Zahlenwirrwarr im aufgeheizten Buenos Aires

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Vor längerer Zeit tauchte ein nach der Weltmeisterschaft 1978 erschienener Zeitungsartikel auf, der eine kleine taktische Analyse des Turniers in Argentinien vornahm.

„Ob das 4-2-4 der Argentinier, das 1-3-3-3 der Italiener, das 4-3-3 der Peruaner oder Brasilianer, das 4-4-2 der Niederländer – die besten Mannschaften machten aus ihrer Grundformation kein Schema, sondern sie interpretierten sie situationsgemäß, variabel in Abwehr und Angriff, mit einer sichtbaren Betonung der Offensive. Nicht alle taten das so augenscheinlich wie Argentinien, dennoch war das Bemühen um eine Forcierung des Angriffs in den niveauvollsten Treffen erkennbar.
In der Abwehr dominierte die kombinierte Verteidigung das Decken des Gegners in der torgefährlichen Zone und seine Übergabe, wobei es kaum ein stures Mitgehen gab. Abwehrspieler – Krol, Brandts, Poortvliet, Passarella, Cabrini, Bellugi, Toninho, Nelinho u. a. – waren ebenso torgefährlich wie Stürmer, die ihrerseits – Luque, Rensenbrink, Bettego u. a. – im eigenen Straf- und Torraum retteten. Überhaupt war diese Universalität eine der gravierenden Eigenschaften dieses Turniers, die den Stil der bestplatzierten Vertretungen in hohem Maße prägte. Es wurde universeller, rationeller und kollektiver gespielt. Wer allerdings diese Tugenden mit einfallsloser, uniformer und unattraktiver übersetzt, der wertet nicht nur vorsätzlich ab, der irrt. Daraus ergab sich nämlich eine größere Variabilität, ein höheres Maß an Überraschungen. Eben weil Verteidiger stürmten, Stürmer verteidigten und die Rückennummer kennzeichnete lediglich den Namen, nie jedoch die Position.“ (Erschienen in der fuwo, Autor unbekannt.)

Zunächst einmal ist es stets interessant und auch nicht ungewöhnlich, wenn man in alten Publikationen Analysen taktischer Sachverhalte findet. Dies gilt beispielsweise auch für frühere Ausgaben des kicker. So gesehen ist der Trend hin zu einem größeren analytischen Fokus kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, sondern gehörte zum Fußball immer dazu, wenngleich uns heute viel mehr Datenmaterial zur Verfügung steht.

Die Ausführungen des nicht bekannten Korrespondenten werfen aber Fragen auf. Wenig diskutabel ist, dass die WM 1978 wie viele Nationenturniere zuvor taktische Trends für die Augen der Weltöffentlichkeit sichtbar machte. Dies lag nicht an einem wie auch immer gearteten innovativen Geist dieser Wettbewerbe, aber die größere Aufmerksamkeit und das Aufeinandertreffen diverser Fußballkulturen und Denkschulen spielten hierbei eine Rolle. Gerade in den Siebziger Jahren wurde das Geschäft an sich transparenter. Die Europäer wurden von Südamerikanern weniger überrascht und selbiges galt vice versa. Zudem steht der Fußball von Verbandsauswahlen nicht unbedingt für Innovation, vielmehr für Pragmatismus. Trotzdem greifen Trainer die aktuellen Entwicklungen auf und integrieren sie auf einem meist oberflächlicheren Level, weil intensives Einstudieren in den kurzen Trainingslagern zur Vorbereitung nicht möglich ist.

Formationen der Finalgegner

Im zitierten Text fallen zunächst die Nennungen von verschiedenen Grundformationen auf, die vornehmlich den Top-Mannschaften dieses Turniers zugeordnet werden. Dass die Niederlande mit einem 4-4-2 in Verbindung gebracht wird, überrascht jedoch. Auch ohne tiefer gehende Analyse wird das Oranje-Team seit dem Aufstieg in den 1970ern genauso wie führende Vereine der Eredivisie mit dem heute als traditionell niederländisch geltenden 4-3-3 verknüpft.

2015-01-01_wm-finale_1978-grundformationenEine Betrachtung einzelner Spiele von 1978 bestätigt den Eindruck, dass kein 4-4-2 gespielt wurde. Im Finale im El Monumental, das die Niederländer gegen Gastgeber Argentinien 1:3 in der Verlängerung verloren, spielte Rob Rensenbrink als klarer Linksaußen. Der Angreifer von RSC Anderlecht startete vornehmlich ganz weit an der Außenlinie und dribbelte von dort aus diagonal nach innen. Mittelstürmer Johnny Rep driftete vor allem in der ersten Halbzeit des Finales in den linken Halbraum ab, sodass kleinteiligere Kombinationen möglich waren, aber oftmals durch hektische Abspiele beziehungsweise durch die rückwärtspressenden und verdichtenden Mittelfeldspieler der Albiceleste verhindert wurden.

Sicherlich agierte René van de Kerkhof auf der anderen Außenbahn nicht so Flügelstürmer-artig wie Rensenbrink und ließ sich des Öfteren tiefer fallen, um für den nach außen rückenden Johan Neeskens den Raum zu öffnen. Aber von einem 4-4-2 kann selbst in dieser Zusammensetzung nicht gesprochen werden, auch weil Renés Bruder Willy van de Kerkhof häufig sehr zentral positioniert war und die Bewegungen von Arie Haan ausbalancierte.

Auffällig war bei dieser WM des Weiteren, dass Ernst Happel im Vergleich zum 1974er-Nationaltrainer Rinus Michels nicht mehr eine extreme Form des totaalvoetbal spielen ließ. Die Oranje-Auswahl agierte positionsorientierter, was vor allem an den Außenverteidigern deutlich wurde, die selten einrückten und sich sogar mit Vertikalläufen gegen offensivstarke Gegner wie Argentinien zurückhielten.

Was die Deckungsarbeit im defensiven Drittel betrifft, so hat der Autor recht, wobei die gruppentaktische Ausführung keine Überraschung war. Beide Teams hatten in ihrer nominellen Viererketten einen Manndecker und einen Freispieler. Ernie Brandts verfolgte Argentiniens Mittelstürmer Leopoldo Luque horizontal sehr strikt, ließ ihn aber bei Abkippbewegungen ziehen, wodurch dieser immer wieder Bälle als vorderster Zielspieler unbedrängt ablegen konnte. Zumeist erhielt diese Zuspiele der Torschützenkönig Mario Kempes. Man kann keinesfalls von einem 4-2-4 sprechen, was eher die Brasilianer in dieser Zeit bevorzugten.

Kempes war eindeutig als höchster Mittelfeldakteur tiefer eingebunden und startete nur situative Tiefenläufe, wie man beim Führungstreffer im Finale bestaunen durfte. Man lässt sich von seiner damaligen Rolle beim FC Valencia sowie von seiner Positionierung bei anderen Vereinen womöglich blenden, aber Argentiniens Trainer César Luis Menotti stellte Kempes ins Zentrum, meist mit drei Spielern im Schatten. Dies lag daran, dass Kapitän Daniel Passarella der progressivere Ruud Krol war.

Während der niederländische Freispieler meist noch in klassischer Form halblange und lange Bälle von hinten heraus spielte, schob Passarella unablässig nach vorn, was beide Außenverteidiger dazu veranlasste tiefer zu bleiben. Zusätzlich schob Américo Gallego häufig etwas nach rechts, wodurch er Passarella den Kanal öffnete, der in diesem Halbraum von einem kleinen Loch profitierte, was das Oranje-Team durch die Abstimmung zwischen Neeskens und René van de Kerkhof offen ließ.

Vor Passarella und Gallego driftete Osvaldo Ardiles umher und generierte Synergien an allen Ecken und Enden des Mittelfelds. In jedem Fall lässt sich konstatieren, dass der WM-Gastgeber unter Menotti eine 4-3-3-Grundformation spielte und diese sich im Ballbesitz häufig in ein 3-3-1-3 oder 1-4-2-3 transformierte.

Licht und Schatten

Sogleich ist die These von der „Universalität“, die angeblich eine der „gravierenden Eigenschaften dieses Turniers“ war, diskutabel. Es wurde bereits erwähnt, dass gerade die Elftal eigentlich vier Jahre zuvor diese Art des Fußballs, genauso wie Ajax Amsterdam unter Michels und Kovács, zelebrierte. Bei der WM im damals von einer Militärjunta geprägten Argentinien schien dieses Element bereits wieder abzuflauen.

Sicherlich waren die Passarellas und Neeskens große Meister darin, überall auf dem Platz ihre Wirkung zu entfalten. Doch dies war eher der individuellen Spielintelligenz als den strategischen Vorgaben geschuldet. Trotzdem darf man in gewisser Weise zustimmen, dass einige Mannschaft „kollektiver gespielt“ haben, bezieht man diese These auf gruppentaktische Abstimmungen. Bei den Niederländern beeindruckte in diesem Punkt vor allem der Dreierblock im Mittelfeldzentrum, der eine verhältnismäßig enorme Intensität im Gegenpressing an den Tag legte.

Auf der anderen Seite war das Finale zwischen eben jener Oranje-Auswahl und den Gastgebern auch der Beweis, dass eigentlich von Minute eins an die Zwischenlinienräume groß und der normale Pressingdruck recht gering erschien. Happels Mannschaft glich dies durch eben das erwähnte Bollwerk aus, welches im Zusammenspiel mit Außenverteidiger und Außenstürmer eine wirksame horizontale Kompaktheit entfaltete.

Flexibilität war also zu einem gewissen Grad vorhanden, aber im Vergleich zu den Jahren davor nicht von größerer Wirksamkeit. Dass die Rückennummern nichts mit den jeweiligen Positionen zu tun hatten, ist klar. Sie wurden schließlich zu dieser Zeit alphabetisch vergeben.

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