Türchen 10: Zizinho

Zizinho ist einer der besten Spieler, die Brasilien je hervorgebracht hat. Seine – heute kaum mehr erinnerte – große Bühne wurde, trotz der tragischen Niederlage gegen Uruguay, die WM 1950. Er war ein teils zurückhaltender oder unterstützender Schlüsselspieler mit besonderem Kombinationsspiel.

akalender2015-10Zwei Spieler, so sagte Pelé einmal, habe er in seiner Jugend besonders bewundert: seinen Vater Dondinho und Tomás Soares da Silva, genannt Zizinho. Heute ist Letztgenannter, das Flamengo-Idol der 40er-Jahre, wohl in die Reihe der vergessenen Fußballstars einzuordnen. Nur wenige erinnern sich noch an den spielstarken Techniker aus Brasiliens so erfolgreicher Nationalelf um 1950. Die Ausnahme bildet seine Heimat selbst, wo man ihn auch heute noch als sehr wichtigen Spieler für die Fußballgeschichte weitgehend kennt. In der gesamten Zeit vor Pelé gilt Zizinho als der kompletteste brasilianische Spieler überhaupt. Zur Jahrtausendwende wurde er dort zu den vier besten brasilianischen Fußballern aller Zeiten gewählt.

Meistens spielte er als einer der beiden Halb- oder Innenstürmer – einer Position, die aufgrund der asymmetrischen Veränderungen der 2-3-2-3-haften Grundformationen in Brasilien zu Systemen wie der „Diagonale“ sowie den später mit diesem Gesamtkomplex verbundenen Tendenzen zum 4-2-4 vieles bedeuten konnte. Häufig interpretierte Samba-Fan Zizinho seine Rollen recht stürmerhaft, aber es gab auch einige tiefere Phasen in den Mittelfeldbereichen.

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Brasilien bei der WM 1950 ab dem dritten Vorrundenspieltag mit Zizinho

Bei der Heim-WM 1950 formte er zusammen mit Jair und dem umtriebigen Ademir – nominell als Mittelstürmer – das zentrale Offensivtrio der Seleção. Brasilien fegte durch die Finalrunde und galt als überragende Mannschaft jenes Turniers, verlor im letzten Spiel gegen Uruguay, der tragischen „Nationalkatastrophe“, aber den sicher geglaubten Titel. Bei dieser Weltmeistschaft war es Zizinho, der den Preis als bester Spieler erhielt. So wie er gegen Uruguay spielte bzw. gespielt haben muss, erscheint das – trotz der Niederlage – berechtigt.

Schlüsselspieler mit Zurückhaltung

Fraglos war „Mestre Ziza“, wie viele ihn nannten, also ein absoluter Schlüsselspieler für jene ungekrönte Seleção. Das äußerte sich jedoch nicht in durchgehend prägekräftiger und dirigierender Omnipräsenz. Auch wenn die von damals erhaltenen Video-Aufzeichnungen einige Mittelfeldszenen ausgespart haben dürften, in denen Zizinho mit zurückfallenden Bewegungen entscheidend beteiligt und beeinflussend war, spielte er gar nicht mal so konstant einflussnehmend, zog er nicht so konstant die Fäden wie ein Didi oder bei Portugal Coluna und agierte vorne nicht so umfassend bestimmend wie beispielsweise Pelé es phasenweise tat.

Er war demgegenüber ein wenig zurückhaltender, konnte bei punktuellen Aktionen aber oft mit teils rationaler Effektivität glänzen. Seine Abschlüsse waren zielgerichtet, variabel zwischen sehr kraft- und sehr effetvollen Versuchen, jeweils ermöglicht von fokussierter Nutzung der Vielseitigkeit des Spans. Zwischendurch startete er immer mal gute Kombinationen, deren Einleitung er mit starker Entscheidungsfindung abwog. Oft nutzte er statt gestaltender Einbindung aber auch momentan sich auftuende Dynamiken sehr spontan, um plötzliche tödliche Pässe zu improvisieren oder kurze Kombinationen dann zu suchen, wenn die Gunst des Spiels ihm eine Möglichkeit vor die Füße warf.

Häufig sah man auch längere, leicht diagonale Dribblings und im Anschluss gut gewichtete Schnittstellenpässe, mal zum Durchbruch, mal eher als Zwischenraumanspiel. Ebenso wie die Zuspiele waren auch seine Dribblings sauber, geschmeidig, technisch fein, teilweise in ihrer Raumwahl kreativ-unorthodox. Dieses Mittel nutzte er gegen Pressingversuche ballhaltend und engenlösend, wie auch etwas weiträumiger zuliefernd, manchmal ansatzweise lockend. In diesen Aspekten zeigte er Ähnlichkeiten zu einer Spielweise, wie man sie heute von Mario Götze kennt. Dieser Vergleich passt auch in Sachen Positionsfindung, wenngleich Zizinho nicht so driftend spielte, weniger bindungslos orientiert sowie leicht rationaler war.

Muster im Positionierungsverhalten

Häufig gab er in halbnahen Distanzen eine passive Option zum Ball, bot sich gar nicht mal so aktiv an, wartete mit klugen Kurzbewegungen, oft kleinräumig und im Zugriffsraum. So stellte er sicher, potentiell sofort unterstützend eingebunden werden oder auf mögliche entstehende Abpraller gehen zu können. Neben diesen ballnahen Positionierungen stellte eine andere wichtige Facette seines Spiels verschiedene Positionsübernahmen dar, die er oft praktizierte. Ließ sich Ademir bei der WM 1950 mal wieder sehr weiträumig nach hinten oder auf die Seiten fallen, besetzte Zizinho häufig das Sturmzentrum, war zwischenzeitlich der primäre Verwerter im Strafraum oder stieß zumindest ballfern aggressiv nach.

Aus diesem Grund gab es bei diesem Turnier einige Phasen auffällig hoher Positionierungen an der letzten Linie. Vereinzelt löste er diese sehr plötzlich auf, um sich doch einzubinden. Dafür setzte er sich zunächst noch etwas ballferner ab, um dann schnell in den geöffneten Rückraum freizulaufen. Andererseits ließ er sich bei tororientierten Phasen Ademirs – speziell wenn dieser mit Jair oder dem Rechtsaußen situativ ein Pärchen bildete – weit ins Mittelfeld fallen, sorgte dort für Präsenz, verteilte punktuell die Bälle, bediente Zwischenräume, sicherte aber auch vereinzelte Vorstöße der beiden Läufer ab. Im zweiten Finalrundenspiel gegen Spanien nahm er beispielsweise eine viel tiefere Rolle ein als gegen Schweden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Zizinho eine individuell strukturierte, konkret orientierte Umsetzung von für das Kollektiv wichtigen Positionierungen zeigte. Das realisierte sich – neben spontanen, intuitiven Phasen und abgesehen von anbietender Freiraumbesetzung – in zwei größeren Formen, nach denen er sich auf dem Feld bewegte: es gab entweder ballnah direkt an bestimmten Mitspielern orientierte, unterstützende Positionierungen oder ballfern in Form von klar gezogenen Positionsübernahmen, teilweise tororientiert oder absichernd. Das waren spezifische, eigenwillige Charakterzüge, in manchen Aspekten nicht immer optimal, in ihrer letztlichen Ausführung aber doch qualitativ oft sehr gut.

Details im Kombinationsrhythmus

Manchmal wirkte seine Spielweise aufgrund dieser Einflüsse wie eine „abfolgende“ Verknüpfung einzelner Aktionen, speziell wenn er in einem Team wie 1950 – mit Torjäger Ademir und Co. – stärker unterstützend oder gar anpassend agierte. In diesen Fällen zeigten sich gruppentaktische Elemente bei ihm weniger ausgeprägt, doch waren sie eigentlich sehr wichtig. Dass es manchmal nicht so wirkte, lag auch daran, dass Zizinho vor allem den Fluss des entstehenden Zusammenspiels zu steuern und sichern versuchte und dafür oft auch – gerade individuell – verschiedene verzögernde Aktionen einsetzte, so dass die einzelnen Angriffsphasen vielleicht isoliert voneinander aussahen.

Das konnten zum Beispiel horizontal ballziehende Dribblings, kurze zusätzliche Haken oder ein einfaches Ballhalten sein. So war er stets subtil verbindend ausgerichtet und in die inneren Feldbereiche orientiert, in der Komplexität seiner Kombinativität aber wechselhaft. Abhängig von mannschaftlicher Umgebung und Kontext trat das direkt sehr unterschiedlich zutage. Seine kombinative Ausrichtung zielte – bei fokussierter Spielweise noch mehr – darauf, die letzte einzelne Phase der Kombination herauszulösen und den geschmeidigen Ablauf dieses Zusammenspiels zu bestimmen – oder gegebenenfalls mit kurzer Improvisation dafür zu sorgen, dass es keiner Improvisation innerhalb des Durchspielens bedurfte.

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Bei diesem Turnier zeigte Zizinho auch vermehrt ausweichend-raumsuchende Bewegungen zum linken Flügel, um die Bälle anschließend wieder für Dribblings, Lochpässe oder den Übergang in die höhere Zirkulation in die Mitte zurück zu bringen.

An dieser Stelle unterschied er sich beispielsweise von Pelé, der dominanter und drückender spielte, im Zweifelsfall den Erfolg der Szene mit stärkerer Nutzung von Improvisation, unorthodoxen Kreativitätsschüben und dem Einsatz der individuellen Klasse zu erzwingen versuchte. Zizinho versuchte, dass man dafür nicht Pelé sein brauchte. Gleichzeitig war er quasi mittig zwischen diesem und Didi zu verorten, die ähnliche Kleingruppenkombinationen suchten, im selben Rhythmus, mit etwas anderen Schwerpunkten. Geduld und Timing waren – insbesondere in seinen späteren Jahren – bei Zizinho zentrale Fähigkeiten, die er beim kombinativen Antreiben des Dreiecksspiels für den ruhigen, reibungslosen Ablauf einbrachte.

Wichtig waren in dieser Hinsicht zudem seine leicht diagonal versetzten Positionierungen, aus denen er – bei Möglichkeit – viele balancierte und genau in die Dynamik eingefasste Weiterleitungen auf Zwischenläufe der Kollegen spielte. Verkürzt könnte man schlussendlich vielleicht so schließen: Bei mehr Fokussierung seiner unterstützenden Ader orientierte sich Zizinho vor allem am einzelnen Mitspieler und dessen Position innerhalb des Teamkonstrukts. Bei stärker bestimmender Einbindung – auch bei der WM 1950 immer mal – wurden für ihn die (klein)gruppentaktischen Aspekte und das – damals von vielen guten brasilianischen Spielern initiierte – Dreiecksspiel bedeutender.

Aktivität zum Ball, Passivität gegen den Ball

Bei der WM 1950 kam Zizinho erst im dritten Turnierspiel der Brasilianer zu seinem ersten Einsatz. Den Auftakt gegen Mexiko hatte er noch mit einer Verletzung verpasst, beim Match gegen die Schweiz in São Paulo sollten vermehrt lokale Spieler den Vorzug erhalten. So erfolgte Zizinhos WM-Debüt erst zum Vorrundenabschluss gegen Jugoslawien. Eine seiner ersten Aktionen überhaupt war die Vorlage zu Ademirs Führungstor in der dritten Minute, mit der er sich prächtig einfügte. Dieser Treffer war ein simples Beispiel für seine aktive Reaktionsschnelligkeit, aufgrund der er bei Abprallern und losen Bällen oft viel Effektivität entfaltete – eine seiner wichtigsten Stärken.

Nach klaren Ballverlusten seines Teams, bei denen der Gegner das Leder übernahm, verhielt er sich in dieser Hinsicht zurückhaltender und zeigte kaum Ansätze eines – damals insgesamt nicht so wirklich existierenden – Vorläufers von Gegenpressing. Überhaupt war prinzipiell noch eine „unmoderne“ Passivität gegen den Ball festzustellen, wenngleich, sei eingeschränkt, vor allem in den hohen Zonen. Wie und ob er sich beteiligte, hing von seiner eigenen Positionierung ab. Es gab Phasen, in denen er sich tiefer zurückzog als seine Grundposition, vereinzelt sogar bis ins Abwehrdrittel hinein – mit dem Motiv, zusätzliche Raumverengung und Präsenz zu erzeugen.

In diesem Fall verteidigte er auch recht bewusst mit, viel mehr als in hohen Zonen, wenngleich von der Art ebenfalls passiv. Gelegentlich versuchte er mal einen Gegner herausrückend zu attackieren und stellte sich individualtaktisch nicht unklug an, aber wenn er merkte, dass der Moment dafür nicht so erfolgsversprechend war, zog er sich auch umgehend wieder zurück. Potentiell konnte er gegen den Ball also effektiv sein. Das zeigte sich auch in seinen meist gut gewählten Positionierungen. Problematisch war jedoch die teils lasch wirkende Zugriffsfindung. Diese trat gerade in Überzahlsituationen hervor, wenn Zugriff möglich war, er selbst diesen im Vertrauen auf die mannschaftliche Überzahl aber verpasste.

Zizinho auf der Weltbühne – kein zweites Mal

Sowohl aus fußballästhetischer als auch aus analytischer Sicht ist es ein wenig schade, dass Zizinho 1954 wie 1958 die kurzfristigen Möglichkeiten, nochmals an der WM teilzunehmen, verwehrt blieben. Beide Male gehörte er unmittelbar zuvor nicht zum erweiterten Kreis des Nationalteams: Zu Jahresbeginn 1953 und 1957 hatte er jeweils bei den Südamerika-Meisterschaften mitgewirkt, war anschließend in die weiteren Teamentwicklungen aber zunächst nicht einbezogen worden.

Bestand 1954 das Hindernis in internen Streitigkeiten, gehörte er vier Jahre später zum endgültigen Aufgebot, sagte letztlich aber auch deshalb ab, um anderen Spielern nicht den Platz wegzunehmen. Auch wenn 1958 die Weltmeistermannschaft schon so sehr stark – wen würde man im Nachhinein für ihn herausnehmen wollen? – war, ist damit doch die Möglichkeit abhanden gekommen, dass der Name Zizinho – einzigartig und einmalig wie er in seiner Art, herausragend wie er im Gesamtniveau war – doch noch, auch außerhalb Brasiliens, ein ganz großer der Fußballgeschichte geworden wäre.

Schorsch 10. Dezember 2015 um 21:17

Da habt Ihr ja wieder einmal eine echte Perle gefunden! Chapeau! Sehr gut nachvollziehbare Beschreibung des taktischen Verhaltens Zizinhos im übrigen.

Von Pelé gibt es zu seinem Vorbild folgendes Zitat: „Zizinho war für mich das größte Idol. Er war fast schon beängstigend: seine Pässe, seine Torschüsse, sein Stellungsspiel. Das war alles wunderbar. Und er war ein sehr kompletter Spieler. Er spielte im Mittelfeld, im Angriff, überzeugte in der Deckung, war kopfballstark, konnte dribbeln wie kaum ein anderer, leitete Spielzüge ein. Und vor allem hatte er auch keine Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen. Wenn es erforderlich war, konnte er auch hart einsteigen.“

Die Bezeichnung ‚kompletter Spieler‘ trifft es wohl sehr gut, wenn man Zizinho ein Attribut zuschreiben sollte. Interessant dabei die auch im Artikel beschriebenen Qualitäten im Spiel gegen den Ball, für einen Mittelfeldspieler / Stürmer in der damaligen Zeit wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

In Brasilien wird er seinen verdienten Platz unter den Legenden des brasilianischen Fußballs immer behalten. Was wohl auch ein wenig daran lag, dass er beim Maracanazo (spanische Version wg. Tastatur) dabei war, jener nationalen Tragödie (man kann schon von Trauma sprechen), welche die brasilianischen Fußballfans (= 99% der Bevölkerung) fast mehr beeinflusst hat als die darauffolgenden drei Weltmeistertitel – und das bei solchen überirdischen Teams wie die von 58 und 70.

Dass er in Europa nie so in den Köpfen der Fußballanhänger präsent war, führen einige auch darauf zurück, dass es seinerzeit kein / kaum Fernsehen gab und er an den beiden nachfolgenden WM-Turnieren in Europa nicht teilgenommen hat.

Umso schöner, dass sv.de ihn in dieser Form würdigt.!

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