Sir Alex Fergusons Giantkilling 1983 mit Aberdeen

Der Name Sir Alex Ferguson wird automatisch mit Manchester United verbunden. Doch schon zuvor feierte Sir Alex einige größere Erfolge. Neben seinem Aufstieg mit St. Mirren dürften es insbesondere die Erfolge Aberdeens sein, welche ihm den Trainerjob bei Manchester United einbrachten. Als Ferguson bei Aberdeen anfing, hatten sie nur einmal den Meistertitel gewonnen: Und zwar im Jahre 1955. 1980 angelte sich Ferguson den ersten Ligatitel seit 15 Jahren, der nicht von einem der Glasgower Teams Celtic oder Rangers geholt wurde. 1982 holte er den schottischen Pokal und verkündete großmündig, dass seine Ambitionen mit Aberdeen noch nicht einmal zur Hälfte erfüllt seien. 1983 folgte eine Sensation. Und dann noch eine und noch eine.

11:1 fertigte Aberdeen Sion in der Qualifikation ab, um sich für den Wettbewerb des Pokals der Pokalsieger zu qualifizieren. In der ersten Runde gegen Dinamo Tirana gewann man denkbar knapp durch einen 1:0-Heimsieg und ein 0:0 in Albanien. Gegen Lech Poznan in Runde zwei waren es ein 2:0 und ein 1:0. Lösbare Aufgaben, souverän, aber unspektakulär gelöst, möchte man meinen. Wenig deutete darauf hin, dass Fergusons Aberdeen in diesem stark besetzten Turnier eine wichtige Rolle spielen könnte. Doch ab dem Viertelfinale  begann Fergusons Lauf erst.

Aberdeen holte in München gegen den großen FC Bayern ein 0:0. Im Rückspiel gewannen sie mit 3:2 und drehten gleich zwei Mal einen Rückstand. Bayerns Elf beinhaltete damals auch einzelne hochklassige Akteure wie Paul Breitner oder Karl-Heinz Rummenigge.  Aberdeens große Stars: Torwart Jim Leighton, Rechtsaußen Gordon Strachan und natürlich der Trainer, Sir Alex Ferguson.

Der erste Gigant fällt

Das Spiel gegen die Münchner Bayern ist eines von drei Spielen gegen einen waschechten europäischen Giganten im Jahr 1983. Obwohl sie gegen die Elf von Pal Csernai mit die größten Probleme hatten, war das Spiel relativ simpel erklärt und der Fokus in diesem Artikel wird auf den titelentscheidenden Partien dieses Jahres liegen.

Bayerns Defensiv- und Offensivorganisation überzeugt nicht

Die Bayern unter Csernai sind bis heute bekannt dafür, dass sie dem damaligen Trend der Bundesliga zur Abkehr von Manndeckungen zu einem Mischsystem aus Mann- und Raumdeckung, dem sogenannten „U-System“ folgten, der vom damaligen Frankfurter- und später Bayern-Trainer Gyula Lorant begonnen wurde. Nach dessen Entlassung übernahm sein Assistent Pal Csernai den Trainerjob.

Aberdeen vs Bayern - GrundformationenDas U-System klang innovativ und wie eine Mischung aus den Vorteilen der zwei Systeme, war aber keineswegs so überzeugend oder innovativ. Es wurde eher unkompakt und mit Libero gespielt, in Strafraumnähe gab es Manndeckungen, nur weiter vorne wurde raumgedeckt – und auch hier gab es viele Manndeckungen mit Übergeben und zonale Manndeckungen. Diese wiederum waren sicherlich nicht so geplant, sondern von den Spielern improvisiert.

Die Formation lässt sich am ehesten mit einem 1-3-2-4 beschreiben. Auch ohne Bernd Martin, den unterschätzten Bernd Dürnberger und Torwart Jean-Marie Pfaff war die Mannschaft in dieser Partie gut besetzt. Manfred Müller stand im Tor, Augenthaler agierte hinter Grobe als Vorstopper als Libero, Horsmann begann auf links und der nominelle Mitttelfeldspieler Dremmler auf rechts.

Kraus und Breitner bildeten das Mittelfeldtrio, Del’Haye und Karl-Heinz Rummenigge spielten neben Dieter Hoeneß im Sturm. Insbesondere Rummenigge und Breitner galten zu jener Zeit als absolute Weltklasse, auch Udo Horsmann, Klaus Augenthaler und Wolfang Kraus zeigten starke Leistungen in dieser Saison.

Offensiv enttäuschten die Bayern aber im Kollektiv. Viele lange Bälle und individuelle Aktionen dominierten das Geschehen. Besonders die Einbindung von Karl-Heinz Rummenigge, zu jenem Zeitpunkt womöglich der beste europäische Stürmer, war kaum vorhanden und unpassend. Dieter Hoeneß wurde von McLeish verfolgt, seine Effektivität als Zielspieler für die gebolzten Bälle war also geringer. Es war passenderweise ein kurzer Freistoß Breitners 30 Meter weg vom Tor, den Augenthaler nach einem Dribbling per Distanzschuss ins Tor beförderte.

In der Phase danach dominierte Aberdeen das Geschehen.

Aberdeen überrascht mit aggressivem Pressing und Kurzpasskombinationen

Der Kommentator des Spiels sprach davon, dass die Schotten als Markenzeichen ein Pressing in der gegnerischen Hälfte aufziehen und dieses Forechecking zu Beginn dieser Partie vernachlässigt, von den Bayern wiederum überraschend praktiziert wurde. Die Bayern taten dies auch nach der Führung noch eine Weile, mit fortschreitender Spieldauer wurde Aberdeen aber immer aggressiver und presste besser.

Der beidfüßige Weir rückte auf links im Pressing oft heraus, Strachan unterstützte hingegen die zentralen Mittelfeldspieler, um Breitner und Rummenigges Bewegungen besser abdecken zu können. Rummenigges Ausweichräume konnten dadurch besser abgedeckt werden, desweiteren orientierten sich Cooper und speziell Simpson öfter situativ an Breitner. Der Weltmeister von 1974 kam darum kaum in die Partie und seine Läufe durch die Mitte wurden durch die zentrale Präsenz in dieser asymmetrischen 4-3-3-Rollenverteilung kaum eingebunden.

Dieses dem Rückstand verschuldete Pressing tat dem Spiel und Aberdeen gut. Sie kombinierten gegen die tieferen Bayern mehr, bauten aber ihre gut organisierten Halbfeldflanken ebenfalls immer wieder ein und drängten die im ersten Drittel mannorientiert agierenden Münchner mit den Vertikalläufen aus dem zentralen Mittelfeld nach hinten in extrem flache wie unpassende Staffellungen. Sie erzielten letztlich durch den erhöhten Druck auch den Ausgleich.

Auffällig war ihre sehr gute Strafraumbesetzung beim Tor: Eine Flanke vom Strafraumeck auf den zweiten Pfosten führte zu einer Großchance, doch die zwei Spieler dort köpften den Ball nicht ins Tor, sondern am Torwart vorbei vor das Tor. Der Abstauber des fünften im Strafraum und dritten am Fünfmeterraum befindlichen Simpson führte zum 1:1.

Das Spiel beruhigte sich danach nicht mehr, weil beide Mannschaften nun schon situativ in der gegnerischen Hälfte pressten und es mehr offene Räume mit dynamischeren Angriffen gab. Bayern hatte wie zu Beginn des Spiels einige gute Chancen, scheiterte aber öfters an der Strafraumverteidigung Aberdeens.

Bayerns stärkerer Druck führte letztlich zu einem sehenswerten Volleytor per Direktabnahme durch den starken Pflügler, auch wenn dieses Tor ebenfalls ein Distanzschuss aus einer eigentlich unpassenden Situation nach einer geklärten Flanke war. Das Spiel war damit allerdings nicht entschieden: Aberdeen presste abermals höher, Bayern stand aus welchen pseudo-strategischen Gründen auch immer wieder passiver und Ferguson brachte nach der Einwechslung eines offensiveren Außenverteidigers nach über einer Stunde auch in der 76. Minute mit Hewitt einen verkappten Stürmer für Mittelfeldspieler und Torschütze Simpson.

Danach ging es schnell. Beim direkt darauffolgenden Freistoß sah man bereits den Einfluss Fergusons. Gleichzeitig liefen McMaster und Strachan beim Freistoß an und schienen darüber zu streiten, wer ausführen würde. Das Lachen des Kommentators über die vermeintliche Misskommunikation wurde unterbrochen, als beide gemeinsam ausführten und der Ball plötzlich im Tor lag. Innenverteidiger Alex McLeish hatte eingeköpft.

In der folgenden Minute war es der unmittelbar vor dem Standard zwei Minuten zuvor eingewechselte Hewitt, der den Siegtreifer besorgte. Ein Wechsel und ein die Wahrnehmung vernebelnder Standardtrick reichten aus, um in zwei Minuten von 1:2 auf 3:2 zu gehen und das Spiel zu gewinnen. Ferguson eben. Es sollte ja nicht das letzte Mal sein, dass seine Mannschaft einen Rückstand gegen den FC Bayern auf europäischer Ebene mit zwei aufeinanderfolgenden Angriffen dreht.

Im Halbfinale hatten Aberdeen und Ferguson dann nicht mehr das Vergnügen auf einen Favoriten zu treffen, sondern fertigten die belgische Überraschungsmannschaft Waterschei Thor mit 5:1 ab. Die 0:1-Niederlage im Rückspiel bedeutete das erste Gegentor Aberdeens in der Fremde und die letztlich einzige Niederlage im gesamten Wettbewerb.

Die zwei größten Opfer sollten allerdings noch folgen: Das legendäre Real Madrid und Happels HSV.

Raum- und Strategiedominanz beim 2:1n.V. gegen das weiße Ballett

Im Finale des Pokals der Pokalsieger traf Aberdeen auf den Topfavoriten Real Madrid. Mit José Camacho auf der Position des Linksverteidigers, dem argentinischen Weltmeister Américo Gallego als Sechser neben Ulli Stielike, dem legendären Mittelstürmer Santillana und Vereinsidol Juanito auf Rechtsaußen, dessen Geist bis heute Reals Fans in schweren Stunden beschwören.

Strategisch und taktisch gab es direkt drei interessante Unterschiede zwischen Real und Aberdeen zu beobachten:

  • Real ließ sich das Spiel aufdrängen, übernahm also auch auf dem Feld die Favoritenrolle und hatte mehr vom Ball. In Ballbesitz waren sie aber deutlich unstrukturierter und desorganisierter als Aberdeen.
  • Im Gegensatz zu Aberdeen waren die Abstände und Staffelungen bei Real deutlich unsauberer, auf größere Räume ausgerichtet und die Defensivarbeit der Stürmer war überaus situativ, insbesondere vom zentralen Mittelstürmer. Aberdeen hingegen spielte bereits kollektiver und sicherte auch abrückende Bewegungen zum Ball besser ab.
  • Aberdeen spielte grundsätzlich Raumdeckung, in der sie allerdings situativ Manndeckungen übernahmen. Real hingegen agierte grundsätzlich in einer Manndeckung, in der situativ einzelne Spieler in Ermangelung eines Gegenspielers nicht manndeckten.

Diese Unterlegenheit Reals in einzelnen Punkten war letztlich der entscheidende Punkt für die Niederlage.

Aberdeen mit struktureller Überlegenheit in der Offensive

Zwar konnte Real ein paar Mal gut pressen und Aberdeen zu Fehlern zwingen, doch diese Pressingphasen gab es nur vereinzelt. Aberdeen überspielte diese entweder mit intelligenten kleinräumigen Kombinationen und darauffolgenden Seitenwechseln oder direkt mit langen Bällen.

Aberdeen vs Real - GrundformationenDas war interessanterweise der eindrücklichste Unterschied zwischen den beiden Mannschaften. Obwohl Aberdeen deutlich öfter (und für meinen Geschmack zu häufig) lange Bälle nach vorne bolzte, waren ihre Angriffe durchdacht und schienen einem Muster zu folgen. So gab es zahlreiche Verlagerungen von einer Seite auf die andere über zwei oder drei Kurzpässe, woraufhin sofort lange Pässe der Innen- oder tiefen Außenverteidiger entlang des Flügels parallel zur Seitenauslinie folgten. Die ausweichenden Stürmer bewegten sich in diese hinein, die Flügelstürmer hingegen schoben entweder in die Mitte oder blieben breit.

Die Sechser im 4-4-1-1/4-4-2 bewegten sich meist nach vorne und agierten sehr aufrückend, sie konnten auch auf zweite Bälle gehen oder eben die zwei umliegenden Spieler unterstützen. Diese raumüberwindenden Flügellinienpässe sowie Diagonalbälle in die ballfernen Räume auf einen ausweichenden Mittelstürmer waren wohl das häufigste Angriffsmittel Aberdeens. Sie wurden mit lockenden Elementen und guter Zirkulation über mehrere Zonen im ersten und zweiten Drittel hinweg kombiniert, weswegen Aberdeen schwierig zu pressen war und passende Räume zum Schlagen zahlreicher Flanken auf die zwei Stürmer in den Strafraum hatte.

Interessanter waren aber die (vergleichsweise seltenen) Kombinationen im Mittelfeld.  Hier gab es bei Pässen auf die Seite sehr oft direkte Ablagen in die Mitte nach hinten auf einen tieferen Spieler mit mehr Raum und Sichtfeld nach vorne. Meist folgten Vertikalpässe in die Spitze und eine weitere Ablage zur Seite; ein sehr hochwertiger Spielzug, dem man in Guardiolas Positionsspiel ebenfalls beobachten kann und wodurch bei diesen Kombinationen sofort vier Spieler einbezogen und viel Raum in den Halbräumen überwunden werden können.

Dazu kamen einzelne Rochaden; halbrechts und rechts tauschten Strachan und Simpson einige Male situativ die Position, im Sturm gab es dies ebenfalls häufig zwischen den beiden miteinander kreuzenden Stürmern zu sehen. Auffällig war, wie ruhig die Spieler nach Ballverlusten blieben. Sie suchten keineswegs panisch nach einer Möglichkeit auf die eigene Position zurückzukehren, sondern blieben auf der „fremden“ Position und übernahmen die dortigen Aufgaben ohne Probleme. Und: Sie gegenpressten. Das war zwar nicht so extrem wie bei Spitzenteams oder z.B. in der Bundesliga heutzutage, doch deutlich mehr als bei vielen anderen Mannschaften seit den 80ern bis heute.

Mit dieser Intelligenz – trotz Simplizität und Innovationsmangel – hatte Real enorme Probleme. Besonders die Offensive der Madrilenen litt darunter.

Aberdeens Stabilität und Reals verzweifelter Ballbesitz

Auch wenn Aberdeen deutlich mehr und früher bolzte und weniger vom Ball hatte, waren sie keineswegs die spielschwächere Mannschaft. Real konnte partout mit dem eigenen Ballbesitz nichts Konstruktives beginnen. Aberdeens raumorientiertes 4-4-2 war kompakt, Fergusons Team konzentrierte sich vorrangig auf die Besetzung der Mitte und verschob dann sogar ballorientiert auf die Flügel, auch wenn es nicht besonders dynamisch war. Die Grundzüge moderner Taktik und Strategie war aber bereits vorhanden.

Real nutzte Stielike und Gallego im Sechserraum zurückfallend, um von hinten das Aufbauspiel anzukurbeln. Beide schoben auch immer wieder weit nach vorne, insbesondere Stilieke und Angel, der dritte zentrale Mittelfeldspieler, gingen bis ins letzte Spielfelddrittel. Das Durchbrechen der Mitte funktionierte aber nicht. Aberdeen presste teilweise höher im 4-4-2, stand prinzipiell aber in der eigenen Hälfte im 4-4-2 und presste mit den Mittelstürmern rückwärts nach hinten und ließ die beiden Mittelstürmer extrem weit zurückfallen, wenn man an den eigenen Strafraum gedrängt wurde. Kompaktheit pur, zumindest für 80er-Jahre-Verhältnisse.

Das provozierte lange Bälle Reals, denen komplett die Organisation für diese langen Bälle abging. Das einzige Tor Reals – und auch die wenigen Chancen – entstand nach einem Fehlpass Aberdeens zum Torwart aus einer eigentlich absolut harmlosen Situation, wo der schlammige Boden eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Ansonsten war beachtlich, wie gut die Aufgaben bei Aberdeen in der Defensive verteilt und erfüllt werden. Besonders die Rolle des zweiten Stürmers und seine Veränderung im Spielverlauf waren beachtlich.

Aberdeen zwischen 4-4-2, 4-4-1-1 und 4-5-1

Trotz taktischer Unterlegenheit hat Real natürlich die besseren Einzelspieler gehabt. Besonders im Zentrum durch den einrückenden Juanito, Stielike und Gallego sowie den technisch starken Mittelstürmer Santillana gab es gleich vier individuell hervorragende Akteure. Ferguson schien vermutlich auch deswegen eher die Mitte als die gesamte Breite zustellen zu wollen, das 4-4-2 war betont eng. Ballnah wurden Mannorientierungen übernommen, wodurch aus dem 4-4-2 je nach Situation durch das Herausrücken von Außenverteidiger und/oder Flügelstürmer auch asymmetrische 4-3-3-, 3-4-3- und 3-5-2-Staffelungen entstanden.

Im Spielverlauf veränderte sich auch die Rolle der Mittelstürmer merklich. Sie pressten nicht nur intensiver rückwärts und positionierten sich enger an das Mittelfeld; nach der Einwechslung von Hewitt für Torschütze Black spielte Aberdeen auch eher in einem 4-4-1-1/4-5-1 als in einem 4-4-2.

Die Mitte war somit komplett zugesperrt und Real wirkte in der Verlängerung enorm harmlos. Aberdeens Flankenfokus (gepaart mit ein paar interessanten Lupferpässen) sollte sich letztlich auszahlen. Joker Hewitt traf zum 2:1-Siegtreffer. Der fleißige Analyst notiert: Balleroberung auf links von Weier, langer Ball am Flügel entlang in den offenen Raum auf einen ausweichenden Stürmer, der eingewechselte Hewitt im Strafraum köpft ein. Das zwischenzeitliche 1:0 war übrigens ein Standardtor, wo eine Ecke in den Rückraum des Strafraums gespielt und dann vorgeköpft wurde, Black staubte ab.

Mit diesem Sieg qualifizierte sich Aberdeen für den Superpokal. Im Dezember desselben Jahres trafen sie auf den HSV.

“Aberdeen have what money can’t buy; a soul, a team spirit built in a family tradition” – Alfredo Di Stefano nach dem Spiel

Und der nächste Goliath fällt…

Die von Trainerlegende Ernst Happel geführten Hamburger waren zu jener Zeit der amtierende CL-Sieger und für viele eines der besten Teams der 80er. Im Hinspiel in Hamburg konnte sich Aberdeen ein 0:0 erkämpfen, weswegen im Rückspiel kurz vor Weihnachten der HSV einen schweren Stand haben sollte. Ihre Spielweise zeigte trotz einer kleinen Krise zu jenem Zeitpunkt und dem letztlichen Scheitern gegen Aberdeen aber einige beachtliche Aspekte.

Tiefes Mittelfeldpressing, Raumdeckung und Asymmetrie

Die Hamburger starteten in einem asymmetrischen 4-4-2/4-3-3-System. Im Buch „Das große Happel-Fußballbuch“ von Heinz Prüller sprach Ernst Happel von drei grundsätzlichen Strukturen in der Defensivarbeit: Ein System sei das „Pressing“ über das ganze Feld bis zum gegnerischen Strafraum, dann das aggressive Forechecking weit in der gegnerischen Hälfte, von ihm meist praktiziert im 4-3-3. Das dritte System sei das passivere und auf konterorientierte Defensivspiel in der eigenen Hälfte, meistens mit einer klaren Sturmspitze und einem verdickten Mittelfeld genutzt. Die Raumdeckung, so Happel, sei aber bei beiden Pflicht. Manndeckung sei was für Esel (außer im eigenen Strafraum).

„Je weiter der Ball vom gegnerischen Spieler entfernt ist, desto mehr spiele ich auf Raumdeckung; je näher der Ball zum gegnerischen Spieler kommt, desto mehr spielt man auf Manndeckung“ – Ernst Happel erklärt die mannorientierte Raumdeckung

Aberdeen vs HSV - FormationenDie starke Raumdeckung – mit vielen situativen Manndeckungen, flexiblen Positionierungen und viel Übergeben von Räumen und Gegenspielern – war auch in diesem Spiel zu sehen. Das hohe Pressing fehlte, ebenso wie die klare einzelne Sturmspitze beim tieferen Pressing. Stattdessen positionierte sich Schröder nicht nur häufig vor dem Mittelfeld klar hinter Schatzschneider, sondern agierte sogar oftmals gar vor Schatzschneider im Pressing.

Interessant war aber die Orientierung der beiden in der Arbeit gegen den Ball, wodurch immer wieder die von Happel erwähnten 4-5-1/4-1-4-1-Staffelungen entstanden. Schatzschneider und Schröder pressten situativ diagonal nach hinten auf den linken Außenverteidiger Aberdeens, dessen Raum häufig von Hamburgs Defensivformation freigelassen wurde. Jimmy Hartwig besetzte oft den Halbraum und unterstützte die Mitte, erst nach Pässen auf den Flügel wich er auf die Seite heraus. Rolff auf links hingegen agierte flügelorientierter und die offensive linke Außenbahn wurde in der Defensive eigentlich immer von ihm besetzt.

Schröder und Schatzschneider ließen sich auch immer wieder ins Mittelfeld zurückfallen, wodurch ebenfalls 4-5-1-Staffelungen entstanden. Einige Male ließen sich beide zurückfallen und es gab ein interessantes 4-1-5-0 zu sehen, das aber nicht häufig genug genutzt wurde. An sich war Hamburgs Pressing trotz betonter Passivität als gut zu bewerten, besonders ihre häufig zugeschlagene Abseitsfalle überzeugte und war aller Ehren wert. Insgesamt wirkte der HSV dynamischer und stärker gegen den Ball, doch der Schein sollte trügen. Verantwortlich waren dafür auch die Hamburger selbst.

Kombinationsstärke ohne Kombinationsorientierung

Wenn der Hamburger SV kombinierte, waren sie die klar bessere Mannschaft. Nicht nur taktisch und spielerisch, sondern auch in puncto Erzeugen von Chancen. Sogar enge Räume konnten sie einige Male dynamisch bespielen und durchbrechen. Dazu passten die Bewegungen der Hamburger Spieler. Schröder fiel gelegentlich nach halbrechts zurück, agierte aber vorrangig als Blocker von Schatzschneider. Der Mittelstürmer zeigte sich sehr aktiv, ging immer wieder bis ans Mittelfeld zurück, fungierte als Anspielstation für Ablagen und Vertikalpässe. Einige Male tat er dies auch auf dem Flügel, aber deutlich öfter gab es kleine Dribblings im zweiten Drittel, wo er Räume im Sturm verwaisen lassen und Überzahlen im Zentrum erzeugen wollte. Dasselbe probierten die Flügelstürmer mit ihrem situativen Einrücken.

Auch in der ersten Linie gab es einige interessante Aufbaumuster zu sehen. Groh und Magath ließen sich zwischen Hieronymus und Wehmeyer öfters zurückfallen, besonders der nominelle Spielgestalter Magath ging immer wieder bis vor die Innenverteidiger und holte sich Bälle ab. Hieronymus und Jakobs standen manchmal auf einer Linie oder es rückte einer der beiden bis ins Mittelfeld auf, um aus dem Sechserraum aufzubauen.

Problematisch – und womöglich neben Schröder die Ursache für das Fehlen einer stärkeren noch Kombinationsorientierung – war aber Jimmy Hartwig auf halbrechts. Taktisch erfüllte er zwar seine Hybridrolle passabel, gab situativ auch Breite und versuchte sich in Kombinationen einzubinden, doch spielerisch enttäuschte er komplett. Zahlreiche Fehlpässe sowie einige Ballverluste durch technische Unsauberkeiten oder schlecht gewählte Dribblings sind der von mir vermutete Grund für die verringerte Kombinationsorientierung und einen Linksfokus.

Kaltz‘ Läufe wurden auf links kaum eingebunden, während Wehmeyer schon im ersten Drittel als tief positionierender Außenverteidiger Diagonalpässe in die Mitte spielte und auch bis ins letzte Spielfelddrittel einrückte, entweder Breite gab oder auch situativ diagonal vorderlief. Insgesamt war der HSV von den Bewegungen sehr ansprechend und hatte in diesen einige abstrus gute Kombinationen (im zeitlichen Kontext).

Vereinzelt haben die Abläufe beim Raumöffnen gar an den modernen Basketball erinnert. So ließ sich auf links gerne Mittelstürmer Schatzschneider zurückfallen, einer der beiden zentralen Mittelfeldspieler schiebt vor und wird dann vom Flügelstürmer und dem Außenverteidiger vorder- oder hinterlaufen. Hätte Aberdeen eine klare Manndeckung gespielt, wären sie extrem aufgemacht worden, weil der HSV damit nicht nur Räume öffnete, Anspielstationen kreierte und Zuordnungen durcheinander brachte, sondern auch eine Lokalkompaktheit mit sehr dynamischen Kombinationsmöglichkeiten generierte.

Die Bewegungen und vielen Ablagen Schatzschneiders wurden aber von der damals relativ kompakten und stabilen Raumdeckung Aberdeens isoliert, was zu Verlagerungen auf den Flügeln und zahlreiche Hereingaben in die Mitte führte. Eine stärkere Fokussierung auf Rückpässe, Seitenwechsel oder gar Kombinationsdurchbrüche mit Gegenpressing wäre gegen Aberdeen deutlich effektiver gewesen. Diese überzeugten nämlich mit den klassischen Ferguson-Tugenden – und ein paar intelligenten taktischen Punkten, insbesondere mit einer hochinteressanten Veränderung im Vergleich zum Real-Spiel.

Strachans neue Rolle und formative Veränderung

Aberdeen im Aufbau

Aberdeen im Aufbau

Im Spiel gegen Real wirkte Fergusons Aberdeen zwar sehr gut organisiert, aber doch klassisch britisch: 4-4-2, zwei Stürmer, relativ simpel und flügelorientiert agierende Außenstürmer. Gegen den HSV stellte Ferguson seine Mannschaft allerdings um. Aus dem 4-4-2 wurde ein 4-3-3artiges Gebilde, in welchen einige Aspekte wie im ersten Spiel umgesetzt wurden. Weir gab die Breite, es gab Positionswechsel ganz vorne, vorrangig von McGhee und Hewitt, dazu kamen natürlich viele Flanken und die wie üblich gut organisierten langen Bälle.

Das Pressing selbst war manchmal auch ein 4-4-2, wenn Strachan den Flügel besetzte, doch meistens standen die Schotten in einem 4-3-3 oder gar in einem leicht asymmetrischen 4-5-1. Magath, Groh und die Abwehrkette waren in diesem System beim HSV die wichtigsten Aufbauspieler, konnten aber komplett vom offensiven Zentrum abgeschnürt werden. Nur über Flügelaufbau mit diagonalen Pässen in die Mitte hinein und einzelnen Schnittstellenpässen kam man in den Zwischenlinienraum, welchen Aberdeen mit guter Bewegung, intelligentem situativem herausrücken und zurückfallenden Mittelfeldspielern verschließen konnte.

Deswegen gab es beispielsweise auch kein durchgehendes mannorientiertes Verfolgen der zurückfallenden Bewegungen Schatzschneiders und bei der zentrumsorientierten Formation wurden auch die Außenverteidigers des HSV im Aufbauspiel freigelassen. Strachans enorm weiträumige und herausrückende Rolle sowie die balancierenden Positionswechsel der beiden anderen zentralen Mittelfeldspieler sorgten dafür, dass Strachan häufig auch der tiefste und zentralste Mittelfeldspieler war.

Allerdings standen Aberdeen nicht nur in einem tiefen Mittelfeldpressing, sondern presste einige Male sogar in der gegnerischen Hälften. Nach Ballverlusten gab es häufig Gegenpressing, was durch die beidseitigen Lokalkompaktheiten wegen des ballorientierten Verschiebens und der vielen Flanken und langen Bälle Aberdeens leicht aufzuziehen war.

Aberdeen stellt außerdem die meisten Abstöße des HSV mit einem sehr hohen 4-1-2-3/4-2-1-3 zu. Die Logik dürfte simpel gewesen sein: Beim Zustellen des Abstoßes muss der HSV abschlagen, es gibt meist einen 50:50-Ball und selbst verlorene Kopfballduelle führen wegen der Distanz zum Aberdeener Tor selten zu gefährlichen Angriffen hinter eine höhere Abwehr. Bei einer höheren und organisierteren Zirkulation des HSV presste Aberdeen wegen der erhöhten Instabilität durch die geringere Distanz zum eigenen Tor eben nicht mehr höher, sondern zog sich zurück.

Aberdeen lebte also von der defensiven Stabilität, welche sich zum Beispiel auch anhand der eher zurückhaltenden Außenverteidiger zeigte. Diese wurden aber intelligent eingebunden und abermals überzeugte die simple Struktur Aberdeens im Aufbauspiel trotz vieler langer Bälle.

Aberdeens Offensive: Wieder simpel, wieder effektiv

Das gute Nutzen von Ablagen, Offensivbewegungen, Diagonalpässen und raumüberwindenden Pässen entlang der Seitenauslinie wurde schon in der Analyse gegen Real erwähnt. Die interessante Ausrichtung war aber Strachans neue Rolle, welche im eigenen Aufbauspiel noch auffälliger war als gegen den Ball. Strachan spielte nämlich nicht ansatzweise wie ein Flügelspieler, nicht einmal wie ein eingerückter. Wie in seiner späteren Karriere bei Leeds war er der primäre Aufbauspieler und ein „richtiger“ Sechser, wenn man es so nennen möchte.

Er ließ sich nach hinten fallen, positionierte sich sehr häufig zwischen McLeish oder Miller und dem rechten Außenverteidiger. Ein Großteil der Angriffe Aberdeens wurde von Strachan als tiefstem Mittelfeldspieler aus dem rechten Halbraum eingeleitet. Neben Strachan hatte einzig Miller noch eine fokussierte Rolle mit mehr Verantwortung im Aufbauspiel, McLeish hingegen schien nahezu vor dem Ball zu flüchten. Teilweise entstanden interessante Rauten mit dem Miller, McLeish, Strachan und einem der Sechser, wo Aberdeen sehr gut nach passenden Räumen für die langen Bällen suchen konnte.

Diese Spielweise wirkte sich auch auf die beiden Mittelfeldspieler neben Strachan aus. Sie schoben weit nach vorne, besetzen den Zwischenlinienraum und gingen hinter McGhee oder Hewitt auf die zweiten Bälle. Der Verlust des zweiten Stürmers wurde dadurch dynamischer und mit mehr Defensivstabilität kompensiert. Das gute Pressing der Hamburger wurde sehr gut übersprungen und die offenen Räume der Hamburger Pressingformation in den defensiven Halbräumen wurden intelligent genutzt, um den HSV nicht pressen zu lassen und sauber aufbauen zu können. Die tiefen Außenverteidiger hatten ebenfalls viel Raum, die dank Strachan befreiten Bell und Simpson vorderliefen teilweise die Außenverteidiger weiträumig und starteten diagonal in die Flügelräume.

Am beeindruckendsten waren aber die sehr guten Strafraumbesetzung und –verteidigung, die immer gute abgesichert waren. Bei allen Angriffen hatte Aberdeen eine Vielzahl von Spielern im Strafraum. Beim 1:0 war es eine Balleroberung am Flügel am eigenen Strafraum, bei der Weir entlang des Flügels nach vorne sprintete und in den Strafraum vor das Tor flankte. Dort fanden sich gleich vier Spieler um den Fünfmeterraum des HSV vor undflipperten den Ball ins Tor.

Erinnert uns das an etwas? Im Spiel gegen Real war es ebenfalls ein Konter über links nach einer Balleroberung mit einer Flanke in den Strafraum, welche zum Tor führte. Und das tat man bekanntlich schon gegen den FC Bayern beim 3:2 ebenfalls, ebenso wie die enorme Strafraumpräsenz bei Flanken (beim dritten Tor gar ebenso von links nach einer Balleroberung). Ferguson wird noch dreister: Das zweite Tor war ebenfalls wie gegen Real und Bayern eine Ecke, bei der die Bewegungsmuster und Orientierung in der Wahrnehmung des Gegners bespielt wurden.

Es kam eine sehr scharfe und sich zum Tor hindrehende Flanke auf den Elfmeterpunkt. Zuvor hatten die Aberdeen-Spieler aber den HSV in Richtung Torlinie gedrückt und rückten dann weg vom Tor zur Flanke. Keine erwischte den Ball, doch am zweiten Pfosten stand ein weiterer Aberdeen-Spieler steht am zweiten Pfosten, spielte scharf in die Mitte zurück und Aberdeen traf, bevor der HSV reagieren konnte. Das 2:0 reichte und die Schlussoffensive des HSV brachte keinen Erfolg mehr – Aberdeen kürte sich sensationell gegen den damaligen deutschen Topklub zur besten Mannschaft Europas.

Fazit

Diese Ferguson-Version des Kick and Rush, garniert mit intelligenten, wenn auch seltenen Kombinationen unter Druck und sehr guten Standards war im Verbund mit dem unangenehmen und effektiven Defensivrhythmus zu jener Zeit überaus effektiv. Hamburgs Pressing beispielsweise sorgte zwar für eine gewisse Instabilität in Aberdeens unfokussiertem Ballbesitzspiel, weswegen die vielen langen Bälle sicherlich auch eine Reaktion auf den HSV waren. Gegen Real hingegen waren sie nicht so provoziert, waren aber dank der Organisation und der Manndeckungen der Madrilenen ebenfalls sehr effektiv.

Dazu kamen saubere 4-3-3-Staffelungen gegen den HSV im Defensivspiel bei Aberdeen, gegen Real waren es eher ein 4-4-2 und später ein 4-5-1. Bayern bespielte man mit einer Mischung aus 4-4-2 und 4-3-3. Auch das offensivere Pressing gegen den HSV überraschte und alles in allem war Aberdeen schon in den frühen 80ern taktisch kaum anders  als der heutige englische Fußball. Im Gegenteil: Teilweise, z.B. in puncto Offensivstruktur oder Pressingausrichtung, waren sie sogar schon damals der heutigen Moderne klar überlegen. Der unangenehme Defensivrhythmus erinnerte gar an Argentinien bei der vergangenen WM, war aber durch die Kollektivität stabiler und im Verbund mit der offensiven Effektivität wohl der Hauptpunkt für Aberdeens Erfolg in Europa zu jener Zeit.

LM1895 15. Januar 2015 um 08:39

Und ich nehme an, Kraus und Breitner bildeten das Mittelfeldduo? Oder ist das mit dem Trio irgendeine Anspielung? 😉

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RM 15. Januar 2015 um 11:08

Ah, das hat es nicht ganz in den Artikel geschafft. Rummenigge und Pflügler unterstützten situativ die Aufgaben der zentralen Mittelfeldspieler. Habe es dann doch nicht ausgeführt, also ist „Trio“ sehr unverständlich.

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HK 31. Dezember 2014 um 15:43

Schönes Thema, schöner Artikel, das macht Spaß.

Das angesprochene Giantkilling würde ich vielleicht ein wenig relativieren. Man darf die Verhältnisse von heute nicht mit denen damals vergleichen. Schottische Spitzenteams waren zu der Zeit durchaus respektable und auch gefürchtete Gegner. Die schottische Liga war damals so um Platz 5 in der UEFA-Wertung.
Auch Aberdeen selbst galt damals als Team dem einiges zuzutrauen war. Leighton, Strachan, Miller, McLeish waren allgemein anerkannt, Black und Cooper galten mit als die heißesten Nachwuchshoffungen europaweit.
Zudem hatte Aberdeen das Glück zumindest die beiden deutschen Mannschaften jeweils in Krisen zu erwischen. Csernai wurde dann auch einige Wochen später entlassen.

Das soll die Erfolge jetzt nicht schmälern, nur das Gefälle war damals eben bei weitem nicht so groß, wie es aus heutiger Sicht vielleicht aussieht.

Noch ein kleiner Hinweis. Ich nehme an Tiranas spielte in Albanien, nicht Georgien.

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