Inter dominiert lange, holt in spätem Torspektakel aber nur ein Remis

inter2:2napoli

Dank besseren Aufbauspiels dominierte Inter vor der Pause. Im letzten Drittel lief viel über Druck und Präsenz. Nach der Pause steigerte sich Napoli etwas, ehe die letzten zehn Minuten einen Torreigen bereithielten.

Walter Mazzari empfing mal wieder seinen alten Verein, beide Teams – beziehungsweise vor allem die Trainer – standen wegen mäßiger Saisonstarts bereits unter Zugzwang, es war ein Duell großer Fußballnamen sowie zwischen einer Dreier- und einer Viererkette – ein reizvolles Setting für den Beobachter.

Verschiedenes Aufrücken der Halbverteidiger

inter-napoli-2014Die erste Halbzeit der Partie ging an die dominierenden Hausherren, die etwa 60 % Ballbesitz und viele Abschlüsse für sich verbuchen konnten. Eine interessante Maßnahme von Walter Mazzari gegen seinen ehemaligen Klub bestand in der Nutzung der Halbverteidiger im Spielaufbau – beziehungsweise von Ranocchia auf rechts, der wie schon Campagnaro damals bei Napoli mit aufrücken und eine Schlüsselrolle einnehmen sollte. Dafür wurde die Aufbauarbeit der Hausherren etwas asymmetrisch angelegt: Obi agierte mehrfach höher als Dodô und öffnete Raum, wodurch Ranocchia ebenfalls vorschob, was teilweise Ansätze einer Viererkette zeigte. Bei längeren Ballbesitzphasen im letzten Drittel drehte sich diese Asymmetrie dann um, Juan zeigte ein weites Nachrücken und unterstützte die Strukturen auf halblinks.

Wenn Napoli die eigenen Außenspieler etwas höher schob, hatte Inter mit deren Pressing kurzzeitige Probleme, konnte jedoch zumindest den Ball durch tiefe Zirkulation sichern. Bei solchen Phasen zeigten die Mittelfeldakteure zudem ein gutes und durchaus kreatives Freilaufverhalten mit plötzlichen Dynamiken. So wurden sie einige Male mit Pässen zwischen Hamsik und Higuaín hindurch in den Mittelfeldzwischenräumen anspielbar – vor den recht tiefen Napoli-Sechsern. Ansonsten – dies war etwas häufiger – gelang es Inter letztlich durch die asymmetrische Ausrichtung häufig, Ranocchia neben die beiden Stürmer des Gegners zu bringen, so dass er von dort an deren erster Linie vorbei in den Halbraum aufrücken konnte.

Flügelaktionen und Zentrumsläufe

Dort lieferte er die Bälle auf Obi ab, der eine vielseitige Positionsfindung zeigte und auch durch die etwas unkoordinierte Reaktion der Napoli-Mannschaft auf diese gewissen Freiheiten von dort dann weiter ins letzte Drittel vorschieben konnte. Über den nigerianischen Allrounder und dessen Läufe attackierten die Gastgeber in der Anfangsphase somit mehrfach den gegnerischen Kasten. Wegen durchwachsener Entscheidungsfindung und mäßiger Unterstützung waren es aber oft Einzelaktionen, Distanzschüsse und wilde Hereingaben, mit denen Inter den gegnerischen Strafraum bombardierte. Dieser Druck zeichnete ihre Angriffsbemühungen auch im Folgenden aus, als sie die Offensivrouten etwas vielseitiger anlegten.

Nun kamen außerdem noch das zentrale Zusammenspiel von Hernanes, Kovacic und situativ Palacio sowie stringente, gerne auch über links gefahrene Flügelangriffe hinzu. Die beiden Erstgenannten konnten in der direkten Interaktion die wohl besten Szenen des Teams kreieren. Mit individuellen Beschleunigungsdribblings oder schnellen Doppelpässen attackierten sie dabei die Lücken im gegnerischen Mittelfeld gerne durch weiträumig vorstoßende Aktionen. Bei der zweiten Route handelte es sich um positionsorientiert durchgespielte Verlagerungsangriffe, die kaum überladende Elemente – höchstens mal durch Juans Aufrücken – beinhalteten. Stattdessen sollte Dodô eben in ordentliche Positionen für Hereingaben gebracht werden, während die Offensivabteilung konsequent nachrückte und somit viel Präsenz wie Power als Abnehmer in den Strafraum brachte. Vor diesen Angriffen gab es um den linken Halbraum oftmals längere Ballbesitzphasen, bei denen man gegen die passiven und tief abwartenden Ketten Napolis durch eine gute Raumaufteilung in den umliegenden Bereichen stark abgesichert war.

Vorlaufendes Aufrücken, aber fehlendes Nachschieben

In der Ausrichtung gegen den Ball stellte sich Inter oftmals mit einem 5-2-1-2 auf, in dem Hernanes aus dem Mittelfeld die herausschiebende Rolle bekleidete und dabei zurückfallende Bewegungen eines gegnerischen Sechsers weiträumig verfolgte. Dabei waren die anschließenden Abstände zwischen den drei vorderen Akteuren und der eher flachen letzten Linie bei Inter recht groß, doch Napoli wusste dies vor der Pause kaum auszunutzen. Wie schon in einigen anderen Begegnungen von ihnen gesehen, ließen sie sich durch den hohen lokalen Druck recht einfach aus den Aufbaumechanismen drängen und wussten jene potentiellen Schwächen dann nicht konsequent genug aufzudecken. Interessant war bei Inter, dass Kovacic im Mittelfeld eine meist nach links verschobene Position einnahm, die ihn direkt in der Nähe von möglichen Zielräumen für lang geschlagene Bälle des Gegners brachte – da diese meistens diagonal und damit in Richtung des äußeren Halbraums kamen, hatte er hier besseren Zugriff. Weil Obi von rechts manchmal etwas in die Mitte einrückte, entstand auch gegen den Ball situativ der Ansatz einer asymmetrischen Viererkette, die zwar oft recht improvisiert ausgeführt wurde, aber durchaus effektiv wirkte.

Nur selten gelang den Gästen somit ein wirklich vernünftiger Spielaufbau. Mitte des ersten Durchgangs gab es jedoch auch einmal eine bessere Phase, wo sie ein höheres Ballbesitzspiel entwickelten und Inter etwas zurückdrängten, jedoch beim Ausspielen in den Angriffszonen Schwierigkeiten hatten. Wenn sie sich einmal besser nach vorne vorspielen konnten, waren hierfür meistens einzelne balltreibende Läufe von Callejón oder häufiger Insigne ausschlaggebend, die mit dem Ball am Fuß neben der passiven, im Mittelfeld vertikal etwas offenen und nicht immer konsequent herausschiebenden Formation Inters vorbeilaufen konnten. Das Heimteam konzentrierte sich, wenn es ansatzweise überspielt war, vor allem auf den Rückzug in eine abwartende 5-3-Stellung, die Napoli auf die Flügel lenkte. Zwar konnten diese mit ihren Außenspielern teilweise einfach das Mittelfeldband überlaufen, doch kamen sie dann an den seitlichen Ecken des Strafraums oftmals nicht weiter.

Problematisch war hier vor allem, dass nach diesem individuell erarbeiteten Aufrücken fast komplett das beteiligende Nachschieben des hinteren Blocks fehlte. Dadurch hatten die ballführenden Akteure kaum Optionen – oft standen sie alleine am Flügel, das ballferne Pendant befand sich eben auf der anderen Seite, Higuaín war lauernd im Strafraum aktiv und allein Hamsik konnte gelegentlich als horizontal driftender Spielpartner helfen. Da sich aus der Tiefe sonst kaum jemand einschaltete, mussten sie mit dieser vorsichtigen Ausrichtung gegen die stabile Endverteidigung Inters auf simple, schnelle Dribblings und anschließende Hereingaben setzen, die aber komplett harmlos blieben.

Napoli steigert sich etwas

Erst nach der Pause besserte sich dieses Problembild des Offensivspiels der Neapolitaner. Dafür war außerdem wichtig, dass bereits der Aufbau nun besser funktionierte und man somit nicht nur durch einzelne Läufe in die vorderen Bereiche kam. Dies lag an einer Mischung aus besserer Raumnutzung und konsequenteren Tiefenverbindungen einerseits sowie der weiter zurückgezogenen Spielweise Inters andererseits, die noch seltener aufgerückt zustellten. Hier knüpfte man also an die vereinzelten Phasen des ersten Durchgangs an. In den vorderen Zonen angekommen, steigerte sich Napoli nun jedoch in den Linksüberladungen und wusste dort näher an jenes Niveau heranzukommen, das in Teilen der letzten Saison für starke Phasen gesorgt hatte. Der eingewechselte Jorginho agierte als Unterstützung für Insigne bzw. Mertens gar noch etwas konsequenter als Hamsik, während Ghoulam statt Britos später den Offensivdrang erhöhte.

Zudem gelang den Gästen nun auch die Eröffnung durch die Mitte zunehmend besser, wo Inter in tieferen Stellungen mit seltsam zueinander koordinierten Positionierungen der Mittelfeldakteure zu sorglose Lücken hinterließ. Aus der Tiefe konnten die Sechser Inler und David López somit einige direkte Vertikalbälle in den Zehnerraum anbringen. Hier schob nun Callejón öfters eng und fast an die letzte Linie, um diese Bälle kurz auf Hamsik oder auch mal Insigne abzulegen, die dann das Herausrücken der gegnerischen Abwehrleute bespielen wollten. Am deutlichsten wurde dieser Aspekt bei Insignes Pfostentreffer kurz nach der Halbzeit, als die Mittelfeldlöcher mit einem solchen Spielzug bestraft wurden.

Die torreichen Schlussminuten

Durch ihre vermehrten Spielanteile und verbesserten Angriffe schränkte Napoli außerdem Inters Offensive etwas ein, die nach dem Wechsel nur noch vereinzelt ihren Stil durchdrücken konnte. Beiden fehlte insgesamt aber lange die wirkliche Durchschlagskraft – Inter zu sehr auf Präsenz gepolt, Napoli zwar verbessert, aber noch nicht wirklich stark. Erst in einer spektakulären Endphase sorgten beide Ausrichtungen dann für Effektivität und einen Torreigen. Als die Konsequenz in den Defensivabläufen sowie die damit verbundene Konzentration im Rhythmus in dieser Phase nachließ, konnte sich gerade Inters kraftvolles Spiel am Strafraum entfalten.

Dennoch waren auch Abschlussglück und etwas Zufall dabei, dass das Match explodierte und ab der 79. Minute noch vier Treffer bereithielt. Die erste Führung Napolis entstand aus einem verlängerten langen Einwurf, ehe Inter per Ecke ausglich. Beim 1:2 verlagerten die Gäste aus einer Linksüberladung auf David López im ballfernen Halbraum, der das Leder hinter die präsente letzte Linie hob, wo Callejón eindrückte. Ähnliches Prinzip mit anderer Dynamik dann beim fast unmittelbaren Gegenzug in der Nachspielzeit: Der Ball ging heraus zu Dodô, dessen Hereingabe in den massiv belagerten Strafraum vom nachrückenden Hernanes ins Netzt gewuchtet wurde.

Kleine Anmerkung: Im April war die Paarung zwischen Inter und Napoli eine Partie mit Offensivproblemen auf beiden Seiten. Ebenso wie die Grundausrichtungen gab es diesmal einige vergleichbare Punkte – vom Prinzip krankte es an ähnlichen Stellen, doch im Detail war es nun ein wenig anders (bei Napoli z.B. nicht primär Staffelungen in den Linksüberladungen, sondern Unterstützung der Linksüberladungen).

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*