, aber ich stehe dazu. Ich finde es einfach geil, wenn ein solcher Club mit dieser ‚Infrastruktur‘ einen solchen Erfolg hat. Klar, fußballtaktisch ist es eher derbe Bauernkost, was am Böllenfalltor so geboten wird. Muss man nicht mögen (tue ich auch nicht), muss man sich nicht unbedingt anschauen. Respekt sollte es aber allen abnötigen, wenn sich Dirk Schuster und sein Team nach dem 20. Spieltag mit 24 Punkten auf Rang 11 liegt und weit ambitioniertere Teams mit weit mehr finanziellen Möglichkeiten dahinter.

Insofern finde ich es positiv und fair, dass TE die gute Defensivarbeit der Lilien herausstellt. Von nichts kommt eben nichts. Und der Sieg in Hoffenheim war durchaus folgerichtig

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idioteque 8. Februar 2016 um 18:57

Darmstadt hat genau die stilistische Nische gefunden, mit der ein Großteil aller deutschen Mannschaften nicht klarkommt. Der allgemeine Umschaltfokus wird ad absurdum geführt, weil Bälle immer nur nach vorne gebolzt und dabei die defensive Ordnung nicht aufgelöst wird. Und dann genügt es, defensivtaktisch klug und insgesamt leidenschaftlich zu spielen, damit ein Großteil aller Gegner fast keine Chancen mehr kreieren kann. Da reicht es dann auch, einen Kader zu haben, der auch in der zweiten Liga nicht heruasragend wäre.

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Schorsch 8. Februar 2016 um 20:19

Ist wohl so. Wobei ich gegen Hoffenheim durchaus vereinzelt so etwas wie kombinativen Spielaufbau bei den Darmstädtern gesehen habe. Mag aber auch am ‚wohlwollenden‘ Blick gelegen haben… 😉

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idioteque 8. Februar 2016 um 22:17

Stimmt schon, wenn auch sehr sparsam dosiert. Da hat man aber auch gesehen, warum sie das so selten machen. Soweit ich mich erinnern kann, ist bei keiner Kombination mehr als eine Ecke herausgesprungen, meist hat man sich nur irgendwo auf dem Flügel verzettelt. Und gegen ein Hoffenheim, das so schlecht spielt wie in der Partie gestern, kann sich das selbst Darmstadt erlauben.

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Schorsch 9. Februar 2016 um 11:10

Ja, ist immer besser, wenn der Schuster bei seinen Leisten bleibt… 😉

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LB 8. Februar 2016 um 20:46

Wenn die Lilien tatsächlich im 6-3-1-1 spielen dürfen, dann sind sie natürlich defensiv ungleich stabiler – kein Wunder mit einem Mann mehr. 😉

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TE 8. Februar 2016 um 21:26

Danke für den Hinweis, hatte vorher leider keine Zeit mehr, Korrektur zu lesen!

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