In-Depth-Spieleranalyse: Alfredo Di Stéfano

Er gilt als einer der ersten „totalen“ Fußballer, als Grandseigneur in seiner Spielweise und als Prototyp des Führungsspielers; spielerisch, taktisch, psychologisch. Sein Name ist Alfredo Di Stéfano – und er beeinflusste ganze Generationen von Fußballern.

Sir Alex Ferguson persönlich sprach zum Beispiel davon, für ihn sei Alfredo Di Stéfano als Kind eine Inspiration gewesen.

„Sie waren unglaublich. Sie waren die erste wirklich internationale Vereinsmannschaft und sie waren phantastisch“ – Ferguson, der beim legendären Meisterpokalfinale 1960 als Junge auf der Tribüne saß

In Argentinien lautet die Diskussion (noch) nicht Maradona oder Messi, sondern Di Stéfano oder Maradona. Und viele der älteren Argentinier sehen nach wie vor Di Stéfano ganz vorne. Zugegeben, das kann natürlich ein Kohorteneffekt der Generation und Verklärung sein, immerhin soll es auch früher viele gegeben haben, welche José Manuel Moreno und Adolfo Pedernera vor Di Stéfano sahen.

„Der beste Spieler, den ich in meinem Leben sah, war Adolfo Pedernera. Zweifellos war Maradona außergewöhnlich, phantastisch. Der Beste seit Jahren. Man kann auch Pelé nicht ignorieren. Aber um Himmels willen, obwohl es schwer ist Vergleiche zu ziehen, Pedernera war ein sehr kompletter Spieler, der überall auf dem Platz spielen konnte.“ – Alfredo Di Stéfano

Dennoch: Es gab und gibt nur einen Don Alfredo. Und es wird auch nie einen neuen geben, weil eine solche Spielweise heutzutage wohl nicht mehr möglich ist. Diese in-depth-Analyse möchte klären, wieso das so ist, was Alfredo Di Stéfano so besonders machte. Dafür wird zuerst seine grundlegende Spielweise taktischer Natur im Kollektiv beschrieben, einzelne Besonderheiten seiner technischen Spielweise erklärt und auch eine gewisse psychologische Komponente beschrieben. Nebenbei fließen immer wieder kleinere Zitate über diesen großen Spieler in den Text hinein, ebenso wie eine punktuelle Nacherzählung des womöglich größten Europapokalspiels aller Zeiten, dem 7:3 Reals 1960 gegen Eintracht Frankfurt. Die Grafiken und Aufstellungen stammen aus bildlicher Recherche, wenn möglich, und ansonsten aus Textquellen und Beschreibungen.

Defensive Neun sowie drei-Drittel- und vier-Phasen-Spielgestalter

6. Minute: Alfredo Di Stéfano holt sich den Ball vor der Mittellinie ab, führt den Ball im Zentrum, doch sein Außenristpass geht daneben. Frankfurt hat den Ball im Mittelfeld, Di Stéfano geht ins Gegenpressing, doch wird umspielt. Die Deutschen spielen direkt einen weiträumigen Pass auf den Flügel und kontern. Es kommt die Flanke, doch Reals Verteidigung klärt zur Auslinie. Hier hat nun Marquitos den Ball – und spielt auf Di Stéfano, der sich am eigenen Strafraumeck anbietet und direkt mit einer Berührung weiterleitet. Canario spielt auf Marquitos, der wieder auf Di Stéfano. Dieser führt den Ball nun durch das Mittelfeld, souverän wie eh und je. Mit Ball am Fuß stößt er nach vorne und spielt einen Querpass. Es folgt eine längere Ballzirkulation Reals.

Real Madrid 1956

Real Madrid 1956

Nominell konnte Di Stéfano sämtliche zentralen Positionen spielen; Mittelstürmer, hängender Stürmer, Zehner, Achter, Sechser, Vorstopper, Libero. Meistens spielte er aber alles gleichzeitig. Als Mittelstürmer ließ er sich häufig bis zwischen die Verteidiger im 3-2-5 zurückfallen, holte sich Bälle direkt am eigenen Strafraum ab und marschierte dann nach vorne. Mit Ball am Fuß nutzte er seine Spielintelligenz, um das Spiel direkt mit weiträumigen Pässen zu eröffnen, Räume und gegnerische Pressingbewegungen mit Kombinationen zu umspielen oder er dribbelte sich einfach an einem, zwei oder drei Gegenspielern vorbei nach vorne.

„Das Großartige an Di Stéfano war, dass man mit ihm im Team auf jeder Position zwei Spieler hatte“ – Miguel Muñoz

Besonders diese Slalomläufe im defensiven Mittelfeld werden häufig mit seiner Spielweise gleichgesetzt; doch das ist eine Reduktion seiner Fähigkeiten und (gar negative) Verklärung seines Spielertypus. Sehr oft wird Di Stéfano auf seine Torgefahr aus der Tiefe und die bloße Unterstützung des Mittelfelds reduziert, doch der argentinische Superstar der 50er war viel mehr als das. Er konnte als Spielgestalter aus der Tiefe eine Vielzahl von Rollen auf unterschiedlichste Art und Weise ausfüllen. Beispielsweise besaß er die überaus seltene Fähigkeit dem Spiel seinen Rhythmus und die Dynamik komplett zu stehlen und sie kurzzeitig aus dem Spiel zu nehmen.

Vielfach wird bei Spielgestaltern davon geredet, dass sie den „Spielrhythmus kontrollieren“; selten ist klar, was damit gemeint ist. Aus taktischer Perspektive kann man sich darunter vorstellen, dass der Spieler in ein sehr dynamisch geführtes Spiel mit vielen Zonenwechseln, intensiven Verschiebebewegungen und vorwiegend vertikalen Angriffsbemühungen beruhigend eingreift, sich verstärkt um eine ruhigere und stabilere Ballzirkulation kümmert, bevor er dann direkt oder indirekt das Tempo erhöht.

Bei einem zu hohen Rhythmus entstehen auch Probleme taktikpsychologischer Natur (wie zum Beispiel eine weiträumigere und fordernde Natur des Passspiels, unangenehme Spieldynamiken oder eine zu hastige Entscheidungsfindung) und psychologischer Natur (wie mehr Hektik in der Koordination oder mangelnde Konzentration und Präzision in den Aktionen).

Die meisten Spieler können diese Vielzahl von Aspekten nur in sehr kleinen und unterschiedlichen Rahmen beeinflussen und kontrollieren; manche leben in schnellen Rhythmen auf und suchen diese generell, können auch nur zwischen schnell und sehr schnell wechseln beziehungsweise in diesen Geschwindigkeiten auf ihr Umfeld Einfluss nehmen. Bei anderen fehlt es zum Beispiel am mittleren Teil, sie können entweder langsam oder schnell; und einige andere können das gar nicht bewusst. Das Tempo komplett für einen kurzen Moment herauszunehmen und dann flexibel wieder in unterschiedlicher Intensität zu beleben ist eine unterschätzte Kunst; und „Mittelstürmer“ Di Stéfano beherrschte sie.

„Der Argentinier war der intelligenteste Spieler, den ich je sah. Pelé war vielleicht der bessere instinktive Spieler, aber Di Stéfano kam auf den Platz und hatte das Spiel schon weitestgehend in seinem Kopf durchgespielt.“ – Bobby Charlton

In einigen Situationen löste er sich zum Beispiel aus gegnerischen Defensivbemühungen oder schaltete sich extrem tief in das Aufbauspiel ein, wenn es zu vertikal wurde, und blieb dann auf dem Ball stehen. Das klingt banal, doch es hatte einen bestimmten Effekt: Weder der Ball noch der Ballführende bewegten sich und Di Stéfano hatte sich zuvor darum gekümmert, dass kein Gegenspieler auf ihn Zugriff haben konnte. Dadurch wird fast schon abrupt ein kurzer Stillstand in das Spiel eingeführt; alle bisherigen Freilauf- oder Deckbewegungen können komplett neu organisiert werden, die Karten werden in gewisser Weise neu verteilt. Wagte es jemand Di Stéfano in diesen Momenten anzugreifen, hatte er schlechte Karten: Di Stéfano drehte sich dann meistens um ihn oder lotste ihn zurück ihn seinen Raum, befreite sich dann und orientierte sich entweder wieder nach hinten oder nutzte die neue Dynamik aus, wenn sich eine passende Möglichkeit ergab.

Real Madrid 1957

Real Madrid 1957

Häufig waren diese kurzen Stillstandphasen aber nur die Ruhe vor dem Sturm. Di Stéfano war nämlich nicht nur positionell komplett, sondern auch in seinen Fähigkeiten. Mit schnellen Dribblings in offene und auch strategisch gut gewählte Räume öffnete er Anspielstationen, konnte das Angriffsspiel mit Pässen auf den Flügel oder Kombinationen leiten oder selbst den Pass (oder gar das Solo) direkt in Richtung Tor suchen.

Außerdem veränderte er fast permanent sein Sichtfeld. Beobachtete man Di Stéfano im Spiel, fiel sofort auf, wie er sich immer wieder umpositionierte und das Spielfeld durchgehend komplett überblicken wollte. Seine korrigierende Ballführung wirkte bisweilen etwas unsauber, weil er immer den Ball im Lauf auf die eine Seite schob und dann wieder leicht die Richtung wechselte. Das erfüllte jedoch auch den Zweck, unablässig Ausschau nach der strategisch günstigsten Lösung zu halten.

Generell hatte Di Stéfano ein tolles Umfeldblickverhalten, eine sehr gute Sichtfeldnutzung und erzeugte dadurch Kontrolle über die umliegenden Dynamiken. Er wechselte auch körperlich seine Stellungen und Positionierungen sehr passend dazu; schon alleine in der Körperhaltung, nicht nur in der Positionierung selbst. Dadurch konnte vielfältiger und genauer auf anspruchsvolle Szenen reagieren, da er sich schon bei der Ballannahme seiner Aktionsmöglichkeiten bewusst war. Harte Pässe ließ er beispielsweise erfolgreich auf Mitspieler durch oder er wechselte intelligent zwischen direkten Weiterleitungen, kurzen Pausen vor dem Pass (Ballannahme und kurzer Lauf) oder einer vorausschauenden Zirkulation nach hinten.

Im Gegensatz zu vielen spielgestaltenden und einflussreichen Offensivspielern (besonders Mittelstürmern) war Di Stéfano somit auch strategisch herausragend. Er suchte nicht nur die beste Aktion für den direkt folgenden Schritt, sondern berücksichtigte in seiner Entscheidungsfindung räumliche Komponenten und die jeweiligen Staffelungen. So spielte er beispielsweise nicht die nächste Anspielstation an, sondern den übernächsten Mitspieler und kommandierte, dass dieser sofort nach hinten ablegen sollte; dadurch hatte der zweite Passempfänger ein besseres Sichtfeld, vielfältigere Optionen und es gab mehr Zeit zum Aufrücken in die Spitze für Di Stéfano selbst.

„Wer ist dieser Mann? Er nimmt den Ball vom Torwart; er sagt den Verteidigern, was sie zu tun haben. Wo auch immer er auf dem Feld steht, er ist in einer Position den Ball zu bekommen. Man kann seinen Einfluss auf alles, was geschieht, sehen. Ich habe noch nie einen solch kompletten Fußballer gesehen. Es war, als hätte er seine eigene Kommandozentrale mitten im Herzen des Fußballspiels aufgebaut. Er war so stark wie subtil. Die Kombination seiner Qualitäten war faszinierend.“ – Bobby Charlton

Der Vergleich mit Cristiano Ronaldo, der in den letzten Jahren einige Male bemüht wurde, ist somit etwas irreführend; Di Stéfano hatte zwar durchaus gewisse individuelle Aspekte Cristiano Ronaldos: physische Dominanz und Präsenz in bestimmten Situationen, Ehrgeiz, Status, Beidfüßigkeit und Art der Beidfüßigkeit oder die  Tororientiertheit der Strafraumbewegungen. In seiner – auch taktischen und strategischen – Komplettheit war er aber viel mehr ein Luka Modric, der zusätzlich in einen durchschlagskräftigen Mittelstürmer implementiert wurde.

Diese Tororientiertheit und -geilheit äußerte sich dann beispielsweise in einem überaus fordernden und steuernden (!) Passspiel; gab es keine ordentlichen Aufrückbewegungen seiner Mitspieler, dann forcierte Di Stéfano diese. Er spielte ihnen die Pässe absichtlich etwas weiter in den Lauf, drängte sie nach vorne, bot sich direkt an und deutete Doppelpässe an. Ging es ihm zu langsam, nahm er auch mal seinem Mitspieler den Ball weg und schickte einen anderen in ein Laufduell in die Spitze – erzwungener Raumgewinn mal anders.

Aber nicht nur im Kommandieren und Passspiel war Di Stéfano hervorragend. Er besaß auch die nützliche Fähigkeit nicht immer das Spiel an sich reißen zu müssen, sondern auch passiver und unterstützender zu agieren. Dabei zeigte er in der räumlichen Bewegung einige interessante Aktionen, beispielsweise Kreiselbewegungen, wo er nach einem eigenen Passspiel oder sonst einer eine Aktion seiner Mannschaft im Mittelfeld die Situation hinterlief, sich dadurch für einen Pass mit verlagernder Wirkung öffnete und sich für diagonale Pässe anbot. Dafür nutzte er Bogenläufe – also eine seitliche Bewegung mit umlaufendem Sprint in das entstehende Loch – und ebenso Vertikalsprints direkt in die Spitze. Auch ausweichende Läufe auf dem Flügel mit dortigen Durchbrüchen entlang der Seite oder diagonal in den Halbraum, das Erzeugen und direkte Durchbrechen sehr enger Räume mit extrem dynamischen Kombinationen durch diese hindurch oder ein hibbeliges, langsames, aber doch funktionierendes Nadelspielen in engsten Räumen im zweiten und letzten Spielfelddrittel beherrschte Di Stéfano.

Real Madrid 1958

Real Madrid 1958

Diese Aktionen garnierte er immer wieder mit plötzlichen explosiven Läufen zum Tor. Solche Sprints in die Tiefe waren im letzten Drittel womöglich sogar das Merkmal  seiner Spielweise; entweder er öffnete dadurch die Spielfeldmitte für andere Akteure und Aufrücken der Mittelfeldspieler oder er konnte direkt ins Loch angespielt werden. Besonders stark waren seine Läufe nach eigenen Abspielen; Di Stéfano zeigte ein tolles Gespür in den Folgebewegungen, wann er wohin aufrücken kann; er startete nur selten verfrüht oder unpassend, sondern meist in den richtigen Momenten und in die richtige Dynamik, dazu mit Sinn und Zweck und einer hohen Vielfältigkeit darin.

„Alfredo Di Stéfano war der größte Fußballer aller Zeiten; viel besser sogar als Pelé. Er war, gleichzeitig, der Anker in der Defensive, der Spielmacher im Mittelfeld und der gefährlichste Scharfschütze im Angriff“ – Helenio Herrera

Diese Flexibilität in seinen Bewegungen sorgte taktikpsychologisch und mental sicherlich für viele Probleme bei seinen Gegenspielern damals; was würde Di Stéfano tun? Diktiert er das Spiel aus der Tiefe? Oder öffnet er Räume für Läufe von z.B. Zárraga oder auch das Zurückfallen anderer Stürmer? Wird er über den Flügel durchbrechen oder startet er in die Tiefe? Besetzt er wie so häufig den zweiten Pfosten oder den Strafraumrückraum nach Flügelangriffen oder hält er sich einmal mehr absichernd, gleichzeitig durch seine nominelle Position aber auch raumöffnend und generell unterstützend doch weiter entfernt vom Sechzehner beim Angriffsabschluss auf?

Diese Unberechenbarkeit im Verbund mit seiner Spielintelligenz und seinen individuellen Fähigkeiten sorgte für eine exorbitante Durchschlagskraft im Strafraum, wo er ebenfalls viele unterschiedliche Aspekte verband. Die raumdeutenden Tiefen- und Diagonalsprints von Thomas Müller, der Torriecher für Abstauber, Fehlpässe oder minimale Löcher im Strafraum eines Gerd Müller, eine plötzliche Präsenz nach vorhergehendem Abtauchen aus den Spielzügen eines Karim Benzema oder bisweilen eine Messi-eske Besetzung der hinteren Strafraumzonen, all das in einem Mann – viel Spaß beim Verteidigen eines solchen Spielers.

23. Minute: Flanke von Paco Gento auf der linken Seite in den Strafraum. Di Stéfano steht aber im Strafraum umringt von zwei Spielern, einer der Verteidiger kann klären. Doch im Rückraum erhält del Sol den Ball, er legt quer auf Canário, der von rechts mit dem Außenrist abschließt. Torwart Egon Loy kann den Ball nicht festhalten und Di Stéfano ist zur Stelle! Wie eine Gazelle springt er vor Verteidiger Friedel Lutz und staubt ab, auch Hans-Walter Eigenbrodt kann das Tor nicht verhindern. 2:1 für Real Madrid und ein klassisches Tor von Alfredo Di Stéfano – eiskalt und mit dem richtigen Riecher.

216 Tore in 286 Spielen von einem 27-38jährigen auf damals höchstem Niveau (seine Zeit bei Real Madrid), der eigentlich wie ein box-to-box-Achter agierte, sprechen eine klare Sprache.

Und so ganz nebenbei half er auch defensiv mit:

27. Minute: Fehlpass von Luis del Sol, Frankfurt kontert. Di Stéfano steht als rechter Mittelstürmer ballnah, doch kann nicht eingreifen, weswegen er sofort nach hinten eilt. Frankfurt verlagert das Spiel von der Mitte auf den linken Flügel mit einem raumgreifenden Pass, Marquitos muss aus der Position des Halbverteidigers herausrücken, um Rechtsaußen Erich Meier zu pressen. Der zurückeilende Di Stéfano besetzt derweil die Position Marquitos‘. So ist Marquitos abgesichert und kann den Ballverlust Meiers provozieren. Frankfurt erhält das Leder durch einen Abpraller im Mittelfeld wieder und schlägt ihn lang hinter das entstandene Loch, doch da ist niemand. Santamaria und der Frankfurter Stürmer rennen gemeinsam dem ins Aus gehenden Ball hinterher.

Real Madrid 1959

Real Madrid 1959

Eine andere Szene gab es zum Beispiel im Meisterpokalfinale gegen Benfica Lissabon 1962, als Di Stéfano im Alter von zarten 36 Jahren die gesamte Distanz nach hinten sprintete, um ballfern als horizontal wie vertikal tiefster Spieler in der eigenen Hälfte eine Hereingabe von links auf den zweiten Pfosten abzufangen. Generell zeigte Di Stéfano seine hervorragende Spielintelligenz und Athletik auch gegen den Ball. Hinter den Spitzen suchte er unterstützende Positionen im (damals natürlich noch unstrukturierten) Pressing, setzte Gegenspieler sehr dynamisch und physisch präsent unter Druck, versperrte Pässe in die Mitte durch seinen großen Aktionsradius und verhielt sich individuell schon intelligent ballorientiert.

Im defensiven Umschaltmoment arbeitete er außerdem extrem präsent und weiträumig nach hinten. Dabei wechselte er geschickt zwischen seltenen kurzen Pausen, wo er nicht mithalf, sehr aggressiven Anlaufbewegungen direkt an den Gegenspieler, einem eher raumorientierten Rückwärtspressing und dem Unterstützen der Mitspieler, wo er sich einfach aus Gründen der Kompaktheit und Absicherung tiefer positionierte. Die dabei gezeigte Ausdauer und Athletik war seiner Zeit weit voraus. Hierbei war Di Stéfano herausragend im Deuten von möglichen entstehenden Dynamiken und den zugrundeliegenden Strukturen, war antizipativ und fing nicht den ersten oder zweiten Pass des Gegners ab, sondern – wie im Beispiel gegen Benfica – häufig auch erst in Strafraumraumnähe. Dazu kam eben eine große Robustheit und Dynamik in der Zweikampfführung selbst, die zumindest einem defensivstarken Außenverteidiger ebenfalls zur Ehre gereicht hätte.

Aber nicht nur gruppen- und mannschaftstaktisch war Don Alfredo herausragend; kicken konnte er nebenbei auch noch.

Individualtaktische und spielerische Besonderheiten

Die korrigierende Ballführung wurde bereits erwähnt; doch neben den vielen kleinen Veränderungen in seinem Sichtfeld, seiner Bewegungsdynamik und auch Laufrichtung konnte Di Stéfano daraus einen weiteren Nutzen ziehen: Er verzögerte den Raumgewinn seines Laufes. Sein Laufweg verlängerte sich durch die fast schon wie Zickzackmuster angeordneten Schritte und er provozierte dann den Gegner zu einer Aktion, konnte aber sofort reagieren; entweder er setzte mit einem engen Haken das Zickzackmuster fort und umlief seinen Gegenspieler, der dann eine sehr unangenehme Stellung zum Verfolgen hatte, oder er brach aus dem Muster aus und startete im Sprint nach vorne. Im Verbund mit seinem guten Pass- und Kombinationsspiel entstanden so gefährliche Überzahlsituationen und offene Räume wurden sehr effizient bespielt.

Generell nutzte Di Stéfano vielfach Entscheidungsprobleme beim Gegenspieler, um sich selbst in eine bessere Situation zu bringen; nicht nur positioneller, sondern gar taktikpsychologischer Natur. Ein Standardtrick Di Stefános war zum Beispiel, dass er sich falsch zum Gegner hin öffnete und positionierte. Das heißt, dass er beispielsweise eigentlich neben einem Gegenspieler stand und nicht (sofort) an diesem vorbei in den offenen Raum lief, sondern den Ball kurz in Richtung des Gegners stoppte und sich auch mit seinem Körper zu ihm hindrehte. Der Gegner rannte natürlich dann auf Di Stéfano zu, der diese vermeintlich falsche Stellung aber sofort korrigierte, den Ball in Richtung des offenen Raumes zog und erst dann seinen Sprint anzog.

Das Effektive an dieser Verzögerung: Durch diese Öffnung, das Anlocken des Gegenspielers und der erst dann kommende Start in den Raum kann Di Stéfano das Zweikampfverhalten seines Gegners kontrollieren. Geht Di Stéfano sofort in die Spitze, dann rennt ihm sein Gegenspieler im Normalfall von der Seite hinterher, kann diagonal zum Ball gehen (was effektiver ist) und versperrt somit auch eine gesamte Bewegungsrichtung; Di Stéfano könnte dann also nicht nach links oder rechts zur Seite gehen, zumindest nicht in einer Bewegung. Durch das Anlocken und das Wegstarten befindet sich der Gegner nicht diagonal zu Di Stéfano, sondern hinter ihm. Di Stéfano hat nun viele Optionen in alle Richtungen, der Gegner muss Di Stéfano von hinten attackieren, wodurch Di Stéfano ihm den Laufweg versperren und / oder verlängern kann oder ein einfaches Foul bekommt.

Real Madrid 1960

Real Madrid 1960

Vielfach vermeidet dieser „Trick“ auch Doppelungen; die tiefer stehenden Spieler rücken nämlich nicht direkt nach vorne, weil der Abstand auf Di Stéfano noch groß ist. Di Stéfano spielt den Gegner aus, dreht sich nach vorne und kann daher zwei Mal hintereinander in ein relativ einfaches 1-gegen-1 gehen (ein Mal durch die Bewegung des Gegners, ein Mal durch seinen Geschwindigkeitsvorteil), anstatt in ein schwieriges 2-gegen-1 zu kommen, bei dem ihm auch noch ein Teil seiner Bewegungsoptionen fehlt. Dabei entscheidet aber natürlich der Abstand zum zweiten Gegenspieler, ob und wie das ganze anwendbar ist.

Generell gab es von Di Stéfano viele solcher vermeintlichen Fehl- und Risikopositionierungen, welche dann für taktikpsychologische Probleme beim Gegner sorgten: Herausrücken? Pressen? Abwarten?

36. Minute: Jetzt zaubern die Madrilenen, das weiße Ballett tanzt! José María Zárraga schlägt vom rechten Flügel in der eigenen Hälfte einen präzisen Diagonalball auf den linken Flügel, ungefähr auf Höhe der Mittellinie. Paco Gento stoppt sich den Ball zuerst nach vorne, Richard Kreß sprintet von der Halbposition diagonal nach hinten, doch Gento sieht das und stoppt sich den Ball nach hinten. Er spielt dann einen Pass per Rabona, dreht also den linken Fuß um sein rechts Standbein, und passt auf Di Stéfano. Dieser lässt den fast halbhohen Ball nach links direkt zurück abtropfen, während er nach rechts blickt. José María Vidal erhält den Ball, geht mit ihm kurz nach rechts und spielt quer einen Kurzpass auf del Sol. Per Außenrist befördert er diesen direkt diagonal nach hinten außerhalb seines Sichtfelds, wohin sich – perfekt getimet – Di Stéfano hinbewegt hat. Er startet aus der Mitte in Richtung rechtem offensivem Halbraum, lässt im Lauf gegen seinen Gegenspieler den Ball vom rechten Fuß auf den linken Fuß prallen und verändert dadurch sein Tempo, daraufhin tänzelt er ncoh mit beiden Beinen im Lauf über den Ball. Der Verteidiger versucht ihn zu stellen, erhält aber keinen Zugriff und Di Stéfano legt den Ball nach hinten zurück. Es folgt ein Rückpass und die neuerliche Suche nach einer besseren Staffelung – aber: Wunderschöne Zirkulation! Irgendwo auf den Tribünen weint gerade ein Junge namens Alex vor Freude.

Wenn der Gegner sich für die aktive Variante entschied, nutzte Di Stéfano häufig Ziehbewegungen, ließ den Gegner dem Ball hinterherlaufen und drehte sich um die eigene Achse herum in den dadurch geöffneten Raum oder machte enge Haken, um den Gegner zu umspielen. Aus diesen sehr engen Haken und Ziehbewegungen mit Ball auf kleinem Raum folgten dann häufig weiträumige Aktionen: Pässe in offene Räume, schnelle Sprints und Dribblings, Seitenverlagerungen. Außerdem hielt Di Stéfano nahezu perfekt den Abstand zum Gegenspieler, wodurch seine Ziehbewegungen und Haken gegen heranströmende Gegner enorm gut funktionierten.

Wenn er aber passiver blieb, nutzte Di Stéfano den Raum. Neben der im ersten Teil erwähnten Spiel- und Rhythmuskontrolle inklusive spiel- und angriffsgestaltendem forderndem Passspiel war Di Stéfano auch ein sehr starker Dribbler und auch ein sehr dynamischer Spieler, dabei aber in gewisser Hinsicht überraschend unästhetisch und unelegant. So suchte er, wenn nötig, die direkte schnelle Aktion, wenn er gut und früh bedrängt wurde oder wenn die Situation eine möglichst schnelle Handlung erforderte.

Beispielsweise gab es dann einen Übersteiger nach vorne, eine direkte Drehung, aber keinen folgenden Zwischenschritt darauf, sondern aus einer koordinativ unangenehmen Stellung einen schwer auszuführenden Pass in die entstandene Dynamik. Auch bei Ballannahmen auf rechts spielte er häufig direkt unelegante Pässe mit links direkt nach vorne, wobei die körperliche Stellung das Abspiel unästhetisch wirken lässt; Di Stéfanos Technik ermöglichte aber dennoch eine hohe Erfolgsquote (so mein Eindruck) bei diesen unsauber angesetzten Aktionen.

Real Madrid 1962

Real Madrid 1962

Alternativ rückte Di Stéfano in den freien Raum, wenn keine direkte Handlung benötigt war. Bei seinen Dribblings baute Di Stéfano viele unterschiedliche Aspekte ein: Die Gambetta wendete er beispielsweise ebenfalls an, welche schon in der In-depth-Analyse zu Landsmann Lionel Messi erklärt wurde. Bei der Gambetta werden Körpertäuschungen genutzt, speziell Oberkörperbewegungen, um das Gleichgewicht und die Stellung des Gegners zu verändern und auf diese dann raumnutzend zu reagieren. Di Stéfano war hierbei nicht so fein wie Messi oder auch Diego Maradona; seine Bewegungen mit dem Oberkörper waren weitreichender, nicht ganz so präzise und in seinen älteren Jahren – von wo das spärliche Videomaterial zur Recherche stammt – fehlte ihm auch etwas die Antrittsdynamik der beiden Zauberzwerge. In gewisser Weise waren es fast schon lustig wirkende Oberkörperbewegungen, wobei er auch mit den Beinen mitging und auf die Reaktion beim Gegner wartete; eine Art hektische „Zappel-Gambetta“ könnte man sagen.

72. Minute: Was für ein Spiel! Vor einer Minute traf Ferenc Puskas mit seinem vierten Treffer zum 6:1, direkt danach trifft Erwin Stein zum 6:2. Jetzt also wieder ein Anstoß, dieses Mal für die Madrilenen. Die drei Starstürmer Reals stehen am Anstoßpunkt, Gento direkt daneben. Puskas spielt auf del Sol, der auf Di Stéfano zurücklegt. Di Stéfano wird attackiert, legt quer auf Gento. Gento am Ball, steigt drauf, dreht sich zurück und spielt auf del Sol, dieser lässt wieder auf Di Stéfano prallen, der sich gut nach vorne bewegt hat. Sofort zieht Di Stéfano nach vorne, Frankfurts Abwehr steht hier viel zu tief und es mangelt an defensiver Kompaktheit. Puskas gibt Tiefe, doch eigentlich tut er nur eines: Er sieht zu, wie Di Stéfano mit Ball am Fuß nach vorne presch, mit viel Dynamik Raum überwindet und gekonnt vom Strafraum ins rechte Eck trifft. Vom Anstoßpunkt mit ein paar Pässen und einem Di-Stéfano-Lauf zum 7:2 für Real Madrid in einer Wahnsinnspartie!

Darum nutzte Di Stéfano wohl auch seine weniger feinen Bewegungen, seine größere Körper- wie Beinlänge (in zeitlichem Kontext und Relation zu den Gegenspielern), und erweiterte sein Arsenal im Dribbling. So gab es beinahe tollpatschig wirkende Übersteiger, die aber von außen nach innen statt innen nach außen gingen, die er mehrfach im Lauf aneinanderreihte. Er beschützte damit den Ball, konnte mit dem Außenrist gut mit Ball am Fuß vom Gegner weg starten und Angriffen generell ausweichen. Teilweise ging er aber nicht außen vorbei nach diesen inversen Übersteigern, sondern auch nach innen oder im Lauf ohne die Übersteiger; das geschah meist mit einem engen, dynamischen Haken diagonal am Gegner vorbei, wodurch er seine Geschwindigkeit kaum verlor und es beim Gegner so wirkte, als ob er durch einen Schuss verladen wurde – dabei war es „nur“ der abrupte Richtungswechsel im Lauf.

Desweiteren stieg Di Stéfano nicht nur seitlich über den Ball, sondern auch vertikal darüber. Blieb der Gegner stehen oder stand falsch, ging Di Stéfano an ihm vorbei. Reagierte der Gegner besser oder stellte Zugriff her, dann legte sich Di Stéfano mit dieser ballübersteigenden Bewegung den Ball zurück, drehte sich nach hinten oder setzte auch seinen Lauf seitlich fort. Auch Fußwechsel in der Ballführung und „Prall-Croquetas“ gab es bei Di Stéfano zu beobachten.  Die „Croqueta“ ist der Fußwechsel (meist im langsamen Lauf), wo der Ball von einem Fuß auf den anderen gelegt und der Gegner umspielt wird. Di Stéfano macht dies auch, doch bei der prallenden Version spielte er sich mit dem ballführenden vorderen Fuß den Ball nach hinten zurück und mit dem zweiten direkt nach vorne. Gegner blieben dann teilweise stehen oder zögerten, während Di Stéfano einfach normal weiterlief. Ähnliches tat Di Stéfano auch, wenn er den Ball mit der Sohle stoppte und zurückzog, dann den Gegner umkurvte oder einfach die Richtung wechselte.

Aber nicht immer infiltrierte Di Stéfano den ihm gegebenen offenen Raum; auch hier ein Unterschied Messi und Maradona, die einen instinktiveren Drang dazu haben. Di Stéfano sprintete nicht immer auf eine Lücke oder den Gegenspieler zu, sondern spielte – auch aus Rhythmusgründen – oftmals zurückhaltend. Dabei kamen das schon erwähnte gute Abstandhalten auf den/die Gegenspieler und die Rhythmusverzögerungen hinzu; so täuschte Di Stéfano Aktionen an, hob beispielsweise den Fuß an wie bei einem Pass, deutete eine bestimmte Richtung an und stoppte dadurch das Herausrücken des Gegenspielers auf ihn schon sehr früh. Dann konnte er noch einen kurzen Moment länger abwarten, bevor er sich für eine Aktion oder einen Lauf entschied. Manchmal hielt er sogar den Fuß oben, deutete mehrere Aktionen an oder hielt einfach inne und eroberte sich dadurch weitere kostbare Sekunden.

Neben diesen Dribblings war Di Stéfano auch im Passspiel spektakulär: einzelne No-Look-Pässe, schwierige Direktablagen, viele Fersenpässe außerhalb seines Sichtfelds in alle Richtungen oder Weiterleitungen von Passspielen mit dem Innenrist hinter seinem Standbein. Selbst schwierige hohe Bälle konnte er per Hacke weiterleiten oder auch einfach verarbeiten. Desweiteren befanden sich auch seitliche Ablagepässe Millimeter am Gegenspieler vorbei oder dynamische Lupfer, häufig mit dem inneren Teil des Mittelfußknochens anstatt von unten nach oben mit den Zehen gespielt, in seinem Repertoire; ebenso wie viele Außenristpässe, auch über weite Distanzen, obwohl er ein beidfüßiger Spieler war. Die Außenristpässe dienten aber nicht dem Spektakel, sondern waren situativ gewählt; welcher Effet benötigt wurde, wie schnell der Pass gespielt wurde und wo der Ball lag spielten hier eine Rolle.

„Ich war Rechtsfuß, weswegen mich mein Vater nicht spielen ließ, bis ich mit meinem linken Fuß spielte“ – Alfredo Di Stéfano.

Fazit: Tänzer im Ballett, Dirigent im Orchester, Scharfschütze im Strafraum

Diese Analyse ist letztlich auch darum jetzt entstanden, um im Schatten der Weltmeisterschaft einen der größten Spieler aller Zeiten zu ehren, der leider von uns gegangen ist. Passend zur Weltmeisterschaft ist er womöglich der größte Spieler, der sich nie auf einer Weltmeisterschaft beweisen konnte; dafür war er aber nicht nur das Gesicht des Landesmeisterpokals und Real Madrids, sondern auch des modernen Fußballs.

Real Madrid 1964

Real Madrid 1964

Bis heute ist Di Stéfano ein Ideal und wird es ewig sein. Er ist der totale Fußballer, der Maßstab an Komplettheit und zwar nach fast jeder möglichen Definition dieses vagen Begriffs. Er konnte zumindest kurzzeitig eigentlich alle Feldspielerpositionen bekleiden, war dabei auf jeder Position herausragend, hatte eine beeindruckende taktische Intelligenz und enorme individuelle Fähigkeiten. Sogar sein Kopfballspiel war beeindruckend ausgeprägt, er konnte sich selbst Bälle in freie Räume stoppen, wenn diese vorhanden waren, den Ball präzise weiterleiten oder eine große Wucht im Abschluss per Kopf selbst erzeugen. Zusätzlich war er als Persönlichkeit größer als das Leben selbst; um (k)einen Anglizismus zu bemühen.

Neben dem Feld galt er immer als Ikone und Mahner Reals, holte als Trainer einige Pokalsiege, den Pokal der Pokalsieger 1980 und drei Meisterschaften, unter anderem mit Valencia 1971, wo er sogar als einer der damaligen Pressingpioniere galt. Auf dem Feld selbst war seine Ausstrahlung trotzdem noch beeindruckender. Di Stéfano besaß eine beeindruckende Mischung aus Dynamik und einer gewissen Trägheit, die mit meinem Lieblingswort „Lässigkeit“ wirklich am besten beschrieben ist; ein gewisser Flair ohne Ästhetik, aber mit eigener Eleganz, wie beispielsweise in den vielen abwartenden und tempovariablen Aspekten in seiner Spielweise. Von seiner Geschmeidigkeit hatte er sogar was von Zinedine Zidane, war aber noch deutlich präsenter, strategischer in seiner Anlage und kompletter in seiner Umsetzung.

Dazu kam die herausragende Rhythmuskontrolle und strategische Entscheidungsfindung gepaart mit seiner Präsenz auf dem gesamten Feld. Um seine Komplettheit zu unterstreichen: Nur Di Stéfano vereint alle drei meiner persönlich einmal definierten Talenttypen. Er war unglaublich spielintelligent, unglaublich aktiv und unglaublich talentiert, was ihn unglaublich unglaublich machte. Ein „leader of men“, ein Kommandant auf dem Feld, der mit seiner Körpersprache, seiner Gestik und Mimik, seinen Worten, aber auch mit seinen Pässen, seinen Entscheidungen und Laufwegen seinen Mitspielern Befehle gab.

85. Minute: Der unermüdliche Di Stéfano lässt sich den Ball vom Torwart am eigenen Strafraum zuwerfen. Frankfurts Stürmer Stein rückwärtspresst auf ihn, doch Di Stéfano antizipiert gut und spielt diagonal nach vorne,  del Sol lässt direkt zurückprallen. Zárraga halblinks legt wieder auf Di Stéfano quer, doch dieser wird wieder gepresst, kann aber den Ball noch weglupften auf Vidal. Dieser köpft wieder auf Zárraga, der mit Ball nach vorne rückt. Doch Halt, was macht Di Stéfano da? Er bot sich zuvor direkt für Vidal an, umlief dann Zárraga von rechts und jetzt läuft er auf Zárraga zu. Di Stéfano deutet Zárraga, er solle weggehen und nimmt ihm den Ball! Offensichtlich geht es dem Real-Star auch in der Schlussphase beim Stand von 7:3 hier nicht schnell genug. Sofort verlagert er den Ball auf links und zwingt Gento mit einem Pass in den Lauf nach vorne. Gento auf Puskas, doch Frankfurts Eigenbrodt kann zum Einwurf klären.

Natürlich kann das zu Problemen führen. Mich würde es zum Beispiel nicht wundern, wenn bei dem allseits bekannten Zwist zwischen dem großen Didi und dem großen Di Stéfano ihre jeweilige spielerische Größe sich negativ auf die gruppentaktischen Synergien auswirkte, welche wiederum taktikpsychologische und zwischenmenschliche Probleme verantworteten. Man stelle sich die Reaktionen der beiden vor, wenn Didi den zurückfallenden Di Stéfano wieder nach vorne scheucht, während dieser das ignoriert und Didi den Ball wegnimmt. Dennoch: Di Stéfano war keineswegs ein General und Egoist, sondern suchte die beste Option für das Team auf seine eigene Art und Weise; wer sich arrangieren konnte, profitierte davon. Di Stéfanos Dribblings, seine Ballverteilung, seine Doppelpasssuche und sein forderndes Passspiel waren immer positiv auf das große Ganze bezogen.

Das beste Beispiel ist hier Ferenc Puskás. Dem „Major“ wurden Probleme mit Di Stéfano vorhergesagt, doch das Gegenteil war der Fall. Puskás erleichterte Di Stéfano die offensive Arbeit, spielte überraschend tororientiert in seinen Kombinationsbewegungen, gab dem Spiel die Tiefe und fungierte als enorm spielstarke Anspielstation ganz vorne, welche technisch hochwertige Ablagen, gefährliche Schüsse aus Unterzahlsituationen oder starke Seitenverlagerungen spielen konnte. Vielfach agierten die Madrilenen dann in einer klareren 3-2-4-1/3-2-2-3-Rollenverteilung, welche Puskás – in diesen Jahren eher rund als kantig, nicht nur mit dickem Bauch, sondern auch mit mit dicken Knien und Knöcheln versehen – ebenfalls das Leben erleichterte. Der Widerspruch von Di Stéfanos vermeintlichem Egoismus mit seinen Erfolgen und der Reverenz fast aller seiner Mitspieler lassen sich also in Anbetracht dieser zwei Personalien – Puskás und Didi – relativ einfach auflösen.

Eine andere Frage ist aber schwieriger zu beantworten: Wie wurde Di Stéfano wie er war? War es der positive Einfluss von Adolfo Pedernera, mit dem er einst bei River Plate gemeinsam spielte? War es die Folge seines Talents und seines Charakters im Verbund mit kontextuellen Faktoren der Gegner und Trainervorgaben, welche ihn zu diesem unvergleichlichen Spielertypen machten? Gab es vielleicht neben Di Stéfano und Pedernera noch andere solche Spieler damals, welche es heute schlichtweg nicht mehr geben kann? Immerhin sind Valentino Mazzola und Jahre später noch ansatzweise Johan Cruijff durchaus ähnliche Spielertypen gewesen.

Wichtig ist aber die Berücksichtigung der Entwicklung von Di Stéfanos Spielertyp während seiner Karriere. Bei La Maquina, so wollen es die Berichte und Rechercheergebnisse zumindest, agierte er noch tororientierter in seinen Bewegungen und generell fokussierter auf das letzte Spielfelddrittel, war insbesondere defensiv und im tieferen Aufbauspiel nicht ganz so involviert wie Jahre später. Seine Glanzzeit soll außerdem verlorengegangen sein: Bei den Millonarios in Kolumbien soll er noch durchschlagskräftiger, dynamischer und präsenter als später bei Real gewesen sein. Videoquellen fehlen zur Untermauerung aber.

Benötigt werden sie jedoch nicht. Alfredo Di Stéfano war großartig. Er war ein herausragender Fußballer, der bis heute als Vorbild für viele Spieler dienen soll: Diszipliniert, ehrgeizig, individuell herausragend, dabei aber ein Akteur, der das Kollektiv stärker machte. Di Stéfano war nicht nur der erste „totale“ Fußballer, sondern ist bis heute der totale Fußballer schlechthin.

 „Alfredo Di Stéfano hatte einen Peak-Goalimpact von 189. Ein unglaublicher Wert zu jener Zeit. Noch immer der siebthöchste Peak-Goalimpact aller Zeiten.“ – Jörg Seidel von GoalImpact über den Bobby Fisher des Fußballs und der GoalImpact-Metrik (nur ein einziger Spieler vor den 90ern hatte einen höheren als Di Stéfano, Teamkollege Francisco Gento).
Wir liefern noch eine Grafik seiner GI-Entwicklung nach.


Lesenswert: Eine kleine Geschichte über die Skurrilität von Di Stéfanos Wechsel zu Real Madrid.

Sehenswert: Eine Dokumentation zu Di Stéfano.

CL 11. Juli 2014 um 21:38

http://www.sueddeutsche.de/sport/interview-mit-alfredo-di-stefano-fussball-ohne-tore-ist-wie-ein-tag-ohne-sonne-1.283916

Tolles Interview, auch wenn es schon ein bisschen älter ist..
Er spricht auch über seine Rolle im Team und Spielervergleiche.

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CP 8. Juli 2014 um 19:17

Brilliante Spieler-Analyse!
Sehr objektiv geschrieben 😉

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CP 8. Juli 2014 um 19:18

Wird es die Analyse auch auf Englisch geben?

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RM 8. Juli 2014 um 19:32

Ja!

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tomci 9. Juli 2014 um 10:47

Barry Glendenning nach dem BRa-Ger Semifinale gestern: „“I’d like to think a certain famous Argentinian football player who died yesterday is sniggering away up in heaven, laughing at well his divine retribution has worked in the wake of the host nation foolishly not extending him the courtesy of a minute’s silence before kick-off in tonight’s match.“

http://www.theguardian.com/football/2014/jul/08/brazil-v-germany-world-cup-2014-semi-final-live-report

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Martin 8. Juli 2014 um 15:25

Absolut wundervoller Artikel, wirklich herrlich zu lesen!
Respekt RM!

Eine Frage, gingen aus deinen Recherchen auch nennenswerte Schwächen Di Stéfanos hervor, oder war er wirklich so ein brutal lässiger Spieler? 😀

Danke!

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RM 8. Juli 2014 um 15:42

Teilweise merkwürdige Art von Präsenz und manchmal ein bisschen unsauber/unkonzentriert, alles in allem aber keine wirkliche Schwäche.

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Martin 8. Juli 2014 um 17:18

Danke… krass eigentlich.

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Maturin 8. Juli 2014 um 15:04

Ein fantastischer Beitrag! Nicht nur der Inhalt sondern auch der Stil ist grossartig und machen diesen Spieler auch für jemanden der nichtmal mehr Maradona live gesehen hat lebendig.

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Pere 8. Juli 2014 um 14:53

Ich hoffe sie haben einen Ball da oben. Eine Anmerkung: der nationale Wettbewerb war zu Di Stefanos Zeiten leider manipuliert zu Gunsten Reals, manchmal auch Atleticos (DiStefano wurde ja auch quasi nach Real gezwungen. Er wollte zu Barca). Das ist keine Verschwörungstheorie sondern traurige Realität unter Franco und gut dokumentiert. Die individuellen Statistiken aus der Liga müssen deshalb etwas vorsichtig bewertet werden.

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MR 8. Juli 2014 um 15:09

Die waren aber eh nicht so beeindruckend wie die internationalen Leistungen oder?

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Pere 8. Juli 2014 um 15:28

Ja, auf jeden Fall. National war Real auch oft zu überlegen. Di Stefano brauchte jedenfalls keinem was zu beweisen. Wäre schön gewesen, wenn er zu Barca gedurft hätte.

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RM 8. Juli 2014 um 15:41

a) War das denn wirklich so? Atlético war ja Francos Lieblingsteam, Real mochte er eigentlich nicht.

Von 1950 bis 1958 gewann Barcelona auch jedes Heimspiel in der Liga gegen Real bis auf eines (Unentschieden). Dann verlor man erst; 0:2. Darauf folgte ein 4:0, ein 3:1, ein 3:5, ein 3:1, und dann ein 1:5 (Puskás 3, Di Stéfano 1, Gento 1), 1:2, 1:2, 2:1. Da war Di Stéfano aber dann schon weg.

Im Copa del Generalísimo traf man in den 50ern und 60ern fünf Mal aufeinander; nur 1mal, 1962, kam Real weiter (Barcelona gewann aber in Madrid), ansonsten hatten immer die Katalanen den Sieg, u.a. 1968 im Finale in Madrid. 1962 und 1959 gab es eben Siege in Madrid, 1957 ein UE in Madrid und 1957 gewann man das Rückspiel im Camp Nou mit 6:1. Wie sehr war der Wettbewerb also wirklich verzerrt, in welchen Phasen und wie? Ein Teil ist mMn Mythos, obwohl ich klar Sympathisant von Barcelona (habe auch Kurs in katalanischer Sprache und Kultur gemacht) und Athletic bin…

b) „wollte zu Barcelona“; wollte er nicht einfach irgendwohin nach Spanien? Aber ja, Barcelona war als Erstes an ihm dran. Darum auch der Link am Ende. Der Verband entschied ja nicht gegen Barcelona, sondern dass ihn jeder 2 Jahre haben durfte.

c) Seine individuellen Statistiken in der CL waren eh noch beeindruckender.

d) bist du Peps Bruder? 😀

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Pere 8. Juli 2014 um 21:28

a) Ok, ich versuche mich an einer Antwort. Die Frage ist immer: wer hat die Deutungshoheit, gerade in Spanien. Jeder versucht die Ereignisse zu seinem Gunsten zu interpretieren. Das reicht in der „rechten“ Presse Spaniens bis hin zu der Behauptung, Franco hätte ja auch Barca bevorteilt. Ob sich Franco überhaupt für Fussball interessiert hat? Selbst das ist nicht gewiss. Franco war ein Chamäleon. Ich sage auch nicht, dass es plumpe Manipulationen einzelner Spiele gab. Aber das Regime gab die Strukturen vor. Und innerhalb dieser Strukturen sollte das Bild Spaniens repräsentiert werden, dass Franco von Spanien abgeben wollte. Ein interessantes Buch:

http://www.casadellibro.com/libro-el-barca-y-el-franquismo/9788445502723/1089115

b) wahrscheinlich wollte er zu Barca, aber Barca hat sich nicht 100% clever verhalten
c) auf jeden Fall!
d) natürlich, und ich liege gerade in Sitges am Strand und zähl die Bayernmillionen für den Thiagotransfer 1,2,3,4 oh 5,6

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Soulcollector 8. Juli 2014 um 21:47

Bei den CL-Statistiken und auch den nationalen Statistiken wäre ich etwas vorsichtig. Der Profifußball war damals ja noch in den Kinderschuhen und die Ligen deshalb nicht unbedingt mit den heutigen Strukturen vergleichbar.
Und in der CL von damals spielten ja nur die Meister der jeweiligen Ligen also eigentlich nur 5-8 Topteams pro Jahr, während die Konkurrenz heute doch etwas größer ist mehreren Startern pro Liga.
Allerdings war Spanien auch damals schon extrem stark weil sie nicht nur einen sondern schon mehrere Vereine auf europäischem Top-Niveau hatten.

Nichtsdestotrotz bleibt DiStefano natürlich einer der größten Fußballer der Welt, in seiner Komplettheit fast nur vergleichbar mit Messi und Maradonna.

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Pere 9. Juli 2014 um 10:17

Wer das exzellente Buch nicht auftreiben kann oder nicht Spanisch kann: hier ein in der Kürze sehr balancierter Artikel zum Thema auf Englisch.

http://www.historytoday.com/duncan-shaw/politics-futbol

…Ich muss mich entschuldigen, dass ich dieses Thema hier aufbringe. Ich gebe auch zu, dass mich Fussball, abgesehen vom unmittelbaren Genuss des Zuschauens, nur in seiner politischen Dimension interessiert. Ich hier also fehl am Platz bin. Aber RM scheint ja eine gewisse Affinität hierzu zu haben.

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Pere 9. Juli 2014 um 10:31

Und natürlich möchte ich in keinster Weise die Leistung Alfredo Di Stefanos als Spieler schmälern, im Gegenteil: er hat erst den sportlichen Erfolg Reals begründet. Wenn ich es ein bisschen provokant formulieren soll war er der Cruyff Madrids (Gott sei Dank liest mein Vater nicht im Internet!).

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CP 8. Juli 2014 um 19:11

Das ist einfach nur falsch! Es ist so einfach zu sagen, dass Real Madrid wegen Franco so stark war, weil man diesen Schwachsinn nur zu oft liest und sich das einprägt obwohl man eigentlich keine Ahnung von all dem hat.
Argumente/Gründe/Thesen? Fehlanzeige!

Real Madrid hat nie von Franco profitiert aber Franco hat von allen Teams in Spanien zu gewissen Zeiten profitiert, mal von Real, mal Atletico und gar von Barca.

Der Don hat 5 Champions League Titel nach der Reihe für Real Madrid geholt, damit hat er den Klub und sich selbst auf die Spitze des 21 Jahrhunderts katapultiert und das passt vielen, vielen Leuten nicht.

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Tank 8. Juli 2014 um 19:23

Ist sicherlich richtig, eine differenzierte Sichtweise anzumahnen. Eine Aussage wie „Real Madrid hat nie von Franco profitiert“ trägt dazu aber nicht wirklich bei.

Wenn es um Real und Franco geht, finde ich es persönlich aufschlussreicher, wenn man auf den heutigen Umgang mit der Zeit Francos von Seiten Real Madrid guckt, als auf die (umstrittene) vergangene Zusammenarbeit. Wenn man in Bezug auf Franco auf Real Madrid einhauen will, dann sollte man eher hervorheben, dass, soweit ich weiß, bis heute keine kritische Auseinandersetzung Reals mit der Zeit des Franquismus stattgefunden hat. Und das ist eine echte Verfehlung auch der jetzigen Führung von Real.

Hat aber nichts mehr mit Di Stefano zu tun und werde ich deshalb auch nicht weiter ausführen.

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Pere 9. Juli 2014 um 18:31

Ich habe gerade CPs Kommentar gelesen, und muss mich etwas über seine Absurdität wundern. Da erst Franco eine nationale Fußballliga (nach Vorbild der Serie A Mussolinis) ins Leben rief und unter Franco und mit großzügiger staatlicher Hilfe und unter Ausbeutung von Arbeitern (history repeated!) die großen Stadien erbaut wurden, erscheint es mir unverständlich zu behaupten, der Fußball in Spanien hätte nicht von Franco profitiert.

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JS 8. Juli 2014 um 09:23

Toller Artikel. Vielen Dank! Jetzt habe ich definitiv Lust ein wenig auf YouTube zu stöbern.

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chefkoch 8. Juli 2014 um 09:13

wirklich toller Artikel! Nur würde ich Di Stéfano nicht mit Bobby Fischer, sondern eher mit Garry Kasparov vergleichen 😉

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RM 8. Juli 2014 um 15:43

War eher ein bisschen auf die Goalimpact-Elo-Metrik bezogen statt die Spielweise. 🙂

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Gh 8. Juli 2014 um 08:20

Solche Spieler (Di Stefano, Messi) erinnern mich manchmal an Point Guards im Basketball, in der Art wie sie Tempo rausnehmen, einen Gegenspieler im Rücken auflaufen lassen, ihn lässig kontrollieren und dabei das Spiel neu ordnen. Jetzt wird Messi noch mehr den Titel holen wollen. Der Junge denkt nämlich durchaus in historischen Bezügen.

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Gh 8. Juli 2014 um 08:38

Eigentlich Combo Guards wegen ihrer Abschlußstärke.

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Fred 8. Juli 2014 um 04:19

Wunderbar! Vielen Dank, der Artikel ist grossartig.

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blub 7. Juli 2014 um 23:57

Eine Verbeugung. Vor Di Stefano und diesem Bericht über seine Großartigkeit.

Nochmal an alle die Bildmaterial suchen und finden: Hier ist er Bereits in seinen 30ern, aber immernoch dynamischer als die meisten Gegenspieler.

Kleine Quellenangabe für dei Zitate wäre nett gewesen, wenn man noch selbst ein bisschen schmökern möchte. Den ein oder anderen link hättst du dich auch trauen können. Ich denke niemand hat mehr Rechte an einem 54 Jahre alten Finale: bit.ly/1qPpak7

P.S: Kleiner Wermutstropfen: Ich muss leider folgenden Satz für den Tim-Rieke-Award für verschwurbelte Huldigungen 😉 nominieren:
„Di Stéfano besaß eine beeindruckende Mischung aus Dynamik und einer gewissen Trägheit, die mit meinem Lieblingswort „Lässigkeit“ wirklich am besten beschrieben ist; ein gewisser Flair ohne Ästhetik, aber mit eigener Eleganz, […]“

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Tank 7. Juli 2014 um 23:52

Tolle Spieleranalyse zu einem traurigen Anlass. Ein ganz großes Sportlerleben.

Allen, die bisher noch nichts von Di Stefano gesehen haben, sei eine kleine YouTube-Recherche geraten. Grade weil es so wenig Material von ihm gibt, kann man schon mit relativ geringem zeitlichen Aufwand zum Di Stefano-Experten werden. Wer also Fußballentzug an spielfreien WM-Tagen hat… Knock yourself out! Grade das Spiel gegen Eintracht Frankfurt zeigt Di Stefano auf der Höhe seiner Macht.

Apropos, es ist eine Schande, dass es kein Material aus seinen Tagen in Südamerika oder aus seinen ersten Jahren bei Real gibt. Er war ja nicht nur der General, sondern auch der Blonde Pfeil und letzteres kann man bei den Aufnahmen aus den frühen 60ern dann nur noch erahnen. Wenn er spielerisch auch nur annähernd so gut war, wie in seinen späteren Jahren, dann besteht durchaus die Chance, dass Di Stefano so um ’55 vielleicht eine der höchsten individuellen Spitzen der Fußballgeschichte erreicht hat.

Aber auch der reife Di Stefano, also der aus den frühen 60ern, ist eine Augenweide. RM hat da bereits alles Wesentliche gesagt. Ich möchte nur noch betonen, dass sich seine Komplettheit unter anderem auch dadurch zeigte, dass sein Spiel in unterschiedlichen Momenten von völlig gegensätzlichen Attributen gekennzeichnet war. Da hat man den Di Stefano, der im Vollsprint Bälle sauber passt und wieder annimmt, ohne dabei seinen Bewegungsablauf nennenswert zu verändern. Das kann selbst heute kaum jemand so spielen. Und das macht Di Stefano in den 50ern auf ’nem Kartoffelacker mit ’nem nur mäßig runden Lederball! Moderner als die Gegenwart also. Und dann sieht man Di Stefano sich im Stand, gleich einem Tangotänzer um den Ball winden, um den Gegenspieler ins Leere laufen zu lassen, ohne sich selbst größer zu bewegen. Solche Sachen hatten bereits damals etwas im positiven Sinne antiquiertes. Etwas das einen daran erinnert, dass seine Wurzeln im südamerikanischen Fußball der Kriegs- und Vorkriegszeit liegen. Beides zusammen ergibt eine wahrlich faszinierende Mischung.

Abschließend würde mich noch interessieren, wie die geneigten Leser – und natürlich auch RM selbst – Di Stefanos Leistungsentwicklung einschätzen würden. Welche Jahre können nach dem was ihr so gesehen und gelesen habt, als die Jahre seiner höchsten Leistungsfähigkeit angesehen werden? Wann ging es wie steil bergab? Der Goalimpact wird bezüglich dieser Fragen sicher auch eine tolle Ergänzung sein, aber mich würde auch interessieren, ob es da noch eigene Meinungen gibt.

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Tank 7. Juli 2014 um 23:56

Eine kleine Ergänzung noch: Ich rechne es Di Stefano hoch an, dass er auf der Höhe des Konflikts zwischen Mourinho und Guardiola, Mourinho in seine Schranken verwiesen hat, obwohl es um sein geliebtes Real Madrid ging. Sowas zeigt Klasse.

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Lenn 7. Juli 2014 um 23:47

Vielen vielen Dank dafür! Tolle Würdigung eines anscheinend noch tolleren Spielers, oder wie ihr ihn wohl nennt, des lässigsten Dudes aller Zeiten. Vielleicht noch als kleine Ergänzung, hat Tank vorher coolerweise auf gezwitschert: http://www.dailymotion.com/video/x1w8i41_european-cup-1960-final-real-madrid-vs-eintracht-frankfurt_sport
Das Pokalfinale gegen die Eintracht in voller Länge.

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