Barcelona zerlegt Depor nach Messis Lust und Laune

Deportivo_La_Coruna0:4barca

Der FC Barcelona gewinnt mit teilweise herausragenden Aktionen gegen ein überfordertes, doch bemühtes Deportivo La Coruna.

Deportivos Matchplan

Der Abstiegskandidat aus La Coruna und sein Trainer sprachen vor dem Spiel davon, dass es natürlich ein schwieriges Spiel werden würde, in welchem das Defensivspiel die Hauptrolle spielen würde, man sich allerdings nicht nur hinten verschanzen möchte. Ein situativ höheres Pressing oder zumindest ein Mittelfeldpressing war also zu erwarten. Letztlich war es wohl irgendwo zwischen einem hohen Abwehrpressing und einem tiefen Mittelfeldpressing anzusiedeln.

Die Hausherren stellten sich nicht sofort am Strafraum auf, sondern probierten immer wieder schon ab der Mittellinie Barcelonas Kreise zu stören und Druck auszuüben. Hierbei nutzten sie eine interessante Formation, welche in den vergangenen zwei bis drei Jahren durchaus einige Achtungserfolge kleinerer Mannschaften gegen die katalanische Kurzpassmaschine gebracht hatte.

Deportivo versuchte den Katalanen nämlich mit einem 4-5-1 beizukommen. Im 4-5-1 – wie wir schon in mehreren Artikeln diskutiert hatten – haben die meisten Mannschaften Probleme nach Balleroberungen gefährlich zu werden, stehen aber im Normalfall überaus solide und präsent im tiefen Mittelfeldpressing. Die Breitenstaffelung im Mittelfeld verschließt die Passwege in den Zwischenlinienraum, die Vielzahl an Spielern in einer Linie soll auch freie Positionierungen in diesem Band sowie herausrückendes Pressen und zurückfallendes Absichern im Verbund mit einem Kettenspiel ermöglichen.

MO Übergabeszene

In dieser Szene sieht man die flexible Anordnung von Depors fünf Mittelfeldspielern sowie die Mannorientierungen.

Das Problem bei Deportivo war aber die Umsetzung davon; sie waren instabil, kaum intensiv und  nutzten die Vorteile dieser Formation nicht allzu effektiv aus. Stattdessen schienen sie teilweise die Nachteile dieser Ausrichtung überwinden zu können, so gab es beispielsweise extrem dynamische und aggressive Konter und Angriffe in geordnetem Ballbesitz, wo sie überraschend viele Spieler schnell in Barcelonas Hälfte brachten.

Wegen Barcelonas hohem Ballbesitz und abermals verbessertem Gegenpressing kam dies allerdings nur selten vor. Die defensiven Anfälligkeiten Deports hingegen kamen sehr wohl verstärkt zum Tragen. Besonders bei Positionswechseln Barcelonas waren sie extrem unsauber. Die linke Seite Deportivos – hauptsächlich der linke Achter und der linke Flügelstürmer – schienen oft die Zuordnung zu verlieren und besetzten ihre jeweiligen Zonen nicht adäquat.

Deportivo war sehr unsauber

Deportivo war zu oft unsauber, wie in dieser Szene, wo die Zonenbesetzung katastrophal ist. Kein Druck auf den Ballführenden, grundlos geöffnete Räume, kaum Horizontakompaktheit, usw.

Ursache dafür waren natürlich die freien Bewegungen Messis, Rakitics und Alves auf dieser Seite sowie das situative Unterstützen.  Auch die vielen Verlagerungen Barcelonas, das Einrücken und die inversen Dribblings der Flügelstürmer, das damit verbundene „Kollabieren“ Deportivos in den Zwischenlinienraum und Barcelonas außerordentlich geschicktes Befreien daraus waren ein wichtiger Faktor für die massive katalanische Überlegenheit der Anfangsphase.

Nach ungefähr 30 Minuten spielte Deportivo aber verstärkt im 5-4-1, wodurch sie etwas stabiler standen, offensiv jedoch weiterhin kaum Zugriff wegen des geringen Ballbesitzes hatten. Sie wurden auch stabiler, weil Barcelona das Tempo nur noch selten wirklich erhöhte. Wenn sie es taten, waren sie deutlich überlegen. Insgesamt scheint der Trend beim Ligamitfavoriten wieder nach oben zu zeigen.

Das 5-4-1

Das 5-4-1, welches später öfter genutzt wurde, entstand durch das Zurückfallen des Linksaußen gegen Messi und dessen ballnah aggressives Herausrücken. Oft war aber auch das 4-5-1 zu sehen.

Der FC Barcelona auf dem Weg zu alter Stärke durch neue Stärken?

In den guten Phasen dieser Partie zeigten sich einige alte Tugenden des FC Barcelona wieder auf höherem Niveau. Die Ballzirkulation war teilweise sehr gut, ebenso wie die unterstützenden Bewegungen in der Offensive und auch das aggressive Gegenpressing wurde teilweise sehr gut und effektiv praktiziert. Aber nach wie vor gab es einige Unterschiede zu früheren Zeiten, was natürlich normal ist.

Die Guardiola-Ära ist längst vorbei und das Nacheifern dieser Zeit  ist zumindest in der rein taktischen Umsetzung unsinnig. Deswegen ist es interessant zu beobachten, wie genau Luis Enrique nun veränderte Rollen und Aufgaben für den aktuellen Kader und die verbliebenen Spieler dieser goldenen Jahre geschaffen hat. Dabei fällt auch auf, wie sich Barcelona alleine schon in den letzten Monaten unter Enrique verändert hat.

Zu Saisonbeginn agierte man beispielsweise noch im 4-3-3 mit sehr engen Flügelstürmern und sehr zurückfallendem Messi, mit der Ankunft Luis Suarez‘ wurde daraus verstärkt ein breiteres System mit anderer personeller Besetzung. Nach einer (kleinen) Krise in den letzten Wochen wurde spätestens mit der erfolgreich bestrittenen Partie vergangene Woche gegen Atlético Madrid (vorerst) ein neues System vorgestellt, welches auch gegen Depor in den Grundpunkten praktiziert wurde.

Auch das Pressing Barcelonas, welches zu Beginn der Saison mit drei sehr engen Stürmern gespielt wurde, ist jetzt wieder angepasst worden. Teilweise sieht es so aus (ballferner Flügelstürmer rückt ein und öffnet Raum, aber erzeugt mehr Druck).

Auch das Pressing Barcelonas, welches zu Beginn der Saison mit drei sehr engen Stürmern gespielt wurde, ist jetzt wieder angepasst worden. Teilweise sieht es so aus (ballferner Flügelstürmer rückt ein und öffnet Raum, aber erzeugt mehr Druck).

Der auffälligste Aspekt ist sicherlich, wie Messi und das Flügelspiel generell aktuell eingebunden werden. Messis Rolle ist nicht mehr jene der tiefen spielmachenden Neun und des zentralen Mittelstürmers, obwohl davon einige Aufgaben in seine neue Rolle inkorporiert wurden. Nach wie vor soll er Abschlusspositionen erhalten und bindet sich weiterhin schon im zweiten Drittel als Anspielstation für die erste Aufbaulinie und kreative Schaltstation nach vorne tief ein, doch dies macht er aktuell von der rechten Außenbahn.

Messis Freirolle ermöglicht ihm eine zentrale Positionierung und eine Überladung der ballnahen Räume.

Messis Freirolle ermöglicht ihm eine zentrale Positionierung und eine Überladung der ballnahen Räume.

In gewisser Weise wurde seine Freirolle nach rechts verschoben, von wo Messi immer wieder ins Dribbling gehen und gefährliche Pässe hinter die Abwehr spielen soll. Interessant ist hierbei, wie ähnlich Neymar und er auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. Neymar erhält wie Messi vielfach Bälle nahe der Seitenauslinie, dribbelt dann in Richtung Mitte und beide sollen diagonale Schnittstellenpässe hinter die Abwehr spielen. Diese Diagonalität hilft beim Durchbringen dieser Pässe und erhöht die Einfachheit des Spielens, gleichzeitig kann der ballferne Flügelstürmer jeweils nach vorne schieben und sich wie der sehr bewegliche Suarez als Mittelstürmer für die Schnittstellenpässe anbieten.

Der Unterschied liegt allerdings im taktischen Umfeld der zwei Stars. Neymar ist nicht so spielmachend wie Messi und wird nicht so fokussiert. Desweiteren bleibt Alba auf seiner Seite relativ breit, hinterläuft Neymar nur meist und es ist Suarez‘ Ausweichen vorne, der als dritter Akteur diese Seite unterstützt. Iniesta dient als zentrale Anspielstation, häufig ist es der einrückende Messi, der zusätzlich den zentralen Zwischenlinienraum besetzt.

Auf der rechten Seite sieht dies allerdings anders aus. Alves klebt im Gegensatz zu Alba nicht nahe der Außenlinie und hinterläuft viel seltener. Stattdessen steht der Brasilianer häufiger im defensiven Halbraum, vorderläuft Messi oder gestaltet das Spiel selbst. Messi wiederum steht in diesen Situationen breit, soll gegen einen Gegenspieler isoliert werden (mein Beileid) und ihm werden die zentralen Kanäle von Alves tieferer oder vorderlaufender Position geöffnet. Zusätzlich driftet Rakitic häufig als Anspielstation in den Zwischenlinienraum oder lässt sich bei Messis Läufen (oder bei vorherigem Einrücken in die Mitte) auf den Flügel fallen, um Messi abzusichern und ihm positionelle Freiheit zu ermöglichen.

Alves' Rolle im Halbraum als Spielgestalter bei breitem Messi.

Alves‘ Rolle im Halbraum als Spielgestalter bei breitem Messi.

Diese beiden Mechanismen und die grundsätzliche Flügelorientiertheit mit riskanter und fokussierter Vertikalität im letzten Abschluss stellen die größten Unterschiede zum Barcelona der letzten Monate und Jahre her, welche mit Iniestas tieferer Position, Xavis Absenz und Suarez als Mittelstürmer einhergeht.

4-5-1 und Rakitics Position.

4-5-1 und Rakitics Position im Zwischenlinienraum als Blocker, der situativ nach rechts ausweichen kann.

Deportivo war nun die zweite Mannschaft in Folge, welche darauf kaum eine Antwort fand, obwohl sie sich wacker hielten. Das 4-5-1 Depors scheiterte neben Barcelonas (einzelnen) extrem guten Aktionen auch an der eigenen Unsauberkeit.

Ich bedanke mich einmal mehr bei Laola1.tv und entschuldige mich einmal mehr für mein Internet.

Gh 19. Januar 2015 um 08:54

Nach dem Motto: warum umständlich überladen, wenn man die 1-Mann-Überlader Messi und Neymar hat. in der Kneipe gestern hat man Iniesta als „Opfer“ der neuen Taktik gesehen. Ich würde tatsächlich sagen, dass er unauffälliger als früher agiert, da es weniger Kleinraumkombinationen gibt, aber sein subtiler balancierdender Einfluss (im Umfeld von Neymar) ist mE gleich. Busquets hat gestern mal ausnahmsweise wirklich schwach gespielt. Handlungslangsam. Vielleicht etwas angeschlagen. Rakitic heftig gut, teilweise tauchte er in der Position als rechter Stürmer neben Suarez auf.

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PNM 19. Januar 2015 um 15:13

Zustimmung bei Busquets. Hatte viele Ballverluste vor der Abwehr, in Situationen wo man sonst eigentlich immer sagt: „Boah, wie konnte der da schon wieder nicht den Ball verlieren.“

Iniesta in der Rollenverteilung unauffälliger und auch irgendwo etwas verschenkt, wenn auch keinesfalls schwach.

Bin vor allem gespannt, wie Atlético sich jetzt am Mittwoch auf die neue Ausrichtung einstellen wird. Denke, da wird sich Simeone was spannendes einfallen lassen.

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