Türchen 15: Gaetano Scirea

Gaetano Scirea ist einer der besten Liberi aller Zeiten.

Wegen ihm erhielt Franco Baresi keinen Stammplatz in der italienischen Nationalmannschaft, bis er 1986 zurücktrat. Wegen seines Fairplays ist er Namensgeber zahlreicher Jugendturniere und Titel für die Einzelspieler in Italien, u.a. der „Premio Nazionale Carriera Esemplare „Gaetano Scirea““, welche Spieler der Serie A für ihr Lebenswerk erhalten.

Er gewann innerhalb von elf Jahren sieben Mal die Serie A und holte alle großen Vereinstitel (Pokal der Pokalsieger, UEFA Cup, Meisterpokal, europäischer Supercup und Weltpokal). Mit seinem Namen und jenem von Paolo Rossi ist der Weltmeistertitel von 1982 am stärksten verbunden.

In Italien gilt er als Held und Ikone; international ist er jedoch nicht so bekannt wie die anderen großen italienischen Verteidiger, die auf ihn folgten. Einen Weltfußballertitel wie Fabio Cannavaro erhielt er nie, auch das internationale Renommée eines Costacurta, Nesta oder Maldini scheint ihm nicht vergönnt. Doch Gaetano Scirea war einer der besten Verteidiger aller Zeiten.

„Sein Erbe? Bis gestern Paolo Maldini, heute weiß ich nicht.“ – Dino Zoff

Italiens Antwort auf Franz Beckenbauer

Unter dem Libero verstehen die meisten einen freien Mann hinter der Abwehr, der in eigenem Ballbesitz das Spiel aufbaut und situativ mit nach vorne stößt. Vor Beckenbauer war die Position des Liberos aber noch deutlich simpler und konservativer. Der Ausputzer sicherte die Manndecker vor und neben ihm ab, bewegte sich im Spielaufbau aber kaum nach vorne. Beckenbauers Position in den 70ern änderte dies, obgleich es auch in den nächsten Jahren nur eine Handvoll solcher Spieler gab, die diese Rolle auf höchstem Niveau ausüben konnten.

„Er war einer der stärksten Spieler der Welt, aber er war zu bescheiden, es zu sagen oder gar zu denken.“ – Marco Tardelli

Ein solcher Akteur war Gaetano Scirea. Bereits Ende der 70er – also noch zu Zeiten Beckenbauers –spielte Scirea einen Libero, der sich intelligent in das Offensivspiel seiner Mannschaft einschaltete. Dabei passte Scirea perfekt in diese Rolle, da er in jungen Jahren als Mittelstürmer und als Achter gespielt hatte. Womöglich hätte Scirea sogar eine starke Karriere als Spielmacher oder box-to-box-Mittelfeldspieler gemacht, wenn ihn Guido Capello in seiner Jugendzeit nicht zum Libero gemacht hätte. Als Libero war Scirea nämlich womöglich lange Zeit der beste der Welt. Teamkollege Giuseppe Furino sagte zum Beispiel:

“You could always find Scirea, it was very hard not to find him. Wherever you were, he was never far away and he was an important figure. You could always lay it off to him and he would give the ball back. You could always find him, he’d be near you”.

Scireas Freilaufverhalten war herausragend, ebenso wie seine Technik und seine Pressingresistenz. Unter Druck blieb er ruhig, baute weiterhin problemlos auf und schob immer wieder nach vorne. Im Gegensatz zu Beckenbauer war er jedoch nicht der Typ, der bei hohem Ballbesitz seiner Mannschaft nachstieß oder mit Sololäufen nach vorne rauschte. Scireas Vorstöße ergaben sich meist aus den vorherigen Situationen.

Scirea hat keine Passoption und startet in den leeren Raum. Einer der beiden Spieler wird von seinem Mann abrücken und draufgehen; Scirea wird den freien Mann finden.

Scirea hat keine Passoption und startet in den leeren Raum. Einer der beiden Spieler wird von seinem Mann abrücken und draufgehen; Scirea wird den freien Mann finden.

Nach Balleroberungen oder Pässen unter Druck stieß Scirea dynamisch nach vorne, um sich wieder anspielbar zu machen oder offene Räume zu besetzen. Meistens war es der ballferne Verteidiger, der für ihn einrückte, wobei Ballverluste Scireas ohnehin eine Seltenheit waren. Dazu war er schlichtweg zu gut.

„Niemand war so groß wie Gaetano, weil andere, darunter Beckenbauer und Baresi, Verteidiger waren, die aufrückten. Er war ein Verteidiger in der Abwehr, ein Mittelfeldspieler im Mittelfeld und ein Stürmer im Angriff.“ – Luigi Garlando

Der Ballsicherer

Besonders beeindruckend war, wie sicher Scirea den Ball halten konnte. Das bezieht sich nicht nur auf die Ballzirkulation, wo Scirea mit tollem Kombinations- und Bewegungsspiel überzeugte. Vielfach eroberte Scirea den Ball nicht nur ohne Foul (er erhielt in seiner gesamten Karriere keine rote Karte), sondern nahm dem Gegner den Ball auf eine Art und Weise ab, mit der er direkt das Spiel weiterführen konnte. Grätschen mündeten in Pässen zum Mitspieler oder waren eher abgefangener Pass als Blutgrätsche. Seine Antizipation ermöglichte es ihm Pässe abzufangen und Zweikämpfe zu sauberen Balleroberungen zu machen, wo er den Ball einfach am Gegenspieler vorbei mitnahm.

Auffällig ist auch, wie sauber Scirea technisch und strategisch war. Seine Entscheidungsfindung war schlicht hervorragend. Sogar in schier ausweglosen Situationen konnte er mit einfachen Dribblings – wie der Croqueta – oder kreativen Pässen den Druck auflösen. Immer wieder gab es zum Beispiel Lupfer oder überraschende lange Verlagerungen aus engen Situationen, mit denen Scirea aus dem gegnerischen Pressing herausspielte und den Ball in den eigenen Reihen hielt. Seine Übersicht war makellos, immer hielt er den Kopf oben und auch außerhalb seines Sichtfelds wusste er, wo sich seine Mitspieler befanden – wodurch Dribblings und Drehungen effektiv genutzt werden konnten.

„Dieser Junge ist anders als alle anderen.“ – Giampiero Boniperti

Der Mensch hinter dem Spieler

Eigentlich gibt es hier wenig zu sagen. Liest man sich Aussagen seiner früheren Mit- und Gegenspieler durch, zeugen alle Worte von tiefem Respekt. Scirea galt als schüchterner und absolut integrer Zeitgenosse, der dennoch immer zu Scherzen aufgelegt war. Sein Tod traf die gesamte Nation und alle Spieler der Serie A.

„Ein Ritter, ein großer Gegner. Sein Tod gab mir eine Menge, eine Menge Schmerz.“ – Diego Maradona

Dabei war er nicht nur außerhalb des Platzes ein Mann von hoher Moral, sondern auch auf dem Platz. Diese zwei Geschichten zeigen, wie sehr.

During a game against lower Italian sides, Scirea’s foot was regularly stamped upon, the opponents trying to cut it open, constantly harming him. A champ as he was, he played without fear throughout the match, using only his right foot’s instep to control the ball, the rest was done by the left foot, and in the words of Giuseppe Furino “He did it so naturally, that I was amazed”. – Bei Thehardtackle

 „Oft habe ich ihm gesagt, er müsse reagieren, etwas mehr böser sein zu den Gegnern, dass seine Ruhe mich aufregt. Und wissen Sie, was er mir immer antwortete? „Ich kann nicht“. Er sagte es mit einem entwaffnenden Lächeln. Ich habe ihn nicht einmal wütend gesehen. Er sagte, es sei nicht der Mühe wert, und nun muss ich zugeben, dass er Recht hatte.“ – Franco Causio, ehemaliger Mitspieler

Scirea war ein herausragender Fußballer – und ein toller Mensch.

Danke an Flavio Fusi von ultimouomo.com für seine Einschätzungen!

Ausgewählte Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=fPlDETmmw40

https://www.youtube.com/watch?v=2r6R4tHkBVs

https://www.youtube.com/watch?v=jekIr2ncOqg

https://www.youtube.com/watch?v=d6_Ffmg5yNw

HK 15. Dezember 2015 um 14:04

Warum er wohl international nicht diesen Namen hat?
Vielleicht liegt es daran: Ich kann den Namen Scirea nicht hören ohne automatisch Zoff, Gentile, Cabrini, Tardelli, und je nachdem Bergomi, Collovati oder Brio mitzudenken.
Will heißen er hatte sowohl bei Juve als auch bei der Nationalmannschaft das Glück mit lauter überragenden Ausnahmekönnern in der Defensive zusammenzuspielen. Mag sein die beste defensive Reihe aller Zeiten, jedenfalls eine der besten. In diesem Kollektiv war er nicht der herausragende einzelne Solist, sondern ein harmonischer Bestandteil des Ganzen , in das jeder das Seine einbrachte.
Das hat ihm auf der einen Seite Titel um Titel eingebracht, hat ihn auf der anderen vielleicht das eine oder andere Quentchen Nachruhm gekostet.
Wahrscheinlich war’s ihm so rum auch lieber.

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Schorsch 15. Dezember 2015 um 18:11

Das wäre sicherlich eine Erklärung. Wobei ich glaube, dass zumindest bis in das letzte Jahrzehnt hinein für italienische Fußballer die internationale Wahrnehmung eher zweitrangig war. Wichtig war, welchen Stellenwert man im Fußballmikrokosmos des eigenen Clubs und Italiens inne hatte. Die großen italienischen Spieler sind auch so gut wie nie ins Ausland gegangen; Italien war der Nabel der Fußballwelt für sie. Und in der Tat waren es Spitzenspieler aus dem Ausland, die nach Italien wechselten. In Italien wird großen Spielern der Vergangenheit immer sehr großer Respekt entgegengebracht, auch über deren Tod hinaus. So verhielt und verhält es sich auch mit Scirea. Im globalisierten und durchökonomisierten Fußball von heute wäre auch ein Scirea wahrscheinlich eine internationale ‚Marke‘. Was nicht immer dazu reicht, eine Legende zu werden. Gaetano Scirea ist eine Legende; vielleicht ’nur‘ bei Juve und in Italien. Aber er wäre es wahrscheinlich auch zufrieden.

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Tank 15. Dezember 2015 um 18:22

Hat er den Namen denn wirklich nicht? Mein Eindruck war, dass unter Leuten, die sich minimal mit Fußballgeschichte beschäftigen (über alle anderen braucht man ja eh nicht reden, die kennen nur Pelé und Maradona), Scirea meist in der zweiten Riege der absoluten Spitzen-Liberi (oder Zentralverteidiger) der Vergangeneit genannt wird. Das sieht dann meistens so aus:

1a Beckenbauer
1b Baresi
2 Scirea, Passarella, Moore, Koeman & vllt noch 1-2 andere

Richtig vergessen sind eher Spieler wie Figueroa, Santamaria oder Vasovic, die nie eine WM oder EM gewonnen haben und die auch nicht aus einer der ganz großen Fußballnationen kamen.

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Schorsch 15. Dezember 2015 um 20:34

Kann durchaus so sein. Wobei es immer auch eine Frage der nationalen und auch kontinentalen Wahrnehmung ist. Zizinho wäre so ein Beispiel, wie ja auch in dem betreffenden Artikel beschrieben. Figueroa ebenfalls. In Südamerika hat er nach wie vor einen sehr hohen Bekanntheitsgrad und wird hochgeschätzt.

Mitunter ist es schon etwas seltsam. Obwohl Scirea an dem ‚Tag, an dem der Fußball starb“ (frei nach Zico) seinen gehörigen Anteil hatte, ist er in Brasilien wenig bekannt. Beckenbauer hingegen, der nie in einem WM-Turnier gegen Brasilien spielte, ist dort bekannt wie der berühmte ‚bunte Hund‘ und genießt höchsten Respekt.

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Peda 15. Dezember 2015 um 13:52

Ich finde die Mischung eurer Texte im Kalender wirklich genial, aber ein Mindestmaß an hard facts wäre für mich und wohl auch einige andere jüngere Semester. Immerhin geht es hier um Spieler, von deren Existenz man womöglich erst durch den jeweiligen Artikel erfährt. Und aus diesem Text geht weder hervor bei welchen Vereinen er gespielt hat, noch was es mit seinem tragischen Tod auf sich hat.

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Schorsch 15. Dezember 2015 um 12:58

Eine wunderbare Beschreibung eines großen Fußballers. Mit viel Liebe geschrieben. Danke dafür.

Gaetano Scirea wird für mich immer verbunden sein mit dem WM-Titel Italiens 82. Damals habe ich einige Spiele gemeinsam mit meinem Alten Herrn geschaut, u.a. das legendäre 2:3 Brasiliens gegen die Squadra Azzura. Der Spielverlauf war Anlass genug für den Senior, einmal mehr die Spielweise der italienischen Elf zu beklagen. Tenor so in etwa: ‚Wenn die wollten, wie sie könnten, dann würden sie den schönsten Fußball der Welt spielen. Aber sie wollen ja nicht!‘ Ich erinnere mich aber sehr genau, dass er bei diesem Spiel den Zusatz brachte: „Außer der Scirea. Der kann und will Fußball spielen!“ Womit er zweifelsohne Recht hatte.

Im übrigen hat Italien spätestens im Finale gezeigt, dass sie nicht nur gut organisiert und defensiv kompakt ein Spiel absolut folgerichtig gewinnen konnten. Und Scirea war der spiritus rector.

Wie er im Vergleich zu anderen, z.B. Beckenbauer (den ich persönlich präferiere) oder Baresi, einzuordnen ist, bleibt immer auch eine Verständnis- und Geschmacksfrage. Dass er zu den Besten auf seiner Position gehörte, steht außer jeder Diskussion.

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Tank 15. Dezember 2015 um 01:48

Großartiges Portrait, vielen Dank!

Ich hab letztens grade zwei Spiele vom späten Scirea (beide aus der Saison 85-86) gesehen und mich gefragt, wie so sein Leistungskurvenverlauf war. In den beiden Spielen habe ich ihn noch enorm stark gesehen. Ging das danach dann aber bald bergab oder hat er sich quasi bis zum Karriereende auf sehr hohem Niveau gehalten? (Hintergrund ist die Frage, ob ich ihn in eine Elf der 80er stell oder erst bei 75-85 aufstell, wo er quasi sicher dabei ist.)

Bei dem, was ich von Scirea gesehen habe, fiel mir u.a. auf, dass eine bemerkenswert hohe Zahl seiner Vorstöße über den Flügel (in dem Spiel war es der rechte) kam. Habe ich so bei einem Libero noch nicht gesehen und auch nicht erwartet.

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