Pep schließt die Halbräume – Boateng zieht den Schlussstrich

bayern1:0manchester city

Dank des späten Treffers von Jerome Boateng im Anschluss an einen Eckball gewannen die Bayern ihr Auftaktspiel in der Champions League gegen den englischen Meister aus Manchester mit 1:0. Dabei wechselte Bayern-Trainer Guardiola zur Abwechslung mal wieder die Formation und stellte auf Dreierkette um, passte das System aber nach einer halben Stunden an den Gegner an.

Bayern mit asymmetrischer Dreierkette gegen Citys 4-4-2 / 4-4-1-1

Abläufe zu Beginn der Partie

Abläufe zu Beginn der Partie

Im Gegensatz zu den letzten Spielen agierten die Bayern im ersten Gruppenspiel der neuen Championsleaguesaison wieder mit einer Dreierkette, die Teil eines 3-4-3-Systems war. Dieses System war alleine schon durch die personelle Besetzung asymmetrisch angelegt und wurde auch so interpretiert.

Schon im Aufrücken der Halbverteidiger zeigten sich diese Strukturen, wo David Alaba deutlich aktiver war als sein Gegenüber Benatia. Als Reaktion auf das Verhalten von Alaba und Benatia waren auch die Spielweisen Bernats und Rafinhas unterschiedlich. Während der Brasilianer in einer breiten, leicht nach vorne geschobenen Position eher wie ein offensiver Außenverteidiger agierte, wirkte Bernat vor allem zu Beginn fast schon wie ein Flügelstürmer. Ihm kam die Aufgabe zu, auf dem Flügel für vertikale Dynamiken zu sorgen, während Rafinha eher als Verlagerungsoption und Durchlaufstation nach Seitenwechseln dienen sollte.

Im Gegensatz zu den Münchnern überraschten die Citizens kaum. Im Aufbauspiel gab Fernandinho den tieferen Part der Doppelsechs, während Yaya Toure in höheren Räumen versuchte Verbindungen nach vorne herzustellen. Mit Navas auf dem rechten und Nasri auf dem linken Flügel war auch bei den Engländern das Flügelspiel asymmetrisch angelegt. Während der Spanier klassischerweise den Flügel bearbeitete, driftete Nasri viel zur Mitte und glich die zurückfallenden Bewegungen Silvas aus, während Clichy mit seinem Aufrücken für Breite im Angriffsdrittel sorgte.

Alonso als Ankerpunkt des bayerischen Aufbauspiels

Mit Alonso als tiefem Spielmacher und Philipp Lahm in deutlich höherer Position gab es auch im Münchner Mittelfeld eine grundlegende Aufgabenteilung, was die Spieleröffnung anging. Während Alonso vermehrt aus dem linken defensiven Halbraum agierte und hier Räume vor oder hinter David Alaba besetzte, schob Lahm im anderen Halbraum weiter nach vorne.

Die Bayern fokussierten dabei im Aufbau Halbraumüberladungen der linken Seite, nach denen man das Spiel anschließend verlagern konnte. So eröffneten sie immer wieder nach Seitenwechseln über die Innenverteidigung, an die Benatia das ein oder andere raumgreifende Dribbling anschloss und so die formative Lücke des gegnerischen 4-4-1-1 / 4-4-2 neben Dzeko und Silva bespielte.

Bayerns eingerückte Flügelspieler bespielen die Eigenheiten von Citys Pressing

Bei den Angriffen über den linken Halbraum war Mario Götze der prägende Akteur der ersten Halbzeit. Er wurde durch Bernats weites Aufrücken oftmals frei und konnte so fast immer eine eingerückte Position besetzen, wobei seine Spielweise insgesamt relativ vertikal angelegt war. Neben zurückfallenden Bewegungen ermöglichte ihm seine Positionierung auch, immer wieder schnell ins Sturmzentrum nachzuschieben, wenn hier Präsenz gefordert war. Im Gegensatz zum Ex-Dortmunder agierte der Ur-Bayer Müller auf der anderen Seite in einer von Haus aus eingerückten, aber hohen Position, von der er immer wieder auf den rechten Flügel ausweichen konnte. Der im Sturmzentrum startende Lewandowski agierte passenderweise zu den Bewegungen seiner Kollegen relativ hoch und horizontal. Mit balancierenden Läufen aus dem Zentrum heraus, vor allem vor Bernat auf die linke Seite, glich der Pole die Abläufe um sich herum aus und sorgte situativ für die notwendige Tiefe im Spiel der Münchener.

Aufgrund der Bewegungsmuster der Münchener Offensive und des bayerischen Aufbauspiels griff die taktische Grundausrichtung des Trainergespanns Manuel Pellegrini und Ruben Cousillas erst einmal ins Leere. Diese sah vor, durch eine Besetzung des Sechserraums in Verbindung mit einem Mittelfeldpressing ein leitendes Element gegen Bayerns Spielaufbau zu stellen, um diesen auf die Flügel zu lenken und dort anschließend Ballgewinne zu erzeugen. Um Anspiele aus tieferen Zonen oder vom Flügel in den Zwischenlinienraum zu verhindern, agierte jeweils der ballferne der beiden englischen Sechser tiefer als sein Partner. Dass diese Idee aber nur bedingt bis gar nicht funktionierte, lag vor allem an Mario Götze, den City nicht in den Griff bekam. Durch geschickte Positionierungen konnte er immer wieder flache Anspiele aus dem linken defensiven Halbraum erhalten und das Spiel anschließend über Citys Sechserraum nach rechts verlagern. Hier war unter anderem auch problematisch, dass es im gesamten Defensivverbund der Engländer immer wieder Probleme mit den Abständen der einzelnen Spieler untereinander gab und so typische Absicherungsmechanismen fehlten. In der Folge konnte City so nie wirklich kompakte Stellungen erzeugen, die die Bayern konstant vor Probleme gestellt hätten.

Mannorientierte Spielweise im Zentrum erstickt Citys Umschaltaktionen

Dass Bayern besonders in den ersten zehn Minuten sehr dominant war, lag neben dem starken Pressing der Münchener auch an einigen Unzulänglichkeiten im englischen Spielaufbau. Vor allem mit den Mannorientierungen der Münchner hatte City so seine Probleme. Neben David Silva, der fast durchgehend von Alonso verfolgt wurde, orientierten sich Lahm oder Götze immer wieder zu Yaya Toure. Vor allem im Umschaltmoment nach vorne ergaben sich wenige gute Szenen für die Engländer, weil Bayern hier immer wieder klar zuordnete und ansonsten die individuelle Überlegenheit ausspielte.

Dazu liefen Robert Lewandowski und Thomas Müller bereits Martin Demichelis und Vincent Kompany hoch und früh an, um vor allem die Schwächen des Argentiniers im Spielaufbau offen zu legen. Die häufigen, leicht versetzten 1-1-Stellungen der beiden leiteten Manchester immer wieder auf die Flügel und sicherten zusätzlich den eigenen Sechserraum. Durch Müllers Aufrücken sollte der Spielaufbau zudem von der fluiden und weniger berechenbaren linken Offensivseite der Engländer weggelenkt werden.

Weil die erste und zweite Linie gegen das Münchener Pressing zu weit auseinander agierte, ergaben sich bei Manchester im Aufbau relativ lange, kaum bespielbare Passwege nach vorne. Dass City gegen die Münchener Defensivstruktur kaum Ansätze fand, lag zum einen an deren guten Abläufen, zum andern aber auch an den viel zu weiten Abständen nach vorne, wodurch die gesamte Offensive kaum angebunden war. Mit nur einem tiefen Aufbauspieler in Fernandinho, der sich stets leicht linksseitig vor den Innenverteidigern positionierte, entwickelte sich kaum einmal eine druckvolle Ballzirkulation, nach der man mannschaftlich geschlossen hätte aufrücken können.

Citys Pläne im Offensivspiel

Nach etwa zehn Minuten schraubten die Bayern die Intensität im Pressing etwas nach unten und zogen sich bis etwa zur zwanzigsten Minute in ein passiveres 5-3-2-Mittelfeldpressing zurück. Dabei wollten sie vor allem zentrale Zonen schließen und ließen City dafür die Räume vor Rafinha und Bernat. Pellegrinis Team versuchte darüber vor allem auf der linken Seite Gefahr zu erzeugen. Nach Verlagerungen auf den eingerückten Nasri wollte man die Schnittstelle zwischen Rafinha und Bernat nutzen, um hinter Bayerns Viererkette zu kommen. Diagonale und vertikale Läufe im Zentrum von Silva und Dzeko und das Hinterlaufen von Clichy erzeugten einige Male Dynamik und potentiell gefährliche Staffelungen, ohne dass wirkliche Torchancen heraussprangen.

Guardiola reagiert auf die Probleme in der Defensive und ändert das System

Bayern München nach der Systemumstellung

Bayern München nach der Systemumstellung

Obwohl Bayern in der ersten halben Stunde des Spiels sehr dominant agierte, hatte man doch vor allem mit den Strukturen auf dem linken Flügel von Manchester City das ein oder andere Problem. Um defensiv besser abgesichert zu sein und um das Spiel besser kontrollieren zu können, entschied sich Guardiola nach 30 Minuten zu einem Systemwechsel und zog David Alaba auf die linke Achterposition, wodurch formativ ein 4-3-3 entstand.

Mit dem Systemwechsel änderte sich auch die Grundformation gegen den Ball. Im neuen 4-1-4-1 waren die Münchner deutlich stabiler als noch zuvor, was Angriffe über die Halbräume anging. Die Dynamiken um Nasri konnten jetzt stabil verteidigt werden, weil man vor allem im Mittelfeldband horizontal kompakter war. Insbesondere das Herausrücken von Philipp Lahm von der rechten Achterposition war ein gutes Gegenmittel gegen die Abläufe um Nasri.

In den Offensivstrukturen ergaben sich naturgemäß ebenfalls einige Veränderungen. So gab es mit Alaba im linken Halbraum ein belebendes vertikales Element. Der Österreicher pendelte zwischen tieferen Zonen und vorderster Linie hin und her. Sein Gegenpart Lahm hingegen diente vor allem als zentrale Anspielstation, wenn es darum ging die Angriffe nach vorne zu tragen.

Mit dem hohen Thomas Müller und Mario Götze, die beide immer wieder in die letzte Linie schoben, sowie Lewandowski und dem nachstoßenden Lahm oder Alaba hatte man mit der neuen Ausrichtung zudem eine deutlich höhere Präsenz in vorderster Linie. Mit vielen Anspielen aus der Innenverteidigung oder raumgreifenden Dribblings überbrückten die Münchner vor der Halbzeit zügig das zweite Drittel. Möglich machte diese Spielweise die tiefe und oftmals abgekippte Position von Xabi Alonso, der als tiefer Spielmacher aber teilweise zu ballfordernd agierte.

Aus 4-4-2 mach 4-2-2-2: City passt das Pressing an

Zwar gab es in der Pause auf beiden Seiten keine Wechsel, dennoch kam City mit einer leicht veränderten Marschroute im Pressing aus der Kabine. Das 4-4-2, das zuvor mit flacher Vier im Mittelfeld gespielt wurde, war jetzt ein 4-2-2-2. Aus dieser Grundordnung liefen Dzeko und Silva Bayerns Aufbau schon früh an und versuchten diesen auf die Flügel zu lenken. Wegen der insgesamt großen Streckung in der Vertikalen bei gleichzeitig guten Staffelungen, die die Engländer durch ihr Pressing erzeugten, rissen bei Bayern einige Anbindungen über zentrale Räume nach vorne ab.

Letztlich reagierte Guardiola auf diese Probleme allerdings geschickt, indem er die Außenverteidiger im Aufbau tiefer positionierte und sich diese an der Ballzirkulation im ersten Drittel beteiligten. Dadurch konnte Bayern zwar nicht mehr über das Zentrum eröffnen, kam aber relativ stabil über Flügelkombinationen nach vorne.

City zeigte sich jetzt aber auch in tieferen Zonen deutlich aggressiver. Immer wieder gab es weite Herausrückbewegungen der Achter, wodurch allerdings kein wirklicher Zugriff entstand. Dass City selbst allerdings überhaupt keine Torgefahr mehr auszustrahlen wusste, veranlasste das englische Trainerteam zum Handeln, das mit der Einwechslung von Milner für Nasri die komplette Offensive durcheinander würfelte.

Citys beste Phase nach der Einwechslung von Milner

Mit dem vertikalen Milner auf der rechten Sechserposition neben Fernandinho hatte City nach circa einer Stunde die beste Phase des gesamten Spiels. Mit Toure auf der Zehn und Silva auf dem linken Flügel ergaben sich einige neue und interessante Synergien, die mit deutlich offensiveren Außenverteidigern sowie generell mehr Risiko seitens der Engländer einhergingen. Milner agierte hier auch immer wieder unterstützend und zuarbeitend für den rechten Flügel. Dabei zeigte er weite Läufe aus tieferen Positionen nach vorne und positionierte sich dann meist absichernd im Halbraum hinter Navas und Sagna.

Zudem agierte Silva vom linken Flügel ähnlich stark einrückend wie Nasri zuvor, während die Breite vom aufrückenden Clichy kam. Toure auf der Zehn diente meist als Verbindungsspieler nach vorne, schob aber auch ins Sturmzentrum und balancierte sogar ein paar Mal Silvas Einrücken situativ aus.

Die erhöhte Risikofreudigkeit im Pressing, jetzt wieder in einer 4-4-1-1/4-4-2-Formation ähnlich der zu Beginn des Spiels, bewirkte, dass City deutlich besser im Spiel war. Immer wieder schob man ins situative 4-3-3 am Flügel, wenn die bayerischen Außenverteidiger tief angespielt wurden und versuchte diese zu pressen.

Mit den Einwechslungen von Robben, Pizarro, Dante sowie Kolarov und Aguero gab es zwar noch fünf weitere Wechsel in den letzten zwanzig Minuten, an der Spieldynamik änderte sich aber wenig. Zum Ende des Spiels schien es, als ob sich vor allem City mit dem Unentschieden zufrieden gegeben hätte und die Münchner ebenfalls nicht mehr das letzte Risiko gehen wollten.

Fazit

Als Fazit bleibt, dass City Bayern zwar phasenweise gut in Schach hielt und offensiv einige ordentliche Ansätze lieferte, letztlich aber zu harmlos blieb. Probleme hatte man dabei, die Ballzirkulation der Münchner konstant zu unterbinden. Diese zeigten eine ansprechende Leistung und gewannen verdient, aber sicherlich etwas glücklich durch den abgefälschten Schuss von Boateng. Guardiola erkannte und behob die Mängel zu Beginn des Spiels und passte nach einer halben Stunde erfolgreich das System an.

Vanye 27. September 2014 um 21:31

Ich habe nur die zweite Halbzeit des Spiels gesehen und da fand ich die Bayern erstaunlich schwach. Viele Fehlpässe, kaum strukturiertes Kurzpassspiel, dafür viele ungenaue lange Pässe in die Tiefe und City blieb immer gefährlich mit schnellen Gegenstößen. Vielleicht ist mir da City’s starke Phase, die ihr beschreibt, zu sehr in Erinnerung geblieben, aber ich war davon negativ überrascht.

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Henning 23. September 2014 um 10:52

Weil ichs noch nirgendwo anders gelesen habe: Ich finde Götze beim Tor überragend, wie er sich den hohen Ball so auf den Fuß fallen lässt dass er Boateng vor die Füße fällt, aus meiner Sicht macht er das klar absichtlich. Am Ende also nicht nur Glück, sondern auch ne klasse Aktion von Götze der mal wieder seine überragende Technik zeigt. Oder wie seht ihrs?

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HK 23. September 2014 um 14:54

Genau so! Das war große Klasse, ist aber tatsächlich bisher nirgendwo auch nur erwähnt worden.
Leider werden, wie Vereine, die Spieler meist auch individuell nur nach dem gerade aktuellen Klischee von ihnen beurteilt.

Und das heißt bei Götze eben: „Ein oberflächlicher, schnöseliger Posterboy, dem Geld und dem süßen Leben zugetan. Generell überschätzt, überbezahlt und seit gefühlt einem Jahr in der Krise.“ Jemanden mit so einem Image lobt man eben nicht so gern.

Das ist übrigens m.E. auch eine Stärke der Analyse hier, sich davon freizumachen und ganz sachlich die tatsächliche Rolle im Spiel zu beleuchten. Und die war nun mal gut und am Schluss auch mit entscheidend.

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TonyS 22. September 2014 um 19:22

Eine tolle Analyse zu einem tollen Spiel. Bayerns Leistung ist meiner Meinung nach sehr hoch einzuschätzen, wenn man die Ausfälle, die vorherigen Spiele und die individuelle Stärke des Gegners miteinbezieht. Wären die Chancen besser genutzt werden, wäre das auch im Ergebnis deutlicher zum Ausdruck gekommen. Alaba hat finde ich gezeigt, dass er auch als Achter (bei passender Ausrichtung) eine Bereicherung sein kann. Es war ja schon spekuliert worden, ob er für eine zentrale Mittelfeldrolle bei Bayern nicht zu vertikal sei, aber ich fand er hat sich gegen City oft gut angeboten (auch in engen Räumen), was ja auch zu ein paar öffnenden Situationen geführt hat, und er konnte seine Dynamik zu einigen gefährlichen Vorstößen inklusive Abschlüssen nutzen. Da Bernat auch sein Können bewiesen hat, sicher eine gute Alternative.

Eins noch:
„Nach Verlagerungen auf den eingerückten Nasri wollte man die Schnittstelle zwischen Rafinha und Bernat nutzen, um hinter Bayerns Viererkette zu kommen.“ Sollte Benatia anstatt Bernat heißen oder?

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fluxkompensator 23. September 2014 um 12:07

fand alabas vertikalität besonders in der dreierkette gut durchdacht. damit kompensiert man ein stück weit alonsos mangelnde dynamik nach vorne, durch sein abkippen wird zudem gut abgesichert und oft werden sogar räume geöffnet.

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bsg 22. September 2014 um 15:21

WEnn ich das richtig lese, ist das mit Alaba und bernat ja tatsächlich die Befreiung des Flügelstürmers (hier Götze), der dann in den Zehnerraum driften kann. Oder sich eben, wie beschrieben bis in den Sechser zurückfallen lässt und damit eine KReiselmöglichkeit gegeben ist. hm?

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HK 22. September 2014 um 11:40

Das ist eine Analyse die Spaß macht! Kompliment!

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