Donnerstag, 08.12.2016

Weiträumiges und mannorientiertes Celta erweist sich für Barca als unangenehm

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Gegen einen engagierten Auftritt der weiträumig mannorientierten und anfangs enorm hoch pressenden Truppe Celta Vigos hatte der FC Barcelona Mühe, konnte die Partie zwar später etwas beruhigen, musste aber lange auf den Siegtreffer warten.

Das Gastspiel des zuletzt wiedererstarkten FC Barcelona bei Eduardo Berizzos Celta de Vigo versprach eine interessante Angelegenheit zu werden. Tatsächlich machten die Galicier dem katalanischen Tabellenführer einige Probleme, drängten diese zu einer teils offenen Partie, sorgten so für eine durchaus kurzweilige Begegnung und mussten sich am Ende nur knapp geschlagen geben.

celta-barca-2015Stürmisches Celta-Pressing zu Beginn

Insbesondere in den ersten Minuten brachte Celta de Vigo mit einem sehr engagierten Start ein furioses Angriffspressing auf den Platz und attackierte die Katalanen manchmal sogar am eigenen Strafraum. Dafür setzten sie aus ihrem 4-3-3 auf eine etwas verschobene Ausrichtung innerhalb der hier grundsätzlich engen Sturmreihe, die auch noch von vielen weit aufrückenden Bewegungen von Pablo Hernández  ergänzt wurde. Dabei agierte der ballferne Außenstürmer meistens etwas höher und eingerückter, schob dann  im Verlauf der gegnerischen Zirkulation horizontal an dieser entlang und die Anordnung drehte sich quasi um. Das war aber häufig nicht immer sauber zu erkennen, da sich die Akteure situativ anpassten, einer der Stürmer mal etwas zurückfiel und die genauen Stellungen häufig durch positionsübernehmende Bewegungen von Hernández aufgefüllt wurden. Dahinter wirkte Krohn-Dehli anfangs wie der tiefste Sechser, doch im weiteren Verlauf agierte er klar als vielseitiger rechter Achter. Zudem gab es auch noch nachschiebende Bewegungen von ganz hinten, wenn wirklich direkt am Strafraum gepresst werden sollte.

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Grundstellung von Celtas 4-3-3 mit engen Stürmern.

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Extrem hochgeschobenes Pressing mit Nolito und Larrivey vorne, verfolgenden Mannorientierungen im Mittelfeld, Orellana rechts etwas tiefer absichernd und einer nachrückenden Bewegung von Jonny auf links, der sich an Daniel Alves orientiert.

Die Außenstürmer variierten in ihrer genauen Spielweise, pendelten zwischen mittlerer und vorderster formativer Linie, verfolgten teilweise kurzzeitig ihre nominellen Gegenspieler, schoben in diesen höheren Pressingphasen aber vereinzelt auch mal situativ etwas vor, um diagonal einen Innenverteidiger zu attackieren. Dagegen hatten die Katalanen anfangs große Probleme und konnten sich nur selten zuverlässig nach vorne arbeiten. Sie mussten einige lange Bälle schlagen und kamen anfangs eher dann nach vorne, wenn beispielsweise Mathieu etwas Zeit zum Aufrücken erhielt. Auch dann wurden sie meist allerdings schnell am Flügel festgedrückt und dort zu eher simplen Abläufen gedrängt. Kleinere Ablagen von Neymar in die Halbräume wirkten hier noch recht vielversprechend, wurden aber nicht immer gut genug eingebunden und weitergespielt.

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Pass auf den zurückfallenden Neymar gegen Celtas 4-3-3 mit ballfernem Nachrücken. Krohn-Dehli löst sich frühzeitig von seiner Mannorientierung auf Iniesta, um zu attackieren, was dem Brasilianer eine unangenehme Situation beschert.

Wenn es Barca mal gelang, sich durch das galizische Pressing hindurch zu spielen und nach vorne aufzurücken, agierten sie dort phasenweise etwas zu simpel und ablauforientiert in ihrer Ausrichtung, während Celta durch zurückfallende Bewegungen von Außen- und Mittelfeldspielern situativ die letzte Linie verstärkte und dann aus etwas flacheren Stellungen verteidigte. Bei Barcelona zeigte sich Messi noch etwas umtriebieger als zuletzt, band sich zentral ins Ballbesitzspiel ein und wurde auf dem Weg zum Angriffsdrittel vor allem auf zwei Wegen gesucht, was auch generell die vielversprechendsten Momente des Teams waren. In der Grundidee sollte der Argentinier zwischen den verschiedenen Mannorientierungen Celtas in Freiräume freigespielt werden und Tempo aufnehmen – das war gegen die Spielweise und Anordnung der Galicier durchaus effektiv. Zum einen rückte halbrechts einer der beiden Offensivkollegen nach außen heraus, um diagonale Passwege für Daniel Alves auf Messi zu öffnen. Zum anderen band dieser sich sehr weit halblinks ein, bewegte sich zu Iniesta und versuchte an dessen Gegenspieler vorbei einen Doppelpass in den Freiraum zu spielen, was situativ noch mit unterstützenden Bewegungen Neymars kombiniert werden konnte.

Celtas Offensivversuche zahlreich, aber nur selten klar gefährlich

Auch in den eigenen Angriffsbemühungen zeichneten sich die Mannen aus Vigo durch ihre ohnehin bekannte Weiträumigkeit aus. Die Außenstürmer agierten in der Grundstellung breit und erhielten von den Kollegen hinter ihnen sowie den situativ heraus rochierenden Achtern viel Unterstützung, was in einigen Flügelüberladungen mündete. Dabei versuchten sie es auch über individuelle Dribblings der Außenstürmer, die Nolito gefährlich gestalten konnte, und über situative Schnittstellenläufe der Achter, aus denen auch bei Nichterfolg noch Offensivpräsenz oder Abpraller erwachsen konnten. Weil bei den Katalanen die Rückwärtsarbeit der drei vorderen Angriffskräfte wie gewohnt etwas schwankend war, kamen die Hausherren ansatzweise auch immer wieder nach vorne und konnten ihre verschiedenen Offensivversuche vom Stapel lassen. Auch Barcas mannorientierte Ausrichtung im Mittelfeld trug dazu bei, dass die Gäste die eine oder andere Szene passieren lassen mussten, wenngleich die Durchbrüche Celtas aus den Flügelzonen nicht absolut hochklassig waren. Wegen des aktuell sehr weiträumigen horizontalen Radius in der Rolle des Barca-Sechsers war außerdem Busquets oft in der Nähe dieser Szenen und konnte einiges davon entschärfen.

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Aufbau Celtas mit aufrückendem Innenverteidiger gegen mannorientiertes 4-1-4-1 bei Barca, aus dem Iniesta gerade herausrückt. Man sieht die breite Grundausrichtung Celtas mit der hoch gestaffelten Stumreihe. Rechtsaußen Orellana steht so breit, dass er nicht mehr im Kamerabild ist.

Die Weiträumigkeit der Hausherren realisierte sich jedoch nicht allein in klar am Flügel durchgespielten Szenen, sondern enthielt eine Rollenvariabilität der Außenstürmer. Phasenweise fielen sie im Aufbau seitlich mal weiter in neben den mannorientierten Achtern offene Räume zurück, versuchten anzutreiben und eventuell ihre Gegenspieler – was nur teilweise elang – für Folgemechanismen herauszulocken. Währenddessen orientierte sich der ballferne Akteur in hohen Zonen sehr weit zur Mitte und bildete dort kurzzeitig ein bewegliches Duo mit dem durch seine starken Ballsicherungen auffallenden Larrivey. Eine zweite wichtige Route Celtas waren die frühzeitigen langen Bälle, die sie immer wieder einstreuten. Anfangs versuchten sie eher auf Abpraller im Halbraum zu gehen und die Achter sehr aggressiv nachschieben zu lassen, im weiteren Verlauf entwickelte es sich immer mehr in Richtung des Ziels, einzelne Stürmer – die sich untereinander unterstützten und rochierten – diagonal hinter die Abwehrkette zu bringen. Für Strafraumpräsenz rückte auch Hernández einige Male weit und frühzeitig mit auf. Schon im Hinspiel hatten sie mit der geschickten Ausführung dieser langen Bälle für ungewöhnlich viel Wirbel gesorgt und auch diesmal musste Bravo überdurchschnittlich häufig herauslaufend eingreifen, ohne dass so jedoch ganz klare Tormöglichkeiten erwuchsen.

Weiträumige Mannorientierungen und offene Szenen

Auf beiden Seiten waren zahlreiche Mannorientierungen vorhanden – insbesondere jeweils im Mittelfeld – und wirkten als etwas versimpelndes Element der Partie, die ihren bisweilen offenen Charakter mit bedingte. Alles in allem zeigten sich diese Zuordnungen bei den Galiciern typischerweise viel deutlicher als bei Barca, was dann auffällig wurde, als die Hausherren die Intensität im Pressing abschwächten und sich etwas tiefer formierten. In diesen ruhigeren Phasen agierten insbesondere ihre Flügelspieler durchgehender in zurückfallenden Mannorientierungen gegen Daniel Alves und Adriano. Damit hatten sie gegen Barcas Zirkulation stets viel direkten Druck auf den Mann und konnten beispielsweise in den seitlichen Zonen einige Male Pässe nach außen intensiv attackieren und für unangenehme Isolation einzelner Gegner sorgen. Bewegte Messi sich in mittigen Zonen, rückte einer der Innenverteidiger über teils riesige Distanzen mannorientiert nach. Zentral waren sie damit einerseits sehr präsent, jedoch auch etwas ungeordnet. Vor allem über die angesprochenen Szenen mit Messi und Iniesta konnten die Katalanen durchaus fluide, wenngleich nicht herausragende spielerische Ansätze auf den Platz bringen. Einige Male kamen sie fast durch, doch Celta zog sich in letzter Instanz nahe des Strafraums noch einige Male gut zusammen.

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Hier sieht man die verschiedenen Mannorientierungen Celtas: In der hintersten Linie sind 3 Verteidiger und Orellana gegen Adriano. Messi (neben Busquets nahe des Mittelkreises) ist von einem vorgeschobenen Innenverteidiger verfolgt worden. Die beiden Achter bei Barca sind dagegen viel zu flach und unverbunden gestaffelt.

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Messi wird von einem Verteidiger bis weit in die eigene Hälfte verfolgt.

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2-6-2, ülülü. Bester Screenshot hier.

Durch die Mischung aus Mannorientierungen, hohen Pressingphasen und teilweise sehr angriffslustig gefahrenen Offensivstrategien entstanden beiderseits viele offene Szenen, die aber jeweils nicht so gut ausgespielt wurden, auch nicht bei schnellen dynamischen Angriffen aus losen Bällen oder im sauberen Umschalten – bei Barca wegen der Rhythmusprobleme aufgrund der klaren gegnerischen Mannorientierungen, bei Celta wiederum durch die teils zu breite Gesamtausrichtung und eine sehr wechselhafte Entscheidungsfindung. Dennoch hätte das Risiko vieler hochschiebender Bewegungen gegen die zuletzt in Schnellangriffen gefährlichen Katalanen auch bestraft werden können. Was diesen insgesamt vor allem fehlte, waren einzelne klare Läufe der Mittelfeldspieler, die in die großen vertikalen Lücken vor der gegnerischen Abwehrkette zogen. Durch direkte diagonale Pässe von Busquets oder den Innenverteidigern oder durch Querlagen Messis und Neymars von den Flügeln hätten die Aktionen dann bedient werden können. Einige Male wurden solche Bewegungen auch angedeutet,  aber nicht wirklich zielstrebig, sondern mit kleineren Timingproblemen. So gab es insgesamt trotz des phasenweise offenen Spielcharakters mit vielen freien Räumen und aufrückenden Aktionen letztlich gar nicht mal so viele Abschlüsse.

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Die Lücken hinter dem mannorientierten Mittelfeld der Hausherren hätte Barca mit vertikalen bzw. diagonalen Freiraumläufen der Achter zur Auslösung von Schnellangriffen noch besser anvisieren müssen.

Barca mit Problemen in den Ansätzen, aber doch noch mit dem Sieg

Schon im Verlauf der ersten Halbzeit wurden die ruhigeren Aufbauphasen Barcelonas gegen die tieferen Defensivanordnungen Celtas zum prägenden Hauptmomentum der Partie. Deren weiterhin mannorientiert zurückfallende und bisweilen intensive Spielweise lag den Katalanen nicht wirklich, die immer wieder anspielten, ihre typischen Mechanismen aufzuziehen versuchten und zwischendurch auch zu einigen Chancen kamen. Insbesondere über die halblinke Seite hatten sie einige gute Ansätze und zeigten generell viele engagierte Bewegungen, wobei diese teilweise – wie das Ausweichen Suárez´ – nicht so gut an das Teamkonstrukt angebunden wurden und daher in ihren einzelnen Räumen bisweilen zu isoliert abliefen. So gab es also gewisse Probleme, die verhinderten, dass die Katalanen einen richtig guten Auftritt ablieferten.

Die Rochade auf rechts mit dem nach außen gehenden Achter wurde mit der Zeit durch Messis dauerhafte Ausflüge ins Zentrum – die ihm dort jedoch mehr Präsenz verschafften – etwas undynamisch und glich teilweise eher einer simplen raumfüllenden Positionsübernahme. Vor allem bei Angriffen über diesen Raum wurde der jeweils ballführende Akteur nicht immer ganz konsequent unterstützt und von den potentiell einzubindenden Kollegen zogen zu viele gleichzeitig in Richtung Strafraum anstatt in den tornahen Verbindungsraum. Auf halblinks agierte Iniesta, wenn nicht gerade in der Interaktion mit Messi beschäftigt, in etwas zu tiefen und breiten Zonen, während auch die Einbindung von Neymar nicht konsequent genug erschien. Die von Mathieus Aufrücken nach vorne getragenen Szenen wurden so einige Male schon frühzeitig etwas abgedrängt. Aus der meistens sehr stabilen Zirkulation heraus gab es also viele Ansätze und insbesondere in der ersten Viertelstunde nach der Partie durch etwas verbesserte Bewegungen und die im rechten Halbraum neuen Schwung entfachende Einwechslung Xavis auch eine Reihe an Abschlüssen, die letztlich aber allesamt nicht ganz durchkamen.

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Hier keine gute Raumaufteilung und -nutzung der Katalanen, die sich im Mittelfeld zu flach staffeln und den Verbindungsraum nicht besetzen. Zu erkennen sind auch Celtas Mannorientierungen auf Barcas Achter und – ganz unten – der Außenstürmer (hier Orellana am eigenen 16er gegen Adriano). Die Bewegungen der Barca-Stürmer halbrechts am Strafraum sind etwas isoliert.

So mussten die Katalanen lange warten und liefen auf den Kasten an, während die Hausherren sich sukzessive weiter zurückzogen, bis sie Mitte des zweiten Durchgangs dann in sehr kompakt zusammengezogenen Abwehrpressing-Phasen angelangt waren. Diese führten sie aber recht geschickt aus, behielten im Mittelfeld auch bei den Mannorientierungen stets den Fokus auf die zentrale Geschlossenheit bei und überließen den Rest der durch die zurückgeschobenen Flügelstürmer verstärkten letzten Linie. Wenn Iniesta hinter dem Ball blieb, fiel also Krohn-Dehli auch mal etwas weiter zurück und sicherte den Raum oder half beim Doppeln von Neymar, was auf der anderen Seite mit der Zeit vermehrt ebenso gehandhabt wurde.

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Durch einen späten Treffer nach einer Standardsituation wurde das dominante Barca jedoch erlöst, spielte die verbliebene Zeit dann herunter und holte sich nach einem sehr schwierigen und in einigen Punkten interessanten Match ein etwas glückliches, aufgrund des Aufwandes und der Ansätze aber doch – trotz der Probleme und der gar leicht besseren Chancen Celtas vor der Pause – nicht unverdientes 0:1, das den Vorsprung vor Real Madrid konstant hält.

Das Bildmaterial stellt uns freundlicherweise laola1.tv zur Verfügung. Vielen Dank dafür!

Markus 9. April 2015 um 23:48

Wieso kein Artikel zum Spiel Rayo Vallecano gegen Real Madrid. Erstaunlich wie Rayo Madrid 70 Minuten lang dominierten…

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PNM 10. April 2015 um 06:41

Nicht wirklich erstaunlich. Daheim bereiten sie mit ihrem starken Dressing und Positionsspiel auch den größeren Gegner regelmäßig Probleme. Leider reicht das meistens die individuelle Klasse einfach nicht, sodass ein paar individuelle Fehler oder einer die Klasse der gegnerischen Mannschaft teilweise sogar zu einpfercht hohen Ergebnis führen.

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Valentin 7. April 2015 um 16:58

Gewohnt starke Analyse. Bestätigt auch meinen eigenen, natürlich viel weniger detailreichen, Eindruck vom Spiel. Teilweise offener Charakter ohne meistens die ganz großen Chancen trifft es perfekt. Celtas Defensivspiel hat mich gerade in den Phasen des hohen Pressings durchaus überzeugt. Ein solch druckvolles Pressing ohne zu sehr an Kompaktheit zu verlieren (wie z.B. Rayo letztens) gegen Barca ist auf jeden Fall lobenswert, auch wenn Barca mögliche Konterräume wie erwähnt nicht so effektiv nutzen konnte wie in den letzten Wochen. Immer wieder auffällig, wie stark in Spanien auch Mittelfeldteams taktisch agieren. Bei Barca sind für mich zur Zeit noch Mathieu und vor allem Pique (ich glaube zweistellige Zahl an Interceptions) herauszuheben, auch Busquets Rückkehr hatte natürlich einen erheblichen Anteil daran, dass Barca trotz einiger Probleme nicht viel gefährliches zugelassen hat.

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