Wie Arsenal den 1:3-Rückstand im Fürstentum fast drehte

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Arsenal kommt beim Achtelfinal-Rückspiel in Monaco noch einmal heran, scheitert beim 2:0-Sieg aber um ein Tor am Weiterkommen.

Beinahe wäre der defensivstarke AS Monaco nach dem 1:3-Auswärtssieg im Emirates vor heimischen Publikum doch noch K.O. gegangen und Arsenal hätte die historische Sensation geschafft. Wie konnte es zu dieser Dramatik kommen: Wieso wurde es für die Defensivkünstler aus dem Fürstentum am Ende doch noch einmal eng und warum schafften die Londoner es nicht ganz, ihre Aufholjagd mit dem dritten und entscheidenden Treffer zu veredeln?

Zunächst einmal lag der einleitende, ermöglichende Zündfunke darin, dass die Mannschaft von Leonardo Jardim nicht so stark verteidigte, wie man das schon häufig von ihr gesehen hat und wie es auch in weiten Teilen des Hinspiels gelungen war. Keinesfalls brachte das Team eine schlechte oder enttäuschende Leistung auf den Platz, denn es gab immer wieder gute Phasen gegen den Ball, doch es gab einige kleinere Probleme, Nachlässigkeiten und weniger Zugriff. Dabei ging es vor allem um die Ausführung und in einigen Details auch die Anlage ihres Systems.

Monaco weniger kompakt und aufmerksam gegen den Ball

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Arsenal in Aufbau und Offensive gegen Monaco

Insbesondere das Verhalten im defensiven Mittelfeld gestaltete sich schwächer als im Hinspiel. Im Nachschieben aus ballfernen Zonen agierten sie nicht immer ganz konsequent, manchmal ein wenig lasch oder unaufmerksam. Gelangte der Gegner beispielsweise hinter den halbrechten Sechser oder in eine Situation um ihn herum, auf die dieser aber nicht sofort Zugriff hatte, rückten die beiden halblinken Teile dieser nominellen Viererreihe nicht aktiv genug horizontal herüber. Überhaupt waren die Monegassen in den Mittelfeldzonen weniger kompakt, sondern zu breit in den Abständen – wenngleich nicht dramatisch oder durchgehend, sondern immer wieder in einzelnen Szenen mal. Die Besetzung aus Toulalan und Kondogbia wirkte in der gegenseitigen Abstimmung, Absicherung und Raumbesetzung nicht immer so balanciert.

Dazu kamen einige Faktoren aus den umliegenden Bereichen, die in Synergie mit diesen Schwächen wirkten und sie etwas stärker hervortreten ließen. Wegen der etwas zu tiefen Grundposition der Abwehr waren Kompaktheit und Absicherungsverbindung ein Stück weit geschwächt, so dass man sich generell etwas zurückziehen musste und Arsenal mehr Zeit im Sechserraum erhielt. Vorne war die Sturmreihe inkonsequenter wie ineffektiver, wenngleich Joao Moutinho immer wieder seinen Deckungsschatten geschickt einsetzte und einige gute Positionierungen zeigte. Arsenals Sechser kreisten inkonstant durch verschiedene Bereiche, lockten die gegnerischen Spitzen dadurch manchmal – teils fast versehentlich an – und konnten sie in solchen Szenen dann überspielen.

Bedienung der Halbraumlücken gegen schwächelndes Zusammenziehen

Gerade weil auch die jeweiligen Außenspieler nicht so sehr einrückten, wie eigentlich gewohnt, konnte sich nicht das flexible, anpassungsfähige Zusammenziehen um den Ball entwickeln. Die Hausherren stellten zwar ein ordentliches Gesamtkonstrukt, das recht stabil war und einige Male gut nach außen schob, aber nicht besonders auftrat und ohne die sonstige Vielseitigkeit. Damit hatten sie weniger Kontrolle und weniger Gestaltungsmöglichkeiten in ihrer defensiven Ausrichtung, was die genauen Umformungen des Mittelfeldbandes anging. Gelegentlich herausrückende und/oder mannorientierte Bewegungen konnten entsprechend ebenso schwächer eingebunden werden, waren daher isolierter und leichter zu umspielen.

Arsenal erhielt im defensiven Zentrum manchmal Zeit, um einzelne Aufbauspieler zu befreien und die vordere Viererreihe der Monegassen anzulaufen. Wenn die beiden gegnerischen Stürmer mal – und sei es nicht wirklich vorausschauend geplant – aus der Partie genommen waren, konnte Monaco nicht so gut reagieren und es boten sich direkt mehr Möglichkeiten: Das 4-4-2 der Jardim-Jungs wirkte dann normaler und offenbarte die gewissen Beschränkungen dieser Formation. Entsprechend wussten die Gäste die weniger starken Abstände in deren Abwehrverbund durchaus auszunutzen. Vor allem Alexis, Özil und Welbeck boten sich dort konsequent wie gezielt in Zwischenräumen an und erhielten an herausrückenden Sechsern vorbei auch mehrfach das Leder. Dies waren durchaus gefährliche, offene und für Monaco nicht wirklich kontrollierte Ausgangssituationen.

Arsenals Inkonsequenz und die Nebenwirkung einer Schwäche

Nur schafften es die Gunners zu selten, diese vielversprechenden Ausgangslagen auch durchzubringen. In einer Phase um die 30. Minute herum gab es einige elaboriertere, konsequent diagonale Folgekombinationen mit Einbindung von Özil, des anderen nominellen Flügelspielers und teilweise Cazorlas und auch zwischendurch schienen solche Ansätze immer mal durch. Aber insgesamt brachte Arsenal im Ausspielen ihrer taktisch durchaus starken Überlegungen nicht das Niveau der zuletzt angefangenen Siegesserie auf den Platz. Zu oft suchten sie aus diesen Halbraumübergängen den Weg auf den Flügel zu Alexis, Welbeck – wenn von diesen gerade jemand breit geblieben war – oder einem nachstoßenden Außenverteidiger.

In dieser Hinsicht wiederum kam ihr etwas lasches Zusammenziehen den Monegassen auch ein Stück weit zugute. Wahrscheinlich hatte Arsenal mit starkem und dynamischem Umstellen der Halbräume gerechnet und wollte sich daher zügig von dort lösen, um auf die geöffneten Außen zu verlagern. In der eigentlich schwächeren und daher teilweise recht gestreckten Grundstellung mit geringerer Umformungsdynamik geschah dies aber nicht. Monaco machte weniger Druck und die Flügel gingen nicht so auf, wie Arsenal vielleicht erwartet bzw. eher befürchtet hatte – aber sie reagierten nur unzureichend darauf.

Mögliche Diagonalräume im Zentrum, die nur von leichten oder teilweise gar keinen Hindernissen beeinträchtigt waren, ignorierten sie bisweilen, um stattdessen doch auf den Flügel zu spielen. Dies funktionierte zwar hinsichtlich des Vorwärtskommens, aber erzeugte keinen besonders gewinnbringenden Raum, weil Monaco dort noch einiges an Personal hatte. Entsprechend verlor Arsenal in diesen Weiterführungen aus den Übergangsmomenten immer wieder massiv an Tempo in den Szenen und musste letztlich im Bereich der Grundlinie ungewöhnlich viele ungefährliche Flanken und Hereingaben (34 in der Statistik) spielen. Damit schwächten sie ihr Offensivpotential und schenkten viele Szenen her.

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Özil erhält den Ball von Cazorla am herausrückenden Kondogbia vorbei in den freien Raum, zieht aber nicht konsequent aufs Tor. Giroud hätte sich aktiver beteiligen können, Welbeck führt das Absetzen nach außen nicht gut aus. Weil auch Özils Pass nicht optimal ist, muss Welbeck am Ende ein isoliertes, eher undynamisches Grundliniendribbling bestreiten. Die Szene zeig auch noch einmal, dass Monaco natürlich keine Katastrophenstellungen oder -bewegungen hatte, aber nicht auf ihrem Top-Niveau spielte.

Auch Phasen mit weniger Druck

Zudem muss man erwähnen, dass die Gäste keinesfalls durchgängig Monacos Mechanismen knackten und ständig in potentiell gefährliche Räume gelangten, dafür waren die Franzosen immer noch gut und zudem zu viele eigene Problempunkte vorhanden. Gegen schwächere Phasen und Situationen von Arsenal funktionierte die Spielweise der Hausherren ein weiteres Mal gut, zumal sie solche Szenen gelegentlich auch geschickt nutzten. So fiel bei den Gunners beispielsweise einige Male Özil auf halbrechts sehr weit nach hinten, woraufhin sich das restliche Mittelfeld aber nicht konsequent genug umformte. Dies hatte gewisse Verbindungs- und Präsenzprobleme um den Zehnerraum wegen schwacher Vertikalstaffelungen zur Folge.

So konnte Kondogbia den Nationalspieler problemlos weit mannorientiert verfolgen, ohne dass die größeren Räume, die er hinterließ, direkt genutzt worden wären. Gerade wenn sich die Stürmer dann mal etwas tiefer an das Mittelfeld anschlossen und gut diagonal davor schoben, gab es für Monaco auch einige Ballgewinne im nahen Halbraum, beispielsweise in der 50. Minute mit einer massiven Überzahl gegen Coquelin – einer Szene, die deutlich mehr an das Hinspiel erinnerte. Ebenso verschoben die Hausherren einige Male gewohnt stark zum Flügel und verengten dort mit ihren defensiven Qualitäten in verengten Stellungen die Seite. So durchzogen zwischendurch auch immer mal wieder ereignislosere Phasen mit spürbar weniger Arsenal-Gefahr das Match.

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Özil fällt nach halbrechts zurück, Kondogbia rückt mit heraus. Arsenal staffelt das Mittelfeld nicht entsprechend, sondern steht mit allen drei Akteuren hinten und ist im Zentrum völlig unterbesetzt. Monaco agiert hier geschickt und solide.

Monegassische Harmlosigkeit im Gegenzug

Auch in der Offensive reichte das Heimteam keineswegs an die Vorstellung aus dem Emirates heran. Sie gingen weniger Risiko, rückten nur abwartend auf – und hatten praktisch keine Torchance. Ohnehin markieren sie nur wenige Treffer – und unter diesen Umständen kann es auch mal passieren, dass sie nicht einen Abschluss auf den Kasten verbuchen können. Aus dem Aufbau heraus gelang es ihnen zwar gelegentlich, per tiefer Ballzirkulation für Entlastung sorgen, doch ansonsten wirkten sie gruppentaktisch etwas schwächer. Vor allem wegen der etwas unklaren strategischen Ausrichtung und Risikoverteilung schien man sich unsicher und nicht zu wissen, wie weit man nun vorstoßen und welche Bewegungen man wählen sollte. Zudem steigerte sich Arsenal gegenüber der ersten Partie, verteidigte etwas kompakter und kollektiver. Meist leiteten sie Monaco auf die Flügel, von denen diese den rechten für ihre Überladungen ohnehin suchten – Berbatov und auch Joao Moutinho bewegten sich helfend herüber. Zum Ausspielen sind dort meistens die Läufe der Außenverteidiger – diesmal aber eher zurückhaltend – und gut unterstützte horizontale oder diagonale Engendribblings entscheidende Bestandteile der Angriffe, die diesmal aber nicht griffen.

Schmerzhafter war eigentlich jedoch, dass die im Hinspiel noch entscheidenden Konter diesmal kaum gefährlich wurden. Zum einen lag dies auch hier an leichten strategischen Unsicherheiten, der Personalwahl und dem geringeren Risiko. Zum anderen gab es aufgrund der im Pressing schwächeren ersten Linie und der geringeren Herausrückmöglichkeiten kaum mittelhohe Ballgewinne, wie noch im Hinspiel gegen die Arsenal-Sechser. Die Mehrzahl der Bälle wurden frühestens am eigenen Abwehrdrittel erobert – und dann tendenziell in weniger kompakten Szenen, so dass zunächst die Optionen und sicheren Sofortanbindungen fehlten. Wie auch im geordneten Aufbau spielte zudem das Verhalten aus dem defensiven Mittelfeld eine Rolle. Gerade Kondogbia als etwas höherer Akteur und Torschütze in der ersten Begegnung hielt sich deutlich zurück. Dies nahm aber Optionen wie Dynamiken und wirkte gerade in der Ausprägung und im Verhältnis zu den beiden jeweils weit seitlich verschiebenden Stürmern etwas unbalanciert. Phasenweise wurden dadurch auch die Rückwege in der Zirkulation etwas unsicher, was insbesondere bei halbdynamischen Kontern die Bewegungsoptionen absenkte.

Fazit

Durch den für Coquelin eingewechselten Ramsey – Cazorla übernahm aufbauend teilweise die alleinige Sechs – erhöhte Arsenal zehn Minuten vor Schluss auf 0:2 und schien der nicht mehr für möglich gehaltenen Wende auf einmal sehr nahe. Bei diesem Treffer nutzten sie den Raum und die Zeit vor dem gegnerischen Angriffsblock für die Vorbereitung der Mechanismen und einen Pass hinter die Abwehr auf den einstartenden Außenverteidiger. Entscheidend war dann die nachstoßende Bewegung Ramseys, der damit einen Mehrwert zur Rolle Coquelins bildete, während Cazorla seine ankurbelnde Weiträumigkeit im zweiten Drittel einbringen und alleine die Absicherung übernehmen konnte. Dennoch war es – wenngleich aus zentraler Position gespielt – erneut ein Pass zum Flügel, mit dem sie Monaco knackten. Durch das Zentrum verschwendeten sie trotz der Überlegenheit viel Potential. Eine Reihe der Chancen, die das 0:3 hätten bringen können, gestattete ihnen eher ein Gegner, der schwächer auftrat als im Hinspiel. Dennoch war das Weiterkommen des französischen Vizemeisters wohl verdient – allein aufgrund der ersten Begegnung fast schon und auch in diesem Match hatten sie ihre guten, ruhigen Momente in der Defensive. Für die – durch den Vorsprung mit bedingte – Herangehensweise wären sie allerdings fast bestraft worden.

rodeoclown 18. März 2015 um 20:09

Hmm… Ich habe keines der beiden Spiele gesehen, war aber auch wenig überrascht, dass Monaco das erste spiel gewonnen hatte. Defensiv so konsequente Teams ist Arsenal in der Liga einfach nicht gewohnt und bei den immer wieder irgendwie ungenauen Staffelungen zu denen sie so tendieren war Monaco für sie schon ein sehr unangenehmer Gegner.

Aber dennoch habe ich gestern dann das hier gesehen: https://twitter.com/MC_of_A/status/577952141018542080/photo/1 (Expected Goals über beide Spiele 5,7-1,1 für Arsenal, im Rückspiel war es gar 3,0-0,1). Bei so einem Ergebnis wundert es mich dann doch, dass das Weiterkommen hier als verdient gewertet wird. Kannst du erläutern wie das beides zusammenpasst? Waren die Arsenal-Großchancen wie geschrieben grötenteils „hergeschenkt“ und nicht herausgespielt und daher die Wertung? Wäre nett wenn du noch einmal ganz kurz erläuterst warum der ExpG-Wert hier täuschen mag!

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TR 19. März 2015 um 09:18

Nun, ja, ohne dass ich der große ExpG-Experte hier bin: den geringen Wert für Monaco muss man im zweiten Spiel als gerechtfertigt ansehen, da sie nach vorne praktisch keine Szene hatten. Die beiden Arsenal-Tore gehen bei einem Wert von 3,0 ExpG wohl in Ordnung. Wie du schon vermutet hast, waren viele Abschlüsse der Gunners durch etwas chaotisches Rückzugsverhalten Monacos bedingt und fielen nach eher halbgefährlichen Flanken oder Hereingaben den Offensivspielern wieder vor die Füße. Dazu kommt dann insgesamt noch, dass Monaco manchmal auch lieber Abschlüsse noch entschärfen oder blocken will, als sie unbedingt ganz zu verhindern. Trotz dieser eigentlich deutlichen Sachlage hatte Monaco aber einfach auch zu viele stabile und solide Phasen über das Rückspiel, in denen von Arsenal dann auch mal Szenen wie in der Grafik zur 50. Minute zu sehen waren, dass wohl ein 0:3 nicht angebracht gewesen wäre. Von daher geht das Weiterkommen schon in Ordnung. Für das Hinspiel scheint mir 2,7 als Wert für Arsenal überraschen und zu hoch. Könnte aber einmal durch die Abschlüsse in der hektischen Schlussoffensive (wo aus 0:2 noch 1:3 wurde) mit bedingt sein und die Tatsache, dass die wenigen Arsenal-Chancen des Hinspiels – so in einer Phase um die 65. Minute – oft so Doppelchancen mit direkt zwei oder drei Abschlüssen „in Folge“ waren. Das könnte das Ganze etwas „verfälschen“, zumal das dann in dieser Schwächephase Monacos auch gute und gefährliche Szenen waren, in denen Monaco – das sollte man nicht vergessen – in den richtigen Momenten auch einige Male Glück bzw. zumindest kein Pech mit dem Ausgang gegnerischer Schüsse hatte.

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HW 19. März 2015 um 13:21

Ein ExpG gegen 0 war von Monaco bei dem Vorsprung zu erwarten. Dass sie zwei Tore gekriegt haben ist die eigentliche Überraschung.
Ich bin aber auch kein Experte für diese Statistik und die Berücksichtigung der Chancenqualität.

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