4-2-1-3 Reloaded – Kauczinski lässt Neururers Offensivtraum zerplatzen

vfl-Bochum1:1karlsruhe

Peter Neururer setzt gegen den Karlsruher SC erstmals konsequent auf seine Wunschformation 4-2-1-3. Die Umsetzung bereitet jedoch offensiv wie defensiv Probleme. Erst nach dem Wechsel auf das etablierte asymmetrische 4-4-2 kann der VfL Bochum noch einen Punkt ergattern.

Grundausrichtung

Grundformationen bis zur 62. Minute und als Pressingfalle nutzbare offene Räume

Grundformationen bis zur 62. Minute und als Pressingfalle nutzbare offene Räume

In den ersten 4. Spieltagen setzten die Bochumer stets auf die gleiche Anfangsformation, die in einem 4-4-2 mit asymmetrischen offensiven Flügelspielern organisiert war. Durch die spielmachende Interpretation Yusuke Tasakas und die hohe Rolle des eigentlichen Stürmers Michael Gregoritsch wurde so bei Ballbesitz oft situativ ein 4-2-1-3 hergestellt. Dieses System sieht Peter Neururer, wie er mir in einem Gespräch in der letzten Winterpause mitteilte, seit dem damit erzielten Einzug in den UEFA-Cup 2004/05 als Idealvoraussetzung für seine Vorstellung von Offensivfußball. Er schien die Länderspielpause genutzt zu haben, um dieses System konsequent als Grundformation mit und gegen den Ball einzuführen. Michael Gregoritsch, der in dieser Zeit für die U21 Österreichs im Einsatz war, musste dementsprechend seinen Platz für Marco Terrazzino räumen.

Karlsruhes Trainer Markus Kauczinski musste ebenfalls seine bisherige Stammformation der ersten vier Pflichtspiele ändern. Die Verletzungen von Jan Mauersberger (Finger) und Sascha Traut (Kreuzband) machten dies nötig. Dabei blieb er bei der 4-1-4-1 Grundformation. Philipp Klingmann bekleidete die rechte Außenverteidigerposition für Traut, während Daniel Gordon für Mauersberger innen verteidigen sollte. Zudem feierte Enrico Valentini sein Startelfdebüt; Hiroki Yamada musste vorerst draußen bleiben.

Bochums Angriffswirbel verzieht schnell

In den ersten Minuten legte der VfL los wie die Feuerwehr. Die Karlsruher waren offensichtlich von der puren Offensivpräsenz der Blau-Weißen überrascht. Die drei Stürmer agierten sehr eng und hoch, was Karlsruhers Viererkette weit zurückdrückte und horizontal verengte. Das Mittelfeld versuchte die Kompaktheit zu halten und wurde ebenfalls zurückgedrängt. Die Außenverteidiger Timo Perthel und Stefano Celozzi rückten dynamisch in die offenen Außenstellen vor und konnten die Räume für Fernschüsse und Flanken nutzen. Diese Phase war jedoch schnell vorbei.

Der Karlsruher SC passte die 4-1-4-1-Grundformation nämlich bereits nach wenigen Minuten sehr gut auf das System der Bochumer an. Die beiden Flügelspieler Manuel Torres und Enrico Valentini agierten auch bei zentralem Ballbesitz der Bochumer sehr breit und blockten die Räume für die Außenverteidiger. Die Abwehrkette konnte somit sehr kompakt gegen den Dreiersturm agieren. Dafür rückten die beiden Achter Gaetan Krebs und Reinhold Yabo sehr weit vor. Krebs blieb dabei etwas tiefer und zentraler, während Yabo fast bis auf die Höhe von Stürmer Ilijan Micanski aufrückte. Es entstand ein 4-3-1-1-1, welches je nach Ballposition in 4-1-3-2 und 4-3-2-1 umgebaut werden konnte. Das ursprüngliche 4-1-4-1 war nur noch zu erkennen, wenn Bochum mal ins letzte Drittel gelangte. Dies kam jedoch überaus selten vor.

Horizontales Raumfressen als effektive Pressingfalle

In den letzten Spielen haben sich im Spielaufbau zwei dominante Vorgehensweisen beim VfL Bochum etabliert. Entweder wurde über die Außenverteidiger aufgebaut, die dann direkt diagonal in den Zwischenlinienraum spielen, oder die Pressingresistenz und Dribbelstärke von Danny Latza, Yusuke Tasaka und mit leichten Abstrichen auch Anthony Losilla wird genutzt, um den Ball zentral nach vorne zu tragen. Beide Wege wurden von den Karlsruhern und der Bochumer Systemumstellung jedoch effektiv geblockt.

Im Zentrum wurde dazu eine Mischung aus dem Zustellen von Passwegen und direkten Mannorientierungen gewählt. Yabo agierte gegen Latza, Krebs gegen Losilla und Sechser Dominic Peitz gegen Tasaka. Latza agierte auf dieses Zustellen meist mit ab- und herauskippenden Bewegungen. In diesem Fällen formierten sich die Karlsruher im 4-3-2-1 und lenkten die Passwege in die offenen Halbräume neben Peitz. Diese Pässe waren aufgrund der leitenden Stellung leicht zu antizipieren und konnten somit von Diesem und den engen Außenverteidigern leicht abgefangen oder weggespitzelt werden. Konnten die Bochumer die Abpraller gewinnen, so verengten die Karlsruher durch ein extremes Einrücken und Rückwärtspressing der beiden Achter die Räume.

Ein ähnliches Vorgehen wurde auch bei der Eröffnung über die Außenbahnen praktiziert. Dort hatten Torres und Valentini durch die breite Stellung direkt Zugriff auf die Außenverteidiger, so dass diese oft hektische Direktpässe in die oben beschriebene Pressingfalle spielen mussten. So konnten für beide Routen die gleichen Mechanismen eingesetzt werden.

Das 4-2-1-3 kappt offensiv die Verbindungen…

Die Karlsruher zeigten zwar bemerkenswert saubere Bewegungen und eine gute Dynamik, doch auch die Bochumer Systemumstellung und Personalwahl hatte ihren Beitrag. Während die Flügelspieler im bisherigen 4-4-2/4-2-2-2 genau in den von Karlsruhe anvisierten Verbindungsräumen agierten, waren die Flügelstürmer eher bei den Außenverteidigern (Sestak) oder in den Schnittstellen (Terodde, Terrazzino) platziert. Die diagonalen Wege vom ersten ins letzte Drittel waren somit deutlich zu weit. Darüber hinaus agierten Tasaka und der zurückfallende Terrazzino bei ihren Verbindungsversuchen in zu ähnlichen und zu zentralen Räumen. Sie blockierten sich gegenseitig anstatt Synergien zu erzeugen. Vorstöße durch die Zentrale waren durch die vertikale Staffelung der drei Karlsruher Mittelfeldspieler komplett zugestellt und durch die lenkenden Bewegungen aus dem Aufbau kaum anzuspielen.

…und lahmt an den Flügeln

Typischer Angriff des KSC gegen die 4-2-1-3-Pressingformation

Typischer Angriff des KSC gegen die 4-2-1-3-Pressingformation

Eine weitere große Stärke der Bochumer waren die Rhythmuswechsel im Pressing, mit denen gegen Fürth und Stuttgart die wichtigen Führungstreffer erzielt werden konnten. Im 4-2-1-3 war das Pressing jedoch noch deutlich verbesserungswürdig. Die drei Stürmer wurden nie genutzt, um direkt aggressiv auf die Abwehrkette zu gehen. Stattdessen wurde aus einer sehr engen Stellung das Zentrum blockiert, wodurch der dahinter agierende Yusuka Tasaka völlig ohne defensive Aufgabe blieb. Er beschränkte sich darauf, den ohnehin abgeschirmten Peitz mannzudecken. Vor allem Terrazzino stand dabei viel zu eng. Die Karlsruher konnten einfach über Außenverteidiger Klingmann eröffnen, der dann weite Räume vor sich hatte. Da die Außenverteidiger Bochums sich mannorientiert an den breiten Flügelspielern orientierten, musste meist Latza in der Folge weite Wege machen, um Klingmann zu stellen. Über Kombinationen mit den Flügelspielern und Achtern konnten die Außenverteidiger des KSC diese Dynamik gegen die Bochumer nutzen. Latza ließ Losilla im Zentrum allein gegen Yabo und Krebs zurück. Yabo nutzte diese Freiheiten, um direkt in den Rücken des durch die Kombinationen herausgerückten Perthel zu starten.

Die Umstellung auf 4-4-2 bringt sofort den Ausgleich

In der 61. Minute hatte das Bochumer Trainerteam genug gesehen und ersetzte Terrazzino durch Gregoritsch. Dieser positionierte sich direkt tiefer und breiter als sein Vorgänger. Gleichzeitig nahm Tasaka eine breitere Stellung auf dem rechten Flügel ein. Sestak orientierte sich stärker ins Zentrum. Das 4-2-1-3 wurde zu Gunsten des altbewährten 4-4-2 vorerst ad acta gelegt.

Grundformationen nach der 62. Minute

Grundformationen nach der 62. Minute

Nur knappe 30 Sekunden später sollte sich dieser Wechsel auszahlen. Gregoritsch gewann im vertikal kompakten 4-4-2 weit in der eigenen Hälfte den zweiten Ball und konnte auf Perthel ablegen, um den Ball zu sichern. Über Latza erhielt er in offener Stellung wieder den Ball im Halbraum der eigenen Hälfte und löste so die Karlsruher Verschiebebewegungen aus. Diese konnte Latza aufgrund Gregoritschs Absicherung attackieren. Er sprintete durch und schaffte somit die Möglichkeit, dass sich Gregoritsch mit einem kurzen Dribbling aus der Enge befreien konnte. Latza befand sich nun in seiner idealen Zone – dem Zwischenlinienraum. Gregoritsch steckte durch, Latza drehte auf und setzte Terodde ein, welcher somit durchbrechen konnte. Den notwendigen Raum hatte Latza mit seinem Tiefensprint und der anschließenden Rückfallbewegung mal eben nebenbei geschaffen. Eine missglückte Flanke und eine Rücklage von Terodde später, war Latza wieder am Ball, um den Ausgleich durch den aus der Tiefe vorstoßenden Tasaka vorzubereiten. 3 Pässe, 3 freigelaufene Räume, 2 Dribblings und einen Assist in weniger als 20 Sekunden: Chapeau!

Die Grundlage für den Treffer bereitete jedoch die breite und tiefe Stellung von Gregoritsch sowie die breitere Stellung von Tasaka im rechten Halbraum. Durch die dynamische Besetzung des vorher statisch zugestellten linken Halbraums über Terodde und Latza, war es für Karlsruhe nicht mehr so leicht, die Verbindungen zuzuschieben. Das Tasaka aus der Tiefe am langen Pfosten das Tor erzielt rundet das Bild ab.

Situation nach der Ballsicherung Gregoritschs

Situation nach der Ballsicherung Gregoritschs

Situation nach der Ablage von Latza

Situation nach der Ablage von Latza

Finaler Durchbruch

Finaler Durchbruch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karlsruhe rettet den Ausgleich über die Zeit

Kauczinski reagierte mit der Einwechslung von Yamada für Valentini und einer Umstellung auf 4-4-1-1 mit Nazarov als Zehner hinter der Spitze Micanski. Die Flügelspieler agierten von nun an etwas enger und auch die vertikale Staffelung im Zentrum wurde wieder etwas konservativer ausgelegt. Er entwickelte sich ein typisches Spiel zweier 4-4-2-Mannschaften, bei dem Bochum zwar feldüberlegen war, jedoch keine hochwertigen Abschlüsse mehr erzielen konnte.

Das Pflichtspieldebut von Malcolm Cacutalua

Der Systemwechsel war nicht der erste Wechsel des Spiels. Bereits in der ersten Hälfte ersetzte die Last-Minute-Ausleihe Malcolm Cacutalua den angeschlagenen Patrick Fabian auf der linken Innenverteidigerposition. Der U20-Nationalspieler zeigte dort ein starkes Debut. Mit gutem Stellungsspiel konnte er einige der Karlsruher Konter in ungefährlichere Zonen lenken. Im Aufbauspiel zeigte er eine große Ruhe und bewies das Gespür für Pressingfallen, die er gezielt mied – notfalls indem er den Ball zurück zum Torhüter spielte.

Die Rolle der Außenverteidiger und taktikpsychologische Auswirkungen der Systeme

„Im ersten Durchgang haben unsere Außenverteidiger viel zu hoch gestanden und dem KSC damit den Raum für Konter gegeben. Außerdem haben wir uns damit im Mittelfeld selbst den Raum und die Anspielstationen genommen.“
Peter Neururer

Peter Neururer sah nach dem Spiel die Probleme in der ersten Halbzeit insbesondere in der hohen Stellung der Außenverteidiger. Diese Stellung ist jedoch weniger die Ursache als die taktikpsychologische Folge der strukturellen Probleme des 4-2-1-3. Durch die engen Flügelstürmer ist der attackierbare Raum viel größer. Um einen möglichst flächendeckenden Zugriff zu bekommen, wird automatisch weiter aufgerückt. Die Außenverteidiger verknappten also nicht den Raum für das Mittelfeld und die Stürmer – das taten sie schon selbst – sondern reagierten darauf. Im Defensivspiel entstand durch das Aufrücken der gegnerischen Außenverteidiger und das Ausweichen der Achter eine Überzahl der Flügelspieler gegen den eigenen Sechser. Diese wurde durch das Herausrücken von Perthel und Celozzi kompensiert. Das Herausrücken war auch prinzipiell unproblematisch, da in der letzten Linie aufgrund Valentinis tieferer Stellung immer noch eine 3 zu 2 Überzahl der Innenverteidiger und des ballfernen Außenverteidigers möglich gewesen wäre. Auch Tasaka hätte mit einem stärkeren Einrücken in das vom herausrückenden Sechser erzeugte Loch die Räume für Yabo verengen können. Das Problem waren also viel mehr zu hohe und zu enge Flügelstürmer bzw. ein unpassendes Leiten des Spielaufbaus sowie unpassende Verschiebungen. Die unglückliche Rolle der Außenverteidiger war die Auswirkung.

Fazit

Peter Neururers Wunschsystem 4-2-1-3 konnte noch nicht die gewünschte Durchschlagskraft erzielen. Die enge Stellung von Terrazzino öffnete die falschen Wege im Pressing und blockierte die Räume, die Terodde, Tasaka und Latza gern dynamisch besetzen. Die passenden Anpassungen Kauczinskis offenbarten diese Schwächen äußerst effektiv. Mit der Umstellung auf das Stammsystem der bisherigen Spiele, konnte der VfL zumindest die erste Saisonniederlage verhindern.

Luca 20. September 2014 um 21:35

Ein (positiver) Wahnsinn wie intensiv man sich mit Fußball beschäftigen kann, bist du selber Trainer ? Ich werde deine Artikel weiterverfolgen

Antworten

TW 22. September 2014 um 18:35

Vielen Dank für das Feedback. Ich habe den ersten Trainerschein (C Breitensport) aber noch keine eigene Mannschaft. Wenn also jemand im Raum NRW ein Team hat, das noch einen Trainer sucht 😉

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Silvman 15. September 2014 um 01:58

Danke für die Analyse!
Was meinst Du, wie Neururer jetzt reagieren wird? Keine Offensiveinbindung der Außenverteidiger mehr? 😀

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TW 15. September 2014 um 02:14

Der einfachste Weg wäre das Beibehalten des 4-4-2. Das 4-2-1-3 in der gezeigten Form mit defensiven Außenverteidigern wäre offensiv wohl völlig ohne Durchschlagskraft. Ich hab ein paar nette Ideen, mit denen das 4-2-1-3 eine Zukunft hätte. Dazu müsste das Pressing der vorderen Drei aber deutlich lenkender werden. Grad eine gezielte Führung ins Zentrum könnte zu vielversprechenden Ballgewinnen führen. Offensiv wären die Außenverteidiger sehr zentral. Dazu würden asymmetrische Umformungen im Mittelfeld passen. Das passt aber mit den aktuellen Spielertypen, insbesondere Terrazzino und Tasaka, nicht. Ich mach vielleicht bei dem Update der Kaderanalyse mal einen Absatz zu möglichen Umsetzungen des 4-2-1-3.

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