Offensivpräsenz und lange Bälle beim Frontzeck-Debüt

Hannover 961:2TSG Hoffenheim

Der neue Trainer von Hannover wollte den lang ersehnten Heimsieg durch offensive Präsenz erzwingen und zeigte einen ordentlichen Einstand. Es waren jedoch die sinnvoll in ihrer Raute eingestellten Hoffenheimer, die den späten Siegtreffer markierten.

h96-1899-2015Das erste Spiel für Michael Frontzeck als neuer Trainer von Hannover 96 stand auf dem Programm. In der vergangenen Woche hatte er erklärt, die genaue Formation sei nicht entscheidend, denn bei einem 4-4-2 beispielsweise müsse ohnehin der zweite Stürmer nach hinten abkippen. Diese nicht uninteressante Aussage setzte er dann – ebenso wie die Ankündigung, keine gröberen personellen Wechsel vornehmen zu wollen – in seiner ersten Begegnung auch direkt in die Tat um – mit der Doppelspitze aus Joselu und Ya Konan, in der Letztgenannter die umtriebigere und beweglichere Rolle innehatte. Er wich meistens etwas halbrechts nach hinten aus, wo er die Nähe zu Stindl – etwas überraschend zunächst nicht als zentraler Antreiber auf der Sechs startend – suchte und damit ein gewisses offensives Übergewicht dieses Bereichs erzeugte, in dem Schmiedebach den vakanten Posten des Außenverteidigers besetzte. Bei den Gästen aus Hoffenheim entschied sich der zuletzt gegen die Bayern sehr experimentierfreudige Markus Gisdol für eine weitere formative Variante und schickte seine Mannschaft ohne den nicht zur Verfügung stehenden Volland in einer Raute aufs Feld. Vorne kam Szalai neu in die Mannschaft und ließ sich etwas häufiger zurückfallen als Modeste und auf rechts rückte Rudy für den gesperrten Beck nach hinten in die Viererkette. Der dadurch im Dreier-Mittelfeldzentrum, das es auch schon im 4-3-2-1 gegen den FCB in der Vorwoche nach der Pause gegeben hatte, frei werdende Platz ging an Strobl, der in der Innenverteidigung entsprechend durch Abraham vertreten wurde.

Lange Bälle in die zentrumspräsente Raute

Der frühe Schock für Hannover mit dem irregulär zustande gekommenen Rückstand in der ersten Minute illustrierte den fast über das gesamte Spiel dominierenden Offensivplan der Gäste. Gegen die im 4-4-2 organisierten Mannen von Frontzeck, bei denen Ya Konan aus einer etwas vertieften Position aufrückte und sich manchmal etwas ungewöhnlich leicht nach außen bewegte, setzten sie immer wieder auf frühzeitige lange Bälle aus der Viererkette – und betteten dies recht geschickt ein. Die Innenverteidiger mussten so keine enorm anspruchsvollen Aufgaben übernehmen, das zu Teilen erzwungen aufgestellte Sturmduo konnte effektiv integriert werden und auch die hohe Zentrumspräsenz in der Raute machte sich auf diesem Wege bezahlt. Mit den physisch starken Angreifern und den arbeitsamen Akteuren im Mittelfeld wollten die Kraichgauer die Abpraller einsammeln und somit zu Offensivszenen in hohen Zonen kommen. Das bevorzugte Ziel der Zuspiele war die halblinke Seite, wo sich Firmino tendenziell hinbewegte und Szalai etwas zurückfallender agierte als Modeste.

Hannover legte dagegen eigentlich eine gute Grundkompaktheit an den Tag – insbesondere in horizontaler Hinsicht in der Abwehrlinie, aber auch im Anschluss zur Mittelfeldreihe, innerhalb der die Außenspieler mehrfach eingerückte Positionen einnahmen. Doch agierten diese beiden Linie in der Organisation etwas zu isoliert und unorganisch zueinander, weshalb sie nach solchen Szenen nicht immer klar Zugriff erhielten. Dies betraf vor allem die etwas seitlich liegenden Ausweichzonen, wo sie wenig Präsenz und Bewegung hatten – und aus einem solchen Bereich entstand jenes frühe 0:1. Auch die Kompaktheit zu den Stürmern machte manchmal Probleme und ließ viele Abpraller zu den Gästen springen. Insgesamt war dieser Schwachpunkt für die durchgehende Stabilität jedoch nicht enorm gravierend und ermöglichte den im Ausspielen nicht immer starken Hoffenheimern keinesfalls eine größere Menge an Chancen, zumal auch der Treffer nur mit etwas Glück wirklich zustande kam.

Eine der ansonsten vorhandenen Schwierigkeiten der TSG lag darin, dass sie über weite Strecken rein auf diese langen Bälle mit anschließenden Abprallern beschränkt waren, wenngleich das Aufrücken damit meistens schon wirksam gelang. Wenn sie das letzte Drittel erreicht hatten, machten ihnen jedoch die insgesamt unkreative Besetzung oder die – abgesehen von zu unbalanciert vorrückenden Aktionen Polanskis – nur sehr bedingten Aufrückbewegungen zu schaffen. Erst in der zweiten Halbzeit sollten häufiger bessere Momente hinzukommen, als ihnen einige sehr ansehnliche Szenen gelangen: Dabei nutzten sie die eigene Zentrumspräsenz besser für kombinative Ansätze, fanden manches Mal kleinere gegnerische Lücken vor der Mittelfeldreihe zum Start und wären dann fast bis zum Tor durchgekommen. Gerade Schwegler, Firmino und der später für Modeste eingewechselte Schipplock hatten dabei sehr gefälligen Aktionen mit Ablagennutzung auf Lager.

Pressing und Überladeversuche auf rechts

Nach dem frühen Rückstand war Hannover zur Initiative gezwungen und Hoffenheim konnte sich – mit den risikolosen langen Bällen gewissermaßen als Nebentätigkeit – verstärkt auf das Pressing konzentrieren. Ihre Rautenformation war dabei gegen den Ball grundsätzlich klassisch organisiert, indem die Stürmer und der Zehner das Zentrum verstellten, den Gegner nach außen leiteten und dort ballnah der Halbspieler auf jeden jeweiligen Außenverteidiger herausrückte. Gerade in Richtung rechter Hannoveraner Seite geschah dies durch leicht leitende Ansätze der Gäste häufig. Die Hoffenheimer Folgebewegungen prägten manche Mannorientierung, so beispielsweise vom ballfernen Achter auf einen Sechser – oft Schwegler gegen Andreasen – oder durch situative Zuordnungen Strobls, der teilweise auch Rückfallbewegungen der gegnerischen Offensivkräfte aufnahm. Zwar hingen die Hannoveraner gegen dieses Pressing auch immer mal seitlich im zweiten Drittel fest, kamen nicht weiter und es entzündeten sich – die Partie prägend – umkämpfte, wenig ertragreiche und sehr intensive Duelle mit vielen Unterbrechungen und unklaren oder chaotischen Bewegungen.

Doch es gab gegen die Hoffenheimer Raute für Frontzecks Mannen auch einige Möglichkeiten, zunächst mal etwas ruhiger in die Offensive aufzurücken – wenn man sich aus dem Pressing gelöst hatte oder die Gäste es mal etwas zurückhaltender angehen ließen. Vorne zielten die Hausherren nach dem häufigen Aufbau über Schmiedebach dann, wie zuletzt schon unter Korkut häufig, auf Überladungen dieses Bereiches auf rechts ab, in dem Stindl den Fixpunkt gab und gerade vom sehr beweglich ausweichenden Ya Konan viel Unterstützung in seiner Nähe erhielt. Durch engagiert zum Flügel rochierende Bewegungen des ivorischen Angreifers oder auch mal in vorstoßender Weise von Andreasen konnten sie sich ansatzweise durchspielen und für Dynamik sorgen, gelangten aber letztlich nur in seltenen Fällen zu wirklich klaren Szenen. Die Offensivakteure zogen in Strafraumnähe etwas zu sehr in die letzte Linie, wodurch die Staffelungen verflachten und Kombinationsmöglichkeiten verloren gingen oder kaum zu vollenden waren.

Hannovers Offensivpräsenz über aufrückende Sechser und Prib

Es war jedoch die dadurch entstehende Offensivpräsenz, mit der 96 am meisten Gefahr heraufbeschwor, weil sie diesen Aspekt sehr konsequent forcierten. Insbesondere die Sechser rückten häufig beide weit und aggressiv mit auf. So schaltete sich beispielsweise im Verlauf der oft über den Flügel laufenden Szenen mehrfach Sané aus der Tiefe mit in die vordersten Bereiche ein. Daraufhin rückte sogar mal Strobl mannorientiert etwas gegen den Senegalesen nach vorne auf, um ihn frühzeitig aufzunehmen. Insgesamt resultierte aus dieser nachrückenden und hohen Spielweise aus dem defensiven Mittelfeld also niedersächsische Offensivpräsenz, die in Verbindung mit einer recht guten Improvisation – wenn beispielsweise Pässe in solche Staffelungen in die Spitze gespielt wurden – auch zumindest für einen stets gefährlich wirkenden Auftritt sorgte.

In die gesamte Thematik war zudem die Rolle von Prib auf links involviert, die somit etwas besser eingebunden wurde als in den vergangenen Wochen. Statt einer zurückhaltend simplen und wenig effektiven Flügelrolle schob er nun bei diesen Angriffen einige Male in der letzten Linie ins Zentrum und versuchte Pässe von halbrechts für die aggressiv vorlaufenden Mittelfeldkollegen in den Rückraum abzulegen. Dieses Zusammenspiel ließ sich durchaus vielversprechend an, machte einige unübersichtliche und abgebrochen scheinende Szenen nochmals scharf und sorgte so ebenfalls für Unruhe. Doch trotz alledem: Klare Chancen konnten sich die engagierten Hausherren nur sehr wenige erspielen. Durch einen der schnellen Angriffe am Flügel entstand nach einer zurückgelegten Hereingabe der Elfmeter, den Stindl Mitte des ersten Durchgangs zum 1:1 verwandelte, doch sonst waren saubere und große Möglichkeiten selten, zumal Hoffenheim mit ballfern verstärkt zurückfallenden Aktionen von Modeste das Potential zwischen Prib und dem übrigen Mittelfeld vermehrt einzudämmen wusste.

Zweite Halbzeit

Die zweite Halbzeit brachte nur wenige Änderungen, war insgesamt nicht mehr ganz so intensiv und ermöglichte den Hoffenheimern minimal mehr Kontrolle, woraus einige der erwähnten Kombinationsansätze erwuchsen, verlief in ihrem Grundton aber doch sehr ähnlich wie der erste Durchgang. Entsprechend passierte auch um die Strafräume herum nicht allzu viel. Die Hannoveraner versuchten den Heimsieg schließlich in der Endphase dann endgültig über Präsenz zu erzwingen. Schon zuvor hatte es immer wieder zahlreiche lange Einwürfe und auch mal Flanken oder lange Bälle gegeben, bei denen die Viereroffensive der Niedersachsen sehr geschlossen und eng gestaffelt in die letzte Linie hochgerückt war. Mit der Einwechslung von Angreifer Karaman für Sané wurde dies intensiviert: Stindl rückte neben Andreasen und gab den antreibend aufrückenden Sechser, während der neue Mann die Position des Kapitäns auf rechts bekleidete, von dort jedoch hoch in die Spitze schob und oftmals wie ein dritter Mittelstürmer wirkte.

Auf diese Weise versuchten die Hausherren mit langen Bällen, enormer Präsenz samt entstehendem Druck und dem Kampf um Abpraller zum Erfolg zu kommen. Allerdings reagierte Hoffenheim gut darauf und konnte dem eher simplen Mittel durch starke Konzentration auf einen engen defensiven 4-3-Block ein großes Stück seiner Gefahr nehmen. Die herausrückenden Bewegungen der Verteidiger wurden gezielt eingebracht und einer der Achter schien sich kurzzeitig mal geplant etwas breiter zu verhalten, um dann dynamisch von außen auf umkämpfte Abprallerszenen nachpressen und überraschend klären zu können. Die wühlende Gefahr der Konsequenz einer solchen Spielweise Hannovers konterte die TSG also mit passenden Gegenmitteln – und dann stoßen eher simple Vorgehensweisen auch an ihre Grenzen. Der späte Siegtreffer sollte nicht für die abstiegsbedrohten Mannen Frontzecks, sondern stattdessen auf der Gegenseite fallen, wo die TSG etwas mehr gefährlichere Ansätze nach der Pause hatte.

Zum Ende der Partie hin agierten sie in der Offensivabteilung zunehmend 4-3-3-artiger und ließen Firmino stärker auf die Flügel rochieren. Wegen ihrer hohen Spielweise verlor Hannover bisweilen die anschließende Kompaktheit – in der Absicherung bei eigenen Angriffen, aber auch gegen längere Zuspiele der Kraichgauer. Das teilweise weite Aufrücken sollte beim Gegentreffer schließlich bestraft werden, als Rudy und Schwegler nach einem gescheiterten Angriffsversuch von 96 hinter den gegnerischen Sechsern Firmino freispielen konnten, der das Leder durch die Zwischenlücke nach vorne trieb. Zudem zeigten die hinten verbleibenden Hannoveraner problematische Zuordnungen: So bewegte sich Schmiedebach etwas unsauber, während Albornoz beim Pass von Firmino den von rechts nach links rochierenden Szalai mannorientiert verfolgen musste. So verlor die Abwehrreihe ihre Ordnung und ihren Zusammenhalt, konnte auf den sich in eine individuelle Situation bewegenden Szalai nicht konsequent nachschieben und dies ermöglichte Schipplock, die Lücken nachstoßend zu attackieren.

Fazit

Michael Frontzeck nahm im Vergleich zu Vorgänger Tayfun Korkut einige Änderungen vor und konzentrierte sich in der Ausrichtung des Teams sehr konsequent auf Offensivpräsenz und defensive Horizontalkompaktheit. Eine Verbesserung lag in der etwas definierter und zielstrebiger erscheinenden Rollenverteilung. Allerdings hatten die Stilmittel des Teams auch noch einige Schwächen – so die fehlende Klarheit im Angriff, der oft zu simpel auf Druck an der letzten Linie und Improvisation abzielte. Hoffenheim nutzte in Anbetracht der personellen Umstände die Raute gut, überzeugte diesmal durch Stabilität und holte sich in einem weitgehend ausgeglichenen Duell einen etwas glücklichen, aufgrund der zweiten Halbzeit aber nicht völlig unverdienten Sieg.

mk 26. April 2015 um 17:07

Er wich meistens etwas halbrechts nach hinten aus, wo er die Nähe zu Stindl – etwas überraschend zunächst nicht als zentraler Antreiber auf der Sechs startend (…)
Wenn es nicht so komplett nicht-überraschend gewesen wäre, wäre es weniger traurig… :/
Ansonsten eine sehr gute Analyse aus meiner Sicht, bei der ich allerdings im ersten großen Absatz ein bisschen Unordnung vermute. Vielleicht war der dritte Kopfball heute aber auch einer zu viel ;).
Und 96 steigt wohl ab, die Spielweise ist mir in der Form viel zu schlicht und eindimensional. Dazu dann weiterhin Pech/Unglück, wie auch schon immer mal wieder unter Korkut… sieht eher düster aus.

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Fabi 26. April 2015 um 12:15

Was genau ist denn mit Improvisation gemeint?
Ich kann mir das nur ungefähr vorstellen…

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TR 29. April 2015 um 11:37

Hallo, sorry, für die späte Antwort. Damit ist gemeint, dass die Offensivaktionen vorne eben sehr improvisiert ausgespielt wurden und die Aktionen unzusammenhängend, sehr spontan wirkten, dass also klare Strukturen oder Aufgabenverteilungen nicht immer vorhanden waren und die Spieler einen Angriff, der sich schon in eine suboptimale Lage entwickelt hatte, dann improvisiert noch irgendwie weiterspielen mussten.

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