Villarreal schlägt Rayo im gegensätzlichen Hipsterduell

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Villarreal empfing an diesem Sonntag Rayo Vallecano. Zwei der Hipster-Mannschaften der spanischen Liga trafen somit aufeinander. Beide sind nicht zwingend erfolgreich, trotz beachtlicher Ergebnisse in den letzten Jahren, doch zeigen interessante strategische und taktische Eigenheiten. Gleichwohl sind sie hierbei fundamental unterschiedlich.

Paco Jemez: Intensiv wie eh und je

Auch wenn der Wahnsinn Paco Jemez‘ minimal nachgelassen hat – sh. z.B. hier, hier oder hier –, so ist der Rayo-Trainer noch immer einer der interessantesten Trainer in Europa. Seine Mannschaft spielt konstruktives Aufbauspiel mit konzeptionellem Positionsspiel, ist dabei aber ziemlich vertikal und sehr druckvoll. Gegen den Ball mischen sie flexibel Mannorientierungen mit ihrer Raumdeckung und agieren extrem intensiv. Dieses Paket gibt es nur selten und ist der Grund, wieso Paco Jemez bei vielen Analysten und Trainern ein hohes Standing genießt – neben der Tatsache, dass Rayo mit geringem Budget seit Jahren Erwartungen übertrifft.

Gegen Villarreal nutzte Rayo ein 4-1-4-1. Hierbei gab es allerdings einige Staffelungen mit Fünferreihe, weil entweder einer der Flügelstürmer – je nach gegnerischer Bewegung und Positionierung des eigenen Außenverteidigers – oder der Sechser in die Viererkette zurückfallen konnte. Das war auch nötig, weil sich die Spieler in der Viererkette Rayos immer wieder aggressiv herausbewegten und ihre Position verließen.

Rayos 4-1-4-1

Rayos 4-1-4-1. Villarreals Fokus in die Tiefe ist ebenfalls erkennbar.

Grundsätzlich wird dies genutzt, um im Zwischenlinienraum für Präsenz zu sorgen, Anspiele in diese Zonen zu verhindern, abzufangen oder zu erobern. Bei Rayo führte dies in dieser Partie aber zu zwei Problemen.

Einerseits waren es gruppentaktisch unsaubere Bewegungen. Teilweise fanden sie fast nur individuell statt. Einzelne Spieler rückten immer wieder überhastet raus und zogen sich zurück, während die Mitspieler ebenfalls herausrückten. Das sorgte zwar für hohe Kompaktheit und situativ enormen Druck auf den Ball sowie die umliegenden Räume, doch der Kettenmechanismus zur Absicherung dieser Bewegungen konnte nicht genutzt werden.

Ursache war natürlich, dass sich schlichtweg die Spieler nicht in den nötigen Positionen und Richtungen befanden, um für den herausrückenden Spieler abzusichern, weil sie zuvor selbst woanders unterwegs waren. Einige Male hatte dies nicht nur Auswirkungen auf offene Räume und Kombinationsmöglichkeiten des Gegners, sondern mündete in fehlgeleiteten und riskanten Abseitsversuchen der verbliebenen Rayo-Spieler.

Herausrückwahnsinn à la Paco.

Herausrückwahnsinn à la Paco kann in solchen Situationen enden.

Andererseits wollte Villarreal diese mannorientierten Herausrückbewegungen auch provozieren und nutzen. Immer wieder ließen sich die Mittelstürmer zurückfallen und die Flügelstürmer rückten von sehr breiten Positionen ein. Das sollte die Innenverteidiger Rayos herausrücken, während die Flügelstürmer mit ihren horizontalen Bewegungen nur gelegentlich von Rayos Spielern verteidigt wurden und Ablagen in offene Räume mit Löchern für Schnittstellenpässe empfangen konnten.

Desweiteren gab es bei Villarreals Angriffen auch zahlreiche 4-2-4hafte Staffelungen, wo sie mit langen Diagonalbällen, ballfernen Überladungen und Flügeldribblings in die Mitte sowie natürlich Pässen hinter die hochstehende Abwehr Rayos zu guten Chancen kommen sollten.

Viele dieser Aktionen scheiterten aber knapp. Die Pässe wurden noch in letzter Instanz abgefangen oder zumindest abgefälscht, etc. Desweiteren stand Rayo phasenweise so hoch, dass auch ein erfolgreicher langer Ball hinter die Abwehr noch zwanzig bis dreißig Meter vom Tor Rayos entfernt war. Villarreal hatte in weiterer Folge offensiv wie defensiv Probleme.

Zu oft verlor Rayo aber die Struktur, um das Spiel konstant dominieren und defensivstabil agieren zu können.

Zu oft verlor Rayo aber die Struktur, um das Spiel konstant dominieren und defensivstabil agieren zu können.

Von Favre zu Schubert ohne Trainerwechsel

Zugegeben, der Vergleich ist etwas an den Haaren herbeigezogen. Allerdings war Villarreal unter Trainer Marcelino in den letzten zwei Saisons sehr ähnlich zu den Anfangsjahren unter Lucien Favre. Positionsorientierte Raumdeckung, hohe Kompaktheit, sehr intensives Verschieben zum Ball, ohne dabei konstant Druck auf den Ballführenden auszuüben oder – aus taktischer Sicht – intensiv zu sein. In dieser Saison hat sich dies etwas gewandelt.

Ohne Vietto und Giovani vorne fehlt es auch an den passenden Akteuren, um aus den etwas tieferen Balleroberungen und sehr engen Staffelungen effektiv und erfolgsstabil umschalten zu können. Womöglich ist dies der Grund, wieso man nun mit etwas mehr Druck und anderen Balleroberungen agieren möchte. Das ist aber nicht nur positiv.

Unsauberkeiten im Verschieben und flache Formationen. Hier rückt ein Sechser unpassend heraus, einer füllt zurück, keiner ist in der Mitte.

Unsauberkeiten im Verschieben und flache Formationen. Hier rückt ein Sechser unpassend heraus, einer füllt zurück, keiner ist in der Mitte.

Im sehr engen und in alle Richtungen kompakten 4-4-2 schob man die Gegner immer wieder effektiv auf die Flügel und isolierte sie dort. Im aktuellen 4-4-2, welches mit vielen Mannorientierungen und anderen Abständen gespielt wird, öffnet die Elf Marcelinos zu häufig Passwege in die Formation hinein und schiebt dann mit der Verteidigung nicht entsprechend der Mittelfeldbewegungen anch. Der Gegner kann somit innerhalb ihrer Formation den Ball zumindest noch 1-2 Pässe laufen lassen und dadurch zu Chancen oder Raumgewinn kommen.

In sehr tiefen Situationen wird man außerdem zu flach. Früher verteidigte man diese Situationen entweder im 4-4-2 mit weitem Verschieben zum Ball – und somit einer Öffnung der ballfernen Räume, sogar im Strafraum – oder mit einem Teilverschieben der ballnahen Spieler und etwas breiteren Kettenabständen als im höheren Pressing. Nun agiert die Kette nicht nur sehr breit, sondern auch der ballnahe Flügelstürmer oder Sechser können sich in die entstehenden Lücken zurückfallen lassen. Rayo nutzte das geschickt aus.

Positionsspiel zieht Villarreal auseinander

Jemez‘ Mannschaft spielte wie erwähnt im 4-1-4-1, wobei der Sechser sich zurückfallen lassen konnte. Das stellte ein 3-4-3 her, in welchem die zwei Achter das Mittelfeld besetzten und die Flügelstürme einrücken konnten. Gelegentlich gab es aber auch klare Flügelüberladungen, wo Rayo mit zwei Spielern die Seite besetzte und vom ballnahen Achter unterstützt aufrückte.

Rayos Aufbaustaffelung.

Rayos Aufbaustaffelung. Hier ist einer der Flügelstürmer zurückgefallen, um die Mitte zu stärken. Villarreal verteidigt hier wieder im etwas positionsorientieren 4-4-2.

Das Ziel war über die Seiten simple Raumgewinne zu haben und dann über Flanken oder schnelle Kombinationen wieder in die Mitte zu kommen. Der Vorteil davon war natürlich, dass man Villarreal auseinanderzog. Es ergaben sich Schnittstellen für Doppelpässe und Räume in der Mitte, weil so viele Spieler in der letzten Linie genutzt wurden.

Desweiteren hatte Rayo einige Aktionen, wo sie das Positionsspiel etwas auflösten und auch in eigenem Ballbesitz enorm kompakt um den Ball waren. Diese Überladungen sollten vermutlich Villarreal in diese Zone locken, sie mithilfe der Überladungen ausspielen und dann Möglichkeiten zur Verlagerung in offene Räume erzeugen. Mit fortschreitender Spieldauer funktionierte das immer besser, doch Villarreal konnte immer wieder einzelne Löcher bei Rayo attackieren oder sich mit ihren schnellen Angriffen – Dribblings, Kombinationen und Konter standen im Fokus – durchsetzen.

In der Partie entstanden durch die Intensität einige interessante Staffelungen, wie auch z.B. diese Kompaktheitssituation.

In der Partie entstanden durch die Intensität einige interessante Staffelungen, wie auch z.B. diese Kompaktheitssituation.

Fazit

Letztlich setzte sich Villarreal durch. Überladungen, schnelle Kombinationen und die Instabilität Rayos, auch in der geringeren Spielerqualität begründet, sorgten für eine Drehung des Rückstands und den 2:1-Erfolg. Rayo schaffte es trotz Feld- und Ballüberlegenheit nicht, die nötigen Chancen zu kreieren. Villarreal war zwar im zweiten Drittel unterlegen, doch in puncto Durchschlagskraft schlichtweg besser. Danke an Laola1.tv für Bilder und Übertragung!

Bodi_5 8. Dezember 2015 um 14:43

Ihr feiert ja Paco immer ziemlich ab. Eine Frage, die ich mir daher stelle: Wäre er nicht ein geeigneter Kandidat für die Guardiola-Nachfolge? Ich weiß, dass es dazu wohl nicht kommen wird aber mal rein hypothetisch? Ich finde er passt sehr gut zu dem Stil, der Bayern unter Guardiola auszeichnet…

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RM 9. Dezember 2015 um 12:37

Schwer zu sagen. Er wäre ein guter Kandidat, aber ich würde mich nicht komplett wohlfühlen – Kultur- und Sprachprobleme sogar exkludiert. Sein Spielstil ist meiner Meinung nach gut für einen mittleren oder schwachen Klub, da er sowohl die Ergebnisse bringt als auch sehr schön anzusehen ist. Auf allerhöchstem Niveau könnte er Probleme in puncto defensiver Stabilität und offensiver Effizienz haben. Allerdings könnte er natürlich mit besseren Einzelspielern das vielleicht auch besser und anders handhaben. Ich würde ihn ja gerne mal bei Real sehen.

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August Bebel 8. Dezember 2015 um 12:32

Ich habe Rayo Vallecano gegen Bilbao gesehen und da bewegte sich die Passgenauigkeit in ähnlichen Bereichen wie offenbar in diesem Spiel (siehe in der zweiten Graphik oben links). Es hat mich schon etwas enttäuscht, dass es zwar viel hohes Pressing, aber wenig gelungene Kombinationen oder sicheres Passspiel gab.

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RM 9. Dezember 2015 um 12:42

Diese Angaben von Laola1.tv, die das wohl von der spanischen TV-Anstalt erhalten, stimmen vermutlich nicht. Die sind regelmäßig und bei fast allen Spielen viel zu gering. Bei WhoScored werden über dieses Spiel 71:77% berichtet. Rayo ist auf Platz 7 in der ligaweiten Tabelle der Passgenauigkeit mit 78%. Im von dir genannten Spiel hatten sie 79%. Gegner Athletic Club kam auf 62%. In der Bundesliga wäre man mit dieser Passquote Sechster, in der EPL Elfter (die spielen aber auch kein Pressing).

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August Bebel 9. Dezember 2015 um 19:03

Ah okay, danke für die Info. Wäre ja auch entsetzlich, wenn die Passquoten wirklich so niedrig wären. Mir haben sie in dem Spiel halt nicht gefallen. Die Passquote ist sicher auch im späteren Verlauf des Spiels gestiegen, als Bilbao in Unterzahl war.

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drklenk 7. Dezember 2015 um 23:47

Schön, dass auch über solche Spiele berichtet wird. Auch, wenn die Kommentarzahlen leider auf nicht allzu großes Interesse schließen lassen.
Finde es einfach aus fußballromantischer Sicht wichtig, dass es Trainer wie Paco gibt, die auch mit geringen Mitteln versuchen, wirklich Fußball spielen zu lassen.

Bezeichnend nur, dass er trotz seiner Erfolge kaum Nachahmer hat.

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king_cesc 8. Dezember 2015 um 11:15

Interessant ist auch, dass er von Teilen der Fans mittlerweile kritisiert wird. Entweder sind das die gleiche Taktikhipster die ein 3-3-4 sehen wollen oder Leute die anscheinend nicht verstehen was für geniale Arbeit Paco dort leistet.

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drklenk 8. Dezember 2015 um 19:00

Ich befürchte letzteres. Der Fußball ist zu sehr großen Teilen einfach a) ergebnisbesessen und b) konservativ.
Wenn jemand von der Norm abweicht dann darf er das nur, wenn er Ergebnisse liefert, die sehr offensichtlich gut sind.
Ein Team mit Absteiger-Budget regelmäßig im Mittelfeld oder zumindest vor den Abstiegsrängen zu halten, zählt dabei anscheinend nicht dazu.

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