Kein guter „Klassieker“ – zu simples Feyenoord unterliegt gegen Ajax´ Defensivfokus

Feyenoord-logo0:1ajax

Wieder einmal hieß es „De Klassieker“ in der Eredivisie. Nach früher Führung verlegte sich Ajax überraschend konsequent auf die Defensive, gegen die Feyenoord trotz eines versuchten Rechtsfokus letztlich die Mittel fehlten.

In den vergangenen Jahren erlebte Feyenoord unter Ronald Koeman eine ambivalent bewertete Zeit. Einerseits schafften junge Nachwuchskräfte den Durchbruch und die Mannschaft wusste stets in der ganz oberen Tabellengruppe einzukehren. Andererseits gelang neben zweiten und dritten Plätzen aber nie der große Wurf und gerade in den internationalen Partien – meistens Quali-Runden – präsentierte man sich ziemlich enttäuschend. Ähnlich sah es mit der Spielweise aus, die oft simpel über lange Bälle auf Zielspieler Graziano Pellè samt folgenden Abprallern und Flügelaktionen lief. Zwischendurch waren immer mal wieder aber auch starke Partien mit hoher Dominanz durch Präsenz und Gegenpressing vorhanden, bei denen sich auch der eine oder andere interessante Mechanismus – wie beispielsweise die durch Janmaats Diagonaldribblings initiierten Aktionen – zeigte. Neben diversen Abgängen (de Vrij, Martins Indi, Janmaat und Pellè) verließ auch Koeman den Verein in diesem Sommer in Richtung Southampton und wurde von Fred Rutten ersetzt. Dieser zeigte einen mäßigen Einstand, erhielt letztlich aber noch einige Verstärkungen, was vor allem im Mittelfeld  nun diverse personelle Optionen bietet – obwohl der einstige Stamm-Zehner, wegen seiner fußballerischer Qualitäten aber auch umstrittene Immers aktuell verletzt fehlt.

fey-ajax-2014Gegen Sevilla in der Europa League entschied sich Rutten am vergangenen Donnerstag daher für eine ins Rautenhafte tendierende Formation, griff diesmal aber wieder auf das bewährte 4-3-3 zurück. In der Defensive musste der schon im vergangenen Jahr oft schwache Mathijsen für Kongolo weichen und im Tor feierte Neuzugang Vermeer sein Heimspieldebüt ausgerechnet gegen den alten Klub. Vorne durfte mit Kazim-Richards ein weiterer Transfer statt Manu in der Startelf beginnen. Überraschend und nicht ganz nachvollziehbar war vor allem, dass im Mittelfeld mit Vilhena eines der größten, nicht immer ideal geförderten und eingesetzten Talente zum ersten Mal seit langem auf die Bank musste. Die auch noch nicht gänzlich stabilen und von Blinds Abgang gebeutelten Gäste nahmen nach dem 1:1 gegen PSG vom Mittwoch nur zwei Änderungen vor – im Mittelfeld kam der kurz vor Transferschluss von Mainz geliehene Zimling zu seinem Startelfdebüt und in der Sturmreihe des 4-3-3 kehrte Youngstar El Ghazi anstelle des angeschlagenen CL-Torschützen Schöne in die Anfangself zurück.

Rechtsfokus und Flanken bei Feyenoord

In einem von vielen Mannorientierungen geprägten Match versuchte sich Feyenoord ein wenig an der erfolgreichen Ausrichtung Groningens zu orientierten, die am vorletzten Spieltag mit konsequentem Ausweichen von Zehner Chery links hinter van Rhijn und anschließenden Hereingaben die Mannorientierungen der Amsterdamer hatten bespielen können. Beide Treffer wusste der Nordklub bei seinem 2:0 damals auf genau jene Weise herauszuarbeiten.

Bei der Mannschaft von Rutten ging es vor allem über die rechte Seite, wo El Ahmadi unterstützte, Schaken ohne Ball ungewohnt viel einrückte und dafür Kazim oder Toornstra in Freiräume rochierten. Für seine gefährlichen Standards und enorm effetvollen Bälle bekannt, sollte Letzterer – ebenso wie der später nachstoßende Wilkshire – gefährliche Flanken hereinbringen, auf die sich Feyenoord generell stark fixierte. Wie phasenweise auch schon unter Koeman, wurde diese ohnehin simple Strategie allerdings meistens auch noch recht simpel ausgeführt und nicht geplant an andere Mechanismen angeschlossen. Wegen der hohen Präsenz des Teams und der Tatsache, dass meist viele Akteure aufrücken, sind dabei die Staffelungen nicht optimal und die vorgespielten Szenen am Flügel finden sich in eher statischen Umgebungen.

Zu Beginn wurden die Hausherren über die Außenbahnen aber durchaus gefährlich, als Ajax sich in der Organisation noch nicht vollends eingespielt hatte und Feyenoord auch durch das weite Aufrücken die Lufthoheit besaß – in den ersten zehn Minuten des Matches trafen sie kurioser- wie unglücklicherweise drei Mal die Latte, wobei zwei dieser Szenen durch Kopfbälle entstanden. Später stabilisierte sich Ajax in dieser Hinsicht wie auch generell und Feyenoord wusste folglich aus dem vielen Ballbesitz, den sie aufgrund des frühen Rückstandes zunehmend erhielten, nur wenig Zwingendes zu machen.

Ajax steigert sich defensiv

Die Mannorientierungen der Gäste, die teilweise durch die Achter in 4-4-2-Stellungen rückten, wurden balancierter und nicht mehr durchgehend genutzt. Boilesen blieb vermehrt positionsorientiert, Zimling nahm nur noch in seinem Grundraum vereinzelt verschiedene Deckungen auf. Gegen die generelle Spielweise des Meisters war das Bewegungsspiel von Feyenoords Mittelfeld etwas zu flügelfixiert – sowohl in den Positionierungen selbst (El Ahmadi war teilweise frei, agierte dann aber etwas zu seitlich statt synergetisch, wobei er für bewegungsforcierende Aufgaben nicht der optimale Typ ist) als auch in ihrem Fokus darauf, anschließend in Richtung der Außenstürmer weiterzuspielen.

Rechts kamen sie nicht mehr so gut durch, weil Andersen und El Ghazi in ihren Positionierungen ebenfalls immer besser im Halbraum standen und Ajax mit dem Mittelfeld einige Male sehr gut zum Flügel hinschob, während links van Rhijn etwas tiefer blieb und Boetius andribbeln ließ, der dann aber in hohen Zonen wenige Optionen hatte, und nur durch situative, aber nicht optimal getimte Direktläufe von El Ahmadi in die Schnittstellen unterstützt wurde. Einige Mechanismen, wie beispielsweise Rochaden von diesem mit dem herauskippenden oder vorrückenden Clasie, die gegen Sevilla vereinzelt angedeutet wurden ohne ausgereift zu sein, gab es in dieser Partie kaum geplant zu sehen – ein Mittel, das Feyenoord zu wenig konsequent nutzt.

Schwacher Ajax-Aufbau und ein bisschen zweite Bälle

In den vergangenen Jahren kam Ajax in De Kuip häufig nur über vereinzelte Angriffe mit simplen Mitteln und nicht so sehr über Ballkontrolle – diesmal war es, unterstützend vom frühen Führungstreffer, ähnlich. Gegen das Pressing der Rotterdamer, bei dem sich die Außenstürmer aber gut kompakt an den Mittelfeldblock anschlossen und nur situativ Vorwärtsspiel über van Rhijn bzw. Boilesen blockierten, fanden die Mannen von Frank de Boer nicht konstruktiv nach vorne. Oftmals suchten sie früh und risikolos den Rückpass zu Cillessen, auf den Kazim als Mittelstürmer Feyenoords aber konsequent nachrückte. So ließen sich für das Heimteam in diesen Szenen auch ohne großes mannschaftliches Nachschieben viele lange Bälle provozieren, die Ajax kaum festmachen konnte.

Einige Male – wie vor dem Treffer – erzeugten diese immerhin durch tiefbleibende Achter einen Freiraum vor der Abwehr, in denen Andersen und El Ghazi über Dribblings und Läufe etwas Gefahr ausstrahlen konnten. Abgesehen von kleineren Ansätzen im Zusammenspiel oder eben herausgeholten Standards war auf diesem Wege aber nichts Großes zu erreichen und Ajax agierte auch überraschend unambitioniert. Im Verlauf der ersten Halbzeit wurden sie im Aufbau etwas besser und ruhiger, was in gelegentlich längeren Zirkulationsphasen mündete, aus denen man aber auch nichts Entscheidendes auslösen konnte, weil Feyenoord dann doch ein recht ordentliches Nachrückverhalten zeigte. Am klarsten war noch der nun etwas gezielter fokussierte Versuch, um den rechten Halbraum herum durch Ausweichen von Sigthòrsson, Aufrücken von Klaassen und den unterstützend darum herum schwirrenden Andersen auf zweite Bälle zu gehen.

Fazit

Letztlich hätte diese insgesamt schwache Offensivleistung, die kaum gute Szenen oder vernünftige Abläufe und Wechselwirkungen aufwies, in Verbindung mit der defensiven, wenig ballbesitzorientierten Spielweise bestraft werden können – zumal man sie über eine lange Spielzeit praktizierte, denn auch im zweiten Durchgang offenbarte sich ein praktisch unverändertes Bild. Wegen der letztlich – trotz einiger im Ansatz interessanter Ideen – zu simplen Anlage des Gegners, die abgesehen von ihrer Präsenz mit zunehmender Zeit weitgehend harmlos blieb und aus dem Spiel praktisch keine wirklich gute Torchance mehr kreieren konnte, wurde der Meister dennoch mit drei Punkten belohnt. Aufgrund der immer besser werdenden Arbeit gegen den Ball, die ab dem Ende der ersten Halbzeit einige schöne Szenen aufwies, war dieser Erfolg zumindest auch nicht unverdient. Nach der absolut glücklichen und ihnen in die Karten spielenden Führung setzte de Boer überraschend konsequent auf die strategisch etwas unsichere Defensivkarte und sicherte einen nur vereinzelt ansehnlichen Dreier.

Dieses Vorgehen kann aber eventuell durchaus als sinnbildlich für die aktuelle Lage gewertet werden, in der Ajax sich für diese Saison noch nicht richtig definiert hat, teilweise ein wenig instabil wirkt und noch mit einigen Problemen in der Ballbesitzphilosophie kämpft, zu deren Verbesserung sich in dieser Partie noch keine großartigen positiven Anzeichen fanden. Bei Feyenoord bleiben trotz der starken Neuzugänge der letzten Transfertage die guten Ergebnisse aktuell aus. Damit wächst der Druck auf Rutten, der bisher nur einzelne Ansätze zeigte und die problematischen Punkte aus der zwiespältigen Koeman-Ära noch nicht nachhaltig verbessern konnte. Zuletzt blieben die Teams in „de Klassieker“ selbst – auch im Vergleich mit anderen Topspielen – aber oft unter ihrem eigentlichen Niveau. Es bleibt abzuwarten, wie es diesmal sein wird – die weitere Entwicklung beider Teams ist trotz scheinbar klarer und solider Eckdaten nicht wirklich leicht zu prognostizieren.

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