Gnadenloses Zentrumsspiel an der Spitze Italiens

napoli1:3juventus

Napoli stellt gegen den Tabellenführer die Mitte zu. Doch der lässt sich nicht lumpen und greift stattdessen einfach…durch die Mitte an. Ein strategisch auergewöhnliches und taktisch vielfältiges Spitzenduell in Italien.

Napoli 1-3 JuveIm zweiten Topspiel der italienischen Serie A musste Tabellenführer Juventus Turin in Napoli ran. Recht sehenswert – und eher untypisch für die Serie A – waren die Pressingansätze auf beiden Seiten. Dabei zeigte die SSC typischen Benitez-Fußball mit disziplinierter und passiver Kompaktheit, während Juventus sehr flexibel auftrat. Letztlich entschied Turins mutige, dominante Strategie bei eigenem Ballbesitz das Spiel.

Benitez‘ enger Achterblock

Napoli verteidigte in einem sehr eng angelegten 4-4-2, welches wohl vor allem gegnerische Fehlpässe provozieren soll. So waren die drei Reihen häufig nicht sehr eng beieinander und zudem stellten Higuain und Hamsik in der Spitze auch nicht ganz konsequent die Passwege, weshalb Juve relativ problemlos in die Räume um die Mittelfeldkette eindringen konnte. Durch die enge
Staffelung der beiden Viererketten wurde das weitere Vorwärtsspiel aber sehr erschwert.

Aus der engen Grundordnung löste sich dann oft ballnah ein einzelner Spieler, um Druck auf den Ballführenden zu machen und direkte Pässe in den Block zu unterbinden. So verschob auch nicht die ganze Mannschaft zum Flügel, sondern zur Flügelverteidigung wurde eine Kette verlängert, während die zweite eng und passiv nachschob. Teilweise wurde der herausrückende Spieler noch durch eins, zwei weitere Akteure unterstützt, die lose mannorientiert umliegende Anspielstationen unter Druck setzten.

Rhythmus- und Verbindungsprobleme beim Übergang in die Offensive

Das Spiel bei Ballbesitz Juve. Neapel zeigte auch Abwehr- und Angriffspressing, doch startete dabei meist in etwa dieser Grundhöhe.

Das Spiel bei Ballbesitz Juve. Neapel zeigte auch Abwehr- und Angriffspressing, doch startete dabei meist in etwa dieser Grundhöhe.

Diese passiv-kompakte Organisation passte erst einmal ganz gut zum Turiner Angriffsstil. Mit den drei Achtern, den beiden Mittelstürmern und Pirlo als Dreh- und Angelpunkt fokussiert sich die alte Dame schon intuitiv auf das Vorwärtsspiel durch die Mitte. Die lasche Flügelverteidigung versuchten die Gäste tatsächlich auch kaum zu bespielen. Bis auf vereinzelte Szenen, in denen Caceres nach Verlagerungen zur Grundlinie durchzubrechen versuchte, nutzte Juve die Freiräumen außen meist, um in den Zehnerraum durchzuspielen.

Das fiel Allegris Elf jedoch schwer, da sie gegen den geballten gegnerischen Block nur schwer zueinander fanden. Zum einen passte der Zirkulationsrhythmus nicht gut zu diagonalen Angriffen. Der Ball wurde sehr weiträumig und etwas träge laufen gelassen, sodass Napoli immer wieder kompakt in die Halbräume schieben konnte. Deshalb konnte besonders Tevez kaum Präsenz aufbauen, lief sich dann zu ungeduldig frei und musste Bälle meist unter Druck zurück nach hinten spielen. Das wiederum passte nicht zu Vidals gut balancierten Bewegungen; es war ein bisschen so, als ob sich die beiden zentralen Akteure gegenseitige die Räume wegblockten.

Marchisio interpretierte seine Rolle rechts eindimensional vertikal und konnte kaum Einfluss entwickeln (täusch ich mich, oder gilt das für ihn fast immer?). Er fehlte dadurch auch bei den Ansätzen um den linken Halbraum, wo Juve zumindest Präsenz andeuten konnte. Pogba, der offensivste der Mittelfeldspieler, versuchte dort immer wieder, mit Ablagen oder direkten Weiterleitungen Kombinationen anzukurbeln. Er befand sich aber ständig in völlig unpassenden Unterzahlsituationen. Auch die Abstimmung mit Evra passte hier nicht gut.

Zentrumsfokus vs. Horizontalkompaktheit = Gegenpressing

So konnten die Gäste zwar wenig Durchschlagskraft aufbauen, aber sie kontrollierten dennoch das Spiel. Vor allem, weil sie den Zentrumsfokus enorm reif, konstant und balanciert ausspielten. An der Stelle muss man zu Napolis Strategie natürlich sagen: Wenn der Gegner ständig über Andrea Pirlo aufbaut, ist es keine total geile Idee, auf spektakuläre Fehlpässe zu hoffen. Aber auch die Bewegungen der restlichen Mittelfeldspieler bedingten eine starke Präsenz, die sich dann vor allem nach Ballverlusten bemerkbar mache.

Juve konnte sehr schnell ein dichtes Netz mit vielen Dreiecken herstellen. So setzten sie die Neapolitaner sehr komplex unter Druck und spielten das auch sehr bewusst und intensiv aus. Pirlos ruhige Raumkontrolle und die weiträumige Dynamik der drei Achter ergänzten sich dabei sehr gut. Auch die Außenverteidiger schalteten sehr diszipliniert um und verhinderten Durchbrüche über die Flügel, welche von Benitez‘ Elf eigentlich forciert werden. Wenn die Außenverteidiger sich höher positionierten, kippten Vidal oder Marchisio übrigens häufig etwas nach hinten, um sie abzusichern; manchmal entstand gar eine Art 2-3-4-1. Leichtfertige Ballverluste in den ersten beiden Linien gab es fast nie. So konnten die Gastgeber kaum ihre Konterstärke einbringen.

Fast folgerichtig entstand das 0:1 über einen Abpraller. Llorente und Tevez wühlten sich in eine enge Strafraumsituation. Der geblockte Schuss landete seitlich bei Pogba, der nicht unter Druck gesetzt werden konnte, weil sich Napoli zu stark zusammengezogen hatte, und den Ball mit einer wunderbaren Direktabnahme versenkte.

Konsequente Buffon-Kette gegen passives 4-1-2-1-2-Angriffspressing

Eine Alternative zu Juves Mittelfeldpräsenz waren vereinzelte Szenen, in denen Napoli den Übergang ins Angriffspressing fand. Dann rückten sie mit losen Mannorientierungen auf, häufig schob dabei einer der Sechser weit hinter die Spitzen heraus, sodass eine gut gestaffelte Raute entstand. Sie machten dann nicht absolut entschlossen Druck auf den Ball, aber durch ihre Nähe zu den Gegenspielern und die gute Grundstaffelung wurde das Herausspielen für Juve sehr unangenehm.

Wiederum reagierte die alte Dame aber sehr konsequent: Bonucci und Chiellini fielen teilweise bis auf die Torlinie zurück und banden Buffon in einer Torwartkette als zusätzlichen Aufbauspieler ein. So konnten sie Napolos semi-konsequentes Anlaufen gut umspielen, sich dann über die Seiten nach vorne befreien und die Hausherren wieder zurückdrängen. Sie nutzten diese Szenen allerdings nicht, um die entstandenen Räume mit schnelleren Angriffen zu bespielen. Dafür bewegten sich Pogba und Marchisio – ihren Rollen entsprechend – auch nicht ganz passend.

Viel Klarheit, wenig Ideen gegen Juves Anpassungsfähigkeit

Napoli war also auf Angriffe aus dem eigenen Spielaufbau angewiesen und dabei zeigten sie ihre Schwächen. Besonders die Verbindung zwischen Doppelsechs und Zehnerraum sowie generell die Nutzung der Halbräume ist bei Mannschaften von Benitez häufig schwach. Stattdessen soll der Gegner über eine gute Gesamtabstimmung und sehr klare Angriffsabläufe ausgehebelt werden. Diese waren für Juve aber zu simpel.

Napoli Aufbau

Ballbesitz von Napoli. Wenn die verteidigende Mannschaft mehr Pfeile hat, lässt das schon erahnen, dass da offensiv nicht so viel abging. Juve verteidigte vor allem in der ersten halben Stunde deutlich höher, wurde mit der Zeit aber passiver.

Die Gäste zeigten eine tolle Anpassungsfähigkeiten und fingen alle neapolitanischen Angriffsdynamiken schon im Ansatz ab. Die nominelle Raute wurde sehr flach und breit interpretiert, als 4-1-3-0-2 könnte man sagen. Vidal ordnete sich dann auch immer mal situativ neben Pirlo ein, sodass ein 4-4-2 entstand. Je nach Situation war auch ein aggressiveres 4-1-3-2, ein normales 4-3-1-2 oder im Nachrücken ein verschobenes 4-3-2-1 möglich. Durch das Herausschieben der Außenverteidiger oder Mannorientierungen der Halbspieler – und folgende ballferne Balancierung – entstanden sogar kurzzeitig 3-4-1-2- und 3-5-2-Ordnungen. Viele Telefonnummern, letztlich heißt das nur: Juve war kollektiv aufmerksam, reaktionsfähig und dabei gut abgestimmt. Auch die Pressinghöhe wurde in einem weiten Spektrum variiert.

So wurden Napolis Flügelangriffe sehr passend und stabil zugeschoben, während die Mitte oft durch die flache Staffelung isoliert war. Vorstöße wurden frühzeitig erkannt und mit individuellen Rückwärtsbewegungen abgewürgt. Pirlo fiel dafür sogar ein paar Mal mit in die Abwehr zurück, was natürlich prompt von Vidal balanciert wurde. Napoli kam in der Folge zu keinem Schuss auf das Tor im ersten Durchgang. Das Tor nach einer Ecke blieb bis kurz vor Schlusspfiff der einzige solche.

Kein Gegenpressing bei den Hausherren

Theoretisch problematischer Punkt bei Juves defensiver Ausrichtung: Durch den Fokus auf Absicherung wurden sie häufig weit nach hinten gedrückt, besonders nach dem 0:1. Zudem entstand oft ein Loch zwischen Mittelfeld und Angriff, wo Napolis Doppelsechs die Umschaltaktionen ohne große Probleme kontrollieren konnte. So fehlte Juve auch in Kontern oft die Verbindung untereinander.

Dadurch wurden aber wiederum auch die kreativen Mängel in Napolis Zentrumsspiel und Gegenpressing aufgedeckt. Statt die Raumkontrolle zu nutzen, um verlorene Bälle direkt zurückzuholen, zogen sie sich meist geschlossen zurück. Sehr sehenswert waren dabei lediglich die Bewegungen von de Guzman und Callejon, die gelegentlich mit spontanen aggressiven Rückstößen variabel in die Rückzugsdynamik eindrangen und ein paar sehenswerte Balleroberungen erzwangen. Am Ende ist eben doch nichts schöner als ein riesiger Rückwärtspressingradius!

Fazit

Auch in der Endphase gab es keine bedeutende Steigerung bezüglich Napolis Kreativität. Mertens kam erst für Hamsik, sodass de Guzman die Zehnerposition übernahm, was aber taktisch nichts änderte. Anschließend ging er der niederländische Nationalspieler noch auf seine stärkste, die Achterposition, als in der Endphase die Brechstange im 4-2-4 bzw. 4-1-1-4 ausgepackt wurde. Allegri hatte zuvor jedoch bereits auf ein 3-5-2 bzw. 5-3-2 umgestellt und so konnte Juve die verstärkte Präsenz in der Spitze problemlos auffangen.

Der Tabellenführer dominierte das Spiel fast über 90 Minuten und gewann völlig verdient. Napolis glücklicher Ausgleich per Standard wurde im Gegenzug per Standardsituation egalisiert; hier könnte man sagen, dass die Alte Dame Glück hatte, kein Pech zu haben. Die Probleme in der Durchschlagskraft hätten Allegris Elf andernfalls auf die Füße fallen können. Stattdessen feuerte Vidal in der Nachspielzeit noch einen Distanzschuss in die Maschen zum 1:3-Endstand. So gab es mal wieder einen Sieg der Spielkontrolle. Benitez‘ reaktiver Herangehensweise wurden indes ein bisschen die Grenzen aufgezeigt.

rodeoclown 17. Januar 2015 um 03:49

Mich würde deine Meinung zu Marchisio interessieren, wenn du ihn hier zwischen den Zeilen kritisierst. Finde ihn unheimlich schwer einzuschätzen, schaue aber auch zu selten Juve um das wirklich beurteilen zu können. Vom Fähigkeitenprofil her fand ich das meistens ziemlich beeindruckend, sehr breit gestreut. Aber strategisch auch mit ganz merkwürdigen Schwankungen teilweise innerhalb von wenigen Minuten. Wirkte für mich immer Fußballer der vor lauter Überlegenheit schon in der Jugend aufgehört hat sich weiterzuentwickeln. Ein Mittelfeld-Shaqiri, der schon 28 ist?

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Recon 17. Januar 2015 um 16:33

Marchisio ist einer der permanent Räume schafft oder eben diese zu läuft, jedoch befand er sich im Vergleich zu letzter Saison eher in einem Formtief er übernimmt aber die Rolle des Pirlos wenn dieser geschont werden muss oder gar so wie Anfangs der Saison ausfällt, diese wichtige Position.
Dies macht er jedoch in jedem Spiel in beeindruckender Manier, letzteres beim 6:1 Erfolg vor 2 Tagen

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Chris 16. Januar 2015 um 17:38

Denkt ihr die Juve vs. Dortmund Spiele werden (vom Resultat mal abgesehen) ähnlich laufen? Napoli ist ja ein Team was ähnlich wie Dortmund auf schnelles umschaltspiel setzt.

mfg Chris

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Tom 15. Januar 2015 um 13:49

Da sehe ich mal ein Spiel und dann wird das gleich auch noch analysiert.
Ich fand das Spiel aber erschreckend. Zum einen wie Napoli Pirlo fast in einem Nichtangriffspakt gewähren lies solange er in der eigenen Hälfte blieb und wenn er in der gegnerischen Hälfte erschien, war das auch halbherzig und sehr starr. Sehr eng stehende 4er-Ketten mit teilweise Manndeckung, sobald der Gegenspieler eine bestimmte Zone betritt.
Dazu dann auch noch die Unfähigkeit Juves über die weit offenen Flügel Angriffe zu starten. Cáceres ist eigentlich öfter einmal gut auf dem Flügel durchgestartet.

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CST 12. Januar 2015 um 19:04

Super, endlich mal wieder ein Juve-Artikel 🙂

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