Türchen 5: Ernst Ocwirk

Einen Fußballer aus den 50ern – oder noch früher – zu wählen, ist immer eine gefährliche Sache. Das Videomaterial ist rar, der Fußball jener Zeit komplett anders und auch die Informationen zu den Spielern sowie ihren Mannschaften sind schwierig zu finden. Sogar wenn es der Kapitän der damaligen Weltauswahl war.

Spielte La Maquina wirklich so extrem dominant und flexibel, wie es ihnen unterstellt wird? War damals die Mann- oder die Raumdeckung weiter verbreitet? Gab es Umstellungen in einem Spiel? Welche Rolle hatte jener Spieler in dieser Elf? Wie gut war Leonidas wirklich?

Viele der Antworten auf diese Fragen sind lange nicht mehr sachlich, sondern Mythen gewichen. Über Josef „Pepi“ Bican soll gesagt worden sein, dass selbst Pelé keinen wirklichen Vergleich zu ihm darstellte; und er regelmäßig und problemlos Dosen von einer Torlatte abschießen konnte. Heute haben wir keine oder kaum eine Möglichkeit, um das zu überprüfen. Womöglich waren die Heldentaten Bicans sogar real, wer weiß das schon. Meistens muss man sich auf damalige Zeitungsberichte, Bücher, Artikel und Beschreibungen verlassen, wenn man Spieler aus jener Zeit ohne Fernsehaufnahmen bewerten möchte.

Ernst Ocwirk war so ein Spieler, bei dem Mythos und Wahrheit sich kreuzten. Allerdings ist er kaum bekannt. Irgendwann stoppte sich die Verbreitung des Mythos und Österreichs womöglich stärkster Fußballer seit der Wunderelf der 30er geriet langsam in Vergessenheit. Für unseren Spielverlagerung-Draft hatte ich einst recherchiert, wie gut er gewesen war – beziehungsweise als wie gut er galt.

Aus den gesammelten Informationen wurde bereits ein Porträt auf Abseits.at erstellt, in welchem ich all die raren Zitate von und über Ocwirk zusammentrug sowie seine Biografie etwas beschrieb. Dies weckte nur noch die Lust auf mehr. Wie gut war Ocwirk wirklich? Eine mühsame Analyse aus wenigen Miniszenen einzelner WM-Spiele, längst vergessenen Archivaufnahmen und Standbildern war die Konsequenz meiner Neugier. Natürlich ist der margin of error bei solch wenigem und geringem Bildmaterial groß, dennoch zeichnet es ein überaus passendes Bild Ocwirks.

Positionell flexibel

Ocwirk spielte in seiner Karriere in 2-3-5 und 3-2-5-Formationen, wobei hier sowohl die Verteilung im Sturm, als auch seine Rolle unterschiedlich sein konnten. Ocwirk war im 2-3-5 meistens der zentrale Akteur wie z.B. bei der Weltmeisterschaft 1954, wo er vor Hanappi und Happel als sehr spielstarken Innenverteidigern den zentralen Akteur neben den Halbläufern Koller auf links und Barschandt auf rechts gab. Ocwirk sicherte die Vorstöße seiner Mitspieler intelligent ab, besetzte meistens mit dem ballfernen Halbläufer die Mitte vor den beiden Verteidigern und ging gelegentlich selbst nach vorne.

Ocwirk, Happel und Hanappi. Das legendäre Dreieck der Österreicher.

Ocwirk, Happel und Hanappi. Das legendäre Dreieck der Österreicher.

Interessant war, dass Ocwirk nicht nur das Spiel von hinten aufbauen und absichern konnte, sondern auch ein box-to-box-Akteur war; immer wieder gab es weiträumige Vorstöße, mit denen er im letzten Drittel Präsenz erzeugte. Allerdings ist hierbei wichtig zu beachten, dass es keine Sololäufe oder Kombinationsvorstöße waren, sondern eher nachstoßende Bewegungen aus der Tiefe, wenn sich offene Räume für Abpraller, Ablagen, Flanken und Distanzschüsse ergaben.

Ocwirk galt nämlich nicht nur als hochintelligenter Spielgestalter, sondern auch als extrem kopfball- und schussstarker Mittelfeldspieler. In zahlreichen Kombinationen der damaligen österreichischen Mannschaft war es besonders Koller auf links, der weiträumig vorstieß und den Flügelstürmer vorderlief, während Ocwirk sich galant in die entstandenen Räume bewegte, absicherte und sich für Rückpässe anbot. Danach folgten Distanzschüsse, einzelne Dribblings mit darauffolgenden Vertikalpässen und schöne Diagonalbälle gegen die gegnerische Abwehrlinie.

„Nach den Spielen und dem Training sind die Spieler umarmt und auf die Schultern gehoben worden. Nur wenn der Ernst kam, wurden sie leise. Sie machten Platz, verbeugten sich und flüsterten „Il Dio, il Dio“ – Martha Ocwirk

Ocwirks große Stärke war die Erkennung dieser Situationen. Brach Koller seine Läufe z.B. ab, so bewegte sich Ocwirk von hinten mit Wucht in Richtung Strafraum. Er konnte damit nicht nur Räume für zurückfallende Stürmer öffnen (immerhin gab es deren drei im Zentrum und bei Österreich bewegten sie sich allesamt gerne zurück), sondern profitierte von der enormen Menge an Angreifern, die den Strafraum bereits besetzten.

Mit dem einrückenden ballfernen Flügelstürmer und den drei zentralen Angreifern gab es oft enorme Präsenz bei positioneller Starre und Flachheit im letzten Drittel; Ocwirk vermochte dies zu balancieren oder für einzelne, durchschlagskräftige Aktionen zu nutzen.

In der Arbeit gegen den Ball war es außerdem oft üblich, dass Ocwirk mit den beiden Verteidigern ein enges, flaches Dreieck bildete. Hanappi und Happel – insbesondere Ersterer – konnten dann flexibel herausrücken, Ocwirk blockte die Mitte und der ballferne Innenverteidiger war im Stande nachzurücken; das Dreieck drehte sich und versperrte die ballnahen Optionen des Gegners. Auch die beiden Halbläufer durften deutlich freier agieren.

Gelegentlich schien Ocwirk dadurch in seinen Bewegungen limitiert, einzelne Zugriffsmomente und Angriffe waren allerdings sehr effektiv. Abgefangene Pässe mit direktem Umschalten ins Konterspiel durch eigene Läufe und lange Pässe waren ebenso möglich wie direkte „Kopfballpässe“ nach vorne.

Ein herausragender Individualist mit unangenehmer Unsauberkeit

Allerdings hatte Ocwirk auch beeindruckende Einzelfähigkeiten. Technisch war er zwar nicht immer sauber, besaß aber neben einer tollen Passtechnik – wozu wir noch genauer kommen werden – auch eine hohe Fähigkeit im Dribbling und Kombinationsspiel. Bei der Sampdoria spielte Ocwirk nicht umsonst einige Male sogar als Halbläufer, der marschieren und gar auf den Flügel ausweichen oder den Zehnerraum besetzen konnte. Immer wieder wurde Ocwirk hier gesucht, um den Ball in Engstellen zu behaupten, den Abschluss zu suchen oder den letzten Pass zu finden. Auch in 3-2-5-Formationen spielte Ocwirk als einer von beiden Sechsern, der nicht nur aus der Tiefe aufbaute, sondern immer wieder in hohen Zonen den Ball forderte.

Gleichwohl war Ocwirk hier nicht ganz so sauber, wie man es sich eventuell erwartet hätte. Er blickte nicht durchgehend über die Schulter, hielt nicht die saubersten Abstände zum Mitspieler in komplexeren, dynamischeren Situationen und konnte sich von einem Gegner durchaus überraschen lassen. Seine Koordination war ebenso nicht auf dem allerhöchsten Niveau; gelegentlich gab es überflüssige Schritte und unpräzise Ballmitnahmen. Sein Laufstil – etwas steif mit dem Oberkörper, asymmetrische Armbewegung an den Seiten- deutete bereits darauf hin.

Ocwirk löste sich dennoch verhältnismäßig oft souverän aus diesen Situationen. Er behielt den Kopf am Ball oben und fand dadurch Auswege mit Pässen, außerdem nutzte er neben seiner Technik und seinem überraschenden Antritt auch seine Physis, um sich aus Drucksituationen zu befreien. Geschickt konnte Ocwirk seinen Körper in den Gegner stemmen, ihn aus der Balance bringen und vom Ball abhalten, bevor er sich mit der nächsten Bewegung absetzte. Darum war Ocwirk trotz der mäßigen Koordination schwer vom Ball zu trennen und eine Gefahr, wenn er in Strafraumnähe den Ball erhielt.

Österreichische Kompaktheit in 1954. Bis zur Ära Marcel Kollers war man wohl nur unter Happel noch so kompakt.

Österreichische Kompaktheit in 1954. Bis zur Ära Marcel Kollers war man maximal unter Ernst Happel überhaupt mal so kompakt.

Desweiteren konnte Ocwirk nicht nur durch seine Physisdribblings, seine nachstoßenden Läufe und seine Abschlussfähigkeit mit beiden Beinen und dem Kopf Torgefahr erzeugen (wie hier), sondern speziell auch durch seine raumgreifenden und doch geschickten, gut zu verarbeitenden Pässe; wie dieses Beispiel zeigt. Ocwirk erkennt die Fähigkeit für den Diagonalball hinter die Abwehr und bespielt den ballfernen Flügelstürmer so, dass dieser direkt den Ball abnehmen, ohne dass der Torwart wirklich Druck machen kann.

Insgesamt besaß Ocwirk eine etwas eigenartige Passtechnik, aber ein tolles Auge (besonders für lange Bälle) und war strategisch seiner Zeit in der Ballverteilung voraus. Eigenartige Passtechnik insofern, weil er viele Pässe anschnitt, auch Lupfer einbaute und viele Pässe mit einer Mischung aus Innen- und Vollspann spielte, wodurch sie eine unorthodoxe Flugbahn hatten. Ocwirk nutzte das nicht nur bei langen Bällen, sondern auch bei schärferen Kurzpässen und befreite sich sogar aus Drucksituationen damit.

„Ich sehe Probst und schieße Ihm den Ball übers halbe Feld zu“– Ernst Ocwirk

Besonders in jener Zeit war es unüblich, weil man den schweren Ball kaum ordentlich anschneiden konnte und auch Probleme hatte wirklichen Druck auf solche Pässe einzubauen, wenn man ihn nicht mit voller Auflagefläche adäquat traf. In dieser Situation bewies Ocwirk nicht nur diese Passtechnik, sondern auch seine dynamische Übersicht und seinen intelligenten Fokus beim Bespielen der Räume hinter einer Abwehr.

Ocwirk heute?

Es ist immer schwer, Mutmaßungen über die Eignung von früheren Spielern in heutiger Zeit zu treffen. Natürlich könnte kein einziger rein von der Physis her mit den heutigen Sprintmaschinen mithalten, auch das technisch-taktische Know-How hat sich enorm verbessert. Unter der Voraussetzung, Ocwirk hätte seinen Spielcharakter und seine im zeitlichen Vergleich relative Qualität aufrechterhalten, wäre er in moderner Zeit aber wohl ein hervorragender Innen- oder Halbverteidiger sowie ein sehr guter Sechser und ein guter Achter geworden.

Sein Passspiel und seine Pressingresistenz taugen im heutigen Fußball eher für die tieferen Zonen, wo er mit seiner defensiven Spielweise ebenfalls insgesamt gut hineingepasst hätte. Und schon in jenen Jahren verkörperte Ocwirk ein Ideal, welches bis heute (und nun mehr denn je) gesucht wird:

„Er ist die Seele der Mannschaft, vereint höchste Spielintelligenz und Grazie mit Präzision und Ökonomie des Krafteinsatzes. Sein Spiel stellt die einzig praktikable Anwendung des Kollektivprinzips dar, den einzig geglückten Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft, in ihm akkumuliert sich die ganze Idee des Mannschaftsspiels.“ – Friedrich Torberg im Wiener Kurier, 1954

Ein bisschen mehr Ausschnitte gibt es übrigens hier.

Atütata 16. Juli 2016 um 13:43

Du hast ja erwähnt, dass deine Recherchen für den Spielverlagerung-Draft waren, den ich mir nach dem Lesen dieses Artikels, der wie alle deine Artikel wieder sehr, sehr gut geworden ist auch durchgeguckt habe. Könnte also demnächst mal ein neuer Draft rauskommen, ich war echt begeistert vom alten. 😉

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Schorsch 5. Dezember 2015 um 14:41

Danke für den Artikel. Und Danke für die Video-links. Einfach nur schön. Und umso schöner, dass mit Ocwirk einer der Austria gewürdigt wird… 😉 Wobei ich aber nichts gegen die Hütteldorfer gesagt haben will. Da gäbe es auch so einige, die ein Türchen im Adventskalender verdient hätten…

Interessant finde ich, dass sich Ocwirk bei der Umstellung auf das W-M-System die Rolle des Mittelläufers gar nicht so recht zugetraut haben soll. Er scheint ohnehin etwas sehr selbstkritisch gewesen zu sein. Dabei wird immer seine Ausstrahlung hervorgehoben, die ihm immer auch a priori viel Respekt beim Gegner eingebracht hat. Es hat Ocwirk auch ausgezeichnet, dass er genau wusste, welchen Mitspieler er mit welcher Art von Pässen in welcher Spielsituation anspielen konnte bzw. musste.

Was seine Passgenauigkeit gerade bei langen Bällen in Verbindung mit seiner im Artikel beschriebenen Passtechnik anbelangt, so kann man dies mMn erst richtig einschätzen, wenn man selbst einmal mit einer solchen schweren Lederkugel gekickt hat. Das gilt besonders bei regnerischem Wetter, wo der Ball noch einmal schwerer wird. Die Fußballstiefel waren obendrein auch nach heutigen Maßstäben eher Unfallverhütungsschuh. Der im Artikel erwähnte Pepi Bican meinte einmal, dass er seine Ballbehandlung der Tatsache zu verdanken gehabt hätte, dass er als Kind barfuß spielen musste.

Der Nikolausabend jedenfalls kann kommen nach diesem Artikel. Eine wirklich schöne Überraschung im Fußballstiefel… 🙂

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