Hektisches Umschaltmomentfestival endet in Nullnummer

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Darmstadt gegen Köln: Unerwartete Hektik, offensives Kick and Rush, unkompakte Defensivstabilität und eine erwartete Nullnummer.

Täglich grüßt der Umschaltmoment

Ein genereller Faktor in dieser Partie war, dass beidseitig nur wenig organisierte Aufbausituationen vorhanden waren. Besonders in der Anfangsphase war dies der Fall. Köln stand etwas tiefer und wollte vermutlich Darmstadt den Ballbesitz aufdrücken sowie diese herausziehen, um Darmstadt auskontern zu können. Darmstadt hatte in dieser Phase sogar knapp über 60% Ballbesitz, doch sie spielten trotzdem keinen Ballbesitzfußball – sie verhielten sich eher, als wären sie in einem durchgehenden Konter gefangen.

Grundformationen

Grundformationen

Man suchte schnelle Kombinationen, direkte lange Bälle in die Spitze und kleinräumige Überladungen, welche vielfach in Ballverlusten und zweiten Bällen mündeten. Köln probierte diese wiederum möglichst schnell auszuspielen, wodurch ein chaotisches, aber intensives Spiel mit viel Hin und Her entstand. Auf beiden Seiten war immer mal wieder einzelnen Spieler unklar, ob sich ihre Mannschaft jetzt im Ballbesitz befand oder nicht;  ein paar fielen teilweise zurück, während die anderen in die andere Richtung umschalten wollten. Daraus resultierte eine gewisse Zerrissenheit zwischen den Positionen, obgleich diese auch rein strategisch bereits bedingt war.

Darmstadts Kick and Rush ist kompromisslos

Diese Partie zeigte, wie Darmstadt auf Ballbesitz reagierte: Allergisch. Oftmals gab es 4-2-4 oder 4-1-1-4-Staffelungen im Aufbaubolz. Die Außenverteidiger blieben relativ tief, die Innenverteidiger eng und einer der Sechser tief, während der andere Sechser hinter die – ebenfalls verhältnismäßig enge – Sturmreihe aufschob und sich unterstützend für zweite Bälle positionierte. In diese Staffelung schlug man lange Bälle hinein und wollte damit in die Kölner Formation kommen, ohne konstruktives Flachpassspiel zu betreiben.

Innerhalb dieser zweiten Bälle gab es dann direkte Konterversuche, Weiterleitungen und Einzelaktionen in Form versuchter Dribblings oder schneller Pässe hinter die Abwehr. Viele Flanken und ein paar (Halb-)Chancen waren die Konsequenz davon. Köln reagierte auf das Kick and Rush mit einer überraschenden Defensivausrichtung.

Köln mit kompakter Idee und unkompakter Umsetzung

Nach der Anfangsphase begann Köln wieder früher zu stören und die langen Bälle Darmstadts in höheren Zonen zu erzwingen. Dabei war die grundsätzliche Formation der Kölner vermutlich ein 4-2-3-1/4-4-1-1. Gerhardt unterstützte situativ Modeste vorne, oftmals blieb er aber tiefer im Mittelfeld und sogar in einer Linie mit den Flügelstürmern, weil in Anbetracht der frühen langen Bälle Darmstadts sowie der Vorstöße des einen und dem weiten Zurückfallen nahe an die Innenverteidiger des anderen Sechsers ohnehin kein Gegenspieler im Zugriffsradius Gerhardts war.

Das Problem war aber, dass Köln die Übergänge im Pressing etwas fehlten. Wenn Darmstadt den Ball kurzzeitig in der ersten Reihe laufen ließ, probierte Köln nach vorne zu schieben, doch die Abstände waren zu groß und beim Herausrücken öffneten sich Räume innerhalb der Formation. Es gab einige 4-4-2 und 4-1-3-2-Staffelungen, vielfach entstanden allerdings 4-2-2-1.1-Formationen.

Dies lag am Herausrücken der Flügelstürmer nach vorne, obwohl Gerhardt im Zehnerraum und die Sechser eng vor der Verteidigung blieben. Ursache dafür: Die Mannorientierungen, welche die Flügelstürmer auf die gegnerischen Außenverteidiger rückten. Das zog die Kölner Flügelstürmer von den eigenen Sechsern weg, welche nicht nach vorne manndeckten, sondern in Erwartung des langen Balles eng vor den eigenen Innenverteidigern abwarteten.

Vielfach konnte Darmstadt aus den langen Bällen eine kurze Ballbesitzsequenz vor den Sechsern Kölns erringen, welche dann in schnellen Angriffen nach vorne übergingen – in der Zwischenzeit zogen sich die Kölner Offensivspieler zurück, was den Gästen auch einen etwas hektischen Anstrich in der Defensivarbeit gab. Wenn Köln den Ball aber direkt erobern konnte, waren sie im Stande die höheren Außenstürmer anzuspielen und Konter zu suchen, wo es aber an Durchschlagskraft fehlte. Darmstadts zurückhaltenden Außenverteidiger und die kaum aufgefächerte Angriffsstaffelung sorgten dafür.

In der Folgezeit war es aber die Kölner, die mehr Ballbesitz hatten und zumindest ansatzweise mit dem Ballbesitz etwas anfangen wollten.

Aufgedrehtes Aufbauspiel meets 4-4-2-0 mit Mannorientierungen

Die Kölner sind meistens jene Mannschaft, welche dem Gegner das Aufbauspiel überlässt und selbst sich eher auf Angriffe nach Balleroberungen konzentriert. In dieser Partie war dies wie erwähnt kaum möglich; man wagte sich in weiterer Folge und gezwungenermaßen mehr an längere Ballbesitzzirkulation und Angriffe aus dieser heraus. Interessant war hierbei das Muster in der ersten Linien. Die beiden Innenverteidiger standen relativ eng und Risse als Rechtsverteidiger ließ sich gelegentlich etwas tiefer zurückfallen, Hector auf links spielte wiederum fast durchgehend ziemlich hoch.

Auch die Sechser, insbesondere Vogt nach dem Seitenwechsel, konnte sich nach rechts neben die Innenverteidiger bewegen. Die zwei Innenverteidiger schoben außerdem ein paar Mal nach vorne und wollten Darmstadt herauslocken, bevor sie den Balls ins Mittelfeld spielten.

Die vorderen Spieler waren unsauber in ihren Bewegungen, man versuchte sich oft sehr dynamisch aus höheren Zonen zurückfallen zu lassen, was aber improvisiert wirkte und positionell unsauber war. Die Abstände und das Timing stimmten nicht immer, teilweise gingen zwei Spieler in eine Zone oder waren schlichtweg nicht anspielbar. Allerdings war Darmstadt auch ein überaus unangenehmer Gegner diesbezüglich.

Grundsätzlich war es ein 4-4-2, doch die beiden Stürmer Darmstadts orientierten sich eher an Kölns Sechsern und am eigenen Mittelfeld. Das machte es meist zu einer Art 4-4-2-0, welches viele situative Mannorientierungen hatte. Immer wieder bewegte sich einer der Mittelfeldspieler an eine Anspieloption der Kölner, die anderen füllten die umliegenden Räume aus.

Das war schwierig zu bespielen, obwohl es viele unsaubere Staffelungen hatte, wo sich auch kurzzeitig Räume öffneten. Auf den Flügeln gab es außerdem viele zurückfallende, mannorientierte Bewegungen, wodurch die Flügelstürmer eine Fünfer- oder gar Sechserreihe in der ersten Linie herstellten; besonders der Rechtsaußen tat dies wegen Hectors Vorstößen oft.

Insgesamt war Köln trotz der Probleme nach vorne die bessere Mannschaft und hatte mehr Chancen. Stöger reagierte dennoch zur Halbzeit.

Umstellungen

Nach dem Seitenwechsel spielte Osako als Zehner in einem etwas klareren 4-4-2 gegen den Ball; Bittencourt und Zoller spielten nun als Flügelstürmer, Gerhardt wurde ausgewechselt. Köln wollte nun Osako zwischen den Linien stärker einbinden, Bittencourt rückte von links hinein und Risse spielte – wie oben erwähnt – bisweilen etwas tiefer. Auch Vogt hielt sich zurück und versuchte aus dem rechten defensiven Halbraum Osako fokussierter anzuspielen (gelegentlich auch Lehmann). Nach gut einer Stunde wich Osako für Jojic, die grundlegende Systematik blieb gleich.

Bei Darmstadt änderte sich trotz der Einwechslungen Sailers und Rauschs ebenfalls nur das Personal.

Fazit

Darmstadt gegen Köln endete in einem 0:0. Wieso hatte ich mir eigentlich was anderes erwartet? Hatte ich mir eigentlich etwas anderes erwartet? Ich hatte mir eine relativ tiefe und später ballbesitzorientierte Spielweise Kölns vorgestellt, im Verbund mit Darmstadt in ihrer Rolle als Deutschlands englischstes Team. Es ist genauso eingetroffen, wie ich dachte. Freuen kann ich mich dennoch nicht.

Tobib 30. November 2015 um 14:51

Schöner Artikel, möchte nur anmerken, dass Heller -von sporadischen Seitemwechseln abgesehen- entgegen eurer grafischen Darstellung auf der rechten Seite spielt, Kempe/Rausch aufbrechts. Hoffe stark, dass nächste Woche das Hessenderby ähnlich ausführlich analysiert wird.

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CK 29. November 2015 um 21:51

Hallo, erstmal danke für die Analyse auch mal Abseits der großen Verein(e) 😉

Für mich als Kölner auch interessant wie Ihr das so seht was sich in Köln entwickelt, auch wenn es für Ballbesitzspielästheten, häufig nicht besonders ansehnlich ist was die Kölner spielen.

Ich würde mich ehrlich gesagt auch freuen wenn Peter Stöger das eine oder andere mal die spielstärkeren Akteure auf dem Platz lassen würde… die möglichen Wechselwirkungen zwischen einem Jojic, Gerhardt, Osako, Bittencourt und Nagasawa fände ich zumindest mal interessanter als die ewigen langen Bälle von Marcel Risse oder Heintz. Nur fürs Protokoll ich bin wirklich zufrieden mit den beiden aber ich würde mir halt wünschen das es noch ein wenig mehr spielerische Entwicklung gibt.

Z.b. warum nicht Gerhardt und Jojic bringen als achter in einem 4141 was spricht denn dagegen?

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SW90 28. November 2015 um 19:16

Die Partie war wirklich gruselig. Man sollte aber mit Hohn aufpassen: Der FC schlug Schalke klar und gewann zudem in Leverkusen verdient.

Gegen die „schwächeren“ Teams findet Stöger kein Rezept. Unabhängig von taktischen Einstellungen, fehlt jedoch der „Killerinstinkt“ beim FC. Die Mannschaft ist brav und steht in der Tabelle erfolgreich da. Selbst krasse Fehlentscheidungen sorgen bei diesem Team selten für Mentalitätsausbrüche, eher für Verunsicherung.

Des Weiteren fehlt einfach die Qualität im Spiel nach vorne. Und wenn man doch am Drücker ist, lässt Stöger technische gute Fußballspieler wie Jojic, Nagasawa und Gerhardt auf der Bank bzw. wechselt sie früh aus. Er favorisiert das schnelle, direkte Spiel.

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August Bebel 29. November 2015 um 14:28

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Stöger generell „das schnelle, direkte Spiel“ favorisiert. Aber ich hab mich auch gewundert und geärgert, dass Gerhardt ausgewechselt wurde und Zoller kam. Vielleicht hätte man da mit Gerhardt, Hector, Jojic, Osako und auch Nagawasa eher auf Kombination setzen können. Risses lange Dinger nerven manchmal.

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kavau 28. November 2015 um 17:59

Ich freue mich ja durchaus darüber, dass es spielverlagerung.de gibt. Aber die überheblichen Seitenhiebe auf Vereine, die nicht 523,7 Millionen Euro Umsatz machen, könnt Ihr Euch sparen. Die Analysen sind gut und reichen vollkommen aus. Wenn Euch der Fußball der meisten Bundesligavereine nicht gefällt, ist das Euer gutes Recht, aber beschränkt Euch doch dann einfach auf das Kommentieren von Bayern München und Borussia Dortmund.

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RM 28. November 2015 um 18:29

Wer schimpft denn auf diese Vereine wegen des Geldes? Und ist Kritik verboten? Wir schimpfen über Potenzialverschwender, unabhängig vom Kontostand. Andere Vereine schaffen es auch ohne große Finanzen ansehnlichen Fußball zu spielen. In Spanien gibt es sogar mehrere solcher Mannschaften. Wir „schimpfen“ außerdem ja auch auf die reichen englischen Vereine.

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Philo 28. November 2015 um 19:37

Aber Darmstadt überperformt doch, oder? Deren Strategie scheint mir geschickt gewählt, weil sie es schaffen, den Gegner auf ihr Niveau runterzuziehen (um Klopp zu zitieren). Mit einem kontroliierten Aufbauspiel würden sie doch nur in eine der 17 Pressingmaschinen rennen; mit dem Ball können aber die meisten Gegner nichts anfangen. Auch wenn es nicht der Fußball ist, den ich sehen möchte: In der Bundesliga funktioniert es, zumindest im Moment.

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C(H)R4 28. November 2015 um 20:17

stimme mit dir voll überein – aber GESTERN war das halt kein Überperformen der 98er.

PS: selbst Peter Stöger sagte nach dem Spiel: “ … nichts für Feinschmecker. Aber das war ja auch nicht zu erwarten.“ – nichts anderes steht im fazit von RM …

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C(H)R4 28. November 2015 um 20:06

eben! siehe Artikel zum Classico: wenn Real katastrophal spielt, wird da ja auch der Finger in die Wunde gelegt und selbst da werden auch noch kleine Details von Barca kritisiert – hier gibt es halt keinen „Applaus für Scheiße“! Und was ansehnlich ist wird auch honoriert.
Zum Glück werden die Artikel hier nicht so trocken geschrieben, das macht beim Lesen nämlich mitunter wesentlich mehr Spaß, insbesondere nach so einem schwer verdaulichen Spiel.

An Dortmund z.B. sieht man auch, wenn man mal die letzten 20 Jahre betrachtet, dass guter Fußball nicht automatisch die Folge von viel Geld ist … umgekehrt wird ein Schuh draus: ein gutes Konzept (ab 2008) ermöglicht gesunde Finanzen!

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C(H)R4 28. November 2015 um 01:00

Solche Spiele sind die beste Erklärung, warum hier viel öfter der FCB oder BVB analysiert werden: Es ist einfach nicht schön mit anzuschauen, wie die wenigen Chancen auch noch kläglich vergeben werden. Ich fühle mit RM, wobei ich mir die Freiheit genommen habe, während das Spiel lief eher der Konversation zu frönen. Das was ich gesehen habe, hat mir gereicht und ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben – außer man amüsiert sich, dass z.B. die Stürmer pressen, die Mittelfeldreihe dahinter aber am Pressing nicht teilnehmen will und die Aktion des Stürmers mit einem oder zwei Pässen ad absurdum geführt wird.
Ich möchte hinzufügen, dass ich generell mal ein Auge auf die Darmstädter werfe, weil ich ihre kämpferische Einstellung vorbildlich finde, aus anderen Gründen mit der Stadt verbunden bin und ab und zu ein wenig Abwechslung nicht schadet (siehe Kolumne „Einheitsbrei“) – insbesondere, weiß man nach einem solchen Spiel aber wieder, die wirklichen guten Spiele wertzuschätzen; der Kontrast schärft die Sinne.

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Frank S. 27. November 2015 um 22:57

„vielfach entstanden allerdings 4-2-2-1-Formationen“ – oha! gab es einen platzverweis? 😛

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RM 28. November 2015 um 14:02

Der Modeste, der stand so weit weg, da wollte ich nicht … neee, sorry =)

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