Kölns Sturm- und Raumnutzung bringt zahnlose Wölfe fast zum Stolpern

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Die erste Halbzeit dieser Partie sah kaum Chancen und nur ein Tor nach einem Abstoß. Mit einer besseren Nutzung weitgreifender Aktionen fand Köln zu Beginn des zweiten Durchgangs dann ein passendes Vorgehen gegen zunehmend inkonsequenter verteidigende Wölfe, verpasste jedoch das zweite Tor und verschenkte in einer von Wolfsburg chaotisch-engagiert improvisierten Endphase den Sieg.

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Abstoßtor in chancenarmem Match

Es war gerade in der ersten Halbzeit ein in quasi jeder Hinsicht wenig spektakuläres Duell zweier Teams, die sich mit ihren typischen Ausrichtungen gegenüber und zunächst einmal nur wenige Chancen zugestanden. Die Kölner verteidigten gewohnt solide in einer 4-4-2-haften Ausrichtung gegen den Ball, zeigten die in ihrer sauberen Grundorganisation situativ vielseitigen Bewegungen der Sechser und überzeugten gerade, was die Pressingbewegungen ihrer offensiven Flügelspieler anging. Bei den Wolfsburgern war die Defensivformation von den bekannten losen Mannorientierungen sowie den eng angerückten Rollen der äußeren Offensivleute geprägt. Gegen diese soliden und zunächst disziplinierten Ausrichtungen fanden beide Teams im ersten Durchgang kaum Mittel, weshalb zum Pausentee letztlich nur jeweils drei Abschlüsse auf dem Zettel stehen sollten.

Die Kölner gingen in ihren Offensivbemühungen wenig Risiko und beschränkten sich vor allem auf einzelne Flügelaktionen, kürzere Entlastungszirkulationen über die sich weiträumig bewegenden Sechser oder lange Bälle. Gerade in den weiter aufrückenden und dabei etwas unbalancierten Phasen Vogts waren diese Zuspiele auch irgendwann nötig, um nicht unter Druck zu geraten oder in die Offensive zu gelangen, doch wurden sie oft geschickt Richtung Modeste oder Zollers Linksausweichen gezielt – eine durchaus passende Nutzung des Sturmduos. Vorne blieb Modeste bei den Flügelangriffen eher passiv, so dass Zoller mit verschiedenen kurzen Ausweichbewegungen größere Räume alleine zu füllen hatte und letztlich meist von den gegnerischen Sechsern aufgegriffen werden konnte, wenn er dynamisch und punktuell Verbindungen zu geben versuchte. Der Führungstreffer durch den Rückkehrer entstand nach einer halben Stunde schließlich nach einem Abstoß von Horn, den der kurz zurückfallende Modeste hinter die Abwehr verlängerte, wo Casteels Herauslaufen Naldo Probleme machte.

Wolfsburg noch mit (Einbindungs-)Problemen

Nominell und von der Grundausrichtung war beim VfL nicht so viel anders als in der erfolgreichen abgelaufenen Spielzeit – wirklich wiederzuerkennen war das Team jedoch nicht. Die Frage, warum ihre eigentlich ähnliche Spielweise nicht so gut funktionierte wie im Vorjahr, muss – zu bedenken ist auch die Tatsache, dass jener Erfolg 2014/15 auf einem eher einfachen, klar gestrickten Fundament gebaut war – zu einem Teil über die Interpretation des Systems beantwortet werden. Eine der Folgen der Integration von Max Kruse als nominellem Flügelstürmer auf halbrechts ist die etwas veränderte Rolle von Kevin de Bruyne. Kaum noch sah man das in der vergangenen Spielzeit so häufige Ausweichen des Belgiers für kleine Überladungen oder Durchbrüche zum linken Flügel, da er stattdessen nun etwas mehr nach halbrechts tendierte, um dort in verschiedenen Wechselwirkungen und Tauschs mit Kruse zu agieren.

Letztlich hatte dies zwei Wirkungen – zum einen wurde die linke Seite etwas schwächer und inaktiver als gewohnt, zum anderen erhielt der Bereich halbrechts mehr Wichtigkeit, konnte sich jedoch noch nicht so effektiv in Szene setzen. Einige Male entfalteten die verschiedenen Rochaden oder Kombinationsversuche zwischen de Bruyne und Kruse zwar etwas Wirkung, waren insgesamt in ihrer Anlage aber zu sehr auf die Außen als Zielraum – worauf Kölns Viererkette einige Male gut reagierte – und zu sehr auf de Bruyne als Fokusspieler bezogen. Zudem bestand ein entscheidendes Problem der Niedersachsen darin, diese Interaktionen überhaupt erst einmal vernünftig bedienen und in Szene setzen zu können – sich also halbrechts ins letzte Drittel nach vorne zu arbeiten, was ihnen nicht konstant genug gelang. Einmal lag dies daran, dass die raumgreifende Verschiebeart von Kölns Sechsern gut mit den Wolfsburger Eröffnungen im Aufbau auf Vierinha zurechtkam und die Szenen dort oft effektiv absichern konnte.

Vor allem griff an dieser Problemstelle jedoch ein anderer Aspekt, die Rollenverteilung der eigenen defensiven Mittelfeldakteure. Dort fehlte es noch an der Abstimmung innerhalb des überraschend aufgebotenen Duos aus Luiz Gustavo und Aaron Hunt, die zwischendurch mal beide etwas seitlich nach außen kippten und dann den Kontakt zueinander verloren. Gerade bei Letztgenanntem fiel die etwas unscharfe taktische wie individuelle Einbindung auf. Beim Aufbau über halblinks blieb er einige Male zu passiv in seiner Positionsfindung und auch über seine Seite füllt er seinen Aufbauraum vom Timing und Freilaufen nicht optimal, wenngleich er auch einfach kein durchgehender Antreiber ist und teils zu wenig Unterstützung hatte. Diese gewissen Probleme in Abstimmung und Einbindung führten jedenfalls dazu, dass vor Naldo und Vierinha zu wenig lebendige Verbindung zum rechten offensiven Halbraum bestand, um Kruse und de Bruyne dort noch häufiger in Szene setzen zu können.

Generell haperte es bei den Wolfsburgern noch an der horizontalen Verteilung und Zuordnung der Mittelfeldakteure. Nach schnellen aufrückenden Szenen auf der linken Seite an der Kölner Mittelfeldlinie vorbei konnten sie einzelne Ansätze verbuchen und Lücken in der gegnerischen Nachschiebebewegung andeuten. Die potentielle Weiträumigkeit der gegnerischen bot hier manche Lücken hinter dem Mittelfeld, die Wolfsburg mit schnellen Querlagen von außen hätte bespielen können. Dafür fehlte es allerdings insgesamt an den Abnehmern: de Bruyne blieb in diesen Szenen ungewohnt oft positionsorientiert in der Mitte, band damit zumindest vereinzelt Gegner, aber auch Hunt wurde dort nur selten eingesetzt. So deutete sich diese potentielle Waffe der Gäste nur über einzelne Diagonalläufe von Luiz Gustavo zum Strafraumeck an, bei denen dieser aber sehr große Räume überbrücken musste und wenig Anschlussunterstützung erhielt. Letztlich ergab sich auch hieraus keine wirklich größere Szene und Wolfsburg blieb in Halbzeit eins ohne einen einzigen Schuss, der auf das Tor ging.

Kölns dynamische Phase nach Wiederbeginn verpasst das 2:0

Im Laufe der Partie fanden die Kölner zunehmend mehr Raumgefühl gegen Wolfsburgs Mannorientierungen und deren kleinere Inkonsequenzen in der vertikalen Kompaktheit, so dass sie sich mit ihren weiträumigen Passmustern etwas besser in Zwischenzonen spielen und dann durch die Räume hindurch aufrücken konnten. Insbesondere in der Phase zur Beginn des zweiten Durchgangs hatte dies viel Effekt, da es auch mit kleineren Veränderungen der Bewegungsmuster einherging, und sorgte für einige gute Chancen. Zoller wich nun dynamischer auf die linke Seite aus und ermöglichte Bittencourt eine freiere Rolle, während auf halbrechts ein anderes, etwas tieferes Zweierpärchen aus Risse und dem immer rechtsseitiger vor Lehmann aufrückenden Vogt gebildet wurde. Über diese klaren Zuordnungen und Pärchenbildungen ließen sich die unkompakter werdenden und in der Rückzugsbewegung von hinten zunehmend inkonsequenten Wolfsburger einige Male bespielen.

Gerade die lose mannorientierten Rollen der Sechser waren so weniger geschützt, weshalb die dortigen Akteure dort vereinzelt ausgespielt oder beim zu isolierten Herausrücken erwischt wurden. Mit der eigenen Struktur arbeitete sich der FC tendenziell über direkte Zuspiele oder schnelle raumfassende Läufe der Akteure halbrechts nach vorne, um dann diagonal ins Zentrum zu ziehen oder das Movement um Zoller und Bittencourt halblinks einzubinden. Zumal Wolfsburg etwas offensiver wurde und riskanter spielte, im ersten Teil der zweiten Halbzeit aber noch keine griffigen Verbesserungen fand und im Gegenpressing nicht unbedingt überzeugte, entstanden in dieser Phase mehrere Möglichkeiten für die Hausherren, das Match mit einem 2:0 zu entscheiden. Daneben blieben die Geißböcke auch über Szenen nach langen Bällen und gewonnen Abprallern immer mal gefährlich – doch keine dieser Chancen nutzte das durchaus gefällig agierende Team von Peter Stöger.

Wolfsburg erzwingt den späten Punkt

Stattdessen gelang es den Wolfsburgern sehr spät schließlich doch noch, sich etwas zu steigern und die Aufholjagd einzuleiten. Nach den Einwechslungen von Caligiuri, Arnold und dem oft nach links weichenden Bendtner brachten sie mit weiträumigen Ausweichbewegungen, langen Diagonalrochaden auf die Flügel, etwas chaotischen Rochaden sowie verschiedenen Pärchenbildungen zwischen Halbraum und Seite viel Dynamik in die Offensivbereiche. Dazu kam ein höheres, in seiner genauen Anordnung wechselhaftes Pressing, das einige Male breiten, hohen und asymmetrisch verformten Rauten ähnelte. So ließ sich die eine oder andere Chance durch Improvisation, die aber bei den Rochaden nach außen einfach auch durch sehr gezieltes und damit deutlich verbessertes Timing ergänzt wurde, erzeugen, was schließlich zum etwas glücklich gefallenen 1:1 durch Bendtner und unter anderem einer Doppelgroßchance für de Bruyne führte.

Die nach den Umstellungen deutlich offensivere, zum Ende hin einer Art asymmetrischen 4-1-2-3/4-1-3-2-Formation ähnelnde Systematik der Gäste ermöglichte einfach auch mehr Offensivpräsenz, was ihre Angriffe im Vergleich zum Vorher schon einmal etwas stärker werden ließ. Sie konnten den Gegner besser mit weniger Aufwand nach hinten drängen und aufrücken, der seinerseits taktikpsychologisch passiver und reaktiver wurde. Gleichzeitig wurde es für Wolfsburg mit mehr Kontrolle und mehr Möglichkeiten im zweiten Drittel das eine oder andere Mal machbar, effektiver die gegnerische Mittelfeldlinie für die Rochaden zum Flügel herauszulocken. So waren es letztlich auch einige solcher taktischer Detail-Balancepunkte, die den Gästen genau das Bisschen an höherer Effektivität vorne brachte, das sie noch benötigten, um den Ausgleich zu erzwingen.

Fazit

Nach einer wenig überzeugenden Leistung rettet der VfL Wolfsburg mit Improvisation nach offensiven Wechseln kurz vor Schluss noch einen Punkt in Köln, nach dem es lange nicht aussah, und hätten danach sogar fast noch gewonnen. Die Hausherren hätten zu Beginn der zweiten Halbzeit für eine Vorentscheidung ihrerseits sorgen können. Ihre solide und stabile Defensivstärke ist bekannt – so wartete man zur neuen Saison auf offensive Weiterentwicklung, um erneut eine gute Rolle in der Liga spielen zu können. Nachdem der erste Durchgang eher harmlose Magerkost bot und der Führungstreffer nach einem langen Ball, die die Domstädter immerhin gut nutzten, fallen musste, kam das Team zur zweiten Halbzeit in Schwung. Die veränderten bzw. konsequenteren Rollen von Vogt und Zoller deuteten Potential an und zunehmend fanden die Kölner eine bessere Raumnutzung, was durchaus auf eine stiltreue Weiterentwicklung der Stöger-Elf hinweisen könnte.

Ernüchternder fällt das Gesamtfazit zu den Wolfsburgern aus, die zwar vor der Halbzeit stabil wirkten, aber auch einige ungewohnte Schwächen offenbarten – bezüglich der Aufbaustaffelungen zwischen den Sechsern oder der nachlassenden defensiven Konsequenz nach dem Seitenwechsel. Insgesamt sind dies zwei Beispiele dafür, dass die Niedersachsen noch nicht jene Griffigkeit, jene Vorbereitungsdynamik und jene Sauberkeit in den simplen Dingen haben, die sie letzte Saison auszeichnete und den einfach gestrickten, geradlinigen Fußball der Hecking-Elf so erfolgreich machen konnte. Das ist aufgrund des Stils des Teams also von der Grundlogik durchaus verständlich, aber auch etwas seltsam, wieso die Basics bei den geringen Veränderungen nicht bruchlos auf dem Niveau fortgeführt werden konnten. Andererseits gab es in den letzten Saisons mehrfach Startschwierigkeiten, nach denen Wolfsburg erst schleppend ihre pragmatische Wirksamkeit auf das Spiel und klinische Effektivität im letzten Drittel aufbauen konnte. Man wird gespannt sein dürfen, ob dies wieder gelingt, ob man sich zu verändern versucht und wie man das alles mit den Personalien Kruse, Hunt,  Bendtner und eventuell de Bruyne zusammenbringt.

rodeoclown 23. August 2015 um 15:00

Eine Frage an den Hecking-Experten: Werden wir diese Saison noch ein 442 mit Bendtner/Kruse vorne sehen, ob mit oder ohne de Bruyne? Das alte Freiburger System mit den schwimmenden 9,5er scheint mir wie gemacht für den Kader. Könnte bei einrückenden RM (De Bruyne/Perisic/Hunt) Arnold auf der 6 auch viel Freiheiten zum aufrücken geben. Zudem die Pärchenbildung mit Rodriguez und Vierinha außen, welche die gegnerische Formation sehr schön strecken könnte. Deine Meinung?

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DAF 23. August 2015 um 15:10

Würde denn Bendtner in dieses System passen? Ich seh ihn dafür fußballerisch ehrlich gesagt etwas zu schwach…
Ansonsten könnte ich mir dieses System vorstellen, aber nur wenn de Bruyne noch abgegeben wird. Ich denke nicht, dass er in diesem System gut eingebunden wäre.

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TR 26. August 2015 um 19:50

Hallo, leider jetzt erst die Antwort: Grundsätzlich halte ich das für vorstellbar – bei einem Abgang de Bruynes sollte die Wahrscheinlichkeit steigen, bei einem Verbleib müsste man schauen, ob man eine nominelle Flügelposition gut für ihn ausrichten kann – da Hecking auch davon sprach, gelegentlich 4-4-2-hafter agieren zu wollen in dieser Saison, obwohl das in den letzten Jahren kaum vorkam. Die auch damit verbundene Frage ist dann, wie dieses 4-4-2 interpretiert werden würde – ob mit besonders hoher Ähnlichkeit zur bisherigen Spielweise, indem vor allem die beiden zentralen Offensivakteure klarer stürmerartig spielen und dadurch die Flügel betont und weiter stark zielstrebig genutzt werden, ob eher in Richtung dieses Freiburger Modells mit noch mehr Fokus auf Bewegungsreichtum des „schwimmenden“ Duos vorne oder evtl. gar enger 4-2-2-2-haft, was aber in Heckings bisheriger Vita in in der Form nicht wirklich vorkam.

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rodeoclown 31. August 2015 um 21:03

Leider hatte ich die Ballnah 2 mit der kleinen Hecking-FIbel nicht mehr gefunden. Schade, dass man das von ihm noch nicht gesehen hat, aber generell halte ich Hecking für so „nachahmungskompetent“ (imo generell seine größte Stärke) ein etabliertes System schnell und sehr gut zu übernehmen. Ohne De Bruyne, Hunt und Perisic und mit Draxler kann ich mir das 4-4-2-0 aber ehrlich gesagt auch nur ziemlich konventionell vorstellen. Vierinha im Mittelfeld gegen Schalke war ja schon ein Schritt in die Richtung. Und 4-4-2 mit dem biisherigen Flankenfokus will ich nun auch nicht sehen. Schade schade.

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big fudge 23. August 2015 um 08:20

Danke für die Analyse. Mir gefällt der Aufbau und der rote Faden.

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