Schrecksekunde an der Côte d’Azur für die Wikinger

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In den Jahren 1955 bis 1960 avancierte Real Madrid zum Seriensieger im European Cup. Jedoch mussten sie hin und wieder schwierige Hindernisse überwinden.

Eines dieser Hindernisse war der Olympique Gymnaste Club de Nice Côte d’Azur. Der amtierende französische Meister trat im Viertelfinale des European Cup 1960 gegen Real Madrid an. Für die meisten Fußballbeobachter war der Ausgang dieses Duells bereits im Vorhinein klar. Die Mannschaft von Trainer Jean Luciano hatte dem Weißen Ballett wenig bis gar nichts entgegenzubringen. Doch Nice sollte für eine kleine Überraschung sorgen.

Erster Schlagabtausch

Das Hinspiel fand am 2. Februar 1960 im Stade Municipal du Ray von Nice statt. Real Madrid trat dabei ohne Schlüsselspieler Alfredo Di Stéfano sowie Winterneuzugang Luis del Sol an. Folglich lastete stärkerer Druck auf Ferenc Puskás, der deshalb in der taktischen Ausrichtung des paraguayischen Trainers Manuel Fleitas Solich etwas zurückgezogener im Mittelfeld spielte, als er es an der Seite von Di Stéfano getan hätte. Ansonsten bot die Startaufstellung der Madrilenen keine Überraschungen. Die beiden quirligen Außenbahndribbler Paco und Chus, mit bürgerlichen Namen Francisco Gento und Jesús Herrera, flankierten Angreifer Enrique Mateos. Dahinter agierten der bereits erwähnte Puskás sowie Offensivantreiber José Hector Rial.

2015-11-22_nice-realmadrid_1960-grundformationenBei Les Aiglons waren derweil viele Augen auf die linke Seite gerichtet. Denn dort stürmte Kapitän Victor Nurenberg neben dem aus Mali stammenden Angreifer Keita Omar Barrou. Beide sollten für Luciano zur wichtigen Waffe gegen Madrids Defensive werden. Die taktische Ausrichtung war bei den Südfranzosen sehr variabel. Sowohl Jean-Pierre Alba als auch Héctor de Bourgoing und François Milazzo bewegten sich fluide über den Rasen und fielen insgesamt durch eine hohe Präsenz auf.

Doch dies galt ebenso für die Angriffsreihe der Madrilenen in der Anfangsphase der Partie. Insbesondere Gento bewegte sich auf beiden Flügeln und tauschte mit Mateos und Herrera ständig die Positionen. Puskás fungierte hingegen zunächst als Verbindungsspieler. Er nahm tief im Mittelfeld viele Bälle auf und bediente die Kollegen vor sich. Erst im Verlauf der ersten Halbzeit sollten sich die Angriffsmuster der Gäste ändern. Dann schob der Ungar etwas stärker nach vorn und wurde wiederum mit scharfen Pässen von Rial oder Mateos angespielt. Anschließend leitete Puskás mit der für ihn bekannten Präzision im linken Fuß auf die durchsprintenden Kollegen weiter.

So gelangten die Blancos vermehrt hinter die Abwehrlinie der Franzosen. Es war auch ein gekonnter Lupfer von Puskás in der 15. Spielminute, der über halbrechts die Verteidigung aushebelte und Herrera den Treffer zum 1:0 ermöglichte.

Nice war sichtlich bemüht um Spielkontrolle, beging dabei einerseits zu viele Abspielfehler in der gegnerischen Hälfte. Insgesamt konnten sie sich nur sehr schwer aus engen Situationen befreien, weil eine ganze Reihe an Pässen in den jeweiligen Rücken eines Teamkollegen kam oder das Spielgerät versprang. Andererseits rückten die Hausherren oftmals zu stark auf und entblößten so den eigenen Sechserraum.

Vor allem François Milazzo stach durch seine hohe Laufbereitschaft zwischen den Strafräumen heraus. Die Aufteilung im zentralen Mittelfeld war klar. Milazzo kümmerte sich vornehmlich um die Spielgestaltung. Alain Cornu hingegen sicherte als Zerstörer in der Nähe der Verteidigungslinie ab. Zudem war der nominelle Rechtsaußen De Bourgoing vergleichsweise tief und eingerückt positioniert. Allerdings schoben die meisten Akteure während der Angriffe weit nach vorn, sodass lediglich Cornu als Absicherung verblieb.

Die gezielten langen Pässe der Madrilenen forcierten zahlreiche Eins-gegen-Eins-Duelle, in denen Gento und Co. ihre Schnelligkeit ausspielen konnten. Puskás fühlte sich in der Di-Stéfano-Rolle sichtlich wohl, wenngleich er nicht den hohen Laufaufwand wie sein zu dieser Zeit kongenialer Partner betrieb.

Nach dem frühen Rückstand wurde Nice zunehmend druckvoller. Madrids zentrale Spieler José Maria Vidal und Juan Santisteban hatten Probleme im Spielaufbau. Sie kamen in einigen Situationen gegen die hochstehende und aggressive Offensivreihe der Hausherren nicht aus der eigenen Spielhälfte.

Genau in dieser Phase erfolgte allerdings der nächste Nackenschlag für Nice, als Real Madrid nach einer halben Stunde einen Freistoß von links schnell ausführte. Rial kam mit Tempo in den Strafraum und köpfte den Ball zum 2:0 ein. Sollte alles seinen gewohnten Lauf nehmen?

In der zweiten Halbzeit versuchten es Les Aiglons mit dem Mute der Verzweiflung. Sie schoben mit der kompletten Mannschaft noch stärker in Richtung des gegnerischen Gehäuses. Vor allem De Bourgoing war nun offensiver eingestellt und bearbeitete die rechte Außenbahn. Allerdings mangelte es den Franzosen weiterhin an der nötigen Präzision beim Übergang ins letzte Drittel.

Es war dann eine simple Flanke auf Barrou in der 54. Minute, die durchrutschte und von Nurenberg am langen Pfosten zum 1:2 verwertet werden konnte. Von nun an wurde Madrids rechte Seite noch stärker als in der ersten Halbzeit attackiert. Barrou sowie Nurenberg zogen ein ansehnliches Kombinationsspiel gegen Rechtsverteidiger Marquitos auf. Zudem rückte Nurenberg in einigen Szenen in die Mitte, sodass wiederum die Doppelsechs der Madrilenen gegen Alba, Milazzo, Foix und Nurenberg in Unterzahlduelle verstrickt wurde.

Dem 32-jährigen Puskás ging unterdessen etwas die Puste aus. Mateos hing in der Luft. Und die Flügelangreifer der Blancos liefen sich mehrfach an den Gegenspielern fest. Ein Elfmeterpfiff in der 67. Minute – Nurenberg war nach dynamischem Dribbling von Vidal gefoult worden – brachte Nice endgültig auf die Siegerstraße. Dem Strafstoßtreffer von Nurenberg folgte ein weiteres Tor des Luxemburgers. OGC Nice hatte die Partie gegen die Übermacht aus der spanischen Hauptstadt gedreht. Die Fans an der malerischen Französischen Riviera tobten ausgelassen in der Schlussphase.

Comeback der Blancos

Doch Real Madrid, das erst seine sechste Einzelspielniederlage seit Einführung des European Cup erlitt, war noch lange nicht geschlagen. Knapp einen Monat später musste Nice im Estadio Santiago Bernabéu vor rund 100000 Zuschauern antreten. Im Vergleich zu den 21422 im ausverkauften Stade Municipal du Ray erwartete den OGC Nice, der zu dieser Zeit in der heimischen Division 1 erheblich schwächelte, ein großer Hexenkessel.

Cheftrainer Jean Luciano vertraute der identischen Startaufstellung wie im Hinspiel. Sein Gegenüber wechselte hingegen auf drei Positionen im Vergleich zum Vormonat. Die wichtigste Änderung: Di Stéfano startete statt Rial. Außerdem ersetzte José García Castro alias Pepillo im Angriff Mateos und Antonio Ruiz spielte anstelle von Santisteban.

2015-11-22_realmadrid-nice_1960-grundformationenNice befand sich im Rückspiel von der ersten Minute an in einer Verteidigungsrolle. Die komplette Mannschaft inklusive der Angreifer Foix und Barrou stand sehr tief und kam nur schwer aus der eignen Hälfte heraus. Auch der Dreifachtorschütze des Hinspiels, Nurenberg, spielte äußerst verhalten auf dem linken Flügel und war vor allem damit beschäftigt, seinem Hintermann André Chorda bei der Verteidigung zu helfen.

Di Stéfano übernahm direkt nach Anpfiff das Kommando bei den Blancos. Der Saeta Rubia kam vornehmlich über die halbrechte Seite, während Nebenmann Puskás etwas stärker in die Spitze schob. Vor den beiden Superstars bewegte sich Pepillo, der vielleicht vom Bewegungsablauf her recht staksig wirkte, aber immer wieder mit intelligenten Läufen in Erscheinung trat.

Pepillo erzielte dann auch nach 21 Minuten den Führungstreffer für Real Madrid, als Nice mehrfach den Ball nicht sauber aus der Gefahrenzone klären konnte. Nach kurzem Ping Pong landete das Spielgerät beim Stürmer der Madrilenen, der aus kurzer Distanz abstaubte. Gento erhöhte nach weiteren 20 Minuten, in denen die Hausherren ihre Dominanz zeigten, auf 2:0. Der schnelle Flügelstürmer dribbelte von der linken Seite nach innen, bezog Di Stéfano in einen Doppelpass ein und schloss nach Zuspiel hinter die gegnerische Verteidigungslinie sauber ins lange Eck ab.

Kurz vor der Halbzeitpause nahte dann die Entscheidung. Puskás konterte über die linke Außenbahn. Er spielte nach innen zu Pepillo, der sehr rabiat von den Beinen geholt wurde. De Bourgoing hatte sich nicht im Griff und flog vom Platz, nachdem er den portugiesischen Schiedsrichter Eduardo Rosa Gouveia harsch anging. Beim fälligen Elfmeter scheiterte Puskás jedoch am französischen Torhüter Georges Lamia.

Die Vorentscheidung besorgte wenige Minuten danach Di Stéfano. An eine längere Passstafette anschließend flankte Vidal von der rechten Seite nach innen. Real Madrids Spielmacher kam vor Lamia an den Ball und traf zum 3:0. Kurz nach der Halbzeitpause erhöhte Puskás per Fernschuss nach ansehnlicher Kombination im letzten Drittel auf 4:0. Der Ungar spürte direkt vor dem Strafraum von Nice überhaupt keinen Druck mehr und nutzte die freie Bahn. Der Gegner aus Südfrankreich war in Unterzahl geschlagen. Die restliche Spielzeit zelebrierten die Hausherren ihr Weiterkommen ins Halbfinale, wo dann der FC Barcelona warten würde.

Der Erzrivale aus Katalonien, der ohne László Kubala antreten sollte, wurde sowohl auswärts als auch im heimischen Stadion mit jeweils 3:1 geschlagen. Anschließend folgte die vorerst letzte Machtdemonstration des Weißen Balletts beim legendären 7:3 gegen Eintracht Frankfurt im Hampden Park zu Glasgow.

„Real wanders through Europe as the Vikings once walked, destroying everything in its path.“ (The Times, 19. Mai 1960)

Der Stern des OGC Nice war derweil am Untergehen. Die Partie im Estadio Santiago Bernabéu markierte für die Männer von der Mittelmeerküste den bis heute letzten Auftritt im European Cup. Sie konnten nie mehr an die erfolgreiche Zeit der 1950er Jahre, als sie alle vier Meistertitel der Klubgeschichte errangen, anknüpfen. Vielmehr sollte Mitte der 1960er Jahre sogar der kurzzeitige Gang in die Division 2 folgen.

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