Türchen 15: Ja-Cheol Koo

Hinter unserem 15. Türchen behält ein Koreaner auch in Unterzahl und höchstem Druck die Koontrolle über die Situation.

Als der 1. FSV Mainz sich vor einem Jahr die Dienste von Ja-Cheol Koo sicherte und dafür eine nur einstellige Millionensumme nach Wolfsburg überwies, war sich die SV-Autorenschaft einig: Bitte was!? Das kann doch nicht dein Ernst sein, Profifußball!

Der unscheinbare Meister des Unterzahldribblings

Der zentrale Grund dafür ist eine Fähigkeit, mit der Koo wohl sogar weltweit herausragt: das erfolgsstabile und gewinnbringende Auflösen enger Unterzahlsituationen.

„Er begeistert mich immer wieder, wenn er auf engstem Raum Möglichkeiten findet.“
– Dieter Hecking vergangene Saison über seinen damaligen Spieler

Besonders in Szenen mit drei (oder sogar mehr) Gegenspielern um sich herum hat er ein irres Gespür für den Moment. So kann er mit der ersten Orientierung den gegnerischen Zugriff verhindern und sich im weiteren Verlauf mit zuweilen spektakulär überraschenden Bewegungen aus der Enge lösen. Sein Bewegungsspeicher und seine Koordination sind außergewöhnlich. Trotz einer leicht trägen Staksigkeit entwickelt er dadurch eine flüssige Eleganz und Kreativität in den Aktionen, die ihresgleichen sucht. Sein Stil befindet sich irgendwo zwischen Krake und Gespenst.

Diese Fähigkeit ist leider eine oft übersehene, weil sie darauf basiert, Zweikämpfen geschickt und subtil aus dem Weg zu gehen, anstatt sie spektakulär für sich zu gewinnen. Häufig bemerken Leute durch die auflösende Auftaktbewegung gar nicht, dass es sich um eine Szene handelt, wo ein Spieler normalerweise den Ball verliert. Zudem sind die Folgeaktionen häufig nur unscheinbare Kurzpässe. Sehr wertvoll sind jedoch die indirekten Effekte, dass man mehrere Gegner auf sich zieht, dadurch Raum und Dynamik schafft und außerdem nicht nur die gegnerische Balleroberung verhindert, sondern auch noch das kollektive Zugriffsverhalten überrumpelt und den Gegner zur Neuorganisation zwingt. Die Mitspieler profitieren ungemein von solchen Aktionen.

Interessant bei Koo ist auch, dass er solche Szenen oft puristischer und unorthodoxer löst als andere Unterzahldribbler (bspw. Danny Latza oder Andres Iniesta). Die meisten solcher Spieler nutzen stark die gruppentaktische Umgebung, indem sie die Passwege zu ihren Mitspielern als Bindungspunkt des Gegners verwenden und dann in eine andere Richtung „fliehen“ können. Das macht Koo zwar auch, doch kommt er auch in isolierteren Szenen, wo er solche Passwege nicht nutzen kann, beeindruckend zurecht. Er spielt dann sehr präzise mit den individuellen Dynamiken der verschiedenen Gegner. Er bewegt den Ball also so durch den Zwischenraum, dass die Gegenspieler sich gegenseitig abbremsen und unsicher sind, wer wie Zugriff erzeugen kann, ohne sich zu behindern. So erzeugt Koo gewissermaßen gezielt die bekannten „nimm du ihn, ich hab ihn sicher“-Situationen in kleinräumiger Form. Wenn die gegnerische Dynamik bremst, kann er selber Tempo aufbauen und durch eine Lücke schlüpfen, sich mit seinen „Krakenbewegungen“ lösen oder einen Pass spielen, der wegen der abgetöteten Anlaufdynamik nicht abgefangen werden kann.

Definitiv kein Dribbler

Diese technischen Qualitäten sind noch bedeutend spektakulärer, wenn man sieht, dass Koo von Natur aus eigentlich kein Spezialist ist, sondern ein sehr koompletter Fußballer, der eigentlich alle Positionen jenseits der Abwehr auf hohem Niveau bekleiden kann.

Im Gegensatz zu klassischen Dribbelkünstlern ist der Mainzer sehr koooperativ veranlagt. Er beteiligt sich intelligent im Pressing, unterstützt seine Mitspieler und macht viele unspektakuläre Dinge, ohne auf das individuelle Spektakel fokussiert zu sein. Seine Dribblingfähigkeiten sind nicht das Ergebnis von Selbstfokussiertheit, sondern von der intuitiven Konstruktivität und Detailverliebtheit bei der Suche nach Lösungen.

So glänzt er auch im Koombinationsspiel, wo er sein Gespür der gegnerischen Dynamik für sehr effektive Ablagen nutzen kann. Auch als hoher oder tiefer Spielmacher kann er agieren, wobei man hier einschränken muss, dass er schon eher ein kleinräumiger Verbinder ist als ein großräumiger Ballverteiler ist. Er belebt die Strukturen, er bestimmt sie nicht. Doch in allen Räumen kann er durch eine sehr gute Entscheidungsfindung glänzen.

Schüchterne Inkonstanz

Trotz seiner Veranlagung hat Koo Probleme, regelmäßig Topleistungen abzuliefern. Bei all der Genialität und Uneigensinnigkeit fehlt ihm in manchen Situationen die Klarheit und Bissigkeit, um in der Umsetzung dann auch stabil zu sein. So gibt es einzelne Situationen und Phasen, wo er im Pressing etwas lethargisch wird und nicht die letzte Zweikampfhärte entwickelt oder auch mal einen weniger effizienten langen Weg mit geringerer Intensität zurücklegt. Regelmäig sieht man auch verblüffende technische Fehler in Folge von Koonzentrationsschwächen. Zudem fehlt es ihm in manchen Situationen auch einfach an Robustheit und Endgeschwindigkeit; ein besonders guter Athlet ist er nicht.

In Bezug auf die letztliche Effektivität und individuelle Durchschlagskraft ist er generell schwer zu bewerten. Er zeigt immer mal wieder schön gewichtete und kluge finale Pässe, hat eine gute Schusstechnik und kann seine Dribblingfähigkeiten auch attackierender einbringen. Trotzdem wirkt er nie koonstant gefährlich, da es ihm nicht gelingt, durchbrechende Aktionen wirklich zu fokussieren. Er lässt sich ein wenig vom Spiel treiben, anstatt es zu dominieren. Vereinzelt scheint er dann von sich selber mehr zu erwarten und entwickelt plötzlich eine Tororientiertheit, die dann häufig sogar übertrieben ist. Mal will er nichts, dann will er zu viel. Ihm gelingt noch nicht, über einen längeren Zeitraum die richtige Balance aus Reaktion und Aktion zu finden.

Das zeigt sich dann auch in seinem Bewegungsspiel. Dieses ist oft wechselhaft und wirkt teilweise fast ziellos. Trotz seiner eher präsent angelegten Rollen wirkt er häufig passiv. Er lässt sich etwas ziellos zum Ball spülen oder agiert in raumsuchenden Bewegungen zu weiträumig und unorthodox. So konnte er auch bei der WM als Kapitän seiner Nationalmannschaft kaum seine Qualitäten andeuten. Seine schüchterne Präsenz auf dem Feld ist sicher ein Hauptgrund dafür, dass er öffentlich nicht als Topspieler angesehen wird und oftmals auch tatsächlich nur geringen Effekt auf das Spiel entwickeln kann.

Einbindung als großes Fragezeichen

Es ist natürlich auch schwierig für einen Spieler, gleichzeitig präsent zu sein und dabei die Fähigkeit von auflösenden Unterzahldribblings einzubringen. Das Paradoxon, welches dabei zu lösen ist: Wenn man präsent bzw. dominant ist, hat man meist viele Verbindungen um sich und muss kombinierend oder passspielend agieren. Isolierte Unterzahlsituationen entstehen eher in abgelegenen Räumen, in die vorwiegend weniger dominante und vor allem offensiv ausgerichtete Spieler geraten. Als zentraler Achter ist das selten. Dazu kommt, dass man einen Spieler normalerweise nicht in Unterzahl anspielt; auch weil man ja umgekehrt woanders dann Überzahl hat. Sinnvoll müssen diese Engstellen aus der gegnerischen Defensivdynamik entstehen und gleichzeitig in die eigene Offensivdynamik eingewoben sein. Das klingt jetzt vielleicht noch komplizierter, als es ist, aber simpel ist was anderes.

Dieses Paradoxon prägt Koos Karriere nicht nur individuell, sondern vor allem mannschaftlich. Es ist sehr schwer, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in Gänze einzubinden. Bisher ist das wohl keinem einzigen seiner Trainer wirklich gelungen, wobei es unterschiedlichste Ansätze gab, die oft auch gut durchdacht waren: Bei Augsburg machte er eine gute Figur als eher individuell agierender, einrückender Rechtsaußen, der viel den Ball hielt. Auch als offensiver Achter neben Daniel Baier – bestes Abstiegskandidaten-Mittelfeldzentrum jemals? – funktionierte er gut; jeweils aber auf niedrigem Grundniveau. Dieter Hecking versuchte ihn bei Wolfsburg dann als Achter hinter Diego zu installieren, wo er vereinzelt glänzte, aber in vielen Phasen auch in der Luft hing, da das strategische Fundament um ihn herum zu wackelig war. Bei Mainz, wo Thomas Tuchel ihn als Wunschspieler haben wollte, agierte er meist als Zehner der Raute. In der aktuellen Saison spielt er auch als inverser, einrückender Linksaußen und treibt sich viel im linken Halbraum herum. Beides funktioniert nicht schlecht, doch oft fehlt ihm bei Mainz die generelle Spielkontrolle und Offensivpräsenz, um dauerhaft Durchschlagskraft zu verursachen. In der südkoreanischen Nationalmannschaft spielte er als hängende Spitze oftmals zu hoch.

Es ist einfach schwer, das ganze Spektrum von Koos Fähigkeits in passender Frequenz zu nutzen. In konventionellen System muss man da bei der Positionswahl bereits eine Einschränkung in Kauf nehmen: Nutzt man seine hohe Erfolgsstabilität für die Pressingresistenz im Aufbauspiel oder bindet man ihn ihm Angriffsspiel als dynamikschaffenden Kombinations- und Unterzahlspieler ein? Beide Aspekte zu verbinden, wäre fast ein Meisterstück.

Eine Einbindung, die es für Koo wohl noch nicht gab, ist der Einsatz als Mittelstürmer. Das wäre eigentlich eine interessante Variante, da er dort seine Präsenzschwächen überspielen könnte, seine Unterzahlaktionen „normaler“ und tornäher einbringen könnte, öfter von seiner Schusstechnik und seinem Ablagenspiel Gebrauch machen würde und wohl auch mit dem strategisch guten, aber inkonstanten Pressingstil passend eingebunden wäre. Nebenbei könnte er natürlich phasenweise zurückfallend als falsche Neun agieren, in unterschiedlichen Stilen. Das wäre wohl mal einen Versuch wert.

Generell könnte die strategische Variation seiner Rolle eine taktisch leichter umzusetzende Lösung sein. Allerdings bräuchte es dazu einen Trainer, der konstant effektiv in den Spielrhythmus eingreift und daher in der Lage ist, diese Variationsmöglichkeit auch gewinnbringend anzuwenden. Solche Trainer gibt es nur ganz wenige. Fergie ist ja leider in Rente.

Bei allen Eventualitäten ist der entscheidende Punkt aber der, dass Koo ein irres Potential hat. Man kann nur alle Daumen drücken, dass er in seiner Karriere möglichst bald in eine Situation kommt, wo er das voll abrufen kann. Alles andere wäre ehrlich gesagt zum Kootzen.

Rabona 15. Dezember 2014 um 22:37

Klopp kaufen ?

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Guergen 15. Dezember 2014 um 12:33

Das ist mal wieder wirklich gut. „Sein Stil befindet sich irgendwo zwischen Krake und Gespenst.“ Herrlich. Um den Vergleich mit dem gestrigen Artikel zu ziehen: Hier wird eben nicht die Dampfwalze gebraucht, um literarischen Humor in den Artikel zu bringen. Kudos!

Da ich das Tippspiel sicherlich nicht gewinnen werde wünsche ich mir einen weiteren Gewinner-Artikel: „Der DDR Fußball hat Ende der 90er/Anfang der 00er Jahre das internationale Leistungsniveau des gesamtdeutschen Fußballs gerettet. Begründen Sie diese These.“

Zum Artikel: Koo – koole Socke. Hab es mir mit den Südkoreanern übrigens beim kicker-Managerspiel zur WM leider voll verkackt, weil ich schon die Kims und Lees nicht unterschieden konnte und dann gar nicht mehr nach gewissen Koos geschaut habe.

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Todti32 15. Dezember 2014 um 13:55

Das ging mir beim WM-Managerspiel ähnlich, die Hälfte meiner Mannschaft bestand aus Japanern und Südkoreanern.

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Guergen 15. Dezember 2014 um 14:22

Aber ich nehme an, dass du genau wusstest, wen du aufgestellt hast…. ich war irgendwann zu faul mich mit den ganzen Kims und Lees auseinander zu setzen und hatte nur die falschen…. weil man beim kicker auch ohne zusätzliche Klicks nicht erfahren hat, bei welchem Verein jetzt Herr Lee #563 spielt. (Ja, ich bin eurozentristisch und Kack-gemein, aber wenn es im DFB-Team fünf Müllers und vier Meiers gegeben hätte, würde es wohl jedem Fremdsprachler auch so gehen. Ich bin tatsächlich recht sicher, dass in der heutigen Zeit die Unterscheidbarkeit der Spieler, ob nach Namen oder Aussehen (womit Westler bei Aisaten ein Problem haben und Asiaten bei Westlern) fr die zu geringe Anerkennung der Entwicklung des asiatischen Fußballs sorgen. So wie keine Socke den Namen „Schweinsteiger“ auch nur aussprechen kann, kann auch niemand „Schweinsteiger“, „Höwedes“, „Badstuber“ und Co merken. Und das ist im heutigen Fußball ein existenzielles Vermarktungsproblem.

Wollte also nur sagen, dass (leider) Asiaten aufgrund der Namensproblematik und auch Spieler aus Westeuropa mit schwierigen Namen, ob sie jetzt Schweinsteiger oder Vennegoor of Hesselink heißen, benachteiligt sind.

Lösung? Künstlernamen für alle! (Allein deutsche oder skandinavische Umlaute, traditionell immer gleiche Namen etc, sind für die Vermarktung kacke)

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blub 15. Dezember 2014 um 12:06

Ich liebe Artikel wie diese. Sie sind so Koomisch.

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PH 15. Dezember 2014 um 11:44

Herrlicher Artikel! Ich bin (wieder einmal) begeistert von Eurer Adventsaktion.
Eure Porträts brachten mich dazu, bei einigen Spielern mal genauer hinzusehen und so entdeckte ich, dass mir solche Hipster-Kicker wie Daniel Baier, Roman Neustädter, Michu, Ki und eben Koo besonders gefallen.

Ich habe damals einem Mainzer Freund gratuliert als Koo von meinem VfL zu seinem FSV wechselte. In Augsburg zeigte der Kooreaner ja schon sein tolles Koombinationsspiel; wobei er in Wolfsburger Fankreisen nicht von jedem als koompletter Spieler (an)erkannt wurde.

Meine Wertschätzung für ihn wird durch diesen Artikel meines Lieblings-SV-Autor MR nur bestätigt 🙂

Danke

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PH 15. Dezember 2014 um 11:58

Eine Anmerkung noch:
Gerade bei uns Wolfsburger Fans wurde intensiv darüber diskutiert WIE und WO man Koo hätte einsetzen müssen, um seine unbestrittenen Stärken maximal zu nutzen. Aber letzlich ist das für uns Laien eher ein Ratespiel gewesen. Als zweiter 8er in einem (asymetrischen) 4-1-4-1? Doch über die Außen spielen lassen, um seine Fähigkeiten in Unterzahlen gewinnbringend einzusetzen? Hängende Spitze oder falsche Neun? Als zweiter, hängender Stürmer in einem 4-4-2?

Er ist definitiv ein Spieler mit ENORMEN Potential, aber Weltklasse wird er nur werden, wenn er einen Weltklassetrainer hat, der Magnus-Carlsen-like diese unscheinbare Figur auf dem Brett/Feld mittels in-game-coaching weltmeisterllich einsetzt.

Koo ist somit für mich der Turm im Endspiel des Fussballs 😉

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Koom 15. Dezember 2014 um 10:11

Auch das wieder sehr interessant und auch eine kleine Erklärung, warum es bei Mainz nicht so wirklich läuft – trotz einiger hochinteressanter Spieler.

Nach eurer Beschreibung wäre Koo wohl ideal bei einer Mannschaft, die viel gegen tiefstehende Mannschaften spielt. Koo dort als 8er/10er, der immer wieder in den Sturm vorstösst (oder gleich als Halbstürmer), dort dann in Engen angespielt werden kann, um Bewegung in den Gegner zu bekommen – das klingt nach einem guten Betätigungsfeld.

Generell klingt eure Beschreibung sehr nach einem großartigen Talent, der jetzt noch mal den richtigen Trainer braucht, um ihn zu vollenden. Etwas mehr Physis, etwas mehr Schulung um die Balance für den Torabschluss bekommen – und schon hätte man einen Spieler, der vermutlich bei jedem Verein auf dem Zettel stehen könnte.

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mk 15. Dezember 2014 um 09:40

Zum Kootzen… herrlich.
Wie soll der Tag denn jetzt dieses Niveau halten?
Sehr cooler, aber irgendwie auch komischer Spieler. Das darzustellen ist dir finde ich sehr gut gelungen.

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