Donnerstag, 26.05.2016

Leicht überlegene Gesamtausrichtung bringt Hannover den Sieg in Berlin

hertha-neu0:2Hannover 96

Das Freitagsspiel der Bundesliga war keine großartig besondere Angelegenheit, bot aber Erkenntnisse zu Hannovers Ballbesitzansätzen und illustrierte gewisse Probleme der Teams, vor allem auf Herthas Seite.

bsc-h96-2014

Grundausrichtungen und Pressing

Beide Mannschaften traten zu dieser Begegnung in den erwarteten Grundausrichtungen an. Bei den Berlinern wählte Jos Luhukay das gewohnte, mannorientierte 4-1-4-1/4-2-3-1 mit Skjelbred und Stocker als seitlich unterstützenden Mittelfeldakteuren. Auffällig war die Besetzung der linken Seite, wo als Außenverteidiger mal Plattenhardt beginnen durfte und offensiv Haraguchi aufgeboten war. Die Gäste aus Hannover agierten in einem 4-4-1-1/4-2-3-1, in dem erneut Jimmy Briand die rechte Offensivseite besetzte. Im defensiven Mittelfeld agierte das Duo aus Schmiedebach und Gülselam, während Thesker als etwas defensivere Wahl links hinten verteidigte.

Durch nachrückende Bewegungen von Schmiedebach formte sich das defensive 4-4-2 der Hannoveraner in seinen höheren Phasen in ein 4-1-3-2-Pressing um, das durchaus aggressiv Druck gegen die erste Aufbaulinie machen und damit viele lange Bälle der Hertha provozieren konnte. Gerade Kraft schlug aber scheinbar auch bewusst viele Zuspiele weit nach vorne, wo er zwischen den gegnerischen Angreifern den Ball noch halten und eventuell auch verteilen hätte können. Dadurch wollten die Berliner nach Abprallern wohl kleinere Lücken um Gülselam herum bespielen, hatten hier allerdings Probleme mit dem richtigen Timing, zumal die Abwehrkette der Niedersachsen sich oft noch recht gut anpasste und geschickte Positionierungen zeigte – zum Abdrängen von Angriffsversuchen oder um direkte Pässe ins Abseits zu stellen.

Hertha nach Aufrücken mit Problemen am Flügel

In anderen passiveren niedersächsischen Phasen gelang es der Hertha aber doch relativ unfallfrei, ins letzte Drittel aufzurücken. Das geschah zwar oftmals direkt über den Flügel oder durch Verlagerungen, aber immerhin funktionierte es zuverlässig. Am Ende stellte sich dann die entscheidende Frage, wie man von den seitlichen Bereichen des letzten Drittels gefährlich zum Tor kommen konnte – und hier hatten die Berliner Probleme, was sich in nur einem Abschluss auf Zielers Kasten niederschlug. Es gab zwar einige Versuche durch vom herüberschiebend aufbauenden Hosogai unterstützenden Linksüberladungen und dortigen Synergien über Stocker, doch der Schweizer agierte insgesamt etwas zu unbalanciert. Auf halbrechts ging Skjelbred gerne mit auf die Seite, um dort Überladungen mit Beerens und Pekarík zu starten.

Allerdings waren die Überlegungen hier oftmals etwas zu flach angeordnet, was zielgerichtete Synergien erschwerte, die Optionsvielfalt in den möglichen Laufwegen blockierte und die Bemühungen dann doch immer wieder zurück in die peripheren, seitlichen Gebiete zurückschob. Dadurch erzeugte Hertha meist eher wirkungslosen, passiven Raumgewinn, der eben eigentlich keiner war. Entsprechend mussten sie dann doch wieder auf Flanken und Hereingaben zurückgreifen, die wegen dieser suboptimalen Vorbereitung aber kaum mal dynamisch eingeleitet werden konnten. Entsprechend wirkten sie meistens drucklos und Hannover konnte sich frühzeitig darauf vorbereiten, zumal Kalou – trotz seiner nicht zu unterschätzenden Gefahr auch in dieser Hinsicht – von den Innenverteidigern der Hannoveraner insgesamt zu kontrollieren war. Letztlich fehlten wie schon in Paderborn jene Kombinationsansätze, die unter anderem von Haraguchi und den damals eingewechselten Ronny sowie Hegeler beim Pokal-Aus in Bielefeld durchaus zu sehen gewesen waren.

Korkut und die Ballbesitzansätze

Unter Tayfun Korkut versucht Hannover 96 bisher über weite Strecken, eine durchaus ballbesitzorientierte Grundausrichtung zu praktizieren und diese als Basisfundament für kontrollierte Auftritte auszubauen. In manchen Phasen, beispielsweise der vergangenen Rückrunde, fehlte es diesen Ansätzen im Ausspielen noch am richtigen Rhythmus, so dass sie nur bedingt effektiv wurden. Daneben gab es jedoch auch schon immer mal wieder ansehnliche spielerische Phasen, die in dieser Saison wie unter anderem gegen den HSV von kleineren Überladungen im Halbraum und Kreiselbewegungen im zweiten Drittel, gerne unter Einschluss Joselus, getragen wurden. Zuletzt suchte man in der Ballbesitzausrichtung noch mehr Konsequenz als zuvor und entwickelte beispielsweise gegen Köln oder Frankfurt enorme Dominanz, wenngleich es jedoch noch etwas an Durchschlagskraft fehlte.

In dieser Begegnung entwickelte sich ein durchaus ähnliches Bild, wenngleich sich leichte Tendenzen zeigten, dass sie Aufbauverbindungen in erster Instanz aktuell leicht schwächer werden und auch dadurch die zahlenmäßig erhöhten Ballbesitzwerte mit bedingt werden. Aus den Mittelfeldbereichen gab es etwas weniger Zwischenpositionen oder Zurückfallen im Halbraum, was eine klarere Trennung zur Abwehrlinie bedeutete. Gegen die mannorientierte 4-1-4-1-Anordnung der Hertha, die naturgemäß insgesamt nicht besonders aggressiv zu Werke ging, verbuchten die Gäste daher durchaus lange Ballbesitzphasen in hinterster Linie, was einen Wert von 62 % bei Halbzeitpause ergab, doch kamen sie dann nicht wirklich konstant nach vorne. Dabei bewegte sich die Offensivlinie untereinander zwar durchaus fluid, aber doch insgesamt sehr hoch und symmetrisch, was Verbindungen und Zusammenspiel etwas erschwerte.

Hannovers Offensive etwas besser

Durch herauskippende Bewegungen von Schmiedebach – gerne in die von Sakai hinterlassenen Bereiche – gab es einige Male Abhilfe und eine bessere diagonale Spieleröffnung, auch wenn der Sechser durch Stocker recht klar verfolgt wurde. Zudem rückte auch Marcelo einige Male über diesen Bereich vor, was er aber noch konsequenter hätte machen können. Ungeachtet dessen waren insgesamt aber längere Bälle in die Offensivabteilung die Hauptquelle für Hannoveraner Verbindungen nach vorne. Weil Hertha durch die deutlichen Mannorientierungen nicht immer kompakt stand und durch die klaren Positionierungen Hannovers auch gleichzeitig eher rigide in den einzelnen Linien stand, waren beispielsweise Vertikalpässe an die letzte Linie heran durchaus gut möglich. Hier musste Hannover dafür sorgen, dass leichtes Absetzen eines Offensivspielers nach hinten nicht direkt verfolgt, sondern gegnerisches Herausrücken von den Kollegen geblockt wurde – dann waren die durchaus offenen hohen Zehnerbereiche gut nutzbar.

Zudem gab es einige gute Aktionen über eine klare Rechtslastigkeit, die sich statistisch mit 48 % der Angriffe über diese Seite darstellte. Häufig unterstützte der ausweichende Kiyotake mit seiner Ballsicherheit, intiierte einige Überladungen mit dem teilweise ebenfalls aufrückenden Schmiedebach oder bot sich für direkte, diagonale Raumpässe in die ballnahen Schnittstellen an, um so Hosogai zu entkommen oder diesen wegzuziehen. Dies führte letztlich dazu, dass die insgesamt auch nicht wirklich durchgehend gefährlichen Niedersachsen alles in allem aber doch die etwas gefährlicheren Offensivszenen hatten und am Ende auch 11-7 Abschlüsse bzw. 5-1 Schüsse auf den Kasten als Beleg für einen verdienten, unspektakulären Erfolg anführen konnten. Die Entstehung der Tore zeigte allerdings, dass auch die Mannschaft von Korkut eben nicht enorm gefährlich gewesen war – einmal eine Standardsituation zum 0:1 im Anschluss an einen langen Ball, dann der schnelle Gegenzug nach Plattenhardts misslungener Annahme beim kurzen Freistoß Ronnys.

Fazit

Ein insgesamt verdienter Sieg für Hannover in einer unspektakulären Partie. Die bisher 19 erzielten Punkte zeigen auf, dass die recht unscheinbar wirkende Truppe aus Niedersachsen mit ihrer zuverlässigen Ausrichtung, den Ballbesitzansätzen und den kleineren – diesmal gar nicht so oft sichtbaren – Überladungen im zweiten Drittel stärker und doch nicht ganz so simpel sind, wie sie schon gemacht wurden. Aus dieser Sicht ist der gewisse „Höhenflug“ des Teams aber auch nicht mehr so spektakulär. Für die Berliner war der Saisonstart nach den durchaus beachtlichen Transferinvestitionen eher enttäuschend. Generell ist Luhukay ein guter Trainer, dessen typische Mannorientierungen in dieser Saison aber schwächer ausgeführt und weniger balanciert wirken, als man es schon kannte. Zudem ist die Offensive recht flügellastig und teilweise simpel, während die gelegentlichen Kombinationsansätze – seltsamerweise – zu selten durchscheinen.

blipp 9. November 2014 um 20:34

Finde die Beurteilung der Leistung der Hertha ziemlich milde. H96 hat nur das Nötigste gemacht und konnte trotzdem einen ungefährdeten Sieg einfahren – Hertha war nicht zum ersten Mal in dieser Saison gegen eine Mannschaft mit ähnlichem Kader und sportlichen Ambitionen schlicht chancenlos.

Weder offensiv noch defensiv geht das Konzept auf und das schon im ganzen Kalenderjahr 2014 ( 17. der Rückrundentabelle ). Das darf man durchaus mit etwas kräftigeren Worten als „eher enttäuschend“ bewerten. Spieler, Trainer und Manager wirken hilf- und ratlos, ohne Impulse von aussen ist der Verein ein ganz heisser Abstiegskandidat. Insbesondere angesichts des Restprogramms zum Ende der Halbserien.

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96er 10. November 2014 um 13:21

Dass 96 nur „das Nötigste“ gemacht hätte, finde ich ziemlich einseitig betrachtet. Hannover hat, mal wieder, gezeigt, dass es relativ schwer ist, gegen sie hochkarätige Torchancen rauszuspielen. 96 stellt ganz exzellent die Räume zu und wird nur selten überspielt oder ausgekontert.

Sogar Bayern hat in der ersten halbe Stunde zuhause keinen Abschluss aus dem Strafraum zuwege gebracht, wenn man von den beiden absurden Toren (Abseitsfalle verpeilt, Fehlpass im Aufbau) absieht.

Aber hey, der Klassiker: Wenn Hannover gewinnt, war der Gegner schwach, wenn wir verlieren, war’s ja klar, weil wir die Gurkentruppe sind 😉

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blipp 10. November 2014 um 20:59

Ich habe doch klar das Kalenderjahr 2014 als Bezugsrahmen gesetzt. In diesem Zeitraum hat Hertha sehr viele miese Spiele abgeliefert, u.a. eben auch dieses. In der laufenden Saison gibt’s ungefähr ein halbwegs ordentliches Spiel pro Monat, der Rest ist furchtbar. Entsprechend wird der Verein am nächsten oder übernächsten Spieltag auch auf einem der Abstiegsränge landen.

H96 hätte nach meinem Eindruck ohne Probleme noch einige Gänge höher schalten können. Eine Herabwürdigung der Leistung deines Vereins war nicht beabsichtigt.

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Michael Maier 8. November 2014 um 22:09

Schon beim Pokal-KO in Bielefeld wurde kaum eine Torchance herausgespielt. Die Leistung in Paderborn war unterirdisch, dazu passend eine miserable Zweikampfquote von 41%. Gegen Hannover sank die Quote gar auf 39%, 36% in der ersten Halbzeit. Und das nach dem die Hertha in der Vorsaison als eines der zweikampfstärksten Teams der Liga galt. Insbesondere das Mittelfeld war lauffreudig und bissig, Stichwort Mannorientierung. Wenn man dann noch sieht, dass die Hertha jetzt zu den laufschwächsten Mannschaften gehört (gerade mal 111 Kilometer gegen Hannover), fällt die Prognose leicht – die werden gegen den Abstieg spielen. Zudem gut möglich das Luhukay schon vor der Winterpause einen längeren Urlaub antreten kann.

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mk 8. November 2014 um 17:20

Vielen Dank für die Analyse. Leider war die zuletzt geäußerte Kritik an 96 in Sachen Simplizität im Ansatz gar nicht soo unangebracht (wenngleich in der Form teilweise lächerlich), aber das hatte natürlich auch was mit den starken Gegnern und den vielen Verletzten zu tun. Insgesamt sind die Ansätze im Ballbesitzspiel auf jeden Fall erfreulich, vor allem weil es nicht immer die gleichen sind und dabei immer mal kleinere Anpassungen an den Gegner zu sehen sind.

Wenn Stindl und Prib wieder fit sind sollte es nach den Eindrücken der Vorbereitung übrigens auch über Ansätze im Ballbesitz hinaus gehen. Spätestens in der Rückrunde hoffe ich…

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Stefan 9. November 2014 um 15:50

Das wird schon klappen 😉
Man muss sich ja nur mal überlegen, wer für die Offensivpositionen verfügbar ist/war im bisherigen Saisonverlauf.

Im Sturm sah das ja eigentlich immer gut aus mit Joselu und Sobiech/Karaman als vernünftige Backups oder auch mal zweite Spitze.

In der offensiven Mittelfeldreihe hingegen….
-Stindl, Kapitän und Schlüsselfigur der Mannschaft (gerade beim starken Schlusssport letzte Saison) war bis zu diesem Spieltag verletzt, seit der ersten Pokalrunde
-Prib, der ebenfalls starke Spiele gezeigt hat (so gegen Schalke zu Saisonbeginn entscheidender Spieler gewesen), war seit eben diesem Spiel verletzt und kommt jetzt so langsam erst wieder in der Mannschaft an
-Bittencourt war tatsächlich durchgängig fit und hat durchaus was bewegt, wenn auch mit Formschwankungen (kein Wunder, der ist erst 20)
-Kiyotake ist der Königstransfer fürs offensive Mittelfeld gewesen, aber braucht als Neuzugang nunmal auch erstmal Zeit anzukommen. Effektiv erst seit dem Dortmundspiel, vorher nur mit guten Ansätzen
-Briand war Neuzugang mit massivem Fitnessrückstand, auch der kann jetzt erst in Form kommen (und hat das gegen Hertha auch mal mit einem Tor unterstrichen).

Dieser Bereich ist halt der Bereich, wo 96 das Offensivspiel gestalten muss (auf der 6 hat man nicht die ganz starken Spielmacher, außer man zieht Stindl dahin zurück), eventuell noch unterstützt von den Außenverteidigern. Da ist Sakai auf rechts immer ganz gut, links ist aber ein einziges Verletzungs/Krankheitselend (Albornoz, Pander, Prib waren gegen Hertha alle nicht verfügbar, also hatte man die Wahl Thesker oder Schulz – beide gelernte IV). Das sind aber alles Probleme die sich jetzt legen – insofern sollte 96 gegen Leverkusen der bislang stärkste Kader der Saison zur Verfügung stehen.

Gegen Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg kommt jetzt auch die wirkliche Probe für diese Mannschaft – eine recht schwache Hertha erfolgreich zu zerspielen ist eine Sache, die drei sind aber ein ganz anderes Kaliber.

PS: Dieser Beitrag hat ja jetzt nur begrenzt was mit Taktik zu tun, aber wir sind uns wohl alle einig, dass Taktik auch passende Spieler braucht 😉

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