Donnerstag, 08.12.2016

Seminararbeit: Gewaltprävention im Sport – Bullyingprävention durch das (Jugend-)Fußballtraining

Vor einigen Monaten habe ich im Rahmen meines Psychologiestudiums eine kleine Seminararbeit geschrieben, wie man durch das Fußballtraining Gewaltprävention betreiben kann; ich habe auch ansatzweise versucht diese in die taktische Periodisierung einzuarbeiten.

Da es womöglich Leser gibt, welche sich dafür interessieren, mache ich hiermit ganz ungeniert meine Seminararbeit öffentlich.

Vorwort

Meine Seminararbeit beschäftigt sich mit der Auswirkung des Sports beziehungsweise des Fußballs im Speziellen auf das Bullying und die Gewaltprävention im schulischen Kontext. Hierbei geht es mir letztlich auch darum, dass durch die natürliche zwischenmenschlich-verbindende Wirkung des Sports ein enormes Potenzial zur Verbesserung der Gesellschaft brachliegt, weil sie schlichtweg aus Gründen der mangelnden Kompetenz und geringem Interesse nicht berücksichtigt, erforscht und angewendet wird.

Durch Mannschaftssportarten kann bei richtiger Handhabe und der verstärkten Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse enormer Fortschritt erzeugt werden; nicht nur im Sport selbst. Desweiteren kommt auch eine Wechselwirkung hinzu: Bei einer verbesserten, kompetenteren und interessierteren Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Spitzen- und Breitensport und einer Öffnung gegenüber der Wissenschaft würde die Wissenschaft reagieren, sich verstärkt empirisch mit den im Sport vorhandenen Konzepten und Ideen beschäftigen sowie möglichem Steigerungspotenzial auseinandersetzen.

In dieser Arbeit soll es um einen ersten grundlegenden Schritt in diese Richtung sehen. Einerseits geht es um die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Gruppendynamik ins Jugendtraining und die daraus entstehenden sozialen Vorteile, andererseits werden auch mögliche neue Ideen eingeworfen, um zum Beispiel die taktische Periodisierung noch zu erweitern beziehungsweise ihren ganzheitlichen Ansatz zu ergänzen.

Dafür stelle ich kurz einige unausgereifte Übungsideen vor,  bevor ich im Fazit auf die benötigten Entwicklungen in diesem Bereich sowie oberflächlich weitere zukünftige Ideen und theoretische Konzepte anschneide.

Aus Gründen der Leserlichkeit verzichte ich übrigens auf das Gendern; den Anfang in dieser Arbeit macht eine Klärung des Begriffs „Bullying“, welches den grundlegenden Antrieb für diese Seminararbeit anstellt – im Verbund mit meiner Arbeit als Nachwuchstrainer im Breiten- beziehungsweise Jugendsport sowie als taktischer Analyst im Spitzensport.

Was ist Bullying?

Die grundsätzliche Frage ist natürlich, was genau das Bullying ist. Das Wort selbst stammt aus dem Niederländischen („boel“) oder dem früheren (Mittelhoch-)Deutschen („buole“) und den Wörtern für „Liebhaber“ respektive „Bruder“. Das englische Wort „bully“ hatte ebenfalls diese eigentlich positive Konnotation, verkehrte sich aber im Laufe der Jahrhunderte ins Gegenteil und wurde nur zwei Jahrhunderte später auch schon als „Peiniger der Schwachen“ verwendet; in der heutigen Zeit ist es als Anglizismus wieder in den deutschen Sprachraum gekommen, während das Wort „buhlen“, welches vom ursprünglichen „buole“ stammt, nach wie vor eine positive Konnotation hat.

In der Psychologie hingegen geht es allerdings um die Bedeutung des Anglizismus‘ und generell eine negative Tat, welche im Schulkontext für eine spezielle Form der Gewaltausübung gegenüber sozial Schwächeren steht.

Hierbei  gibt es einige klare Richtlinien, welche eingehalten werden müssen, um den „Tatbestand“ des Bullying zu erfüllen. Olweus (1996) führt beispielsweise aus, dass das Machtverhältnis zwischen dem/den Täter/n unausgewogen sein muss sowie die jeweiligen Bullying-Handlungen sich über einen längeren Zeitraum erstrecken müssen; einzelne Reibereien, Streitigkeiten oder unabsichtliche Schädigungen zählt also hier nicht hinein, sondern fällt (meist) in einen normalen Streit oder in ein kommunikatives Missverständnis. Grundsätzlich ist die Definition einfach und findet sich auch auf Seite 9 von Olweus‘ Studie aus dem Jahr 1996 wieder:

„Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird schikaniert, wenn er oder sie wiederholt und über einen längeren Zeitraum den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist.“

Olweus schreibt auch Folgendes:

„Konstante Aussetzung über einen längeren Zeitraum gegenüber negativen Aktionen von einer oder mehr Personen. Negative Aktionen entstehen, wenn eine Person absichtlich einer anderen Schaden oder Diskomfort zufügt, ob durch physischen Kontakt, Wörter oder auf anderem Wege.“

Die Art des Bullyings kann somit variieren. Bollying muss nicht immer offensichtlich sein, beispielsweise durch physische oder verbale Attacken, sondern kann auch deutlich versteckter und bisweilen manipulativer sein. In Studien von Hazler und Shapiro findet sich zum Beispiel auch die psychologische Komponente und die psychische Schädigung durch non-physische Gewalt, beispielweise das bewusste Ausschließen Einzelner aus einer Gruppe oder wiederholte negative Beeinflussung des sozialen Umfelds eines Schülers, welche somit zum Bullying gehören.

Wichtig ist auch noch, dass Bullying rein auf den Schulkontext zu sehen ist; bei Erwachsenen oder außerhalb der Schule wird vom „Mobbing“ gesprochen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die konstante Ausübung von negativen Machtmöglichkeiten im Schulbereich als „Bullying“ zu definieren ist.

Als Ursache auf Täterseite für Bullying gibt es viele unterschiedliche Konzepte und Ideen. Zahlreiche Studien sehen Neid oder Wut sowie ein aufbrausendes Temperament als wichtige Risikofaktoren, andere wiederum sehen eine arrogante und narzisstische Selbstanschauung als wichtigen Auslöser, wobei diese Studien zu Selbstwerteinschätzungen bei Tätern vielfach inkongruente Ergebnisse erzielen. Auch antisoziale Persönlichkeitseigenschaften oder eine autoritäre Erziehungsstil sollen als Mitursache gelten, doch alles in allem lässt sich kein einheitliches Bild zeichnen.

Cook 2010 beispielsweise beschreibt, dass der Bully-Stereotyp akademische Probleme hat, Probleme in der sozialen Problemlösung, bei gleichzeitiger negativer Selbst- und Weltanschauung sowie aus einem konfliktreichen Familienumfeld stammt. Cook führt Ähnliches bei den Opfern aus, denen negative Emotionen und Aggressivität zugewiesen wird; konträr zu anderen Studien. Als dritte Gruppe existieren noch die „Zuseher“, welche beim Bullying nur passiv teilnehmen.

Das Problematische am Bullying sind die negativen Auswirkungen auf die Opfer. Obwohl einzelne Studien wie von der UCLA oder die Entwicklungspsychologin Helene Guldberg auf mögliche positive Aspekte verweisen (Training des Konfliktumgangs als größter Punkt), stehen die negativen Aspekte meistens – und zu Recht – im Vordergrund. So werden die Schulmassaker in den USA seit 1999 (damals als „Vorreiter“ für viele kommende das Columbine High School Massaker) sowie viele Teenagerselbstmorde in den Industriestaaten auf Bullying zurückgeführt. Darum sollte man sich auf die Prävention solcher Bullying-Problematika konzentrieren; auch im außerschulischen Kontext.

Relevanz des (Jugend-)Fußballtrainings für die Bullyingprävention im (schulischen) Alltag

Die Grundthese dieser Seminararbeit ist eine einfache: Im Nachwuchsbereich des Breitensports sind es – insbesondere auf dem Land – häufig ganze Schulklassen, welche sich gemeinsam in einer Mannschaft betätigen. Dadurch können nicht nur Eltern, Lehrer und Schulsystem auf mögliche Bullyingprobleme einwirken, sondern auch die Sportmannschaften und ihre Jugendtrainer.

In dieser Seminararbeit soll es hierbei insbesondere um den Bereich Fußball gehen, der als einfach zu praktizierender (ob finanziell oder von den Regeln und Anforderungen her), beliebter Massensport gilt. Er ist außerdem überall erreichbar, wird in allen Gegenden praktiziert und arbeitet häufig durch Förderprogramme an Schulen auch mit diesen mit, wodurch die Lehrer sich (eben besonders auf dem Land) einfach mit den Verantwortlichen zusammenschließen oder bei Interesse die Schüler einfach auf den Verein aufmerksam machen können.

Zusätzlich ist es kein Muss, sondern nur ein Plus, dass die jeweiligen betroffenen Schüler sich auch in einer Schulklasse miteinander befinden. Dies ist nur bei einem akuten Veränderungswunsch einer bereits vorhandenen Bullying-Situation benötigt, stattdessen soll es hier um eine pädagogische und soziale Erziehung der Schüler durch gruppendynamische und gruppensoziale Prozesse gehen, damit einem möglichen Bullying vorgebeugt werden kann.

Diese Prävention soll durch ein ganzheitliches Coaching der Jugendfußballer erzielt werden; im Jugendsport sollte sich nicht nur auf eine Entwicklung der Technik, Koordination, Kondition und generellen Leistungsfähigkeit konzentriert werden, sondern auch auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen, sozialer Intelligenz und einem gemeinsamen, harmonischen Miteinander Rücksicht genommen werden.

Der Breitensport und insbesondere der Spielsport Fußball selbst sind hierbei nahezu optimal geeignet. Durch seinen kollektiven Charakter und die Abhängigkeit des Gesamterfolgs nicht nur von der Leistung jedes Einzelnen, sondern auch von den Synergien psychologischer, taktischer und struktureller Natur ist der Fußball für das Coaching und in gewisser Weise als Hilfe zur Selbsthilfe nahezu ideal.

Der Trainer des FC Bayern, Josep Guardiola, seines Zeichens einer der besten Trainer aller Zeiten, sprach zum Beispiel davon, dass der Fußball ihm alles beigebracht hat, was er über den Mensch weiß; der Mikrokosmos und Mikroorganismus Fußball, so Guardiola, helfe beim Verständnis sozialer Strukturen, beim Erlernen der unterschiedlichen Möglichkeiten zum Umgang mit verschiedenen Individuen und beim Umgang miteinander. Wird diese Ansicht auch im Breitensport von kleinauf vertreten, so weitergegeben und das Training darauf ausgerichtet, dann bieten sich zahlreiche Möglichkeiten; insbesondere auf die Prävention negativer sozialer Vorgänge wie dem Bullying.

Doch wie lassen sich gruppendynamische Übungen und Prozesse in das Fußballtraining integrieren?

Grundlegender Aufbau eines Fußballtrainings

Um eine mögliche Integration gruppendynamischer Prozessübungen in ein Fußballtraining zu ermöglichen, muss man sich mit dem Aufbau eines Fußballtrainings beschäftigen. Wo und wie bietet sich Platz? Welche Aspekte können ersetzt oder erweitert werden?

Meistens besteht ein Fußballtraining aus drei grundlegenden Phasen – dem Aufwärmen zu Beginn mit niedriger Intensität und relativ langen Übungsdauern, der intensiven Phase des Fähigkeitenerwerbs mit unterschiedlichen Übungen aus verschiedenen Themenbereichen als Hauptteil des Trainings und dem weniger intensiven „Cool-Down“ am Ende des Trainings, wobei Letzteres im Breiten- und Jugendsport häufig zu kurz kommt. All diese Aspekte sind natürlich noch durchzogen mit kleineren Unterbrechungen zur Korrektur der Umsetzung (dem „Freezing“) und Erholungs- und/oder Trinkpausen.

Im Hauptteil konzentriert man sich meistens auf einen einzelnen Themenkomplex: Von körperlichen Eigenschaften wie der aeroben Ausdauer, anaeroben Ausdauer, Antrittsschnelligkeit, Maximalgeschwindigkeit, Wendigkeit, Kraft, Reaktionsschnelligkeit, technischen Eigenschaften wie dem Passspiel, Abschluss, Ballkontrolle, Zweikampf, Kopfballspiel, oder taktischen Eigenschaften wie dem Pressing, Stellungsspiel, Angriffskombinationen oder auch Standards. Letzteres wird meistens in Mannschafts-, Gruppen- oder Individualtaktik unterteilt, während der Übungsaufbau in all diesen Aspekten variieren kann. Auch bei der Physis und der Technik gibt es Individual-, Gruppen- und Mannschaftsübungen.

Zu den drei grundsätzlichen Bereichen – Physis, Taktik, Technik – kommt in der Trainingslehre und Fußballlehrerausbildung nach der UEFA noch der Bereich der „Psychologie“ hinzu, der allerdings vielfach stiefmütterlich behandelt wird. Fast ausnahmslos wird er mit der Menschenführung des Trainers und seines Trainerstabs sowie deren sozialen Kompetenzen gleichgesetzt, vielfach besteht der Großteil der psychologischen Arbeit aus einzelnen Teambuildingaktionen, disziplinarischen Maßnahmen und dem generellen Umgang miteinander. Teilweise belegen zwar einige Trainer psychologische Kurse, in der Fachausbildung der FIFA und UEFA gibt es einzelne Themenbereiche zu Pädagogik und Psychologie und in Spitzenmannschaften gibt es, wenn auch selten, angestellte Psychologen wie Mentaltrainer, alles in allem wird dieser vierte Bereich häufig etwas isoliert betrachtet und findet sich insbesondere im Training selbst kaum wieder.

Während Taktik, Technik und Physis sowohl im Training selbst als auch außerhalb trainiert werden (Technik: Visualisierungsübungen, Taktik: Videostudium und –analyse, Physis: Kraftraum, Eiskammer, Hausübungen oder durch Ernährungs- und Schlafunterstützungen), beschränkt sich die reine Übungszeit der Psychologie im Training auf null. Im Gegensatz zu den anderen Bereichen wird hier nicht präventiv gearbeitet, sondern meist nur überhastet Akutmaßnahmen (häufig amateurhaft) gesetzt.

Aber: Wie lässt sich dieser Missstand bereinigen? Natürlich ist er auch struktureller und organisatorischer Natur; es müsste also schon im Bereich der Trainer- und Spielerausbildung diesbezüglich gearbeitet werden. Der nächste und praktischere Faktor ist aber die genaue Umsetzung im Trainingsbetrieb; hier können individuell bereits sofort neue Impulse gesetzt werden.

Integration der psychologischen Komponente: Wo und Wie?

Die wichtigste Frage ist natürlich, auf welche Art und Weise sich ein gesondertes Training psychologischer Aspekte – in diesem Fall sozialpsychologischer gruppendynamischer Natur – in ein Training inkludieren lässt. Welche Übungszeiten können dafür geopfert werden? Da sich eine solche Trainingsphilosophie weitestgehend auf den Jugendfußball im Breitensport erstrecken sollte, ist eine schlichte Verlängerung der Trainingszeit keine reelle Option; hier muss Rücksicht auf die Schulbildung der Schüler, andere Hobbys und Umfeldkomponenten wie die Zeit und der Wille der Eltern genommen werden. Ist dies einfach praktikabel, kann dies natürlich in Anspruch genommen worden, doch ein anderer Weg scheint naheliegender zu sein.

Die Grundidee wäre es, dass man die jeweiligen Trainingssegmente auf ein Mindestmaß verkürzt (insbesondere den Hauptteil), die Pausen dadurch verlängert, aber diese regenerativen Pausen mit einfachen gruppendynamischen Übungen füllt. Damit würden die Leerzeiten nicht nur abwechslungsreich, sondern auch gewinnbringend gefüllt werden.

Gleichzeitig erfüllen die gruppendynamischen Übungen die nötigen Ansprüche an eine Pause: Sie sorgen für Erholung, da sie körperlich nicht anstrengend sind, sie lenken von den bisherigen Übungen ab, wodurch die Intensität in den Übungen selbst höher und einfacher aufrechtzuerhalten ist. Da sie minimal körperliche Anstrengung benötigen, können sie auch als aktive Regeneration nach intensiveren Übungen eingesetzt werden und die dabei benötigten längeren Pausenzeiten füllen. Desweiteren helfen sie eben bei der Prävention von internen Konflikten in der Mannschaft, die sich insbesondere im Spielsport Fußball im Jugendbereich auch durchaus in größeren Reibereien und „Raufereien“ entladen können; frei interpretiert nach „Do Girls Manipulate and Boys Fight?“ von Björkvist, Lagerspetz und Kaukiainen (1992).

Dieses Verlängern und Füllen von Pausen muss aber nicht der einzige Weg zur Umsetzung sein. Das Positive am Jugendfußball und –training ist eine mögliche Abkehr des Fokus auf die physische Komponente; insbesondere im Prä-Teenager-Alter ist ein Lauftraining absolut nicht benötigt, da die geringen Distanzen, das Regelwerk (freies und unbeschränktes Ein- und Auswechseln) und die bereits vorhandene physische Konstitution ausreichend sind. Zusätzlich geht es in diesem Alter um die Spielerentwicklung taktischer und spielerischer Natur, die Physis spielt erst im Übergang ins Erwachsenenalter eine größere und wichtigere Rolle.

Somit könnte der physische Teil in diesem Alter deutlich ausgespart und lediglich auf die grundlegende Koordination und das Training der Schnelligkeit beschränkt werden. Diesen dadurch geöffneten zeitlichen Freiraum könnte man mit gruppendynamischen Übungen füllen. Vermutlich ist es auch einfach möglich, dass man die Koordination mithilfe von gruppendynamischen Übungen – beispielsweise dem simplen Spiel „Fangen“ oder auch komplexeren und für die Teamchemie effektiveren Übungen – trainieren könnte. Im Sinne von Komplexübungen – also dem Verbund des Trainings mehrerer Aspekte in eine einzelne Übung – könnten dadurch enorme Vorteile erzielt werden. Gleichzeitig ist diese Idee der Kombination unterschiedlicher Trainingsaspekte und –ziele in eine Übung „the way to go“.

Mögliche Übungen für den U13-Bereich in einem isolierten Training

In diesem Kapitel sollen einige klassische Übungen der Psychologie, die sich mit dem Verbessern unterschiedlicher gruppendynamischer Prozesse befassen, vorgestellt werden. Diese Übungen sind aus der Methodensammlung, die mir Herr Mag. Raimund Steinbacher zugeschickt hat, entnommen und basieren auf den Ideen von Brenner, Fröhlich-Gildhoff, Jonas, Boos und Brandstätter, Rachow und Vopel. Ich habe die Übungen je nach eigenem Ermessen und Gutdünken danach ausgewählt, wie sie meiner Meinung nach am besten auf junge und vorwiegend männliche Fußballer passen.

Die erste Übung ist eine „Kennenlernübung“. Bei der sogenannten „Mentalistenübung“ sollen zwei Personen jeweils Fragen an eine dritte Person stellen und versuchen die Antwort sofort zu erraten. Damit kann nicht nur der Trainer die jeweiligen Vorlieben der Spieler planen, sondern auch die gemeinsame Interaktion erkennen und sich ein Bild über seine Gruppe machen. Auch die jungen Spieler – besonders, wenn sie einander unbekannt sind – können sich dadurch besser kennenlernen und womöglich gemeinsame Interessen finden. Die Fragen können sich dann um Fußball drehen wie „Wer ist dein Lieblingsspieler?“ oder um Alltagsaspekte im Jugendalter wie „Deine Lieblingsserie oder dein liebstes Computerspiel?“ oder Ähnliches.

Auch Brenners Namensball ist hierfür eine interessante Übung. Beim Fußballtraining kann der Ball im Kreis zugespielt werden, während der jeweils passgebende Akteur eine positive Eigenschaft findet, die mit dem gleichen Anfangsbuchstaben wie sein Name beginnt und sich somit vorstellt. Jeder, der bereits dran kam, soll die Hände verschränken. Danach soll in den folgenden Runden die Geschwindigkeit erhöht und die Zeit gemessen werden.

Beim Augenduell geht es nicht mehr um das Kennenlernen, sondern um die soziale Kommunikation. Im Kreis sollen jeweils zwei Spieler aufeinander zu gehen, sich in die Augen blicken, sollen dabei aber weder lachen noch den Blickkontakt abbrechen. In der Mitte sollen sie stehen bleiben, sich mit nur wenigen Zentimetern Abstand gegenüberstehen, sich anblicken und zurückgehen. Wer lacht, hat verloren. Auch diese Übung basiert auf Brenners Ideen.

Der „Detektiv in der Mitte“ ist eine Übung zum Stärken des Teamzusammenhalts und gemeinsamen Arbeit. Sie zielt also auf Empathie und Kommunikation ab, desweiteren ist sie unterhaltsam. Im Kreis soll ein kleiner Gegenstand – auf dem Fußballplatz eignet sich ein Hand- oder Tennisball, der oft für Technikübungen genutzt wird – weitergegeben werden, ohne dass der „Detektiv“ in der Mitte es sieht. Theoretisch können dann auch Strategien zur Verschleierung oder Verwirrung entwickelt werden, welche die Kreativität des Kindes fördern; im Idealfall äußert sich dies dann auch beim Fußballspielen.

Bei „Emotionale Begrüßung“ erhält die Hälfte der Spieler eine Vorgabe durch den Trainer über einen Gefühlszustand, welchen sie simulieren sollen. Sie suchen sich dann einen Partner, begrüßen ihn, während sie diesen Gefühlszustand ebenfalls in ihre Gestik, Mimik und Wortwahl integrieren sollen, damit dieser ihn zu erraten versucht. Dies fördert ebenfalls die Empathie und Kommunikation.

„Fratzenmemory“ ist wiederum eine Übung, die nicht nur zur Schulung von Empathie und Wahrnehmung sowie emotionaler Selbstreflektion taugt, sondern schlichtweg sehr unterhaltsam und somit auch zur Auflockerung dient. Einer der Spieler soll sich bei dieser Übung umdrehen, während je zwei der Jugendlichen ein Pärchen bilden. Zeigt der „Memory-spielende“ Jugendliche auf einen Spieler, dann soll eine bestimmte Grimasse geschnitten werden; Ziel ist es die jeweiligen Pärchen zu finden.

Auch „Wer hat hier das Sagen?“ ist eine vom Grundkern her ähnliche Übung. Einer der Spieler begibt sich zuerst hinaus (beziehungsweise auf dem Fußballfeld weiter weg) und soll danach herausfinden, welcher anderen Spieler das Sagen hat; einer der Spieler soll hierbei eine Bewegung vormachen, welche die anderen nachmachen.

„Chinesisches Knobeln“ ist wiederum eine klare Auflockerungsübung und basiert auf Fröhlich-Gildhoff. Hier sollen ähnlich wie bei Schere, Stein und Papier kleine Wettbewerbe gespielt werden; die Figuren sind aber „Tiger“, „Krieger“ und „böse Schwiegermutter“. Sie sollen mit dem Körper dargestellt werden und haben jeweils eigene Animationen (die „böse Schwiegermutter“ sieht den Gegner vorwurfsvoll an, zeigt den „dudu“-Finger und sagt ununterbrochen „dududududu“). Der Krieger schlägt den Tiger, der Tiger schlägt die Schwiegermutter und die Schwiegermutter schlägt den Krieger.

Auch „Die Erbteilung“ und „Logisch gedacht“ sind Auflockerungsübungen, allerdings keine wirkliche Übung, sondern ein Rätsel. Hierbei sind unterschiedliche Rätsel möglich und dienen zur Unterhaltung, ebenso wie das bekannte Kinderspiel „Simon says“.

Bei etwas kritischerer Beurteilung der Lage – also eher akute Maßnahme oder prä-akute Maßnahme anstatt Prävention – gibt es auch noch Übungen zum Umgang mit Aggressivität. Die „Abstandsübung“ wird vom Spielleiter angeleitet und zuerst vorgezeigt. Er sagt, dass er nun auf einen Freiwilligen zugehen wird, aber „Stopp“ sagen soll, wenn es zu nah wird. Nach der „Stopp“-Verkündung soll gezeigt werden, dass dies ein „Sicherheitsabstand“ ist, der meistens perfekt zur Armlänge des Gegenübers passt. Danach können die jeweiligen Spieler diese Übung in wechselnden Pärchen machen.

Auch beim „Backofen“ geht es viel um Körperkontakt und Abstand. Beim „Backofen“ bildet man zwei parallel zueinander stehende Gruppen; die jeweils gegenüberstehenden Kinder halten sich die Hände. Auf die Hände legt sich ein Freiwilliger hinauf. Nun muss „der Teig aufgehen“ – er liegt weiter auf den Händen, nachdem er zuvor durchgerüttelt wurde. Danach wird er „gebacken“ – er wird gedreht und noch etwas gerüttelt.

Beim „Dosen zertrümmern“ geht es um direkten Aggressionsabbau sowie das Kennenlernen von eigenen Gefühlen im Verbund mit physischer Aktivität. Hier sollen mit einem Gummihammer Dosen zertrümmert werden;  wichtig ist bei den Jugendlichen nicht nur die Aufsicht, sondern auch die Reflexion dieser Übung.

„Ich bin – Ich kann – Ich habe“ hingegen ist fast schon eine Übung zum Teambuilding und kann jederzeit eingesetzt werden; aufgrund der Materialien aber eventuell eher nach dem Training oder davor. Jeder Spieler bekommt ein Kärtchen auf den Rücken geklebt, die mit „Ich bin“, „ich kann“ und „ich habe“ beginnen. Die jeweiligen Mitspieler sollen diese Sätze komplettieren, bis jeder mindestens fünf positive Eigenschaften (und keine negativen) auf seinem Kärtchen stehen hat.

Der ganzheitliche Ansatz und die taktische Periodisierung

Wie schon am Ende des Kapitels „Integration der psychologischen Komponente: Wo und Wie?“ angedeutet, ist die Kombination von unterschiedlichen Trainingsaspekten und –zielen in eine einzelne Übung das vermutliche Idealbild der Integration in den Trainingsalltag. José Mourinho und auch Louis Van Gaal, ebenfalls jeweils zwei der besseren Trainer in der Geschichte des Fußballs, vertreten nach dem ganzheitlichen Prinzip den Ansatz, dass Taktik, Technik, Physis und Psychologie untrennbar miteinander verbunden sind.

Zwischen den jeweiligen Bereichen besteht eine Wechselwirkung und sie beeinflussen einander durchgehend; ein körperlich stärkerer Akteur kann über längere Zeit seine Technik abrufen, ein technisch starker Spieler taugt besser zur Umsetzung taktischer Vorgaben, ein taktisch herausragender Spieler kann auch mit einer schwächeren Physis haushalten, ein mental stärkerer Spieler kann sich über körperliche Probleme eher hinwegsetzen und wird auch akribischer an Technik und Taktik arbeiten.

All diese vier Bereiche spielen auch eine signifikante Rolle im gesamtmannschaftlichen Kontext. Sie sind für den Erfolg verantwortlich, beeinflussen sowohl jeden Spieler einzeln als auch in seiner Rolle im Team und sollen möglichst alle gemeinsam in jeder Übung trainiert werden. Das Grundprinzip selbst ist einfach: Indem nicht nur einer oder zwei Aspekte in einer Übung geschult werden, sondern alle vier, erhöht sich die Effektivität dieser Übung.

Diese Übungen sollen wiederum möglichst spielnah sein; sie sollen sich an konkreten Spielsituationen orientieren, um die Ansprüche möglichst reell zu halten, da dadurch die ideale Anpassung des Körpers an den Spielsport Fußball erfolgen soll. Die genaue Art der Umsetzung soll sich an der gewünschten Spielphilosophie, dem „Spielmodell“, des Trainers orientieren.

Auch hier ist das Grundprinzip simpel: Die vielen Richtungswechsel, Tempovariationen und unterschiedlichen Distanzen sowie die vielen komplexen taktischen Aspekte können in einer einzelnen und simplifizierten Übung nicht abgebildet werden, sondern benötigen eine möglichst nahe Orientierung an das Spiel selbst (Anm.: Eine genauere Beschäftigung mit der taktischen Periodisierung von mir selbst findet sich unter diesem Link).

Diese Gedanken bilden den Grundkern des Konzepts der „taktischen Periodisierung“, welches vom portugiesischen Sport- und Trainingswissenschafter Vitor Frade (2003) entwickelt wurde und auf den grundlegenden Ideen der niederländischen Fußballschule (u.a. Johan Cruijff und Louis van Gaal in den späten 80ern und 90ern) basiert. Bis heute übt dieses Konzept einen enormen Einfluss auf die Trainer im Spitzensport, aber auch in der Jugendausbildung der Topvereine eingenommen hat.

Dennoch ist auch hier die psychologische Komponente vielfach im Trainingsbetrieb isoliert und nicht eingebunden, auch wenn das Konzept selbst einen anderen Anspruch daran und an sich stellt. Trotz vieler trainings- und sportwissenschaftlicher Errungenschaften dieses Konzepts und seines ganzheitlichen Ansatzes ist hier Verbesserungsbedarf möglich.

Die taktische Periodisierung geht nämlich wie die klassische Trainingslehre davon aus, dass die psychologische Komponente jeweils durch das Coaching, den alltäglichen Umgang miteinander und Ähnliches trainiert wird. Die einzige Erweiterung zur klassischen Trainingslehre besteht darin, dass eine Wechselwirkung zwischen dem Übungsaufbau, dem Spielablauf und seiner Auswirkung auf die Psychologie der Mannschaft gesehen wird. Somit wird eine Erweiterung benötigt: Doch wie lässt sich diese Trainingsanschauung mit den gruppendynamischen Übungen kombinieren?

Mögliche Übungen für den U13-Bereich nach dem ganzheitlichen Ansatz

Um möglichst hohe Qualität und die Mischung aus unterschiedlichen Eigenschaften in eine Übung zur Maximierung des Lern- und Trainingserfolgs zu gewährleisten, habe ich versucht die zuvor „isolierten“ gruppenpsychologischen Übungen aus dem vorherigen Kapitel entweder umzuformen, einige Übungen aus der vorherigen Methodensammlung umgedeutet neu zu übernehmen oder eben einige Übungen selbst zu entwerfen. Diese drei Kategorien inklusive der Übungen stelle ich jeweils vor. Natürlich ist dies aber nicht mit allen Übungen möglich.

Umwandlung der zuvor isolierten Übungen:

Namensball: Anstatt des Zuspielens des Balles per Hand im Kreis könnte diese Übung mit dem Fuß ausgeführt und insgesamt etwas dynamischer gemacht werden. Eine Aufstellung in der jeweiligen taktischen Grundformation der Mannschaft ist beispielsweise möglich. So könnte zum Beispiel auch über bestimmte Zirkulationen der Ball nach vorne weitergespielt werden; dadurch müssen sich die Spieler nicht nur ihre Position merken, sondern anstatt der verschränkten Hände muss sich außerdem jeder merken, wo der Ball bereits hingespielt wurde und welche Position somit blockiert ist. Die Spieler merken hierbei auch, dass eine zu weiträumige Zirkulation (langer Ball auf den Stürmer von hinten mit Rückpass) unpraktikabel ist und lernen zumindest eine grundsätzliche strategische Komponente des Angriffsspiels implizit kennen.

Augenduell: Diese Übung kann mit dem Ball praktiziert werden. Der technische Schwierigkeitsgrad für die Ballführung ist erhöht, weil die Spieler sich in die Augen sehen müssen. Das schult die Balltechnik. Anstatt der Ballführung kann auch das Passspiel trainiert werden. Dann ist nur ein Ball im Spiel und er wird während des Zugehens aufeinander hin- und hergespielt. Gleichzeitig muss die Passlänge variiert werden.

Detektiv in der Mitte: Diese Übung könnte so erweitert werden, dass der Ball in mehreren Kleingruppen zirkuliert wird; aber es sind unterschiedlich gekennzeichnete Bälle und einer der Bälle ist der „echte“ Ball. Dieser Ball wird entweder quer oder diagonal gespielt, die anderen Bälle sollen innerhalb der anderen Kleingruppen ebenso zirkuliert werden. Gleichzeitig müssen sich die Spieler aus der Gruppe mit dem „echten Ball“ ebenso immer wieder verschleiernd zu den anderen Gruppen orientieren, um die Illusion aufrechtzuerhalten und zu verwirren. Allerdings dürfte diese Übung rein spielerisch zu anspruchsvoll sein, damit hier eine flüssige und effektive Zirkulationsgeschwindigkeit erreicht werden kann, der „Detektiv“ hat es somit zu einfach.

Rätsel: Während der Übungen könnten Rätsel gerechnet werden, wie zum Beispiel „Die Erbteilung“ und „Logisch gedacht“. Eine Koordinationsübung wird dadurch aufgewertet, unterhaltsamer und schwieriger. Ein Wettbewerb ist ebenfalls möglich. Wer die Lösung weiß, kann zum Beispiel die Übung kurz verlassen und dem Trainer die Antwort zuflüstern. Wenn sie richtig ist, gibt es für diesen Spieler bspw. eine Trinkpause. Die anderen müssen die Übung weiterhin ausführen und währenddessen das Rätsel lösen. Ab einer bestimmten Anzahl richtiger Lösungen kann die Übung aufgelöst werden, damit keiner der Spieler am Ende alleine übrigbleibt. Bei dieser Übung werden neben Koordination (oder auch Technik/Taktik) ebenfalls Gehirnaktivität, Spielintelligenz und Multitasking geschult.

Simon says: Hier können unterschiedliche Parcours aufgebaut werden. „Simon“ kommandiert dann eine bestimmte Art der Ausführung oder eine bestimmte kurze Übung. Der Rest ist wie bei diesem Spiel üblich und wird nicht verändert.

Dosen zertrümmern: Anstatt Dosen kann die Schusskraft trainiert werden. So kann beispielsweise mit voller Wucht auf eine Holzfigur oder aufs Tor geschossen werden.

Weitere Übungen:

Pferderennbahn: Diese Übung von Jonas, Boos und Brandstätter kann in veränderter Form interessant genutzt werden. Normalerweise bilden die Teilnehmer einen Kreis (Schulter an Schulter) und es wird quasi ein Rennen simuliert; beim „Laufen“ sollen sich die in der Hocke befindlichen „Pferde“ auf die Oberschenkel klatschen, auf der „Rennbahn“ sollen sie auf Kommandos reagieren (zum Beispiel Rechts- oder Linkskurven, Vögel oder Holzbrücken auf der Bahn) und in der Zielgerade die Tribünengeräusche simulieren oder „dem Pferd die Sporen geben“ (auf den Hintern klatschen). Theoretisch könnte man anstatt einer simulierten Rennbahn inkl. Rennen eine Koordinationsübung auf einem realen Parkour mit Ball basteln.

Tic Tac Toe: Bei dieser Übung sollen die Kleingruppen eigentlich ihre Mitspieler jeweils in einem „Tic Tac Toe“-Feld positionieren und gegen eine andere Gruppe wetteifern. Statt des „Tic Tac Toe“-Spiels könnte hierbei aber auch ein eigenes „Fußballspiel“ praktiziert werden. Vor dem Strafraum sollen  die „angreifende“ und die „verteidigende“ Mannschaft in bestimmten Zonen (bspw. einem Rechteck mit 4×3-Feldern) ihre Angreifer beziehungsweise ihre Verteidiger positionieren. Ist dieser Prozess abgeschlossen, kommt ein Ball ins Spiel. Die Angreifer sollen dann aus ihren Zonen heraus vor das Tor kommen und treffen. Neben dem regenerativen und unterhaltsamen Faktor dieser Übung wird auch das strategische Spielverständnis und die Kommunikation geschult.

Flasche im Kreis: In diesem Fall soll sich die Flasche nicht im Kreis zugespielt werden, sondern ein bestimmter Spielzug absolviert oder ein kleines Spiel gemacht werden. Die Flasche statt des Balls erhöht den Schwierigkeitsgrad, sorgt für Abwechslung und Unterhaltung.

Gruppenrollen/Kasperlspiel: Hier erhält jeder sechs Kapperl mit unterschiedlicher Beschriftung, woraufhin sie eine bestimmte Rolle einnehmen müssen. Anstatt „der Experte“ oder „das Mauerblümchen“ können hier positionsspezifische Attribute verteilt werden wie „der spielmachende Sechser“. Die Spieler sollen dann diese Position übernehmen, ihre Aufgaben reflektieren und letztlich umsetzen. Theoretisch kann auch mit jeweils mehreren Kapperl die Taktik variiert werden; so spielen dann manchmal Teams mit mehreren oder ohne einen „spielmachenden“ Akteur, wodurch sie die Wichtigkeit der Existenz dieser Rolle erfahren, gleichzeitig aber auch sehen, dass zu viele Köche den Brei verderben und auch weniger beliebte Positionen eine für das Kollektiv wichtige Rolle übernehmen.

Luftball: „Die Gruppe hat die Aufgabe, einen Gymnastikball in der Luft zu halten, ohne dass er den Boden berührt. Der Gymnastikball darf mit allen Körperteilen gespielt werden. Es ist sinnvoll das Spielfeld zu begrenzen (halbes bis ganzes Volleyballfeld). Die Gruppe entscheidet am Anfang in einer kurzen Austauschphase selbst, welche Spieltaktik sie wählt und wie sie sich im Spielfeld aufstellt. Drei Regeln müssen beachtet werden:

  • Der Ball darf den Boden nicht berühren.
  • Niemand darf den Ball zweimal hintereinander berühren.
  • Der Ball darf nicht festgehalten oder gefangen werden “

Ich zitiere hier Brenners Übung ungeniert aus der Methodensammlung, da hier nur eine Änderung benötigt ist – einzig der Fuß beziehungsweise das Bein anstatt jedes Köperteils darf genutzt werden.

Eigene Übungsideen:

1)      In der ersten Übung werden kurzzeitig frustrierende Unterzahlsituationen erzeugt. Eine bestimmte Mannschaft soll mit weniger Spielern und zusätzlich erschwerenden Regeln (Direktspiel zum Beispiel) kurzzeitig von der anderen Mannschaft dominiert werden. Nach kurzer Zeit wird die Übung unterbrochen, darauf folgt die Reflexion, insbesondere das Ansprechen von taktikpsychologischen Problemen wie der mangelnden Hilfe und Unterstützung durch die Mitspieler sowie die Überlegenheit der größeren Gruppen und das Gefühl sowie die kollektive Reaktion darauf.

2)      In der zweiten Übung soll ein Kreis gebildet werden. Alle Spieler „umarmen“ sich und stehen Schulter an Schulter. Auf Trainerkommando müssen sie sich in eine bestimmte Richtung bewegen und währenddessen den Ball innerhalb des Kreises hin- und herjonglieren.  Diese gemeinsame Bewegung darf nicht aufgelöst werden, ebenso wenig wie die durchgehenden „Umarmungen“. Ziel ist das Erfüllen der Anweisungen ohne Herunterfallen des Balles für einen bestimmten Zeitraum. Alternativ kann es bei spielerisch schwächeren Spielern auch ohne Ball hochhalten mit einfachen Flachpässen auf dem Boden oder ohne kollektive Bewegung auf Trainerkommando praktiziert werden.

3)      Bei der dritten Übung geht es um „Synchronaktionen“ von zwei konkurrierenden Kleingruppen. Es werden zuerst für einen bestimmten Spielzug oder eine bestimmte Aktion jeweils gewisse Temporhythmen einstudiert („langsam“, „mittel“, „schnell“). Diese sollen dann möglichst präzise einstudiert werden. Danach konkurrieren die zwei Gruppen, um eine genaue Ausführung, die möglichst synchron sein soll. Somit muss bei Fehlern der Konkurrenz dennoch auf diese gewartet werden. Das Team mit den wenigsten Fehlern gewinnt, der Schwierigkeitsgrad kann durch Tempowechsel auf Trainerkommando variiert werden oder es werden immer schnellere Geschwindigkeitsstufen eingeführt. Die gruppendynamische und soziale Wirkung ist hierbei allerdings etwas geringer als bei den ersten zwei Übungen einzuschätzen.

4)      Auch unterschiedliche Spielformen mit bestimmten Regeln, die dann bei Verstoß, bei Misserfolg oder bei Erfolg der Übung zu einer der gruppendynamischen Übungen führen oder alternativ auch Zonenspiele mit bestimmten gruppendynamischen Übungen bei Erreichen der jeweiligen Zonen sind möglich.

Fazit und Zukunftsausblick

In dieser Seminararbeit sollte die Möglichkeit einer erhöhten Implementierung psychologischer und mentaler Aspekte in den Trainingsablauf betrachtet werden. Der Fokus liegt natürlich auf dem Erzeugen vorteilhafter gruppendynamischer Prozesse durch die dafür subjektiv effektivsten Übungen, um damit im Jugendbereich für mehr Zusammenhalt, mehr Abwechslung, mehr Spaß und gleichzeitig eine Prävention von Bullying und Gewalt zu gewährleisten.

Idealerweise sollte eine solche verstärkte Integration dieser gruppendynamischen Übungen in den alltäglichen Trainingsablauf mit modernsten Erkenntnissen aus dem Spitzensport sowie der Trainings- und Sportwissenschaft verbunden werden. Die taktische Periodisierung inklusive ihres ganzheitlichen Ansatzes ist hierbei ein erster Schritt in eine erhöhte Effektivität und einen größeren Lern- wie Trainingsfortschritt im Alltag, der den positiven Nebeneffekt der verbesserten Gruppenharmonie und einer Konfliktprävention innehat.

Langfristig sollte es auch Forschungen in diesem relativ unerforschten beziehungsweise nahezu inexistenten Bereich geben, um die Effektivität statistisch und wissenschaftlich zu ergründen sowie eine hohe Effizienz zu gewährleisten beziehungsweise die effektivsten Maßnahmen zu eruieren. Desweiteren wäre es hilfreich sich weitere Ideen aus dem Spitzensport zu holen, diese mit den grundlegenden Aspekten der taktischen Periodisierung und den gruppendynamischen Übungen zu verbinden.

Die Vernetzung von gruppendynamischen Übungen mit leistungsfördernden fußballspezifischen Übungen im Sinne der taktischen Periodisierung und solch neuen, aber ebenfalls weitestgehend wissenschaftlich unerforschten Bereichen wie dem Gehirn- und Sensoriktraining des Belgiers Michel Bruyninckx vom Fußballklub Anderlecht und dessen Firma „CogiTraining“ oder der „Life Kinetik“ des Deutschen Horst Lutz würde neue Wege im Spitzen-, Breiten- und Jugendsport eröffnen.

Auch bereits erwiesene neuropsychologische Konzepte wie das implizite Lernen, sportpsychologische Konzepte wie das erhöhte Spiel mit Ball, die individuelle Trainingssteuerung aus der Trainingswissenschaft oder neueste Erkenntnisse aus der Sport- und Bewegungswissenschaft oder der nationalen Verbände sollten in dieses ganzheitliche Konzept inkludiert werden sowie mit psychologischen und sozialen Komponenten ergänzt und wissenschaftlich überprüft werden, um eine wahrlich ganzheitliche Ausrichtung effektiv und effizient zu ermöglichen.

Eine richtige und empirisch gestützte Umsetzung dieses Konzepts könnte zu großen Fortschritten im Sport und wünschenswerten positiven Wechselwirkungen auf die Gesellschaft führen.


 

Ich habe die originale PDF zum Download hochgeladen, das Literaturverzeichnis findet sich ebenfalls darin. Gleichzeitig möchte ich noch anmerken, dass der fußballbezogene Inhalt in der Arbeit sehr vereinfacht, oberflächlich und kurz gehalten ist. Ich hoffe aber, dass der Grundkern der Überlegungen ersichtlich wird. Ziel ist nämlich grundsätzlich eine Erweiterung der Säulen der taktischen Periodisierung beziehungsweise eine Vertiefung darin und eine Fokusverschiebung. Die takt. Periodisierung versteht sich ja dahingehend, dass physische, taktische, technische und psychologische Aspekte miteinander verbunden werden. Diese psychologische Komponente wird jedoch selten explizit erwähnt noch gibt es Übungen, welche diese fokussieren – während es immer Übungen gibt, die meist einen der drei anderen Aspekte in den Vordergrund rücken, während die anderen als „by-product“ gewünscht abfallen. Gleichzeitig sollte die psychologische Komponente differenzierter gesehen werden: Neuropsychologische Aspekte des Trainings sind komplett anders als sozialpsychologische, als taktikpsychologische oder als motivationale und andere mentale Aspekte. Je nach Situation, Team und Spieler werden eventuell im Training andere Aspekte dieses großen Ganzen benötigt. Eine weitere Entwicklung dahingehend wäre wünschenswert.

Sven 14. September 2014 um 22:28

Hallo RM, danke für den interessanten Artikel! Dass der (prozessorientierte!) Fußball – vgl. auch mk´s Kommentar – aus verschiedenen Gründen eine große Kraft für das „Erzeugen vorteilhafter gruppendynamischer Prozesse“ zur Gewaltprävention, aber z.B. auch für das Eröffnen neuer Lernchancen, bietet, kann ich nur unterstreichen. Meine SchülerInnen, „schwierig“, mit besonders herausforderndem Szialverhalten, sind zwar oft talentierte FußballerInnen, finden jedoch nur in Ausnahmefällen den Weg in den Fußballverein. Um sie für schulisches Lernen wiederzugewinnen, habe ich das Konzept „Begegnung in Bewegung (BiB)“ entwickelt, das über prozess- und spaßorientiertes Fußballspiel und in der täglichen Begegnung mit MitschülerInnen aller Altersstufen das Einüben und Erleben vieler positiver Formen des Sozialverhaltens ermöglichen soll. Vielleicht ergänzt BiB Deine Ausführungen, in denen Du ja zu Anfang selbst die Brücke von der Schule zum Fußballverein schlägst. Ansonsten: Gerne mehr ganzheitliche Ansätze! Näheres zu BiB von mir findest Du hier:
http://www.verband-sonderpaedagogik-nrw.de/fileadmin/uploads_user_LV_NRW/Zeitschrift_Sonderpaedgogische_Mitteilungen/2013-2/Nichtmitglieder/Text_8.pdf

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Martin Baumann 8. September 2014 um 15:51

Danke für den Input. Ich hab auf Facebook auch verlinkt mit http://www.caritas-steiermark.at/hilfe-einrichtungen/interkultur-sport/siq-sport-integration-qualifikation/ dort wurde eine Broschüre erarbeitet die „Mut im Teamsport“ heißt und in etwa in die selbe Richtung geht.

Wir haben in unserer Organisation auch eine „Fußballgruppe“ wo wir mit besonders „schwierigen“ Kindern und Jugendlichen Fußball spielen, da sind solche Inputs immer willkommen! Außerdem kann ich dann endlich in meiner Arbeitszeit guten Gewissens Spielverlagerung lesen 😀

Zu unserer Arbeit:
http://apfl.or.at/sozialraeumliche-familienarbeit/fua-fuea-arbeit-und-projekte/fussballgruppe.html

http://apfl.or.at/sozialraeumliche-familienarbeit/aktuelles/19-fussball-im-sozialraum-4.html

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messanger 7. September 2014 um 00:40

Habe noch nicht alles durchgelesen. Kurzer Hinweis: Das Columbine-Massaker (und andere wahrscheinlich auch) wurde nicht durch Bullying ausgelöst.

Buch: http://www.amazon.com/Columbine-Dave-Cullen/dp/0446546925/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1410041455&sr=8-1&keywords=columbine
Interview: http://www.nbcnews.com/video/up/48268676#48268676

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mk 5. September 2014 um 11:40

1,3 würd ich sagen ;).
Vielen Dank fürs Veröffentlichen, war sehr interessant zu lesen. Sollte man aber definitiv dran bleiben. Ich glaube deine Eigenkreation Nummer 2) probiere ich nächste Woche mal aus (ist auch U13, also passt das ja).
Worüber ich aber neulich schonmal nachgedacht habe, weil ich die ein oder andere Übung auch mit solchen Gewinn/Verlust-Systemen aufgebaut habe (aber nur taktisch/fußballerisch, hatte keinen absichtlichen psychologischen Inhalt): ist das überhaupt uneingeschränkt sinnvoll? Ist mir bei dem Absatz wieder aufgefallen:
„Im Kreis sollen jeweils zwei Spieler aufeinander zu gehen, sich in die Augen blicken, sollen dabei aber weder lachen noch den Blickkontakt abbrechen. In der Mitte sollen sie stehen bleiben, sich mit nur wenigen Zentimetern Abstand gegenüberstehen, sich anblicken und zurückgehen. Wer lacht, hat verloren. Auch diese Übung basiert auf Brenners Ideen.“
Unterläuft dieser Wettbewerbscharakter durch das „Wer lacht, hat verloren“ nicht vielleicht ein bisschen das Ziel, so eine freundschaftliche oder lockere Atmosphäre aufzubauen? Mir ist schon klar, dass das für diese Übung egal ist, weil es so oder so lustig wird und das Verlieren ja nicht von Bedeutung ist. Aber vom Grundsatz her, für wie sinnvoll erachtest du solche Anreizsetzung in Form von „dieses oder jenes Verhalten bedeutet einen Sieg/ gibt einen Punkt“ und so weiter? Ich habe das in letzter Zeit wie gesagt oft mit Punktvergabe versucht und am Ende der Übung den Gewinner ermittelt, aber bin mir nicht sicher ob das psychologisch unbedingt sinnvoll ist (evtl. Risikominierung, Fehlervermeidung…). Da wir ja gerade bei psychologischer Wirkung der Trainingsinhalte sind, passt das ja vielleicht hier hin.

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king_cesc 5. September 2014 um 09:53

Danke für die Veröffentlichung!

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Dr. Acula 5. September 2014 um 01:36

Die ersten Abschnitte wirkten beeindruckend auf mich.. Mir gefällt der Mix aus sportlichen Themen, der auf SV.de z.Z. Geboten wird! Seien es spiel-,Trainer-, Mannschafts-, Spieler oder Buch-Analysen.. Werde mir den ganzen Text morgen wenn ich Wacher bin zu Gemüte führen. Bin gespannt!

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