Rayos 3-3-4 dreht das Spiel in Getafe

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Platz 11 gegen Platz 12. Getafe  empfängt zuhause Rayo Vallecano. Obwohl die Buchmacher Getafe klar favorisierten (3.4-Quote auf Rayo), so weiß der Taktikexperte, dass man mit Jemez‘ Mannen immer zu rechnen hat. Sogar, wenn sie auswärts nach wenigen Minuten mit 1:0 hinten liegen. Rayo drehte das Spiel und begeisterte einmal mehr spielerisch wie taktisch.

Insuas Rolle und pendelnde Aufbaubewegungen im variablen 3-3-4

Einmal mehr begann Rayo Vallecano im 3-3-4, welches extrem flexibel interpretiert wurde. Schon in der letzten Analyse zu Paco Jemez‘ Mannschaft haben wir schon geschrieben, dass Rayos Formation oft ein klares 3-3-4 war, welches aber auch in einem 3-3-2-2, 3-2-2-3, 3-1-5-1, 3-1-4-2, 4-0-4-2 und 4-2-3-1 mit zurückfallendem Baena gespielt werden konnte. Je nach Situation und gegnerischer Bewegung kann man diese unterschiedlichen Staffelungen antreffen.

Pendelnde Aufbaukette

Hier steht Rayo mit drei Verteidigern, doch der Eindruck täuscht. Der linke Halbverteidiger agiert wie ein linker Außenverteidiger, Baena ist abgekippt.

Offensiv ist interessant, dass die beiden Halbverteidiger in dieser Formation immer wieder von Baena und den anderen zentralen Mittelfeldspielern abgesichert werden. Dadurch können sie aufrücken, nach vorne schieben und aus höheren Positionen Pässe in den gegnerischen Block spielen. Besonders fokussiert wurde Insua in diesem System genutzt. Die Bewegungen, um ihn herauszuschieben, waren taktisch hochwertig, weil teilweise auf die Unterstützung und Absicherung der zentralen Spieler verzichtet wurde. Insbesondere nach Seitenwechseln konnte man eindrucksvoll sehen, wie Rayo in eigenem Ballbesitz eine Art Kettenmechanismus bei den drei Verteidigern hatte.

Aufrücken nach Seitenwechsel

Hier sieht man, wie das Aufrücken stattfindet. Erst nach einem Seitenwechsel (der Ball war zuvor auf rechts!) schiebt der linke Halbverteidiger vor. Es wirkt wie eine Viererkette ohne Rechtsverteidiger.

Spielte Rayo zum Beispiel über rechts und wurde vom 4-4-2 Getafes nicht attackiert, dann schob der Halbverteidiger nach vorne. Oft ging es in den defensiven Halbraum davor, vielfach aber auch bis zur Seitenauslinie. Wenn die Seite gewechselt wurde, rückte der ballferne Halbverteidiger schnell zur Seite und bot sich höher und seitlicher an. Der zuvor ballbesitzende und aufgerückte Halbverteidiger rückte ein und besetzte die Position neben dem zentralen Innenverteidiger.

RayoAufbau

Hier steht die Dreierkette ohne abgekippten Sechser und ohne aufgerückten Halbverteidiger in einer orthodoxeren Ausrichtung. Staffelung: 3-2-4-1/1-4-4-1.

Dadurch wirkten die Aufbaustaffelungen häufig wie bei einer Viererkette, nur dass der ballferne Außenverteidiger merkwürdigerweise ein Flügelstürmer war. Wie schon erwähnt war es insbesondere Insua, der durch diese Bewegungen nach vorne schieben sollte. Somit wurde die Flexibilität dieses 3-3-4 in der ersten Linie noch erhöht, das variable Zurückfallen der zentralen Spieler und mit Bueno als stärker zurückfallendem Spieler (wodurch die Rollenverteilung eher wie ein 3-3-3-1 wirkte) ganz vorne hatte Rayo noch mehr Präsenz und lokale Kompaktheiten im Kombinationsspiel . Defensiv waren sie ebenfalls interessant und zeigten ebenfalls eine beeindruckende Variabilität.

Irgendwo zwischen Zweier- und Fünferkette

Baenas Zurückfallen, die herausrückenden Bewegungen aller zentralen Spieler, die hohe Position der Flügelstürmer sowie ihr weites Zurückfallen nach hinten (insbesondere von von Kakuta) und Buenos variable Positionierung neben den Stürmer sorgten dafür, dass man Rayos Formation gegen den Ball kaum beschreiben kann. Wie in eigenem Ballbesitz gab es eine Vielzahl von Staffelungen, die je nach vorheriger Situation und gegnerischen Bewegungen hergestellt wurden.

Rayo mal wieder im 4-2-3-1 gegen den Ball.

Rayo mal wieder im 4-2-3-1 gegen den Ball.

Häufig blieben sehr riskant nur zwei Spieler hinten; einer der Halbverteidiger presste hoch im Zwischenlinienraum und unterstützte die zentralen Mittelfeldspieler, die Flügelstürmer standen noch immer hoch. Teilweise gab es sogar saubere Viererkettenstaffelungen durch Baena oder einen zurückgefallenen Flügelstürmer, einzelne Fünfer- und sogar in einer tieferen Szene eine Sechserreihe waren ebenfalls vorhanden. Bei letzterer Situation waren kurzzeitig beide Flügelstürmer und Baena auf einer Linie mit den drei Innenverteidigern, weil die gegnerischen Außenverteidiger sehr hoch aufgerückt waren und Getafe insgesamt mit einer Vielzahl an Spielern angriff.

Sehr flacher Aufbau in einer 3-2-Staffelung in den ersten beiden Linien bei Rayo.

Sehr flacher Aufbau in einer 3-2-Staffelung in den ersten beiden Linien bei Rayo. Die großen Abstände bei Getafe sind sofort ersichtlich.

Diese Flexibilität gepaart mit Rayos gutem Pressing und Gegenpressing sowie dem konstruktiven Positions- und Ballbesitzspiel sorgten für ihre Überlegenheit. Allerdings hatte Getafe trotz defensiver Schwächen einige interessante Offensivaktionen.

Getafe mit unangenehmem Rhythmus und Zugriffsproblemen

An sich hatte Getafe eigentlich keine defensivstrategisch allzu interessante oder besondere Ausrichtung. Ihr 4-4-2/4-4-1-1 war nach spanischem Standard ausgelegt: Grundlegende Positionsorientierung, mit einigen situativen Mannorientierungen beim Verfolgen gegnerischer Mittelfeldspieler und in der Viererkette, recht sauberen und gut abgesicherten herausrückenden Bewegungen in der Viererkette und einzelnen Problemen in der Intensität beim Verschieben und im Gegenpressing.

Was auffällig war, ist jedoch die geringe Kompaktheit, die sich nicht nur in der Horizontale, sondern sogar in der Vertikale zeigte. Wenn Getafe höher zu pressen versuchte, konnte Rayo die entstehenden Räume hinter der ersten Pressingreihe meist gut bespielen. Einzelne Lokalkompaktheiten, beispielsweise durch ein mannorientiertes Herausrücken  der zentralen Mittelfeldspieler und ein flexibles Herausrücken der Flügelstürmer in die Halbräume mit Deckungsschatten auf die Flügel, gab es zwar vereinzelt, doch sie waren eine Seltenheit.

Getafes 4-4-2.

Getafes 4-4-2.

Getafes Ausrichtung in einem eher tieferen Mittelfeldpressing und dem etwas größerem Abstand zum Mittelfeld als üblich inklusive tieferer Abwehrreihe war aber unangenehm für Rayos Rhythmus und ihre Probleme in der strategischen Ausrichtung beim Abschluss. Einzelne Angriffe wurden überhastet oder ineffizient zu Ende gespielt, aus der Überlegenheit hätte Rayo eigentlich (noch) mehr machen müssen.

Solche Isolierungen und das Wegschieben von Getafes Formation hätte man verstärkt nutzen müssen.

Solche Isolierungen und das Wegschieben von Getafes Formation hätte man verstärkt nutzen müssen.

Allerdings hatte Getafe durch die vereinzelte Instabilität von Rayos sehr offensiver Ausrichtung, auch dank der frühen 1:0-Führung für Getafe, einzelne sehr starke Kombinationen und gefährliche Durchbrüche. Die Schussstatistiken wirkten zum Beispiel nicht ganz so klar (13:19) wie die Überlegenheit am Ball (um die 35%:65%) oder die taktisch-strategische Überlegenheit.

Dennoch war es nur eine Frage der Zeit, bis Rayo die Überlegenheit in Torerfolge ummünzen würde. Neben den zwei Toren gab es noch drei vergebenen Großchancen und einige sonstige gute Möglichkeiten. In Rückstand versuchte Getafe höher zu pressen, doch die taktischen Probleme konnte die veränderte Formation (4-1-3-2/4-1-4-1 statt 4-4-2/4-4-1-1) und die erhöhte Laufbereitschaft auch nicht abstellen. Sogar nach dem 2:1 hatte Rayo in der Schlussviertelstunde 4:1 Schüsse und 55:45% Ballbesitz.

Getafe versucht im 4-1-3-2 zu pressen.

Getafe versucht im 4-1-3-2 zu pressen.

Fazit

Einmal mehr überzeugt Rayo mit dem innovativen und extrem flexiblen 3-3-4. Ihr Positions- und Ballbesitzspiel gehören offensiv zum sehenswertesten der Welt, auch ihre Arbeit gegen den Ball ist sehr stark. Getafe hingegen enttäuschte. Sie zeigten zwar offensiv ein paar schöne Bewegungen, teilweise auch sehr gutes Nutzen von Ablagen, waren ansonsten aber klar unterlegen. Einzig Fehler von Rayo hätten Getafe noch ins Spiel zurückholen können, doch sogar mit der Führung im Rücken wirkte Getafe unsauber, unterlegen und unsouverän. Es schien, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Rayo das Spiel drehen würde; was sie letztlich auch taten, sogar ohne ihren heimlichen Star Pozuelo.

Danke an Laola1.tv für das Bildmaterial!

Dr. Acula 4. Januar 2015 um 15:36

hochinteressante Analyse zu einem ebenso tollen Spiel. Ich sollte mir öfter deren Spiele anschauen!

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king_cesc 4. Januar 2015 um 20:16

Hab mir das Spiel heute angesehen und war begeistert.
Trashorras ist mittlerweile bei meinen Lieblingsspieler unglaublich weit vorne 😀
Warum gibt es in Spanien eigentlich keine so starken Anpassungen wir in der Bundesliga (z.B. wenn Leverkusen der Gegner ist), oder seh ich dafür zu wenige Spiele aus Spanien?

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SB 7. Januar 2015 um 00:27

Ich glaube, dass in Spanien die Anpassungen an den Gegner nominell geschehen. Das heißt, dass eher ein anderer Spielertyp eingewechselt wird, als dass eine formative oder systematische Veränderung erfolgt. Das kann man sehr schön an Barcas und Reals Aufstellungen sehen. Bei kleineren Mannschaften gibt es keine besonderen Merkmale, die sie voneinander unterscheiden (Rayo selbstverständlich ausgenommen), weil alle eher passiv gegen den Ball agieren. Beides führt dazu, dass taktische Anpassungen inkl.(zumindest von Spiel zu Spiel) oft nicht einmal von Nöten sind. Man muss, salopp gesagt, nur wissen, wie man einen schlägt, dass schlägt man sie alle (siehe Atlético). In der Bundesliga gibt es 18 von Grund auf verschiedene, höchst variable Mannschaften

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