Die Schanzer auf dem Weg ins Oberhaus: ein Rückblick auf die Hinrunde des FC Ingolstadt

Mit einer beeindruckenden Bilanz sicherte sich der FC Ingolstadt 04 die diesjährige Herbstmeisterschaft in der zweiten Bundesliga. Die „Schanzer“ überzeugten dabei vor allem mit ihrem sehr interessanten und konsequenten Ansatz gegen den Ball. Im Rahmen der Serie schauen wir uns die Spielweise der Mannschaft von Trainer Ralph Hasenhüttl während der Hinrunde noch einmal genauer an.

Mit acht Punkten Vorsprung vor dem 1. FC Kaiserslautern führt der FC Ingolstadt die Tabelle souverän an. Der Vorjahreszehnte feierte dabei bis zur Winterpause elf Siege und verlor nur ein einziges Mal – im Derby gegen den Bundesligaabsteiger aus Nürnberg.

Kaderliste mit in der Hinrunde verstärkt eingesetzten Akteuren

Kaderliste mit in der Hinrunde verstärkt eingesetzten Akteuren

Allgemeines und Spielweise

Die „Schanzer“ zeichnet vor allem ihr starkes Spiel gegen den Ball aus. In mehr als der Hälfte ihrer Ligaspiele blieben sie ohne Gegentor. Dabei nutzt das Team von Ralph Hasenhüttl oft ein hohes Angriffspressing, das einen leitenden und nachschiebenden Charakter besitzt, und profitiert von seiner zumeist soliden Strafraumverteidigung.

ungefähre Darstellung der Offensivmuster in der  ersten Saisonhälfte

Darstellung der ungefähren Offensivmuster in der ersten Saisonhälfte

Neben dem Fokus auf das eigene Pressing ist das Spiel auf zweite Bällen für die Spielweise der Mannschaft Hasenhüttls charakteristisch, bei dem immer wieder Gegenpressingmomente in der Hälfte des Gegners forciert werden. Dementsprechend greift das Team bereits im Aufbauspiel auf viele, aber bewusst verwendete, lange Bälle zurück, die durch eine ruhige Ballzirkulation im ersten Drittel geeignet vorbereitet werden. Durch die unterschiedlichen Spielercharaktere entstehen in der Regel leichte bis starke Rechtsüberladungen für Durchbrüche zur Grundlinie mit anschließenden Hereingaben, was ebenfalls typische Elemente der Ingolstädter Spielweise sind. Mit Pascal Groß sowie den Rechtsverteidigern Danny da Costa und Tobias Levels wird auf der rechten Seiten nach dem langen Ball oder sogar bereits davor intelligent nachgerückt, wobei Groß durch sein Herauskippen in den rechten defensiven Halbraum oder zum Flügel heraus das Spiel oftmals selbst lang eröffnet. Gelangt das Spielgerät hinter die letzte Linie des Gegners, nutzt man das eingeschränkte Sichtfeld der Gegenspieler, wenn diese dem Ball nachlaufen müssen und mit dem Rücken zum Spielfeld stehen, um ins Angriffspressing zu schieben.

Formativ agiert der FC Ingolstadt in einer 4-3-3-Grundordnung, die je nach gegnerischer Ausrichtung mehr oder weniger starke Asymmetrien aufweist. Merkmale dieser Formation sind die teilweise eng agierenden, stark horizontal verschiebenden Flügelspieler, die asymmetrischen Verhaltensweisen der beiden Außenverteidiger und die balancierende oder vorrückende Rolle des linken Achters.

Allgemeine Bewegungsmuster im Aufbauspiel

Die Hauptaufgaben im Aufbauspiel der Ingolstädter übernehmen in der Regel die beiden Innenverteidiger Matip und Hübner, oder der zurückfallende rechte Achter Groß. Letzterer kippt dabei verstärkt bis auf Innenverteidigerhöhe neben Matip zur Seite heraus, sodass in letzter Linie eine Dreierreihe entsteht. Meist ermöglicht diese breite Aufbaustruktur dem Team eine sichere und tiefe Ballzirkulation, mit der lange Bälle in die gegnerische Defensivformation vorbereitet werden können.

Dem alleinigen Sechser Roger kommt dabei je nach Gegner eine absichernde und stabilisierende Rolle zu. Gegen Mannschaften, die mit einem Stürmer beispielsweise im 4-1-4-1 pressen, orientiert er sich in die Halbräume, um dort anspielbar zu sein und das Spiel mit langen Bällen eröffnen zu können. Auch gegen Teams, die in einer 4-4-2-Formation gegen den Ball arbeiten, dies allerdings im Abwehrpressing tun, eröffnet Roger das Spiel gerne mit langen Bällen, indem er stets leicht zur rechten Seite herauskippt. In Duellen mit Mannschaften, die im 4-3-3- oder 4-4-2-Mittelfeld- und Angriffspressing spielen, trägt er hingegen keine so große Verantwortung für den Spielaufbau. In diesen Fällen kümmert er sich um die Besetzung des Sechserraums beziehungsweise die Bindung der gegnerischen Stürmer, indem er sich zwischen ihnen positioniert. Durch diese Art der Rollenverteilung baut Ingolstadt die Stärken des Brasilianers insgesamt gut ein und verhindert vor allem, dass seine Schwächen – vorrangig seine geringe Pressingresistenz – vom Gegner ausgenutzt werden.

Zur Unterstützung der tiefen Ballzirkulation gibt es ansonsten keine weiteren Abkippbewegungen anderer Akteure. Diese halten sich vielmehr in höheren Zonen auf, um sich bereits für den Gegenpressingmoment nach langen Bällen zu positionieren. Stattdessen rückt vor allem der linke Außenverteidiger Danilo Soares oftmals in den Halbraum ein, um die Ballzirkulation anzuschieben und als Ausweichstation bei gegnerischen Pressingszenen zu dienen. Häufiger bleibt der Brasilianer allerdings als Breitegeber auch auf der Außenbahn und bewegt sich mehr oder weniger gleichmäßig mit nach vorn. Der linke Achter Morales soll derweil infolge seiner aufrückenden Bewegungen für Verbindungen mit der Sturmreihe sorgen oder dort selbst Präsenz schaffen.

In manchen Partien der Hinrunde, aber vor allem nach der Verletzung Da Costas, interpretierte der Australier Leckie –Stammspieler bei der WM 2014 in Brasilien und Asia-Cup-Gewinner 2015 – seine Rolle nicht wie meistens als Halbstürmer und damit verstärkt in den Halbraum oder die Mitte einrückend, sondern orientierte sich in Aufbausituationen an der Seitenlinie, um ballnah Breite herzustellen. In diesen Situationen schob Soares wiederum in den Sechserraum, um dort für Präsenz zu sorgen und den direkten Passweg aus der Innenverteidigung auf Leckie zu öffnen.

Die Asymmetrie der Innenverteidiger gegen Mannschaften mit einem Stürmer

Die beiden Innenverteidiger Matip und Hübner positionieren sich im Aufbauspiel gegen Mannschaften, die gegen den Ball mit nur einem Stürmer spielen, insgesamt leicht nach links verschoben. Dies hat vorrangig den Effekt, dass Groß auf der rechten Seite neben Matip zurückfallen und als unterstützendes sowie verbindendes Element in der Ballzirkulation dienen kann.

Darüber hinaus ergeben sich durch diese Grundpositionen für die beiden Innenverteidiger meist unterschiedliche Aktionsmuster, die deren Stärken gut einbinden. So kann Matip seine dynamischen und weiten Läufe mit Ball am Fuß immer wieder einbringen, weil er zum einen in Groß eine Absicherung neben beziehungsweise hinter sich weiß. Zum anderen eröffnet ihm seine zentralere Grundposition nicht nur Raum für vertikale, sondern auch diagonale Vorstoßbewegungen in Richtung der rechten Außenlinie, ohne dass er Gefahr läuft, dort isoliert zu werden. Im Anschluss an diese Läufe kann Matip die höhere Position am Ball nutzen, um mit einem Pass Akteure im Zwischenlinienraum anzuspielen.

Auf der linken Seite findet Benjamin Hübner im Gegensatz zu Matip meist keine passende Raumstruktur vor sich, in die er aufrücken könnte, hat durch seine tiefe Grundposition allerdings auch selten hohen Gegnerdruck. Nach Anspielen aus dem Zentrum verschleppt der Linksfuß deshalb immer wieder das Tempo, provoziert ein ballnahes Verschieben des Gegners und eröffnet beziehungsweise verlagert das Spiel anschließend mit Vertikalpässen oder langen Flugbällen. Um diese vertikalen Passwege nach vorne in den hohen Achter- oder Zehnerraum zu öffnen und um Leckies Einrücken auszugleichen, balanciert der linke Achter Morales in dieser Variante oftmals weit und viel auf den linken Flügel heraus.

Die Asymmetrie der Innenverteidiger zur linken Seite hin kombiniert mit den Bewegungsmustern der Achter führt dazu, dass auch die Stärken der Außenverteidiger gut eingebunden werden. Soares kann so durch seine leicht eingerückte und vorgeschobene Positionierung seine Fähigkeiten im Kombinationsspiel mit Morales und Leckie einbringen. Demgegenüber verlangt das Anforderungsprofil auf der rechten Außenverteidigerposition einen lineareren Spielertypus, der sowohl breit agieren und über seine Laufstärke offensiv für Präsenz sorgen, als auch große Räume im defensiven Umschaltmoment abdecken kann. Mit Danny da Costa verfügt Hasenhüttl über genau solch einen Spieler. Wegen eines Schienbeinbruchs am 12. Spieltag gegen Fortuna Düsseldorf fällt der U21-Nationalspieler allerdings bis auf weiteres aus.

Ersatzmann Konstantin Engel konnte in den Folgespielen, die Offensivpräsenz Da Costas nicht eins-zu-eins ersetzen. Im Verlauf der Hinrunde nahm Ingolstadt deshalb den vereinslosen Tobias Levels unter Vertrag, was sich sofort als gelungene Maßnahme bewies. Auch Levels, der bei seiner vorherigen Station in Düsseldorf phasenweise als Innenverteidiger agierte, ist ein anderer Spielertyp als Da Costa. Dennoch passen sein robuster, absichernder Stil und die Art der Einbindung zur Mannschaft. Interessanterweise rückt Levels im Spielaufbau nicht nur früh auf, um sich am geplanten Kampf um zweite Bälle zu beteiligen. Der 28-Jährige ist ebenso in der Lage, die langen Zuspiele aus der Aufbaudreierkette heraus zu spielen und damit Groß eine höhere Positionierung zu ermöglichen.

Dreierkettenbildung im Aufbau durch Rogers Abkippen gegen Gegner im 4-4-2

Gegen Mannschaften, die in der Defensivstruktur auf eine Formation mit zwei Stürmern zurückgreifen, interpretieren die Ingolstädter ihr System hingegen deutlich symmetrischer. Roger kippt hier in der Regel zwischen die Innenverteidiger ab und beide Außenverteidiger schieben schon im Aufbau auf den Flügeln mit nach vorne. Beide Flügelspieler agieren in die letzte Linie geschoben und auch Morales zeigt hier unterstützende Aufrückbewegungen.

Beispielhafte Staffelung der symmetrischen Systemvariante mit  aufgerücktem Morales und abgekipptem Roger am 1. Spieltag gegen St. Pauli

Beispielhafte Staffelung der symmetrischen Systemvariante mit aufgerücktem Morales und abgekipptem Roger am 1. Spieltag gegen St. Pauli

Risikominimierung und Locken des Gegners

Insgesamt zeichnet sich das komplette Aufbauspiel des Zweitligaspitzenreiters durch seine relativ große Bedachtheit aus. Als bewusstes Mittel für mögliche Drucksituationen ist der lange Ball vorgesehen. Um diesen vorzubereiten und auch um den Gegner aus einer kompakten und tiefen Staffelung zu locken, verlagern die Ingolstädter das Spiel in der ersten Linie immer wieder, ohne dass der Ballbesitz zum Selbstzweck werden würde. Das Locken des Gegners geht teilweise so weit, dass man Torwart Özcan bewusst einbindet und zunächst einmal Raumverluste von 20 Metern oder mehr in Kauf nimmt. Dabei dient der Österreicher auch immer wieder als Ausweichstation, wenn Drucksituationen im Aufbauspiel zustande kommen.

Weil die Ingolstädter hier schwierige Situationen meiden, kommt es, dass der Spielaufbau je nach Gegner vornehmlich über zwei bereits erwähnte Elemente funktioniert: Entweder Matip trägt den Ball mit einem raumschaffenden Dribbling weit nach vorne, oder es kommt zum bewussten Einsatz von halblangen oder langen Vertikalbällen. Dafür schieben die beiden Flügelspieler dann im Aufbau zur Mitte an den zentralen Stürmer – in der Regel Hartmann oder Hinterseer – heran und formieren enge 1-2-Staffelungen. Dazu kommen einfache, vertikale Spielzüge, die schnell in die vorderen beiden Drittel getragen werden.

Gegenpressingfokus auf die hohen Halbräume

Darstellung der im Anschluss an lange Bälle hauptsächlich verwendeten Gegenpressingzonen.

Darstellung der im Anschluss an lange Bälle hauptsächlich verwendeten Gegenpressingzonen.

Die langen Bälle in der Spieleröffnung aus der Innenverteidigung oder von Özcan werden in der Regel hinter die gegnerische Abwehrkette in die Nähe der Halbräume gespielt und zwar so, dass die verteidigenden Spieler sie gerade noch oder gerade nicht mehr erlaufen können. Dabei haben diese Bälle relativ wenig Geschwindigkeit und oftmals Unterschnitt, sodass sich eine parabelförmige Flugbahn ergibt. Ziel ist, die gegnerische Abwehrkette zu einem Raumverlust zu zwingen und dazu zu bewegen, den Flugball direkt zu verteidigen oder diesem nachzulaufen. Durch die geringe Fluggeschwindigkeit soll verhindert werden, dass die gegnerischen Verteidiger Bälle bewusst passieren lassen, sodass sie die eigene Torlinie überschreiten oder der eigene Torwart sie abfangen kann.

Müssen diese Bälle direkt verteidigt werden, ergibt sich für die gesamte Abwehrreihe nämlich eine unangenehme Situation: den Abwehrkopfbällen wird durch die geringe Geschwindigkeit des Flugballes und der Rückwärtsbewegung des Verteidigers beim Kopfball einiges an Reichweite genommen. Des Weiteren sind die nachstoßenden Bewegungen der Ingolstädter Spieler in den Zwischenlinienraum nur schwer zu verteidigen, weil sich die gesamte Abwehrkette vorerst noch in der Rückwärtsbewegung befindet. Im Moment kurz nach der gegnerischen Abwehraktion eines der Spieler aus der Viererkette ergeben sich aus der Bewegungsdynamik enorme Überzahlsituationen in den hohen, offensiven Halbräumen, die in der Grafik rot eingezeichnet sind. Auch durch die Bälle hinter die Abwehr entstehen für die verteidigende Mannschaft unangenehme Situationen. Schlechte Sichtfelder der Verteidiger und das sofortige Nachrücken der Ingolstädter machen eine konstruktive Lösung für viele Gegner oftmals sehr schwer.

Rechtsüberladungen und Flankenfokus als offensive Grundmuster der asymmetrischen Systemvariante

Das Offensivspiel der asymmetrischen Ingolstädter Variante fokussiert sich vermehrt auf die rechte Seite. Dabei wird versucht über Flügeldurchbrüche mit anschließendem Ablagespiel zu Torchancen zu kommen. Gerade in der ersten Saisonhälfte war der Fokus auf diese Seite teilweise extrem, was zum einen daran lag, dass Danny da Costa hier sehr präsent war, zum anderen in Gegneranpassungen begründet war.

Dabei kompensierte Da Costa durch sein dynamisches Aufrücken die oftmals eingerückten und engen Positionierungen von Stefan Lex und sorgte in der Endphase der Angriffe sowohl für Breite als auch die ein oder andere Hereingabe von außen. In Folge der hohen Grundposition Da Costas waren auch die vielen Abkippbewegungen von Groß charakteristisch, während Morales stark in Richtung des linken Flügels tendierte.
Weil Leckie von seiner Seite zugleich immer wieder mit auf die rechte Seite herüberschob, um bei den Überladungen unterstützend zu helfen, kam dem US-Amerikaner eine balancierende Rolle in besonderem Maße zu. Der Nationalspieler beschränkte sich dabei nicht nur auf ein bloßes Raumöffnen oder das Freiblocken von Passwegen in die Tiefe, sondern auch und vor allem auf das Herstellen von Breite im Spiel. Diese Bewegungen zum Flügel heraus wurden in manchen Spielen, so zum Beispiel gegen den Karlsruher SC, dann sogar als schablonierte Rochadebewegungen zwischen Leckie und Morales zur Raumöffnung im Aufbauspiel genutzt.

Ingolstadts symmetrisches 4-3-3

Mit den Spielen gegen Düsseldorf, Berlin und Nürnberg gab es nach der Verletzung da Costas zunächst eine kleine Ergebniskrise, die aber nicht nur mit den notwendigen Anpassungen als Reaktion auf den Ausfall des Rechtsverteidigers begründet werden kann. Nach dessen Verletzung veränderte sich die Spielweise der Ingolstädter nämlich etwas und wurde insgesamt symmetrischer. Je nach Personal unterschied sich aber auch hier der Nutzungsgrad der rechten Seite, wobei der Flügel- und Halbraumfokus prinzipiell der gleiche blieb.

Groß spielte von nun an weniger auf die hinterste Aufbaulinie fokussiert und teilweise weiter nach vorne geschoben, sodass er zum einen die Angriffe mit nachstoßenden Läufen unterstützen konnte. Zum anderen agierte er so in gewisser Art und Weise raumblockend für Levels. Damit ermöglichte er es diesem, tiefer als da Costa zuvor zu spielen und sich auf einfache Art und Weise an der Ballzirkulation zu beteiligen, aber sich auch vereinzelt in lineare Offensivaktionen einzuschalten.

Neben da Costa musste Hasenhüttl in dieser Phase auch Stefan Lex ersetzen, der sich einen Riss des Syndesmosebandes zugezogen hatte – ebenfalls im Spiel gegen die Fortuna. Für ihn kam Moritz Hartmann in die erste Elf und lief dort im Sturmzentrum auf, was dazu führte, dass Hinterseer auf den rechten Flügel geschoben wurde.

Während Hinterseer auf seiner Seite genauso wie Stefan Lex weiterhin deutlich eingerückt spielte, sich dabei allerdings weniger auf den Halbraum, sondern verstärkt auf das Sturmzentrum fokussierte, spielte Leckie auf der anderen Seite deutlich breiter. Dadurch konnte vor allem Morales zentrumsorientierter agieren und schob nur noch selten auf den Flügel heraus, sondern unterstützte die Offensivbemühungen seines Teams vor allem mit nachstoßenden Läufen in den Rückraum oder das Sturmzentrum.

Zweiphasiges und aggressives Angriffspressing

Aus einer 4-1-4-1-/4-3-3-Grundausrichtung agieren die Ingolstädter in der Regel sehr proaktiv und schieben sobald als möglich ins Angriffspressing. Dieses zeichnet sich zum einen durch seine enorme Intensität aus und zum anderen durch seine große vertikale Streckung. Durch die vorgerückte Positionierung des Mittelstürmers, die eingerückten, aber im Vergleich zum zentralen Stürmer deutlich tiefer positionierten Flügelspieler und den großen Abstand zwischen diesen drei Akteuren zum Rest der Mannschaft entstehen neben 4-1-2-2-1 vor allem 4-3-0-2-1-Staffelungen.

Grobe Darstellung der Aktionsradien in der symmetrischen 4-1-2-2-1-Pressingvariante

Grobe Darstellung der Aktionsradien in der symmetrischen 4-1-2-2-1-Pressingvariante

Neben einer enormen Kompaktheit im und um den gegnerischen Sechserraum erzeugen die drei vordersten Akteure durch ihre enge Staffelung einen Block, der nahezu alle Passwege aus dem gegnerischen Aufbauspiel in den eigenen Achter oder Sechserraum versperrt und den Gegner so zum Spiel über die Flügel verleiten soll.

Der entstehende, stark leitende Aspekt im Pressing der Ingolstädter ist notwendig, um das anschließende, weite Verschieben der gesamten Mannschaft zum Ball vorzubereiten und letztlich auch abzusichern. Aus den in Ballnähe sehr kompakten und aggressiven Staffelungen gibt es später nämlich viele und oftmals weite Herausrück- und Nachschiebebewegungen der einzelnen Spieler aus dem Mittelfeld und der Abwehrkette.

Dabei schieben zunächst beide Achter nach und versuchen ballnah Mannorientierungen herzustellen, während Roger alleine den zentralen Sechserraum abdeckt. Dazu gibt es auf den Flügeln weite Herausrückbewegungen der Außenverteidiger, die für die Sicherung dieser Zonen zuständig sind. Zu Saisonbeginn zeigte sich Da Costa hier sehr aktiv und setzte zuweilen bereits den gegnerischen Außenverteidiger unter Druck. Dieses Verhalten hatte ein Nachschieben der gesamten restlichen Kette zum Flügel zur Folge. Die so entstehenden 3-1-3-3 / 3-4-3-Staffelungen erzeugten dabei in Ballnähe unwahrscheinlich hohen Druck, während ballferne Räume bewusst und teilweise extrem geöffnet waren.

Im Angriffspressing nutzen die Ingolstädter neben der eben beschriebenen symmetrischen Form des Pressing noch eine weitere Variante, die ihre asymmetrische Form durch ihre Positionsbesetzung erfährt. Spielt Hinterseer auf rechts, agiert er meistens höher als sein Pendant auf der linken Seite. Durch sein Anlaufen des rechten gegnerischen Innenverteidigers, soll dieser zu Querpässen verleitet werden, die die gesamte Mannschaft als Signal zum Aufrücken begreift. Während der zentrale Stürmer die Aufgabe hat den zweiten Innenverteidiger anzulaufen, rückt der jetzt ballnahe Flügelstürmer zur Mitte und ermöglicht so ein Anspiel auf den jetzt ballnahen Außenverteidiger – das Pressingopfer Opfer dieser Variante im Pressing.

Überspielt der Gegner im Aufbau Hinterseer bzw. den rechten Flügelspieler durch ein Anspiel auf den ballnahen Außenverteidiger rückt Groß teilweise weit mit zum Flügel. Dabei fokussiert er allerdings keine Ballgewinne, sondern verschließt lediglich Passwege zur Mitte und wartet auf die Unterstützung des zurückeilenden Flügelspielers, um den Ball wenn möglich mit selbigem und dem Außenverteidiger zu erobern

Auflösung des Pressings und Strafraumverteidigung

Schafft es der Gegner vereinzelt, sich aus solchen Drucksituationen zu befreien, verteidigt die letzte Linie Ingolstadts aggressiv und dynamisch. Gerade bezüglich der Verteidigung des Zwischenlinienraums gibt es viele aggressive und mannorientierte Herausrückbewegungen der Innenverteidiger. Vor allem Matip nutzt hier seine enorme Dynamik und Stärke in direkten Duellen aus.

Trotz der geringen Anzahl an Gegentoren, bleibt festzuhalten, dass die Auflösung des Pressings teilweise noch Probleme bereitet, gegnerische Mannschaften diese allerdings ob der hohen individuellen Dynamik der Abwehrspieler kaum nutzen können. Gerade Da Costa und auch Engels zeigten in den Herausrückbewegungen im Pressing sowie dem Rückzugsverhalten zurück in die Strafraumverteidigung teilweise individualtaktische Schwächen, aber auch Matips Herausrücken führte immer wieder zu einer Auflösung der horizontalen Kompaktheit der Viererkette. Gerade in den Spielen nach der Verletzung Da Costas gab es diesbezüglich Abstimmungsschwierigkeiten und Probleme Schnittstellenpässe in die Tiefe zu verteidigen. Eine insgesamt tiefere Positionierung Rogers und Morales weites Zurückarbeiten bis in die letzte Linie im letzten Spiel gegen Fürth, könnten erste Reaktionen auf diese Problematik sein.

Sind die weiten Verschiebebewegungen der Innenverteidiger im Pressing charakteristisch, so entfallen sie in der Strafraumverteidigung komplett. Eine Sicherung des Zentrums hat hier Priorität. Im Allgemeinen kann man sagen, dass der FCI auch hierbei insgesamt ein solides Auftreten zeigt, was die Abläufe und die grundsätzliche Stabilität betrifft.

Fazit und Ausblick

Mit Red Bull Leipzig und dem 1.FC Heidenheim gehört der FC Ingolstadt zu den drei Mannschaften der zweiten Bundesliga, die sich vorrangig über ihr Spiel gegen den Ball definieren und diesbezüglich auch leistungsmäßig führend sind. Dass alle drei Teams – Heidenheim und Leipzig als Aufsteiger – überraschend weit vorn in der Tabelle stehen, liegt sicherlich an der Tatsache, dass dieser Spielstil weniger von der Tagesform oder dem rein fußballerischen Leistungspotenzial abhängt als zum Beispiel die Spielweise der Braunschweiger Eintracht und es daher prinzipiell einfacher sein dürfte diese Abläufe insgesamt auf einem höheren Grundniveau, allerdings weniger erfolgsstabil abrufen zu können.

Dabei erzielen alle drei angesprochenen Mannschaften ihre Tore vermehrt nach Situationen, die ihr Spielstil provoziert und nicht nach eigenem Ballbesitzspiel. Welche Probleme diese Art des Fußballspielens allerdings mit sich bringen kann, sieht man an der Ergebniskrise der Heidenheimer in den Spielen vor der Winterpause. Unpassende Gegner oder geschickte Anpassungen derselben, die sich kurz- beziehungsweise mittelfristig nicht beheben lassen, können schnell in einer Serie schlechter Resultate enden, ohne dass sich die Mannschaft in ihren Kernkompetenzen verschlechtert oder insgesamt schwache Leistungen zeigt.

Potenziell ist auch der FC Ingolstadt ein Kandidat für eine kleine oder mittelfristige Krise in der anstehenden Rückrunde, nämlich dann wenn gegnerische Trainer ein taktisch geeignetes Mittel gegen die Spielweise der „Schanzer“ finden. Im Vergleich zu den Heidenheimern ist der FCI allerdings individuell deutlich höherwertig besetzt, sodass etwaige, zeitweilige strategische Nachteile darüber ausgeglichen werden könnten.

Insgesamt wirkte Ingolstadt in der bisherigen Saison am erfolgsstabilsten in der Liga. Dass sie ihren grundsätzlichen strategischen Ansatz nicht veränderten und quasi mit spieltaktischer Arroganz ihren Stiefel herunterspielten, scheint schlussendlich ein Pluspunkt zu sein. Der Halbraumfokus und die Standardmechanismen funktionieren eigentlich gegen alle Gegner in der zweiten Bundesliga, die in der Regel orthodoxe 4-4-2-, 4-1-4-1- und 4-2-3-1-Systeme präferieren.

In diesen Kontext sind die neun Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz, die sich die Ingolstädter während der Hinrunde erspielen konnten, bereits ein deutlicher Vorsprung, allerdings kein Ruhepolster. Trotzdem dürfte es sehr wahrscheinlich sein, dass die Mannschaft von Ralph Hasenhüttl auch am Ende der Saison auf Platz eins stehen wird.

Gurke 1. März 2015 um 18:58

Komischerweise läufts beim FCI nicht mehr seit diesem Beitrag hier 😉

Antworten

CE 2. März 2015 um 13:12

Ja, irgendwie war es fast zu erwarten.^^ Problemanalyse ist in Planung.

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