Hecking-Umstellungen bezwingen Tuchel, aber gewinnen nicht das Spiel

1:2

Letztjähriger Bayernverfolger Nummer 1 empfängt diesjährigen Bayernverfolger Nummer 1. Nach der Pleite der Münchner in Gladbach könnte der BVB sogar wieder auf fünf Punkte herankommen. Die Schwarzgelben erwartete aber in Wolfsburg natürlich eine schwierige Aufgabe.

Der BVB zwischen 4-3-2-1 und 4-1-2-2-1

Über die Dortmunder haben wir in dieser Saison schon ein paar Mal geschrieben. So hat unter anderem Martin Rafelt bereits eine detaillierte Mannschaftsanalyse angefertigt, ich schrieb auf der Seite Marti Perarnaus ebenfalls über ihre Spielweise. Zu Saisonbeginn spielte der BVB meistens eine Mischung aus 4-1-4-1 und 4-4-1-1 im Pressing. Weigl konnte dabei als alleiniger Sechser agieren, während Kagawa von der Zehnerposition aus etwas tiefer mit Gündogan eine Doppelacht bilden konnte. Doch Thomas Tuchel wäre nicht er, wenn er das nicht schon ein paar Mal veränderte hätte. Gegen die Bayern hatte er eine andere Systematik (quasi Raute) und auch z.B. gegen den HSV wirkte die Ausrichtung eher wie ein 4-3-2-1.

Grundformationen

Grundformationen

Tuchel entschied sich gegen Wolfsburg abermals für diese Ausrichtung. Das Ziel: Hohe Kompaktheit in der Mitte, starke Besetzung der Halbräume, Leiten auf die Flügel, aggressives Pressing in diesen Räumen und Isolation von der Mitte. Mithilfe des 4-3-2-1 ist dies gut umsetzbar, weil man prinzipiell sechs Spieler in Mitte und Halbräumen hat, über die Außenverteidiger bei schnellen Flügelangriffen weiterhin die Seitenkanäle nach vorne versperren kann, bis der zentrale Block verschoben hat.

Damit das jedoch noch ein Stück intensiver und stärker wird, nutzen die Dortmunder eine Art 4-1-2-2-1. Hier sichert Ginter die Räume in der Mitte vor der Abwehr und kann auch in einzelnen Situationen etwas hinter die höheren Achter schieben, welche flexibel auf der Seite und in der Mitte Druck ausüben können. Castro und Gündogan sind hierbei sehr passende Akteure.

Mkhitaryan und Reus als Flügelstürmer sind durch die engere Positionierung nicht nur im Stande Aubemeyang ballnah zu unterstützen und dabei von den (höheren) Achtern abgesichert zu werden, sondern können auch durch weites Einrücken von der ballfernen Seite in Richtung gegnerischem Sechserraum zusätzlichen Druck erzeugen. Das Pressing sah oft so aus, dass der VfL auf eine Seite geleitet wurde, wo dann mit dem ballnahen Flügelstürmer und dem ballnahen Achter gepresst wurde; die verbliebenen Spieler in der Mitte stellten diese zu, wobei der ballferne Achter und der ballferne Flügelstürmer bis in den ballnahen Halbraum schieben konnten.

Zahnlose Wölfe

Wolfsburg hatte mit der Spielweise des BVB gegen den Ball enorme Probleme. Zwar konnten sie sich mit ihren dribbelstarken Flügelstürmern, den spielstarken Außenverteidigern und Arnold ein paar Mal daraus erfolgreich befreien, im letzten Drittel hatte man aber massive Probleme. Spätestens im zweiten Drittel hatte der BVB aber ausreichend Zugriff und Präsenz hergestellt, um Wolfsburg den Ball abzunehmen. Alternativ musste Wolfsburg auch die Angriffe abbrechen und nach hinten spielen oder eben wegen der aufgezwungenen hohen Geschwindigkeit der Angriffe keine sauberen Strukturen erzeugen konnten.

4-3-2-1 / 4-1-2-2-1

4-3-2-1 / 4-1-2-2-1

Einzelne abkippende Bewegungen des zentralen Mittelfelds, versuchte sehr breite Positionierungen der Flügelstürmer mit diagonalen Bewegungen nach hinten oder lange Bälle veränderten eigentlich nichts. Jedes Mittel ging im Pressing der Dortmunder unter, auch wenn einzelne Diagonalbälle auf den überladenen ballfernen Flügel ansatzweise vielversprechend wirkten. Nichtsdestotrotz benötigten die Wolfsburger fast dreißig Minuten für den ersten Abschluss und waren bis zur Halbzeit klar unterlegen. Lediglich gewonnene Gegenpressingsituationen / eroberte zweite Bälle funktionierten ein paar Mal.

Allerdings war beim BVB auch nicht alles Gold, was glänzte. Im Aufbauspiel hatte man Probleme.

Außenverteidigereinbindung als Mangel

Schon in einigen anderen Partien schoben die Dortmunder die Außenverteidiger extrem weit vorne – bis an die gegnerische Abwehrreihe –, um Räume in der Mitte zu öffnen und auch ihre Flügelstürmer positionell zu befreien. Das Problem kann aber sein, dass die Außenverteidiger nicht mehr anspielbar sind, der Gegner sie situativ ignoriert und die Flügelstürmer des BVB vereinzelt im gegnerischen Mittelfeldhaufen nicht anspielbar sind. Gegen Wolfsburgs 4-4-1-1/4-4-2 war das ein paar Mal der Fall, wodurch der BVB mit langen Bällen Subotics und Co. agieren musste.

Ein weiterer Faktor war auch die Bewegung Gündogans. Er kippte immer wieder rechts zwischen Außen- und Innenverteidiger heraus, doch dadurch wurden seine Fähigkeiten nicht ordentlich eingebunden und er konnte oftmals nicht wirklich in Richtung Mitte aufbauen. Die Sechserraumbesetzung mit Ginter war schwach, sein Freilaufverhalten teilweise problematisch und Castro, der von halblinks in Richtung Mitte neben Ginter einrückte, ohnehin nicht erreichbar. Womöglich war der Antrieb für diese Idee, dass man Mkhitaryan möglichst fokussiert einband.

Aufbau beim BVB

Aufbau beim BVB

Mkhitaryan sollte über Gündogan Bälle erhalten, in Richtung Mitte gehen und dann Reus und Aubameyang als zentrale sowie Piszczek als seitliche Option haben. Castro konnte wiederum von halblinks unterstützen und als Anspielstation fungieren. Das war zwar nicht effektiv, dennoch war Dortmund die bessere Mannschaft. Sie ließen den Ball gut laufen, kompensierten diesen Mangel gut und waren lange Zeit klar überlegen. Das 1:0 fiel aber nach einer kleinen Systemumstellung.

Zwischen 4-3-1-2/4-1-3-2 und 4-3-2-1/4-1-2-2-1

Direkt vor dem Tor positionierten sich die Dortmunder in einer Raute. Reus schob eine Linie höher neben Aubameyang, Mkhitaryan agierte als Zehner, Gündogan und Castro waren aktiver im Herausrücken nach vorne. Durch Mkhitaryans Balleroberung fiel direkt dadurch das 1:0. In den folgenden Minuten wechselten die Dortmunder immer wieder zwischen den Formationen. Mal gab es eine Raute zu sehen, mal spielte Reus wieder tiefer und Mkhitaryan schob geschickt nach halbrechts. In Anbetracht der Führung und Überlegenheit des BB schien es nur eine Frage der Zeit sein, bis das 2:0 kommen sollte. Doch Hecking reagierte schnell.

4-1-4-1 statt 4-4-1-1

Kurz nach dem Rückstand stellte Hecking um. Draxler ging in die Mitte, er bildete mit Arnold nun eine Doppelacht vor Guilavogui. Einerseits hatte man nun mehr Präsenz in der Mitte gegen den Ball, um die zweiten Bälle zu erobern und die Spieler des BVB besser abzudecken. Andererseits war man in eigenem Ballbesitz deutlich stärker. Es gab bessere Verbindungen bei den Flügelangriffen und in der Mitte griff das Pressing des BVB nicht mehr so gut. Kollege Martin Rafelt umschrieb dies zur Halbzeit auf Twitter wie folgt:

Dadurch, dass die zentrale Sechs von Dortmunds 4-1-2-2-1 offen gelassen wird, bekommen sie jetzt nach Wobs Umstellung auf 4-1-4-1 Probleme. (…)Außerdem unangenehm, dass Draxler und Arnold da so zwischen den Positionen schwimmen.

Allerdings war Guilavogui – ebenso wie Ginter auf der anderen Seite – in dieser Rolle etwas überfordert. Zur Halbzeit passte Hecking komplett an. Arnold ging auf die alleinige Sechs, Draxler und Kruse gaben hinter Dost die Doppelacht.

Wolfsburg in Ballbesitz im 4-1-4-1. Nun stellt sich das Problem: Wer rückt heraus? Jedes Herausrücken öffnet Optionen. Wolfsburg kam dadurch besser ins Spiel.

Wolfsburg in Ballbesitz im 4-1-4-1. Nun stellt sich das Problem: Wer rückt heraus? Jedes Herausrücken öffnet Optionen. Wolfsburg kam dadurch besser ins Spiel.

Offenes Spiel in Halbzeit zwei

Durch diese Umstellung Wolfsburgs ergab sich ein offenes Spiel in der zweiten Halbzeit. Der angeschlagene Gündogan musste außerdem ausgewechselt werden. Für ihn kam Kagawa. Zwar ist Kagawa strategisch intelligent und technisch wie taktisch hervorragend, doch er hat nicht die Aktionsmuster eines Spielgestalters.

Ohne Weigl und ohne Gündogan hatte der BVB im Mittelfeld keinen Spieler, der sich unter Druck behaupten und den Ball in engen Situationen verteilen konnte. Ginter war damit überfordert, Castro ist eher ein Balancegeber und Kombinationsspieler, ebenso wie Kagawa. Womöglich stellte Tuchel auch deswegen vom 4-3-2-1 auf ein 4-4-1-1 mit Mkhitaryan auf rechts um und man suchte nun vermehrt nach Kontern.

Gegen Ende des Spiels gab es wieder eine Umstellung: Park und Kagawa spielten als Achter neben Ginter, Hofmann agierte mit Reus und Mkhitaryan vorne. Nach dem Ausgleich der Wolfsburger in der 91sten Minute konnte der BVB postwendend das 2:1 erzielen und das Spiel dank der Vorarbeit des sensationellen Mkhitaryan und dem Tor Kagawas gewinnen.

Schorsch 6. Dezember 2015 um 18:48

Gegen Bayern und gegen den HSV spielte der BVB mit einer anderen Ausrichtung als in den anderen Spielen bislang. Beide Spiele gingen doch recht deutlich verloren. Zitat aus dem Artikel: „Tuchel entschied sich gegen Wolfsburg abermals für diese Ausrichtung. Das Ziel: Hohe Kompaktheit in der Mitte, starke Besetzung der Halbräume, Leiten auf die Flügel, aggressives Pressing in diesen Räumen und Isolation von der Mitte.“ Klingt überzeugend, aber war es nicht sehr riskant von Tuchel, erneut diese Ausrichtung zu wählen, mit der man vorher gescheitert war? Zumal 3 Schlüssel- bzw, wichtige Spieler ausfielen? Sicher hängt vieles von der jeweiligen Umsetzung und dem jeweiligen Gegner ab, das ist eine Binsenwahrheit. Oder war dies gerade wegen der personellen Umbesetzungen richtig? Die im Artikel beschriebene Überforderung Ginters in seiner Rolle spricht eigentlich dagegen.

In dieser Rolle wäre mMn Sahin der richtige Mann gewesen, aber der steht leider noch nicht wieder zur Verfügung. Sicher ist Castro ein guter Balancegeber. Aber ist es tatsächlich so, dass er sich unter Druck nicht behaupten kann und er deshalb für diese Rolle nicht infrage kommt? Ich kann es letztlich nicht beurteilen.

Unter dem Strich fand ich den Auftritt des BVB sehr bemerkenswert, gerade wenn man die personellen Umstellungen aufgrund der Ausfälle berücksichtigt. Der Sieg mag aufgrund der 2. HZ etwas glücklich gewesen sein. Allerdings haben es die Wölfe trotz des in der zweiten Hälfte überlegen geführten Spiels es nicht geschafft, aus dem Spiel heraus ein Tor zu erzielen. Und die Kombination, die zum Siegtreffer geführt hat (als wohl niemend damit mehr gerechnet hat) war einfach nur geil (wenn auch mehr als fahrlässig verteidigt, wenn man Kagawas Spaziergang in den Strafraum betrachtet).

Jedenfalls hat dieser Spieltag mMn gezeigt, dass der BVB tatsächlich leistungs- und erfolgsstabil ist und zurecht mit so deutlichem Abstand auf Rang 2 steht. Immerhin hat man beim bis dato Tabellendritten gewonnen, der lange Zeit kein Bundesliga-Heimspiel verloren hatte. Und Gladbach bleibt die Mannschaft der Stunde.

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LB 5. Dezember 2015 um 23:13

Nachdem Park im Spiel war, hatte der BVB auch wieder mehr zugriff und spielte das auch ruhiger. Denke schon das er vermutlich eine Alternative gewesen wäre, aber Tuchel hat bewusst den vertikalen Weg mit Pressing gewählt. Da passt Park dann weniger rein. die ersten 35min haben ihm recht gegeben.

Tuchel,hatte Probleme nach der Umstellung von Hecking die Balance zu finden, weil er auch nicht mehr soviele Möglichkeiten hatte. Mit Hummels und Weigl sind wohl 2 von 3 besten Aufbauspieler ausgefallen. Nachdem Seitenwechsel dann mit Gündogan 3von 3…… das Castro wie gut beschrieben wurde und auch Ginter diese Rolle nicht erfüllen können, hat Hecking in die Karten gespielt. Wie der gesamte Spielverlauf ab dem 1:0. Läuft es schlecht geht Arnold mit Gelbrot vom Platz aber da hat der Schiedsrichter gnade vor recht ergehen lassen…. wie auch das späte einsetzen von gelben Karten bei taktischen Fouls auch der agressiveren Spielweise von WOB entgegen kam.

insgesamt ein Top Beitrag, in der schnelle… respekt! und weiter so…

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Viktor Dünger 5. Dezember 2015 um 21:22

Wäre Park auf der alleinigen 6, bei einem Fehlem von Weigl und Gündogan, nicht die beste Option?
Er besitzt meiner (und dem letztjährigen Kalender nach auch eurer) Meinung nach mehr spielmachendere Fähigkeiten als Ginter oder Bender.
Ich bin allgemein enttäuscht darüber wie wenig er eingesetzt wird. Könnt ihr euch das erklären?

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Winterschmied 6. Dezember 2015 um 10:41

Ich hatte bei seinen bisherigen Einsätzen häufig den Eindruck, dass Park einige Probleme mit dem Tempo hat. Gerade auf der AV Position sah das mMn nicht gut aus in der Verteidigung, da fehlte – gerade in der Euroleague – einige Male der Zugriff auf die gegnerischen Außen. Im Spielaufbau hingegen habe ich ihn als kleinen Dortmunder Stolperstein gesehen, der das Tempo oft verschleppt und lange braucht, bis er eine Anspielstation gefunden hat (auch dann, wenn der Gegner noch nicht sortiert ist). Sehr häufig kommt dann der Rückpass.

Dazu jedoch zwei Anmerkungen: ich bin bei weitem kein Taktikexperte und berichte nur von meinen Einrücken. Das Spiel gegen Wolfsburg bspw. habe ich gar nicht gesehen.

Ob die von mir beobachteten Phänomene an den Fähigkeiten des Spielers, dem bespielten, stets sehr tief stehendem Gegner liegen oder es das Resultat mangelnder Einbindung seiner Fähigkeiten in das System ist, vermag ich nicht zu sagen.

In Mainz hat er mir bisher (und als Dortmunder ergänze ich ein großes „leider!“) wesentlich besser gefallen.

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Schlicke 6. Dezember 2015 um 12:35

Einschätzung von Winterschmied teile ich. Park ist derzeit eindeutig nur als Backup zu sehen und nur aufgrund seiner Vielseitigkeit als Auswechselspieler sinnvoll. Mit ihm statt z.B. Ginter wäre die Zentrale körperlich allein von der Größe bei Kopfbällen auch zu schwach gewesen. Ginter konnte aber hinsichtlich seiner Positionierung im Aufbau Weigl nicht ersetzen, auch die Ballan- und mitnahme ist nicht vergleichbar. Insofern war der Ansatz, Ilkay oft abkippen zu lassen und über Mickys direktes Spiel bzw. seine Dribblings in die gefährlichen Räume zu kommen, genau richtig.

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jugendtrainer 5. Dezember 2015 um 20:59

Wahnsinn, wie schnell die Analyse wieder da war…

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