TEs Bundesliga-Kolumne: Menschen, Tiger, Sensationen

Die Bundesliga-Kolumne ist im Sensationsrausch. TE greift die Themen der großen Boulevard-Blätter ab: Effes Debüt und ein Skandal in Köln. Dazu Tipps, wo man Spielverlagerung-Autoren noch lesen kann.

Effes Comeback

Paderborn, 18.28 Uhr. Aus den Boxen der Benteler-Arena dröhnt „Eye of the Tiger“. Ein Heer von Fotographen postiert sich um die Trainerbank. Der Tiger ist da. Die Verpflichtung von Stefan Effenberg brachte Paderborn in einer Woche mehr Medienpräsenz als während der gesamten Erstliga-Saison. Alle wollen wissen, wie sich Effenberg als Trainer macht. Spielverlagerung betrachtet die gesamte Sache gewohnt analystisch und kann sagen: Bislang gibt es aus taktischer Sicht nicht viel zu vermelden. Effenberg ließ nach drei Trainingstagen ein 4-2-3-1 mit Mittelfeldpressing spielen, wie wir es schon so oft gesehen (und auch analysiert) haben.

Paderborns Formation

Paderborns Formation

„Halt, halt!“, dürften Sie, liebe Leserinnen und Leser denken. „Wieso schreibt ihr dann überhaupt was darüber? Habt ihr die Klicks so bitter nötig?“ Klar, Klicks schaden nie (bringen uns letztlich aber nicht so viele Mehreinnahmen wie die „Ihr analysiert viel zu viel Bayern“-Fraktion glaubt). In Wahrheit aber gab es bereits im ersten Spiel ein paar Details, die in eine Richtung deuten, in die es gehen könnte. So erinnerte die Taktik des Trainers Effenberg nicht unwesentlich an den Spieler Stefan Effenberg.

So war das Herz der Paderborner in diesem Auftritt das zentrale Mittelfeld. Bakalorz und Wydra waren Spielgestalter und Spielzerstörer in einem. Stürmer Proschwitz postierte sich im Pressing so, dass Braunschweigs Innenverteidiger sich den Ball nicht gegenseitig zupassen konnten. Stattdessen sollten sie zu Pässen auf die Außenverteidiger oder Sechser verleitet werden. Immer wieder rückte Paderborns Doppelsechs raus, um den Ball hinterherzujagen, zu tacklen, zu grätschen. Interessant in dem Zusammenhang: Das 4-2-3-1 wurde auch defensiv als 4-2-3-1 und nicht etwas, wie meist üblich, als 4-4-1-1 oder 4-4-2 interpretiert. Somit hatte Paderborn auch gegen den Ball ein enges Dreier-Mittelfeld im Sechser- und Zehnerraum. Der Fokus lag ganz klar auf der Dominanz des Zentrums.

Auch nach Ballgewinnen lief das Spiel überraschend stark über den Sechserraum, namentlich über Bakalorz. Mit schnellen, diagonalen Schlägen wurden die schnellen Außenstürmer eingesetzt. Koc und Stoppelkamp sprinteten diesen Bällen hinterher. Diese Taktik ging allerdings nicht immer auf. Defensiv verfolgten die Paderborner Außenstürmer die gegnerischen Außenverteidigern, sodass sie in Kontersituationen aus zu tiefer Position kamen. Zwei, dreimal kamen sie jedoch durch – und leiteten die Tore ein.

Eine passive Spielgestaltung, wobei das zentrale Mittelfeld Kampf und Bälle in die Spitze einstreut – dafür standen die Bayern mit Effenberg als Spielmacher. Ein bisschen scheint es so, als wolle Effenberg diese Spielweise ins Jahr 2015 retten. Aber es war erst das erste Spiel. Wir werden das weiter beobachten

Skandal in Köln

Köln sah am Sonntag ein Skandalspiel. Nein, wir reden hier nicht über das Handspiel von Andreasen. Ist blöd, kann dem Schiedsrichter aber mal durchgehen. Der wirkliche Skandal: Köln spielt plötzlich auf Ballbesitz! Und das nicht mal schlecht! Was soll da nur aus der schönen Geschichte vom Kölner Konterspiel und ihrem 0:0-Fußball werden?

Köln traf am Sonntagnachmittag auf einen Gegner, der zuletzt sein Heil in der Defensive suchte. Michael Frontzeck hatte nach wochenlanger Suche endlich ein System gefunden, das zwar wenig einfallsreich, aber halbwegs stabil funktioniert: ein 4-4-1-1-Mittelfeldpressing mit Manndeckungen auf den Flügeln und Kontern über Zehner Kiyotake. Auch in Köln trat Hannover in dieser passiven Ausrichtung auf.

Kölns Spielidee: Osako zieht Schmiedebach mit sich, Sane muss auf Risse achten. Gerhardt stößt nach vorne und zieht Marcelo aus der Kette, wodurch wiederum Sorg einrücken muss. Und schon ist Platz auf dem linken Flügel für Bittencourt.

Kölns Spielidee: Osako zieht Schmiedebach mit sich, Sane muss auf Risse achten. Gerhardt stößt nach vorne und zieht Marcelo aus der Kette, wodurch wiederum Sorg einrücken muss. Und schon ist Platz auf dem linken Flügel für Bittencourt.

Die Kölner nahmen die Aufgabe überraschend proaktiv an. Dass ihr Ballbesitzspiel besser als zuletzt funktionierte, lag an kleinen, aber feinen Veränderungen. Das Mittelfeld zeigte sich äußerst flexibel, in der Zentrale gab es dynamische Abkipp- und Aufrückbewegungen. Osako ließ sich immer mal wieder ins Mittelfeldzentrum fallen, Gerhardt und Lehmann besetzten abwechselnd den Zehnerraum. Somit kippte die Doppelsechs nicht mehr so generisch ab wie zu Saisonbeginn. Das war gegen Hannover aber auch kaum nötig, schließlich presste 96 selten in der gegnerischen Hälfte – die beiden Innenverteidiger konnten zu zweit den Spielaufbau leisten.

Auf den Flügeln agierten die Kölner Außenverteidiger gewohnt offensiv. Dabei zogen sie oft die Hannoveraner Außenstürmer mit sich. Trotz dieser Deckung konnte Köln einige Chancen über die Flügel einleiten, vor allem über links. Durch das Wechselspiel im Mittelfeld wurde die Hannoveraner Doppelsechs rausgezogen. Der entstehende Zwischenlinienraum konnte nur geschlossen werden, indem ein Innenverteidiger rausrückte. Dadurch rückte die Kette wiederum zusammen – und schon gab es Platz auf dem Flügel. Vor allem das Zusammenspiel Bittencourt-Hector funktionierte sehr gut.

Warum Köln trotzdem keine drei Punkte mitnahm? Einerseits wäre da 96-Keeper Zieler zu nennen, dessen Form immer weiter ansteigt. Er vereitelte einige große Kölner Chancen. Andererseits wäre da der Schiedsrichter zu nennen, der mit seiner Fehlentscheidung einer eher schwachen 96-Offensive ein Tor schenkte. Wahr ist aber auch: Je länger das Spiel andauerte, desto unruhiger wurde Köln. Die guten Ansätze im Mittelfeld wurden nicht mehr ausgespielt, zu früh suchten die Spieler den Pass an die letzte Linie. Zumal die Einwechslungen weiterer Angreifer das Gleichgewicht im Mittelfeld verschoben und 96 durchaus in die Karten spielten. Dennoch: Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Köln doch Ballbesitz kann.

Was bleibt noch zu sagen?

An dieser Stelle möchte ich mich bei Kollege CE bedanken, der netterweise die Kolumne vor zwei Wochen übernahm. Er ging dort am Ende bereits kurz auf die Frage ein, an welchen Enden des Internets die Spielverlagerung-Autoren noch Analysen veröffentlichen. Ich möchte eine längere Antwort auf diese Frage geben, da uns oft Anfragen erreichen, warum wir dieses oder jenes Spiel nicht analysiert haben. Dabei haben wir das schon getan, nur nicht auf Spielverlagerung.de, sondern für einen unserer Partner. (Wer über auswärtige Artikel stets auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte unsere Facebook-Seite liken.) Deshalb hier unsere Online-Partner:

  • Die Champions-League-Spiele, die das ZDF überträgt, werden von uns live analysiert. Die Live-Analyse findet man in der ZDF App, dazu im Livestream auf ZDFSport.de. Am Tag vor den Spielen erscheint ebenfalls eine Vorschau, so auch diese Woche auf das Spiel Turin gegen Gladbach.
  • Spiele der Nationalmannschaften kommentieren wir für Mercedes-Benz Fussball. Einen Tag vor den Spielen erscheinen dort Vorschauen auf die Spiele der DFB-Elf, nach den Spielen Analysen anhand fünf auffälliger Punkte.
  • Bundesliga-Spiele analysiere ich regelmäßig für die 11Freunde. CE hat eine Kolumne auf Focus Online, in der er ausgewählte taktische Aspekte des Spieltags beleuchtet, und schreibt für Sport1. RM schreibt unterschiedlichste Artikel für Abseits.at. MA ist für 90Minuten.at aktiv.
  • BVB-Fans sollten regelmäßig bei den Ruhrnachrichten reinschauen. Dort analysiert MR sämtliche BVB-Spiele in Wort und manchmal auch in Bild-Form.
  • Freunde des gesprochenen Wortes sei der Forecheck empfohlen, bei dem CE Stammgast ist. Ich bin regelmäßig zu Gast im Rasenfunk, so auch in der aktuellen Folge. Freunde des Bewegtbildes können mich jeden Montag ab 18.30 Uhr auf Rocketbeans.tv sehen. Dort bin ich Dauergast im Format „Bohndesliga“.
  • Abseits von Spielverlagerung gibt es noch zahlreiche kleine Taktikblogs, von denen ich an dieser Stelle nur einige nennen kann: Konzeptfussballberlin gehört zum Besten, was man im deutschsprachigen Raum über Taktik findet, und analysiert alles, was Analyse-würdig ist. 96-Fans werden bei Niemals Allein! fündig, VfB-Fans bei VfB Taktisch. Halbfeldflanke ist die Anlaufstelle für Fans des FC Schalke.

Bundesliga-Analysen vom Wochenende

Bremen – Bayern
Schalke – Hertha
Frankfurt – Gladbach
Bochum – Leipzig (2. Liga)

Rurane 24. Oktober 2015 um 01:28

Danke für den schönen Artikel. Mir gefällt das Format sehr. Und auch danke für die coolen Links.
Mal eine andere Frage:
Kennst Du vielleicht einen Taktik-Blog der vor allem historische Fußballspiele analysiert, abgesehen von Euch natürlich? Sprache ist dabei egal.

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Koom 20. Oktober 2015 um 10:19

Wie immer: Schöner Artikel in tollem Format. 🙂

Zu Effenberg: Die Grundhaltung der Spielweise ist ja nicht falsch. Ein 4-2-3-1 ist als Ausgangsbasis (und je nach Personal) ja in jeder Hinsicht ein gutes Spielsystem, selbst ohne Verschiebungen. Und ich würde auf grund deiner Annahmen auch sagen, dass es wohl „sein“ liebstes System war. Tiefer Ballgewinn, Pass auf die 6er und dann 3-4 Optionen haben, um direkt nach vorne zu spielen. Man droht dem Gegner dauernd mit hoher Konterbereitschaft, der dadurch dann vermutlich auch nicht mehr so viele eigene Leute in die Offensive bringt. Nicht uninteressanter Ansatz.

Antworten

El niño vertical 19. Oktober 2015 um 15:49

Schöne Übersicht, aber nicht zu vergessen sind natürlich die äußerst interessanten Analysen zum österreichischen Fußball von MA bei 90Minuten.at

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Lars 19. Oktober 2015 um 22:51

Kann mich nur anschließen. 🙂

Freue mich echt über das Aufgreifen der „Boulevard-Themen“ und die Verlinkung von weiterem SV-Autoren-Lesestoff!

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