Zidanes Trainerdebüt bei den Königlichen

real madrid5:0Deportivo_La_Coruna

Zinedine Zidanes Debüt ist das Highlight dieses Spieltags in der Primera Division.

Freiheiten für die vorderste Linie

In den letzten Jahren – und auch unter Benitez – hatten Reals Stürmer häufig enorme positionelle Freiheiten bekommen. Thierry Henry sprach z.B. davon, dass er unter Guardiola beim FC Barcelona seine Zone kaum verlassen und sich sehr strikt nach bestimmten Vorgaben bewegen musste. Bei Real ist es meistens so, dass die Flügelstürmer – allen voran Cristiano Ronaldo – immer wieder in der Mitte, auf der anderen Seite oder in tieferen Zonen auftauchen können. Auch in Zidanes Debüt war dies nicht anders.

Bale und Cristiano gaben die Flügelstürmerpositionen, tauschten aber häufiger die Seiten oder überluden gemeinsam einen Flügel; Benzema kompensierte dies. So war es anfangs sogar einige Male Benzema auf dem rechten Flügel zu finden, weil er die Bewegungen Bales und Cristianos, die sich gerade woanders tummelten, balancierte.

Die Verbindungsprobleme im Spielaufbau sind weiterhin sichtbar.

Die Verbindungsprobleme im Spielaufbau sind weiterhin sichtbar. Auffällig: Die doppelte Flügelbesetzung auf beiden Seiten und die mangelnde Präsenz im Zehnerraum.

Insgesamt schien es aber, als hätten die Flügelstürmer die Aufgabe im letzten Drittel Breite zu geben, bis der Außenverteidiger aufrückte und/oder der Ball in höhere Zonen kam. Das wurde zwar nicht konstant und sauber umgesetzt, einige Male war es jedoch klar zu sehen, dass Bale und Cristiano sehr breit standen und Real die Flügel in der ersten Aufbauphase doppelt besetzte.

Kam der Ball dann ins zentrale Mittelfeld und die Außenverteidiger marschierten auf, dann begann das übliche Bewegungsspiel der drei Spitzen. Zusätzlich dazu schien auch Isco eine dementsprechende Rolle erhalten zu haben.

Zwei Fragen: 1) Werden diese Strukturen verloren gehen? 2) Wann?

Zwei Fragen: 1) Werden diese Strukturen irgendwann verbessert werden? 2) Wann?

Positionsfindung im zentralen Mittelfeld

In der Analyse zu Real Madrid Castilla unter Zinedine Zidane schrieb ich, dass die Königlichen im zentralen Mittelfeld häufig sehr zonengebunden und positionstreu agierten. Die Achter im 4-1-2-3 gingen n selten horizontal aus ihren jeweiligen Zonen heraus, sondern bewegten sich vorwiegend in der Vertikale. Dies war (noch?) nicht der Fall bei Zidanes Debüt. Allerdings ist die Bewertung davon schwierig.

Isco, Modric und Kroos bildeten nämlich ein etwas asymmetrisches Mittelfeldtrio. Modric als rechter Achter fiel immer wieder diagonal in Richtung Sechserraum und baute mit Kroos von dort das Spie auf. Teilweise stand Modric dann sogar gemeinsam mit Kroos in der Mitte, beide konnten flexibel bis vor die Innenverteidiger kommen. Ursache dahinter war die Rolle Iscos.

Gelegentlich gab es durchaus die typischen 4-3-3-Staffelungen mit Isco als linkem Achter. Das ist auch durchaus passend. Iscos enorme Fähigkeiten am Ball machen ihn eigentlich zu einem sehr starken Spieler im Mittelfeldzentrum, weil er den Ball auch unter Druck nach vorne bringen und gegnerische Pressingaktionen ausspielen kann. Das wurde jedoch nur unfokussiert eingebunden.

In diesen Situationen sieht man ansatzweise, was Real probierte.

In diesen Situationen sieht man ansatzweise, was Real probierte. Modric und Kroos sind tief, Isco steht zentral. Benzema ist auf den linken Flügel ausgewichen, Cristiano ist auf rechts, Bale zentral.

Einige Male spielte Isco eher als eine Art Zehner vor den Sechsern, vielfach pendelte er schon früh vom linken Halbraum auf den linken Flügel. Dadurch konnte er mit Marcelo den linken Flügel überladen und für Breite sorgen, während Cristiano freier agieren und sich in die Mitte bewegen konnte. Die grundsätzliche Struktur – doppelte Flügelbesetzung, viel Breite im Spiel – konnte dadurch aufrechterhalten werden, zusätzlich gab es immer wieder einzelne zurückfallende Bewegungen Benzemas, Bales und Cristianos in den Zwischenlinienraum sowie die schon erwähnten Positionswechsel.

Somit gab es die unter Benitez vorhandenen Aufbauprobleme nach wie vor zu sehen, wegen der höheren Aktivität waren sie jedoch etwas bereinigt. Real zirkulierte immer wieder über Modric und Kroos den Ball auf die Seiten, versuchte die Überladung auszuspielen oder über Pässe zurück in die Mitte das Spiel zu verlagern. Marcelos flexibles Spiel als linker Außenverteidiger – einzelne Diagonalläufe mit Ball am Fuß und einrückende Bewegungen ohne Ball – unterstützte dies. Die linke Seite wurde fokussiert.

Beim 2:0 gab es einen mustergültigen Ablauf, wie die Mitte und einzelne (pressingresistente) Spieler dort die Flügel zu einer Waffe machen können. Benzema erhielt den Ball zentral in der Mitte, verlagerte von dort aus nach einer Drehung auf den weit offenen rechten Flügel, auf welchem Carvajal aufzog. Eine Flanke in die Mitte sorgte für die Vorentscheidung. Defensiv wirkte Real jedoch nicht ganz so stabil.

Pressing zwischen 4-1-4-1, 4-5-1 und 4-1-2-2-1

Benitez‘ Entlassung gab es (vermutlich) auch wegen Problemen in der Arbeit gegen den Ball. Häufig öffneten sich Lücken im Defensivverbund und konnten ausgespielt werden; diesen Mangel konnte Zidane in so kurzer Zeit natürlich nicht korrigieren, wobei die grundsätzliche Staffelung im höheren Pressing durchaus passabel wirkte.

Herausrücken der Achter im 4-1-2-3.

Herausrücken der Achter im 4-1-2-3.

Kroos besetzte gegen den Ball den Raum vor den Innenverteidigern, Isco und Modric agierten relativ klar in einer Linie vor ihm – zumindest im höheren Pressing – in den Halbräumen. 4-1-4-1 und 4-1-2-2-1-Staffelungen kamen hier am häufigsten vor. Die beiden Achter schoben außerdem häufig nach vorne im Pressing und unterstützten die vorderen Drei. Dies erinnerte durchaus an Real Madrid Castilla von den Abläufen her.

In tieferen Zonen veränderte sich die Systematik. Isco und Modric spielten nahezu auf einer Linie mit Kroos, wenn Deportivo bis in Reals Spielhälfte gelangen konnte. Sie blockierten die Zonen vor der Abwehr und wollten den Zwischenlinienraum damit eng machen. Bale und insbesondere Cristiano arbeiteten nicht immer so weit mit nach hinten, obgleich Zidane in seiner ersten Pressekonferenz sagte, man wolle auch darauf den Fokus legen.

Im Pressing konnten die Achter sehr zur Seite verschieben und die Außenverteidiger nach vorne rücken, was aber ballferne Räume weit öffnete; mit mehr Kompaktheit und Intensität wäre das allerdings sehr gut gewesen und hätte Ähnlichkeiten zum 4-1-2-2-1 des BVB gehabt.

Im Pressing konnten die Achter sehr zur Seite verschieben und die Außenverteidiger nach vorne rücken, was aber ballferne Räume weit öffnete; mit mehr Kompaktheit und Intensität wäre das allerdings sehr gut gewesen und hätte Ähnlichkeiten zum 4-1-2-2-1 des BVB gehabt.

Besonders nach der Führung gab es einzelne Situationen mit mitarbeitendem Bale, einem etwas breiterem Isco auf rechts und einem höheren Cristiano. Der Grund, wieso Depor einige Abschlüsse erhielt – und bei besserem Ausspielen wohl auch noch hätte herankommen können –, lag jedoch an anderen Punkten.

Abstimmungsprobleme im Kettenspiel und Verschieben

Wenn Deportivo nach vorne kam, so hatte Real einige Löcher in der Abwehrkette. Dies lag u.a. daran, dass die Außenverteidiger anscheinend den Auftrag hatten, die Lücken im Mittelfeld hinter den Flügelstürmern und Achtern zu füllen. Carvajal und Marcelo versuchten einige Male aggressiv herauszurücken und dort zu pressen, das Timing war jedoch suboptimal. Sie lösten sich aus der Kette und pressten erfolglos höher, wodurch sie mit einfachen Doppelpässen überspielt wurden.

Im Abwehrpressing entstanden häufiger solche Situationen, wo sich nicht alle Spieler beteiligten und der Außenverteidiger gegen den gegnerischen Flügelstürmer isoliert wurde.

Im Abwehrpressing entstanden häufiger solche Situationen, wo sich nicht alle Spieler beteiligten und der Außenverteidiger gegen den gegnerischen Flügelstürmer isoliert wurde.

Deportivo konnte dies zum Aufrücken nutzen und fand sich einige Male in vielversprechenden Situationen im letzten Drittel wieder. Das Kettenspiel der Madrilenen war hierbei etwas suboptimal; die verbliebene Viererkette verschob einige Male kaum in das entstehende Loch und musste später zurückweichen oder in riskante Duelle gehen, um dies zu korrigieren.

Das Verschieben zum Ball im Mittelfeld war ein anderes kleines Manko. In einigen Situationen ließ man dem Gegner den Flügel komplett offen – besonders in tieferen Zonen – oder verschob zu weit mit der Mittelfeldkette zum Ball, ohne die Abwehrkette dementsprechend mitzuziehen. Eine bessere Mannschaft mit stärkeren Dribblern oder besserem Positionsspiel für Verlagerungen kann diese Mängel effektiver bespielen.

Auch als James für Isco kam, änderte sich wenig. Hier ein Beispiel für eine Staffelung, wo Bale nach hinten hilft, Cristiano aber nicht und James mehr Raum abzudecken hat.

Auch als James für Isco kam, änderte sich wenig. Hier ein Beispiel für eine Staffelung, wo Jesé (für Bale eingewechselt) nach hinten hilft, Cristiano aber nicht und James mehr Raum abzudecken hat.

Depor mit Zugriffsproblemen in beide Richtungen

Zu einem Kantersieg gehören aber immer zwei Mannschaften. Depors Pressing aus dem 4-4-1-1 heraus sorgte für geringen Zugriff auf Reals Spielaufbau, die Offensivbewegungen waren zu konservativ und nicht raumgreifend genug. Vielfach waren es überhastete Abschlüsse aus der Distanz oder unter Druck in isolierten Unterzahlangriffen – meist nach Balleroberungen –, welche das Gros der Angriffe der Gäste ausmachten.

Fazit

Ein – wie erwartet – schwierig zu bewertendes Debüt Zidanes. Ein paar Aspekte Real Madrid Castillas waren ebenso zu sehen wie Benitez‘ Probleme bei Real zuvor. Andere Aspekte wirken schlichtweg noch unorganisiert, untrainiert und uneingeübt; Zidane hatte schlichtweg auch kaum Zeit, um diese zu trainieren. Insofern ist dieses Spiel maximal ein Vorgeschmack, der keine klare Richtung aufzeigt. Deportivo zeigte eine schwache, harmlose Leistung gegen ein gutes, aber keineswegs in allen Facetten erfolgsstabiles Real Madrid.

Dr. Acula 10. Januar 2016 um 16:01

Benitez‘ Entlassung gab es (vermutlich) auch wegen Problemen in der Arbeit gegen den Ball.

das impliziert ja, dass perez ahnung von fußball hat, was ich stark bezweifle. in seinem entkernten kopf werden sich folgende gedanken gebildet haben: ich habe diese pfeife zwar eingestellt und ihn als lösung für unsere probleme propagiert, aber irgendwie kann er nichts, abgesehen vom mampfen. und die blöden katalanen haben endlich mal punkte gelassen, und wir können das nicht aufholen, weil wir selber scheiße spielen. was mach ich denn nur? entweder 80m für einen spieler ausgeben, der ein gutes turnier gespielt hat oder ein experiment mit einem nachwuchstrainer à la guardiola. und da es grad kein turnier gibt, auf dessen basis ich einen overhypten spieler verpflichten kann, darf der glatzkopf zidane ran.

wer perez` entscheidungen seit jahren verfolgt, weiß: so oder so ähnlich muss es gewesen sein

Antworten

isco 10. Januar 2016 um 16:09

Viel zu komplex, es war eher so:

Hm.. ich brauch einen Galactico-Trainer, der auch Trikots verkaufen kann… ZIDANE! (kein Scherz, momentan verkauft Real Madrid wirklich Trikots mit Zidane 5)

Antworten

Zizou 13. Januar 2016 um 14:38

Real Madrid braucht jemanden auf der Bank dessen Stern größer und heller strahlt als der von Ronaldo und Konsorten. Da war Zidane die richtige Wahl. Hört sich vielleicht plump an, aber ich denke Zidane wird der nötige Respekt gezollt, um gewisse Entscheidungen in der Mannschaft durchzusetzen, egal ob personell oder taktischer Natur.
Wer war geiler als Zizou zwischen 1998 – 2006?!

Antworten

Koom 13. Januar 2016 um 20:28

Für den Start hilft das auf jeden Fall. Aber nach 2-3 Monaten spätestens muss er es mit Inhalten unterfüttern, weil dieser Rufbonus dann aufgebraucht ist.

Bei einem Verein in diesen Größenordungen ist es aber wirklich nicht ganz einfach, einen Trainer zu verpflichten. Mal eben den (namenlosen) Amateurcoach hochziehen oder einen aufstrebenden, aber „ohne Stallgeruch“ einzusetzen wird immer schwerer bzw. seltener.

Antworten

Zizou 18. Januar 2016 um 15:37

als neutraler Beobachter der spanischen Meisterschaft kann ich nur sagen, macht Zidane den Verein wieder sympathischer…auch wenn Real dann sogar noch ein paar Trikots mit der Nr. 5 verkaufen kann. Ist doch geil!

Antworten

El entrenador 10. Januar 2016 um 15:39

Habe das Spiel ebenfalls gesehen. Mir ist aufgefallen, dass Marcelo noch offensiver agierte als üblich. Bilde mir ein ihn sehr häufig in die Mitte ziehend gesehen zu haben, während Isco die Breite gab.

Sonst sah das für den nicht gerade analysierenden Zuschauer in der Offensive Madrids recht schön aus. Allerdings fand ich Deportivo auch recht schwach. Gerade bei den offensiven Bemühungen.

Antworten

isco 10. Januar 2016 um 16:11

MMn war es ein Hauptproblem unter Benitez, dass die AV zu tief agierten und in höheren Zonen kaum in Kombinationen eingebunden wurden und wenn sie mal hoch standen, dann waren sowohl AV als auch Flügel breit.. alles sehr seltsam.

Antworten

dav1911 10. Januar 2016 um 00:09

Super artikel, wie immer! Habe es auch gesehen, dass das pressing besser greift. Was ich von der doppel-aufbau-sechs kroos, modric halten soll, weiß ich jedoch nicht so ganz. In manchen Situationen wirkte es gut ergänzend, aber manchmal hatte ich das gefühl, dass sie sich im weg stünden. sieht das wer anders?

Antworten

Peter Vincent 10. Januar 2016 um 13:50

Sehe ich auch so. Ich bin generell kein Fan von der Doppel-Sechs im Aufbauspiel. Vorallem wenn man einen DLP wie Kroos hat, ist das mE einfach nur unnötig.

Wenn man einen Zerstörer und einen Aufbauspieler hat, sieht es anders aus. Aber mit Kroos auf der 6? Verstehe nicht, was das soll.

Dafür klafft dann im Zentrum vor Kroos eine Lücke, weil Modric sich lieber 5 meter neben Kroos stellt und sie sich dort den Ball zuschieben.

Antworten

luckyluke 10. Januar 2016 um 15:30

DLP?

Antworten

Stefan 10. Januar 2016 um 15:33

Deep-lying playmaker

Antworten

luckyluke 10. Januar 2016 um 18:27

Merci

Antworten

Izi 9. Januar 2016 um 23:58

Danke für den Artikel! 🙂 Im Moment ist es natürlich schwer, Zidanes Anteile an der Madrider Leistung auszumachen und — wie angesprochen — braucht er noch Zeit.
Aber eine Idee zu den Kompaktheitsproblemen, die ja auch im Artikel zu Benítez geschildert wurden: Wäre da nicht eine Raute mit Benzema auf der 10 eine gute Lösung?

Antworten

luckyluke 10. Januar 2016 um 11:54

Ich denke, dass eine Raute das Problem, dass Ronaldo und teilweise Bale nicht mit nach hinten arbeiten, eher noch vergrößern würde…

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*