Valencias 3-1-4-2 lässt Reals System zusammenbrechen

valencia2:1real madrid

Im ersten Spiel nach der Winterpause erwarteten die meisten eine Fortsetzung des beeindruckenden Laufs von Champions-League- und Weltpokalsieger Real Madrid mit über zwanzig Siegen in Folge, doch Valencias interessante Dreierkette sorgte für eine Überraschung.

Valencia packt die Dreierkette aus

Nur drei statt vier Verteidiger gegen Reals Starensemble? Auf den ersten Blick mag dies eher kontraproduktiv/mutig/naiv wirken, doch in der Praxis ermöglicht es zahlreiche interessante Aspekte gegen Reals gefährliche Angriffsreihe. Natürlich wurde wie so oft die „Dreierkette“ nicht als Dreierkette interpretiert, obgleich Valencia dieser Spielweise näher kam als viele andere Mannschaften mit drei Innenverteidigern. Bei den meisten Mannschaften lässt sich der ballferne Flügelläufer zurückfallen und unterstützt die drei zentralen Verteidiger. Ballnah agiert der Flügelläufer höher und presst, kommt aber ebenfalls immer wieder unterstützend tiefer. Es entstehen dadurch je nach Team Fünfer- und pendelnde Viererketten.

Eine pendelnde Viererkette bei Valencia. Hier wirkt die Formation fast schon wie ein 4-4-2. Das war aber ein überraschend seltener Anblick, wie die kommenden Screenshots zeigen.

Eine pendelnde Viererkette bei Valencia. Hier wirkt die Formation fast schon wie ein 4-4-2. Das war aber ein überraschend seltener Anblick, wie die kommenden Screenshots zeigen.

Bei Valencia gab es interessanterweise zahlreiche Staffelungen mit einer klaren Dreierkette in der ersten Linie. Zwar ließen sich die Flügelläufer Piatti auf links und Barragan auf rechts häufig zurückfallen und halfen, aber blieben oftmals auch höher und pressten die Außenverteidiger Reals schon sehr hoch auf dem Feld. Gepaart wurde dies mit vielen situativen (und dann auch sehr strikten) Mannorientierungen der drei Verteidiger auf Benzema, Bale und Cristiano. Teilweise wurden diese sogar sehr weit verfolgt und erst spät freigelassen oder ans Mittelfeld übergeben.

3-1-3-2-1 mit ballnaher strikter Mannorientierung bis aus dem Bildrahmen hinaus.

3-1-3-2-1 mit ballnaher strikter Mannorientierung bis aus dem Bildrahmen hinaus.

Diese Spielweise ist allerdings potenziell instabil. Durch die Mannorientierungen aller drei zentralen Verteidiger können extrem weit offene Räume entstehen, wenn das Verfolgen nicht sauber vonstatten geht oder Real diese Bewegungen gut bespielt. Darum waren es insbesondere die Halbverteidiger Mustafi und Orban, die bei den ausweichenden Läufen Cristianos und Bales zum Flügel früh übergeben und passiver agieren mussten. Piatti und Barragan waren damit vereinzelt überfordert oder konnten die Dynamik um sich herum nicht kontrollieren.

Mit den Achsen Carvajal-Isco-Bale sowie Marcelo-James-Cristiano als Gegenspieler ist das allerdings kaum verwunderlich. Auf beiden Seiten können die Flügelstürmer als Mittelstürmer oder breitegebend agieren, die Außenverteidiger sind kombinationsstark und können auch vorder- statt interlaufen und die seitlichen Mittelfeldspieler sind technisch versierte und gut aufrückende Akteure.

3-1-4-2 Wechsel zu 3-3-2-2

3-1-4-2 wechselt durch das Herausrücken zu einem 3-3-2-2.

Einen positiven Nebeneffekt hatte diese taktische Problematik auf dem Flügel allerdings: Real visierte die Flügel verstärkt an, konnte dort zwar gut kombinieren, hatte aber einige Male Probleme effektiv in die Mitte zu kommen. Langfristig sollte Valencia in diesem Spiel davon profitieren. Besonders beachtlich war außerdem Valencias höheres Pressing in dieser Formation, welches sehr flexibel und komplex interpretiert wurde.

Nominell war die Formation gegen den Ball ebenso wie mit ein 3-1-4-2, wie es auch meistens und als Grundausrichtung gespielt wurde. Innerhalb dieses 3-1-4-2 gab es allerdings zahlreiche Umformungsbewegungen. Gomes spielte als halbrechter Achter häufig als verkappter Zehner und schob nach vorne, wodurch vereinzelt 3-2-3-2- und 3-4-1-2-Staffelungen entstanden. Paco Alcacer ließ sich als zweiter Stürmer teilweise zurückfallen und so gab es 3-4-2-1-Formationen.

Zwischen 3-4-2-1 und 3-4-1-2.

Zwischen 3-4-2-1 und 3-4-1-2.

Häufig schoben aber sowohl Gomes als auch Perez vor und pressten schon aggressiv in Reals Sechserraum hinter den beiden Stürmern oder gemeinsam mit Alcacer hinter Negredo. Der sehr unterschätzte und hochklassige Dani Parejo fungierte nicht nur als tiefer spielgestaltender Verbindungsspieler im eigenen Aufbauspiel, sondern sicherte weite Räume hinter den beiden Achtern ab und gab dem Defensivspiel die Balance. Parejo ging nämlich bei Bedarf auch nach hinten und besetzte offene Räume zwischen Innen- und Halbverteidigern.

3-3-3-1 bei Valencia.

3-3-3-1 bei Valencia.

Diese Spielweise war taktisch enorm sehenswert und anspruchsvoll. Obwohl Real letztlich durch die individuelle Klasse, einzelne Bewegungsabläufe und starke Kombinationen mehr Torchancen hatte, konnten sie dem Spiel nicht komplett ihren Stempel aufdrücken. Insbesondere in der Arbeit gegen den Ball bzw. beim höheren Pressing mangelte es vereinzelt an Zugriff und an zentralen Verbindungen im eigenen Aufbauspiel.

Reals volle Offensive mit einer asymmetrischen Formation

In den letzten Wochen und Monaten agierte Real vermehrt in einem 4-4-2-Pressing. Insbesondere seit den Spielen in der Champions League gegen den FC Bayern und diesen Herbst nach der Verletzung Bales sowie dem Abgang di Marias war Cristiano Ronaldo meist gegen den Ball ein zweiter Mittelstürmer und Isco agierte mit James als Flügelpärchen. Ohne Modric und mit Bale in der Startelf scheint Ancelotti sein Team aber wieder umbauen zu wollen.

Bale und Cristiano agierten in einem 4-3-3 als Partner von Benzema auf den Außenpositionen in der Offensivreihe. James und Isco wiederum spielten neben Kroos in der Mittelfeldreihe. Wie üblich gab es aber eine leichte Asymmetrie in dieser Formation. Bale z.B. ließ sich öfter zurückfallen und besetzte die Position des Flügelstürmers, was Cristiano nur vereinzelt tat. Häufig war es aber ein klares 4-3-3 allen drei Reihen in einer Linie.

Das 4-3-3 geht etwas in Richtung 4-4-2.

Das 4-3-3 geht etwas in Richtung 4-4-2.

Gegen Valencias flexibles Bewegungsspiel konnte Real aber nicht immer Druck aufbauen. Besonders beim höheren Pressing waren die Stürmer zu passiv und unkoordiniert, um Valencias Zirkulation zu kappen. Die drei Innenverteidiger, die Flügelverteidiger und das zentrale Mittelfeld öffneten geschickt Räume und Passwege, besonders Parejo konnte dadurch immer wieder ohne größeren Druck an den Ball kommen und den Ball weiterspielen. 57% Ballbesitz für Valencia in der ersten Halbzeit kamen nicht von ungefähr, auch wenn es im letzten Drittel an Verbindungen in die Spitze und Großchancen mangelte. Nach der Halbzeit sorgte es jedoch für den Ausgleich.

Valencias Okkupation der gegnerischen Abwehr funktioniert nach dem Seitenwechsel

Interessant war, wie riskant und aggressiv die Flügelverteidiger Valencias nach vorne schoben; der Begriff „Verteidiger“ ist deswegen gar etwas unpassend. In eigenem Ballbesitz agierten sie eigentlich wie Flügelstürmer, gaben nicht nur Breite, sondern schoben immer wieder diagonal nach vorne, gingen sogar hinter die Abwehr und rückten situativ in Richtung Mitte ein. Die beiden Flügelläufer und die zwei Stürmer besetzten somit zu viert die gesamte gegnerische Viererkette.

Real im 4-3-3 und Valencia besetzt die gegnerische Abwehrkette komplett.

Real im 4-3-3 und Valencia besetzt die gegnerische Abwehrkette komplett. Das taten sie nicht nur bei Abstößen.

Auf dem Papier ist dies natürlich eine sehr unangenehme Situation. Perez, Gomes und Parejo sorgten für eine Besetzung der drei Mittelfeldspieler Reals und die Flügelstürmer der Madrilenen standen zu hoch, um gegen Piatti (später der technisch starke Gaya) und Barragan die eigenen Außenverteidiger zu unterstützen.

Valencia im Aufbau.

Valencia im Aufbau mit sehr hohen Flügelläufern (nicht im Bild) gegen ein im höheren Pressing kaum kompaktes Real.

Beim Ausgleichstor Valencias war es ein einrückender Lauf des linken Flügelläufers, welcher Unordnung in die Viererkette Reals brachte. In weiterer Folge blieb dadurch der rechte Flügelläufer Barragan frei und konnte aus guter Abschlussposition den Ausgleich besorgen. Nach dem 1:1 befand sich Real unter Zugzwang.

Sie kümmerten sich verstärkt um den Ballbesitz, ließen den Ball länger laufen und pressten etwas aggressiver. Besonders auffällig war das verstärkte Zurückfallen der Halbspieler des Mittelfelds nach hinten zur Unterstützung der Außenverteidiger. Effektiv war dies allerdings nicht; der Zugriff war noch immer nicht vorhanden bei Real und das Unterstützen der Außenverteidiger öffnete anderweitig Räume. Eine Ecke sorgte gar für die Führung Valencias. Real konnte sich sogar nach dem Rückstand nicht konstant nach vorne orientieren. Sogar direkt nach dem 2:1 hatte Valencia einige weitere hohe Balleroberungen und zog sich nur vereinzelt zurück, ansonsten blieben sie ihrem aggressiven hohen Mittelfeldpressing treu. Souverän ließ man bis zur Schlussphase die Uhr herunterlaufen, wurde dann nur etwas anfällig, brachte den Sieg aber über die Zeit und bezwang überraschend den Giganten. Die Einwechslungen von Khedira, Jesé und Chicharito für Bale, Benzema und James blieben letztlich nur für den Spielbericht relevant.

Fazit

Trotz des Rückstands funktioniert Valencias Ausrichtung. Ihr aggressives und hohes Mittelfeldpressing, ihre veränderbare 3-1-4-2-Formation und die sehr riskante Besetzung der gegnerischen Abwehr sowie numerische Gleichzahl in der Abwehrlinie lohnten sich letztlich. Real konnte  sich zwar in der ersten Halbzeit noch über die Flügel häufiger befreien, doch nach dem Seitenwechsel waren der erhöhte Druck und die besser eingebundenen Flügelspieler Valencias ausschlaggebend für die Veränderung der Spieldynamik.

In der Schlussphase stand Valencia stabil, verhinderte den drohenden Ansturm Reals weitestgehend. Die Madrilenen fokussierten sich in all ihren Bewegungen verstärkt auf die Mitte und das Tor, waren aber dennoch nicht präsent genug. Die Einwechslungen von frischen Spielern auf Seiten Valencias taten ihr Übriges.

Danke an Laola1.tv für das Bildmaterial!

Isco 5. Januar 2015 um 12:39

Kommts mir nur so vor, oder werden die Spiele der beiden großen spanischen Teams hauptsächlich dann analysiert, wenn sie verlieren? ^^

Bei dem Spiel weiß ich noch immer nicht so richtig, wie es einzuordnen ist. Einerseits gibt der Erfolg Valencia ja irgendwie Recht, andererseits wirkte die Herangehensweise mit der Dreierkette mit Mannorientierungen gegen Bale und Ronaldo schon fast suboptimal. Bei mir bleibt irgendwie das Gefühl, dass Real die Räume normalerweise besser hätte nützen können.
Gerade Bales Form ist in letzter Zeit wirklich auf einem Tiefpunkt, hoffentlich bekommt Illarra endlich eine Chance im 4-4-2..

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Credo 5. Januar 2015 um 19:37

Es ist ja weitgehend bekannt, dass Rene ein Antimadridista ist. 😛
…Scherz 😀

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Isco 6. Januar 2015 um 00:30

Ist das überhaupt möglich mit so einem Akronym?

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PNM 6. Januar 2015 um 00:35

😀 😀 😀 Den feier´ ich grade. 😀

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Dr. Acula 5. Januar 2015 um 01:46

direkt nach dem ich das Spiel gesehen hab dacht ich mir schade, dass SV so selten Span. Spiele analysiert.. Wurde hier eines besseren belehrt. Gute Analyse, hut ab

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Fred 4. Januar 2015 um 21:25

Was traut ihr dieser Mannschaft insgesamt zu und v.a. würde mich interessieren, was haltet ihr von Nuno Santo?
Kann er Valencia langfristig in den Top 4 etablieren?

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Schorsch 4. Januar 2015 um 21:10

Ausgezeichnete Analyse, dazu noch in der Kürze der Zeit!

Die Mannorientierung der Spieler in der 3erkette wird als ‚potenziell instabil‘ bezeichnet, da extrem weite Räume bei unsauberem Verfolgen entstehen können oder Real die Bewegungen entspechend bespielen kann. Unter dem Strich hat es ja funktioniert, wie herausgestellt wird. Da stellt sich mir die Frage, ob die Alternativen zur Mannorientierung in ihren potentiellen Risiken nicht noch höher einzuschätzen gewesen wären?

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JD 4. Januar 2015 um 19:34

Es wäre nett, wenn ihr bei Berichten aus der BBVA nicht nur Screenshots zur Illustration, sondern auch die „normalen“ Graphiken verwenden könntet (zumindest die Startaufstellungen).
Der Inhalt ist wieder einmal spitze!

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PNM 4. Januar 2015 um 19:24

Klasse, grade das Spiel gesehen, und direkt danach gibt´s `ne Analyse. Hätte mir noch gewünscht. Finde die Analysen der La Liga Spiele aufgrund der Screenshots immer noch schöner. Trotzdem wäre es denke ich gut gewesen, am Anfang des Berichts kurz auf die Grundformationen der beiden Mannschaften einzugehen, um die Abläufe und Bewegungen aus der Formation heraus später besser nachvollziehen zu können.

War (positiv) überrascht, wie risikoreich Valencia das manchmal Verteidigt hat, indem sie durch die Mannorientierungen so viele Räume offen ließen.

Kleine Anmerkung: In der Schlussphase(ca ab 84., vielleicht auch eher), wirkte es bei Valencia für mich schon eher wie ein tiefes 4-4-2 mit enger Abwehr- und breiter Mittelfeldkette, oder hab´ich mich da verguckt?

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kompottclown 5. Januar 2015 um 10:07

@PNM: hätte ich genauso gesehen, obwohl auch da wie man so schön im Volksmund sagt, „mit Mann und Maus“ verteidigt wurde. die Mittelfeld-Außen sind in den letzten 10min konsequent mit den Außenstürmern mitgegangen, weshalb teilweise auch eine 6er-Kette entstanden ist. Nach dem Zurückfallen wurde nicht bei fremden Ballbesitz nicht wieder so schnell aufgerückt. Trotzdem gab es in Min. 82(?!) noch einmal einen blitzsuaberen Konter, der fast erfolgreich gewesen wäre.

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PNM 5. Januar 2015 um 20:47

Genau meine Beobachtung. Das war aber soweit ich weiß er letzte Konter.
Danach hat man sich darauf beschränkt, den Ball lang (meist die linke Linie runter) wegzuspielen.
Schon alleine, weil man gar nicht mehr die Staffelung für saubere Konter hatte, unter anderem wegen solcher Dinge wie die von dir Beobachteten situativen Sechserketten.

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