Türchen 9: Petar Bručić

Petar Brucic ist nicht nur ein historischer Lieblingsspieler, sondern einer der falsch eingeschätzten, vergessenen Weltklassespieler. Seine enormen Fähigkeiten sind sogar im Heimatland fast in Vergessenheit geraten; von Europa ganz zu schweigen. Dabei war er das Herz und der Motor eines (zufälligen) taktischen Vorreiters in den frühen 80ern.

Es ist Tradition im Spielverlagerung-Adventskalender immer einen kleinen Fokus auf unterschätzte, fehleingeschätzte, unbekannte und/oder exotische Akteure zu legen.

Unser Debüt machten wir mit unbesungenen Helden der Bundesliga, bevor wir im nächsten Jahr auf die interessantesten Sommertransfers blickten. Die letzten zwei Jahre standen im Fokus unserer eigenen Lieblinge und von der Öffentlichkeit (unserer Meinung nach) falsch eingeschätzter Spieler. Somit gab es in jedem Kalender viele Spieler, die nicht ganz im Fokus der Medien standen und bei jedem wurde dieser Fokus – mit Ausnahme des zweiten Kalenders – auch darauf gelegt. Diese Tradition möchten wir nicht missen.

Jugoslawiens Liga: Ein vergessener Schatz

Aufstellungen Dinamo Zagrebs nach Jonathan Wilson

Aufstellungen Dinamo Zagrebs nach Jonathan Wilson. Hierbei ist wichtig zu beachten, dass Ciro sehr viele taktische Freiheiten den Spielern überließ, wodurch sie selbst viel organisierten und variierten. Außerdem fielen immer wieder Spieler aus und es veränderte sich etwas; u.a. wegen des Wehrdienstes im (post-)titoistischen Jugoslawien.

Auf Seite 411 der neuen Auflage von Jonathan Wilsons „Revolutionen auf dem Rasen“ (sh. in unserem Shop) schreibt der britische Erfolgsautor, dass das 3-5-2 nach vielen als eine Idee von Dinamo Zagrebs Miroslav „Ciro“ Blazevic gilt. Einer der diese Meinung vertritt, ist übrigens Ciro persönlich. Er hatte zwei große Teams: Das kroatische Nationalteam 1998, welches sensationell Dritter wurde, und Dinamo Zagreb 1982, das beinahe das Double holte. Im Buch steht auch weiters:

„Wenn du entscheiden willst, mit welcher Formation und welcher Taktik du spielen möchtest, musst du drei Faktoren beachten: Erstens die Eigenschaften der zur Verfügung stehenden Spieler, zweitens die Tradition und drittens musst du diese beiden Faktoren in das Spielsystem integrieren. (…) Nur ein schlechter Spieler wird Opfer eines Systems.“

Nicht nur Dinamo und Ciro vertraten diese Ansicht, auch Hajduk Split und Partizan Belgrad in den 60ern und 70ern oder die große Mannschaft von Roter Stern Ende der 80er / Anfang der 90er galten in jener Zeit als eine der innovativsten auf dem Kontinent. Dennoch dürfte kaum eine Erfindung so klar in Erinnerung geblieben sein wie Ciros damals.

Im Frühjahr 1982 entwickelte Ciro das 3-5-2/3-3-3-1 für Dinamo. Ein Schlüsselspieler: Petar Brucic, der bisher eher ein Dasein als unterschätzter Back-Up, insbesondere im zentralen Mittelfeld, fristete. Er kam im Laufe der Saison für einen bisher defensiven Außenverteidiger ins Spiel und interpretierte seine Rolle offensiv. Die Dinamo-Mannschaft jener Zeit galt fortan als spektakulär – und Siegesmaschine.

„Wir brachen unsere Gegner mit unserem Pressing schon in den ersten fünfzehn Minuten.“ – Velimir Zajec

Nach der Veränderung des Spielermaterials gewann man 11 von 14 Partien (3 Unentschieden). Erst nach feststehender Meisterschaft gab es die ersten Niederlagen.

In einigen Spielen, unter anderem gegen Zenica, gab Ciro sogar die Vorgabe, man würde erst in den Schlussminuten das Spiel gewinnen. Bis dahin parkte man den Bus, es stand 0:0, bevor auf Kommando ein höheres Tempo eingelegt und das 1:0 gegen die müden Gegner errungen wurde. Ciros Ziel war übrigens hierbei kein strategisches gewesen, sondern ein psychologisches: Würden meine Spieler mir und sich selbst zutrauen, damit das Spiel zu gewinnen?

Aufstellungen und System in den drei recherchierten Spielen.

Aufstellungen und Systeme in drei der gesichteten Spiele.

In vielen anderen Partien startete man mit bisher mit einem selten gesehenen Pressing, wo der Gegner von Anfang an pausenlos attackiert wurde, bis man in Führung ging und wieder dem Konterspiel frönte. Dinamo 1982 wurde als Mannschaft bekannt, die jeden Gegner in den ersten 15 Minuten brach. Brucic war hierbei die Verkörperung dieser Flexibilität.

Jugoslawiens Alaba mit einem Hauch Lahm

In diesem System hatte Brucic nicht (nur) die klassischen Flügelverteidigeraufgaben: Auf und ab rennen, Flanken schlagen und hinten dicht machen. Stattdessen spielte Brucic je nach Gegner und Mitspieler passend. In einigen Partien ging er mehr Richtung Mitte und agierte beinahe wie ein falscher Flügelverteidiger. Hier war es besonders der Raum vor dem eigenen Halbverteidiger, den er besetzte, um in den zentralen Räumen mit seiner Kombinationsstärke den Ballvortrag zu verbessern.

Brucic rückte einige Male auch von rechts ein, erhielt den Ball und ließ sich vom rechten Halbverteidiger – meist Bracun – hinterlaufen. Nun konnte Brucic durch den Halbraum dribbeln, mit Halbverteidiger oder Offensivspielern kombinieren und sie vorder- oder hinterlaufen.

In manchen Spielen agierte er gar wie eine Art Flügelstürmer, der Breite gab, gelegentlich ins 1-gegen-1 ging und in Richtung Tor Diagonalpässe spielte oder eben die Flanken von der Seite brachte. Eine weitere Möglichkeit war jene des klassischen Außenverteidigers, wenn auch relativ spielmachend ausgelegt. Sogar als Sechser und Achter konnte er auflaufen, was er zum Beispiel in seiner Zeit bei Rapid Wien einige Male tat.

Seine spektakulärsten Spiele hatte er allerdings vom linken Flügel aus kommend. Als linker Flügelverteidiger spielte Brucic enorm offensiv. Das Spiel wurde auf seine Seite ausgerichtet, Deveric häufig vom rechten Flügel auf den linken verschoben. Die Richtung des Spielaufbaus ging auf links; Brucic erhielt die meisten Bälle und marschierte auf der Seite nach vorne. Seine Beidfüßigkeit ermöglicht es ihm an den Gegnern vorbeizulaufen und relativ klassisch als Flügelverteidiger zu agieren, doch meistens hatte Brucic eine deutlich kreativere Rolle.

Von der Seite aus ging Brucic fast durchgehend ins Dribbling, nutzte besonders Abbrüche von Läufen und Drehungen, um an den Gegnern vorbei in die Mitte zu ziehen. Sobald er sich am ersten Gegenspieler auf der Seite durchgesetzt hatte, kreierte er Überzahl im Zentrum. Inverse Läufe mündeten vielfach in kreativen Pässen ins letzte Drittel; diagonale Läufe führten vielfach zu engen Kombinationen und eigenen Abschlüssen. Hierbei wurden besonders Kranjcar als Sturmpartner, Mlinaric im Zehnerraum und Deveric als linker Flügelstürmer genutzt.

In diesem Spiel eigentlich als rechter Außenspieler, tauchte hier Brucic auf links auf. Mit einer Croqueta geht er am Gegner vorbei, zieht in die Mitte und macht einen fast-boatengesken (Wie viele Bundesligaspielervergleiche schaffe ich noch?) Laserpass mit links auf den freien Kranjcar vor dem Tor. Die Betonung liegt auf Tooooor.

In diesem Spiel eigentlich als rechter Außenspieler, tauchte hier Brucic auf links auf. Mit einer Croqueta geht er am Gegner vorbei, zieht in die Mitte und macht einen fast-boatengesken (Wie viele Bundesligaspielervergleiche schaffe ich noch?) Laserpass mit links auf den freien Kranjcar vor dem Tor. Die Betonung liegt auf Tooooor.

Hierbei agierte er ähnlich wie Alaba heutzutage, nur auf der anderen Seite und eben mit dem falschen Fuß auf dieser Seite: Er konnte marschieren, balancieren, gestalten und zerstören, ob auf dem Flügel oder im Halbraum, ob vorne oder hinten. Diese Fähigkeiten machten ihn zu einem Schlüsselspieler der Meistermannschaft Dinamos. Schlechte Leistungen gab es eigentlich nie; meistens war er konstant einer der besseren Spieler.

In dieser Hinsicht ähnelte er wiederum Alabas oftmaligem Gegenüber, Philipp Lahm. Wie Lahm war Brucic trotz seiner einzelnen sehr präsenten Aktionen und Dribblings eigentlich unauffällig und subtil, wie er das Spiel positiv zugunsten seiner Mannschaft beeinflusste. Saubere Ballkontrolle, intelligente Zirkulation, korrekte Entscheidungen und wenige Fehler waren sein Markenzeichen. Im Defensivspiel wirkte sich dies sehenswert aus. So hatte er weit herausrückende Bewegungen im Pressing, wo er die Sturmreihe unterstützen konnte oder – wenn auf der gegenüberliegenden Seite ein offensiverer Spieler wie Hohnjec agierte – konnte sich er tief und eng an die Dreierreihe anreihen. Im Gegenpressing gab es wiederum zahlreiche, für jene Zeit unübliche und antizipativ hervorragende Bewegungen in Richtung Mitte zur Balleroberung und zum Abfangen von Kontern.

Vom ballfernen Raum zur zentralen Balleroberung: Schmelzeresk!

Vom ballfernen Raum zur zentralen Balleroberung: Schmelzeresk! (Ha, und noch einer!)

Diese Fähigkeiten ermöglichten Brucic seine flexible Spielweise und die passende Einbindung in die unterschiedlichen Ausrichtungen Dinamos.

Ein Spieler für die Moderne

Zu einem Nationalmannschaftseinsatz reichte es jedoch trotzdem nicht. Womöglich waren seine Leistungen zu subtil, seine Fähigkeiten und Eigenschaften für die 80er-Jahre unpassend oder nicht erwünscht. Obwohl er von der heimischen Presse häufig mit einem der höchsten Notendurchschnitte in der Saison versehen wurde (in Ermangelung schwächerer Leistungen) und von seinen Mitspielern in den Schlüsselduellen der Saison als bester Spieler bezeichnet wurde, sollte es zu keiner Einberufung reichen.

Der Manndeckungs- und Heroenfußball jener Jahre – auch in Jugoslawien weitflächig praktiziert – war kein Spielsystem, das Brucic passend einband. Er konnte zwar auch manndecken, doch ein Individualist war er trotz seiner Komplettheit und seiner Stärken (auch im Dribbling) nicht.

Sein Goalimpact (Peak fast bei 160, knapp unter 150 bei Karriereende) zeichnet bereits das Bild eines hervorragenden Akteurs, in einem heutigen System wäre er jedoch noch besser aufgehoben gewesen. Diese seltene Mischung aus Spielintelligenz, Technik, Dynamik und enormen Arbeitseifer hätte voraussichtlich seine balancegebende, unterstützende Natur noch weiter verstärkt und seine Dribblings punktueller wie effektiver eingebunden.

GoalImpact

GoalImpact Brucics. Danke an @GoalImpact dafür!

In gewisser Weise war Brucics Hauptmerkmal und größte Stärke seine Integrierbarkeit. Ohne wirklichen Leistungsabfall mehrere Positionen zu spielen, dabei die Ordnung konstant zu stabilisieren, ohne an Präsenz und Einfluss zu verlieren, gleichzeitig diese aber nie im Überschuss zu benötigen, ist eine seltene Stärke. Und es ist ein Segen für jeden Trainer.

Position, Rolle und System mussten immer an anderen ausgerichtet werden, nicht an Brucic. Er war einer jener Akteure, der die von seinem Trainer Ciro Blazevic geforderte Integration der Fähigkeiten der einzelnen Spieler mit dem System und der Tradition des Vereins ermöglichte. In gewisser Weise war er seiner Zeit dadurch voraus – und erntete selten das Lob, welches ihm hätte zustehen müssen. Womit wir wieder beim Ausgangsthema wären…

Zum Abschluss das perfekte Bild eines Fußballers: Als Nadelspieler in einer Enge. Traumhaft. Übrigens: Der perfekte Rechtsverteidiger für die aktuellen Bayern eigentlich.

Zum Abschluss das perfekte Bild eines Fußballers: Als Nadelspieler in einer Enge. Traumhaft. Übrigens: Der perfekte Rechtsverteidiger für die aktuellen Bayern eigentlich.

Schorsch 9. Dezember 2015 um 17:50

Da ist sv.de ein echter Überraschungscoup gelungen. Man hätte ja damit rechnen können, dass ein Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien dabei ist. Diese waren immer taktisch ausgezeichnet ausgebildet (und die Trainer taktisch versiert) und das ist z.T. in den Nachfolgestaaten heute noch so. Aber Petar Bručić? Den hatte zumindest ich nicht auf der Rechnung.

Obwohl es nach der Lektüre des Artikels nachvollziehbar ist, dass er berücksichtigt wurde. Was seine Zeit bei den Hütteldorfern anbelangt, kann ich auch nicht sehr viel sagen. Außer, dass ich ihn als Mittelfeldspieler in Erinnerung habe in einer Rapid-Mannschaft, die sehr erfolgreich war. Wobei Wien für mich halt eher Violett trägt… 😉

Gelungener Artikel, gelungene Überraschung!

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Peda 9. Dezember 2015 um 10:35

Mmh, Croquetas…

Petar Bručić scheint mir eine seltene Form der Anerkennung erfahren zu haben: von Mitspielern und Trainer geschätzt, vom Trainer auch gut eingebunden, aber öffentlich unterschätzt.

Beschränkt sich diese Einschätzung nur auf seine Zeit in Zagreb? Er war ja immerhin auch fünf Jahre bei Rapid und spielte in beiden Vereinen zumindest zeitweise unter dem selben Trainer, Vlatko Marković. Die grün-weiße Zeit wird aber nur in einem Nebensatz erwähnt.

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RM 9. Dezember 2015 um 12:01

Eigentlich nur in der Nationalmannschaft übersehen zu jener Zeit. Fans, Mitspieler und Trainer liebten ihn, ebenso wie die Journalisten. Damals gab es eine Zeitschrift, wo er eigentlich regelmäßig zu den besten Spielern der Liga gehörte (obgleich im Schatten einiger spektakulärer Spieler wie z.B. Teamkollege Mlinaric oder den anderen großen jugoslawischen Spielern jener Jahre).

Bei Rapid war er auch sehr, sehr gut, spielte aber vorwiegend im zentralen Mittelfeld und, soweit ich weiß, in einer konservativeren Rolle. Haben wir einen Grün-Weißen hier?

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Peda 9. Dezember 2015 um 13:36

Also in mir sicher nicht! 😀

Aber aufgrund des Österreich-Bezugs habe ich mir seinen Wikipedia-Eintrag durchgelesen. Angeschrieben hat er ja hauptsächlich mit Rapid und die Dauer seiner Engagements sind ja auch vergleichbar (7 Jahre in Zagreb, 5 in Wien bei Rapid). Deshalb habe ich da nochmal nachgefragt.

Die Formulierung, dass er in Ermangelung schwächerer Leistungen häufig mit einem der höchsten Notendurchschnitte in der Saison versehen wurde, klang für mich beim ersten Lesen auch weniger nach gezieltem Lob als nach akzeptiertem statistischen Ausreißer. Das macht die Nicht-Berücksichtigung aber eigentlich nur umso schlimmer.

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