Donnerstag, 08.12.2016

Der „Klassieker“ bleibt trotz einzelner Ansätze unter seinen Möglichkeiten

ajax0:0Feyenoord-logo

Beim mäßig überzeugenden „Klassieker“ weisen die Teams ähnliche Probleme auf. Feyenoord ist dabei die Mannschaft mit mehr Kontrolle, zerstört sich die eigenen Ansätze aber zu häufig selbst.

In der Eredivisie kam es an diesem Wochenende zum großen Topspiel, dem „Klassieker“ zwischen Ajax und Feyenoord. Nach einem qualitativ enttäuschenden Hinspiel, bei dem Ajax mit einem bloß pragmatischen Defensivfokus gegen einfallslose Druck-Rotterdamer einen 1:0-Erfolg nach frühem Freistoßtor gerettet hatte, bestanden nun Erwartungen an ein deutlich besseres Duell zwischen den PSV-Verfolgern. Während die Gäste auf ihre derzeit übliche Besetzung – rechts hinten kehrte auch noch Wilkshire zurück – bauten, musste Ajax verletzungsbedingt auf Davy Klaassen verzichten. Dies stellte eine von zwei Änderungen im Vergleich zum Rückrundenauftakt dar und bedeutete eine Umstellung im Mittelfeld, wo der 18-jährige Bazoer seinen ersten Startelfeinsatz erhielt. In der zweiten Mannschaft konnte er schon seit einiger Zeit seine dominanten und ballsicheren Kräfte als Sechser demonstrieren, doch diesmal wurde er überraschend als Achter eingesetzt und wirkte etwas unstetig, während Serero als tiefster Akteur verblieb.

ajax0-0fey-2015Weiterhin gab es bei beiden Mannschaften gewisse Mannorientierungen als Grundrichtlinie in der Verteidigungslinie und den Mittelfeldbereichen, die aber weniger stark und klar interpretiert wurden als noch in anderen Saisonphasen. Bei Ajax orientierten sich Bazoer zwar an El Ahmadi und Andersen an Clasie, was bei Umschiebungen dann etwas halbgar angepasst wurde, doch Serero ließ sich von Immers Vorstößen kaum mal unbalanciert nach hinten drücken und in den Übergängen zum Flügel schob das Trio vor der Halbzeit mehrfach die diagonalen Verbindungsräume zu. Auf der anderen Seite zeigte Feyenoord zunächst eine 4-4-2-hafte Anordnung mit dem vor Serero nachrückenden und diesen zu versperren suchenden Immers. Dahinter gab es ebenfalls lose Mannorientierungen und beispielsweise einige vorrückende Übernahmen Clasies, aber nach außen weichende Läufe wurden nur selten eng verfolgt.

Durch die gewissen Mannorientierungen, die teilweisen Umformungen auf positionelle Rochaden und die Wechsel zwischen weniger und mehr Orientierung am Gegenspieler entstand in der Partie eine ungewöhnliche Eigendynamik. Der Rhythmus gestaltete sich bisweilen etwas chaotisch und unfest, was dafür sorgte, dass die immer wieder auf beiden Seiten vorhandenen Ansätze jeweils nicht so richtig zur Entfaltung kommen konnten – bei Ajax noch weniger, während Feyenoord im Verlauf der jeweiligen Halbzeiten sich steigern konnte – und die Begegnung die potentiell mögliche Gesamtqualität selbst ein wenig zerstörte. In den allerersten Minuten hatten die Hausherren noch leichtes Oberwasser, ehe dann Feyenoord ab Mitte des ersten Durchgangs das Zepter verstärkt übernehmen konnte. Dieser auch für den weiteren Verlauf der Partie recht prägende Einschnitt ließ sich vor allem an gegenläufigen Veränderungen in den Pressingausrichtungen festmachen.

Ajax gruppentaktisch interessant, aber mannschaftstaktisch inkonsequent

Gegen den Ball startete Feyenoord in einer 4-4-2-haften Formation mit dem vorschiebenden Immers, der wie erwähnt dabei Serero abdecken und das Zentrum per Deckungsschatten verstellen sollte. Aufgrund wechselnder Konsequenz in der Ausführung und einigen guten Aktionen der Ajax-Spieler ging dies nicht immer auf, so dass die Amsterdamer sich durchaus mal befreien konnten. Entstehende Lücken wurden anschließend vor allem über kleinere Überladungen ausgenutzt, bei denen Schöne eine entscheidende Rolle einnahm. Der teamorientierte Offensivallrounder zeigte sich kombinationsfixiert und versuchte als Fokusakteur immer wieder kleine Halbraumzusammenspiele mit dem zurückfallenden und ablegenden Milik sowie dem helfenden Andersen zu initiieren, während Bazoer für diese Kleingruppenszenen nach links auswich. Schöne spielte kurz an, erhielt das Leder im Dreieck zurück und versuchte eine weitere Aktion dieser Art. Daraus entstanden einige Ansätze, wenngleich Ajax beim folgenden Ausspielen mit den Laufwegen der umliegenden Kollegen noch Probleme hatte.

Anschließend verlagerte Feyenoord das Pressing jedoch in eine höhere Ausrichtung und verhinderte damit zunehmend die Entstehung solcher Situationen. Von links rückte einige Male Boetius in die hoch anlaufende erste Linie nach, was zu asymmetrischen Rautenansätzen und einigen gut angepassten Stellungen führte. Das gelegentliche Einrücken oder Zurückfallen Toornstras wirkte gelegentlich unterstützend. In den Zwischenbereichen im Mittelfeld gab es durchaus einige Lücken, doch war Ajax im Nutzen und Besetzen dieser Bereiche zu unsauber, so dass Feyenoords Plan, lange Bälle zu provozieren, vermehrt aufging. Es schien so, als habe de Boer sein Team zu sehr auf gruppentaktische Maßnahmen fokussiert, um den Gegner zu knacken. Doch waren sie in den Verbindungszonen um den Sechserraum herum in ihren Positionierungen und Bewegungen mannschaftstaktisch zu lasch und inkonsequent angelegt für die nötige durchgehende und weitgreifende Spielkontrolle gegen höheres Pressing, mit der man dieses zunächst umspielen, sich in den folgenden Bereichen hätte festsetzen und dann jene guten spielerischen Ansätze um Schöne konstanter hätte bedienen und ausnutzen können.

Feyenoord erzwingt die Kontrolle, zerstört sich vorne aber selbst

Umgekehrt war es bei Ajax´ Defensivarbeit so, dass sie die Begegnung mit einer hohen Ausrichtung begannen, sich später aber zurückziehen mussten. Die anfängliche Spielweise lebte von aufrückenden Bewegungen durch einen zentralen Mittelfeldakteur oder häufig Kishna sowie gewissen leitenden Ansätzen, die für Druck auf den Spielaufbau der Gäste sorgten. Durch Verlagerungen auf den offenen Nelom, gegen den dann ein Mittelfeldakteur herausrücken musste, konnte sich Feyenoord manchmal zwar lösen, musste dennoch einige Ballverluste oder lange Bälle hinnehmen. Im Folgenden allerdings drehte sich hier das Kräfteverhältnis ebenso um wie auf der gegenüberliegenden Seite. Feyenoord drückte die Mittelfeldlinie von Ajax zunehmend nach hinten und die Innenverteidiger ergänzten dies durch besseres Auffächern. So hatte Milik, der tendenziell Kongolo zustellen und dann auf van Beek nachgehen sollte, in isolierter Stellung kaum noch Zugriff und lief häufig hinterher. So erzeugte Feyenoord mehr und mehr Kontrolle im Aufbau und dem Herausspielen von hinten, wofür sich immer wieder einzelne Akteure wie Toornstra oder El Ahmadi fallen ließen und einige Rochaden zeigten.

Gerade über den teils herausragenden Clasie initiierten diese Akteure zu dritt oder zu viert mehrere sehr sehenswerte und spiel- wie taktisch starke Abläufe in den Übergangsbereichen, mit denen sie Ajax´ in der Orientierung etwas unsichere Mittelfeldlinie ausmanövrierten und nach vorne aufrückten. Unverständlicherweise wurden diese starken Ansätze in vielen Phasen gerade der ersten Halbzeit aber immer wieder abrupt abgebrochen, um einfach nach außen zu verlagern und Flügelszenen oder plumpe Halbfeldflanken zu bringen, bei denen viele Leute in den Strafraum nachrückten. Diese unsinnige Orientierung – schon in mehreren Partien unter Rutten gesehen – konterkarierte die eigentlich überzeugenden Momente aus den Angriffseinleitungen. Aus der leichten und später klarer werdenden Überlegenheit erzwang Feyenoord zwar ein klares Abschlussübergewicht, doch hauptsächlich handelte es sich um nur bedingt gefährliche Präsenzsituationen, oft auch aus Standards. Die Gäste waren also nicht so drückend besser, wie es vielleicht schien, sondern hatten eher solche Halbchancen und verschenkten ihr Potential. Vor der Halbzeit gab es eigentlich nur einen wirklich vernünftig durchgespielten Angriff, der auch nicht zufällig über den umtriebigen und einige Male sehr überzeugend einleitenden – mit Immers ablegend – oder herum rochierenden Boetius mitgetragen wurde.

Aus den jeweiligen Ansätzen wird zu wenig

An diesem Punkt lag übrigens auch wieder eine Gemeinsamkeit zwischen den Teams, denn auch Ajax hatte wie erwähnt phasenweise solch ansehnliche Szenen um Schöne herum gehabt, die sie aber auch nicht gut zu Ende spielten. Bei ihnen war dieses Problem insbesondere durch den aufgepeitschten Rhythmus bedingt. So suchten sie generell immer wieder viel zu vorschnell den letzten entscheidenden Pass. Nach leichten aufrückenden Bewegungen – beispielsweise kleineren, überraschenden Dribblings zur Überwindung gewisser Teilstrukturen bei Feyenoord – wollten sie bei Ankunft im letzten Drittel oder teilweise der gegnerischen Hälfte häufig schon direkt eine Chance einleiten. Diese psychologische Fehlorientierung beschädigte aber ihre Entscheidungsfindung in der Zirkulation enorm, so dass sie diese nicht mehr so wirklich aufbauten – sondern manchmal in der kollektiven Denkweise einfach das Element des Ballbesitzes gelöscht hatten und stattdessen mit wirrem Timing „los“-spielten.

Dies war der Grund, warum gewisse seitliche Ausweichräume zum Aufrücken neben und zwischen Mannorientierungen, die Feyenoord ihrerseits immer mal wieder gut nutzte, von Ajax vermehrt ignoriert wurden und die Gäste zudem in den Rückzugsbewegungen weniger Konsequenz benötigten. Stattdessen konnten sie mehr Risiko in der Pressinganlage gehen, weil Ajax das Überspielen einiger Linien aufgrund dieser beiden Probleme fast überhaupt nicht zu bestrafen in der Lage war. Alles in allem hatten beide Teams also in dem Moment große Probleme, wenn sie ihre überzeugenden Ansätze aus kleineren, lokalen Situationen auf eine größere, quasi globalere Ebene herüber transferieren mussten. So waren die Kontrahenten jeweils gruppentaktisch besser als mannschaftlich, aber Feyenoord insgesamt in dieser seltsamen, teils chaotischen Dynamik noch leicht oder tendenziell stärker, weil sie in der Gesamtanlage doch die deutlich stabilere Ausrichtung vorweisen konnten.

Zweite Halbzeit

Zur zweiten Halbzeit steigerte sich Ajax etwas, wurde aktiver und konnte die bisherigen Probleme beispielsweise dadurch abschwächen, dass sie einige bewusstere Bewegungen gegen Mannorientierungsansätze zeigten und dadurch Serero effektiver in zentraldefensiven Freiräumen einzubinden vermochten. Dennoch blieb die grundlegende Gemengelage der Begegnung recht ähnlich, Frank de Boer kritisierte anschließend das „Freilaufen“ – sicherlich waren gewisse individuelle Aspekte auch daran beteiligt – und im Ausspielen taten sich die Hausherren unverändert schwer, zumal Fokusspieler Schöne in seiner Entscheidungsfindung inkonstanter wurde und etwas zu perfektionistisch agierte. Einige Male schob Feyenoord die Ajax-Ansätze mit aus den nahen Mannorientierungen heranrückenden Überzahlen zu, woraufhin der ballführende Spieler nicht konsequent genug mit mittellangen Raumpässen antwortete.

Auf der anderen Seite gab es ebenfalls wenig Veränderung, wenngleich Ajax phasenweise wieder etwas besser herausrücken und früher Druck machen sowie die Kompaktheit um den gegnerischen Sechserraum vereinzelt verbessern konnte. In einer Phase um die Mitte des zweiten Durchgangs herum überzeugte Feyenoord dagegen mit guten lockenden kleinräumigen Ansätzen – mit zu den besten Momenten der Partie gehörend. Dabei spielte gerade Clasie mit seinen Kollegen kurze Doppelpässe um herausrückende Gegner herum, die dadurch bewusst aus der Reihe heraus provoziert worden waren. Dafür fiel auch Toornstra klarer und systematischer nach hinten und beim anschließenden Überbrücken der vertikalen Lücken bei Ajax stießen die tiefen Mittelfeldakteure dann konsequent wieder mit nach vorne. Durch Ablagen der verbleibenden Stürmer wurden sie ein paar Mal zu ordentlichen Szenen eingebunden und hatten nach der Halbzeit die etwas klareren Möglichkeiten als zuvor, ohne dass jedoch der entscheidende Treffer gelingen konnte. Ebenso wie die Auswechslungen beider Trainer war die absolute Schlussphase wenig ergiebig.

Fazit

Wieder einmal war gerade der spannungsreiche „Klassieker“ in der Wechselwirkung der Mannschaften keine allzu starke oder ansehnliche Begegnung. Gerade Ajax enttäuschte, da sie über weite Strecken das Mischungsverhältnis zwischen mann- und raumorientierten Elementen etwas unklar hielten, was den Zugriff erschwerte, und darüber hinaus in einem gruppentaktischen Fokus jene mannschaftstaktischen Elemente vergaßen, die vorige Woche noch für so ein überzeugendes Bewegungsspiel gegen Groningen gesorgt hatten. Dagegen war Feyenoord die etwa ab der 20. Minute kontrolliertere Truppe und unterstrich ihre Fortschritte in dieser Disziplin. Aus den ansehnlichen Ansätze, die das Mittelfeld um Clasie erzeugte, fanden sie allerdings – ein häufig zu sehendes Problem – vor der Pause wegen eines unnötigen Flankenfokus im letzten Drittel kaum klare Szenen, was sich nach der Halbzeit etwas besserte, aber nicht mehr zum Sieg reichte.

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