Frankreich – Honduras 3:0

Ohne Ribery sucht Frankreich nach den neuen Offensivabläufen. Honduras zeigt sich unangenehm, aber letztlich auch ungefährlich.

Die Gruppe E entpuppt sich – nicht ganz überraschend – als die konventionelle Gruppe des Turniers. Die beiden europäischen Favoriten machen das Spiel, die amerikanischen Außenseiter versuchen es mit 4-4-2-Konterspiel. Honduras reihte sich wie erwartet tief auf und überließ Frankreichs spielstarker Defensive den Ball. Doch obwohl die Franzosen viel kreatives Potential auf dem Feld hatten und sich auch darauf fokussierten, dieses in konstruktive Spielzügen umzusetzen, taten sich im Vorwärtsspiel einige Probleme auf.

Rollenverteilung à la Raute

Frankreich 3-0 HondurasOhne Franck Ribery änderte sich der Fokus im französischen Offensivspiel. Matthieu Valbuena übernahm nun eine sehr dominante Rolle und driftete als Fixpunkt quer durch die ganze Offensive. Vereinzelt hielt er sich am rechten Flügel auf, meist bewegte er sich jedoch tief im Zehnerraum zwischen den Achtern oder fiel sogar mal in die defensiven Halbräume zurück.

Auch Antoine Griezmann interpretierte die nominelle Flügelposition sehr frei. Er hielt sich dabei aber wesentlich höher als Valbuena und orientierte sich mehr am Tor als am Ball. Dadurch agierte als eine Art hängende Spitze um Benzema herum. Dieser zeigte sich ungewöhnlich unpräsent, wich meist nur leicht nach links aus und schuf auf diese Weise passiv Dynamik im linken Halbraum. So wirkte das französische System bei eigenem Ballbesitz eher wie eine Raute oder ein 4-1-2-1-1-1. Cabaye strukturierte das Spiel vor der Abwehr, Pogba beteiligte sich dabei als antreibender, spielmachender Achter, während es Matuidi in die Offensive zog.

Unrunder Halblinksfokus

Aus dieser asymmetrischen Verteilung der Rollen entstand eine ziemlich merkwürdige Angriffsstruktur: Die spielerischen Fixpunkte agierten eher von halbrechts aus, doch in den höheren Zonen zog es die Franzosen dann vielmehr in den überladenen linken Halbraum. Dort ballten sich dann mit Benzema, Griezmann und Matuidi drei tororientierte Spieler, die sich ein wenig gegenseitig auf den Füßen standen.

Matuidi musste die Zone quasi im Bogen umlaufen, um in den Strafraum vorstoßen zu können. So hatten seine Vorstöße wenig ergänzenden Effekt bzw. fand er nur selten Gelegenheit überhaupt bis in die Box durchstoßen zu können. Bei Valbuena gab es quasi den umgekehrten Effekt: Er hatte keine direkte Verbindung in die Überladungszone und hatte daher zu wenig Einfluss auf die entscheidenden Kombinationen. Ähnliches galt für Pogba, der nur bei ein paar Flügelangriffen über rechts wirklich auffällig wird.

Hektik vs. Kompaktheit

Diese unrunden Abläufe waren umso problematischer, da Honduras gerade im Zentrum enorme Kompaktheit aufbietet. Die Flügelspieler rücken unorthodox weit ein und gelegentlich fallen auch die Stürmer mit vor die robuste Doppelsechs zurück. Auch die Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr passten. (Das war der wesentlichste Punkt der ersten Halbzeit; sorry daher, dass mehr zur honduranischen Defensive nicht kommt, es lässt sich einfach leicht sagen: Kompaktheit!)

Die Franzosen hatten also sehr wenig Platz, um die Kombinationsansätze durchzubringen. Das führte dazu, dass sie in den Zwischenräumen häufig hektisch wurden und zu simpel durchzubrechen versuchten. Es gelang ihnen nicht, die Honduraner durch Kombinationen zu binden und entstehende Räume mit Verlagerungen zu nutzen. Wenn sie sich einmal in die höheren Zonen reinspielten, zog es sie meist direkt bis zum Tor.

Ein ähnlicher Effekt trat auf, wenn sie versuchten die Räume neben den weit eingerückten Flügelspielern zu nutzen. Honduras schob dann mit dem Mittelfeld sehr kompakt zur Seite und der Außenverteidiger rückte heraus, während die restliche Abwehr meist als Dreierkette am Strafraum blieb. Den Franzosen gelang es nicht, sich diagonal in die Lücken zwischen Außen- und Innenverteidiger zu spielen, sondern sie zog es hektisch die Linie herunter. Ein paar wenige gute Flanken kamen dabei heraus, doch entsprachen diese natürlich nicht ganz den Stärken von Benzema und Griezmann.

Honduras Ansätze zahnlos gegen Frankreichs bedrohliches Pressing

Grundsätzlich versuchte auch Honduras durchaus, was für’s Spiel zu tun. Dabei fehlte es jedoch etwas an Ideen und Entschlossenheit – und einem passenden Gegner. Die Franzosen konnten ihre Dominanz mit ihrer Defensivausrichtung sehr gut nutzen und festigen: Der Dreiersturm formierte sich sehr eng, verhielt sich dabei aber passiv. So überließ man den Innenverteidigen den Ball und provozierte keine langen Bälle auf die Stürmer, die Honduras recht gut nutzen kann. Gleichzeitig öffnete man auch Raum für die Außenverteidiger, die teilweise völlig frei hinter die Außenverteidiger aufrücken konnten.

Während die vier Abwehrspieler Raum hatten, war die Verbindungszone im defensiven Mittelfeld aber völlig zugestellt. Oft rückte auch noch ein französischer Achter hinter die ballnahe Schnittstelle des Dreiersturms, was jegliche Möglichkeiten zur flachen Eröffnung durch das Zentrum zunichte machte.

Mit dieser ambivalenten Situation kamen die Honduraner nicht zu recht. Theoretisch hätten sie die erste Pressinglinie mit Diagonalverlagerungen überspielen können, um sich anschließend diagonal durch die Offensive zu kombinieren. Ein Ballverlust – auch in höheren Zonen – hätte dann aber einen Überzahlkonter von drei, vier Franzosen gegen die beiden Innenverteidiger zur Folge gehabt. In der sehr defensiven Grundausrichtung gingen sie dieses Risiko nicht, sondern griffen dann lieber doch zum langen Ball. Frankreichs Defensive konnte die aber zu sechst oder siebt gegen die vier Offensivspieler leicht kontrollieren.

Gleiches galt für die Konteransätze von Honduras. Hier könnte sagen, dass die Honduraner zu sehr auf Konter aus waren, um die Konter spielen zu können: Die Flügelspieler schalteten extremst schnell und vertikal nach vorne um. Dadurch fehlten sie aber ballnah als Ballschlepper oder Kombinationsspieler, wodurch die Konter gar nicht ausgelöst werden konnten. Auch hier gab es dann meist lange Bälle zu sehen. Die großräumigen Situationen konnten aber von den enorm schnellen Varane und Sakho (und ggf. Matuidi oder Pogba) locker kontrolliert werden. Durch die sehr vertikalen Bewegungen hatte Honduras bei den schnellen Angriffen auch meist sehr billige, flache Staffelungen, die keine Kombinationen ermöglichten.

Ein 4-4-1 schleppt sich durch die zweite Hälfte

Die zweite Hälfte war dann eine eingehendere Analyse nicht mehr Wert. Es entwickelte sich genau das Spiel, welches sich eben entwickelt, wenn eine zuvor schon nur defensiv präsente und individuell weit unterlegene Mannschaft in Rückstand und Unterzahl gerät. Honduras stellte auf ein 4-4-1 um und wurde nach vorne dementsprechend noch zahnloser.

Nach hinten blieb Honduras eigentlich sogar recht stabil, doch konnten die Franzosen nun weiter aufrücken und die Angriffe aus einer höheren Ballzirkulation einleiten. Nur vereinzelt ergaben sich daraus Chancen, doch erhöhte sich Frankreichs Dominanz noch trotz abnehmender Intensität. Interessant war, dass sie sich nun gelegentlich stärker auf den Flügel fokussierten, wo die Achter gelegentlich hinter die weit aufrückenden Außenverteidiger herausschoben und so passiv überladen. Aus solch einer Szene entstand auch der Freistoß zum 3:0.

Mit nur einem Stürmer konnten die Honduraner außerdem nicht mehr so direkt spielen, was zwangsweise zu mehr Risiko führte wie beim 2:0: Da der Stürmer noch tief war, mussten sie sich bei einem Konter flach befreien. Espinoza rückte als linker Sechser mit auf, um Costly zu unterstützen. Cabaye fing jedoch den Pass auf ihn ab und leitete im Gegenkonter gegen die aufrückende Abwehr Benzemas Pfostentreffer ein.

Fazit

Bei aller Komplexität in den gruppentaktischen Verhältnissen war diese Partie strategisch und in den entscheidenden Punkten sehr simpel: Die bessere Mannschaft war die einzige Mannschaft, die Offensivpräsenz hatte. Und da die schlechtere Mannschaft nicht gut genug war, um über 90 Minuten alles verteidigen zu können, sollte das der besseren Mannschaft zum Sieg reichen. Ein Platzverweis für die schlechtere Mannschaft machte den Sack frühzeitig zu.

Honduras war in dieser Partie zwar unangenehm genug, um eine Weile gut auszusehen, doch nach vorne zu ungefährlich, um große Chancen auf einen Punkt zu haben. In Unterzahl hatten sie gar kein Konzept mehr, um die Unterlegenheit zu kompensieren.

Frankreich hat eine Mannschaft, die in ihrem kollektiven Fokus und der Besetzung sehr geschlossen ist, aber in der genauen Rollenverteilung und den resultierenden gruppentaktischen Abläufen noch nicht so wirklich funktioniert. In dieser Besetzung konnten sie jedoch auch noch nicht eingespielt sein, was sicher auch ein Grund für die Probleme war. Die Tricolore muss sich nun quasi als Turniermannschaft präsentieren und ihr Potential im Laufe des Wettbewerbs erschließen.

Fred 17. Juni 2014 um 04:09

Im WM-Heft wurde nach meiner Erinnerung eine eventuelle Rolle von Griezmann nur oberflächlich ausgeführt (ergibt ja auch Sinn, schliesslich war Ribery da noch fit), daher würden mich die Auswirkungen dieser Personalrotation hinsichtlich des weiteren Spielverlaufs interessieren.
Was ich mitgenommen habe: Griezmann ist deutlich tororientierter als Ribery und passt daher eher zur Spielweise von Valbuena und Benzema. Logischerweise sind die Franzosen durch diesen Ausfall nicht stärker einzuschätzen als vorher, aber die Gründe dafür sind mir nicht genau klar. Was bedeutet der Ausfall von Ribery und die damit einhergehende Aufstellung von Griezmann für die französische Auswahl konkret?

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mh 16. Juni 2014 um 10:41

Den strategischen Ansatz der Franzosen zum herstellen von Dominanz fand ich gar nicht schlecht. Es haperte eher an der konkreten Umsetzung, wohl der fehlenden Eingespieltheit geschuldet. Aber mit hoher Kompaktheit im Zentrum (inkl einrückender Flügelstürmer), variablem Rollentausch im Dreiermittelfeld (in Ansätzen bereits sichtbar) sowie der im Artikel erwähnten Asymmetrie (die Gegnern erstaunlich oft Peobleme bereitet) könnte Frankreich durchaus reüssieren

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CF 16. Juni 2014 um 09:59

Das diese unrunden Abläufe entstehen, liegt doch eher daran, dass die Bewegungsmuster der einzelnen Spieler nicht wirklich passen. Mit Giroud in der Mitte und Loic links waren in Freundschaftsspielen vor der WM die Abläufe passender, flüssiger. Remys Diagonaleren Bewegungen ergänzt sich gut mit Blaise, der den Flügel besser nutzen konnte. Evra konnte stärker aus der tiefe kommen, teilweise Ballverteilender auftreten. Dazu war Giroud etwas aggressiver im pendeln und ergänzt sich in seinen Bewegungenbesser mit Valbuena. Die Variante mit Loic ist etwas weniger kombinierter und sicherlich auch nicht so schön, aber gegen Paraguay waren die Staffelung konstanter und balancierter. Siehst du es ähnlich? Schade das mit Grenier eine passende Alternative zu Blaise fehlt, würde sich gut mit Griezmann und Benzema ergänzen. Fehlt Frankreich generell ein Balancespieler?  

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rodeoclown 16. Juni 2014 um 11:09

Ich denke, dass eigentlich alle 3 DM diese Rolle spielen könnten, die Frage wird nur sein ob einer bereit ist sich dafür zurückzunehmen. In bester Olli-Kahn Manier kommt es bei Frankreich daher wohl wirklich sehr auf Einstellung und Teamgeist an. Die individuellen Qualitäten von Matuidi, Pogba und Cabaye versprechen viel, nur so ganz zueinander passen wollen sie nicht. Da ist einfach jeder Spieler für sich zu präsent. Matuidi weicht zwar manchmal in die unterstützende Rolle aus, aber bei seiner Unsauberkeit am Ball ist das dann oft lediglich absichernd. Und auch das ist nicht so ganz passend, weil er seine Stärken ja eher im Tackling/Gegenpressing hat als in Räume-schließen.
Valbuena kann das natürlich, hat das ja auch im Spiel immer mal wieder gezeigt, nur spielt er hal eigentlich eine Reihe zu hoch um das wirksam einbringen zu können.

Wird interessant zu sehen, was sich da noch entwickelt. Im Fantasy-Football ist so ein permanenter Rollentausch von Cabaye/Pogba/Valbuena zwischen dominanten/unterstüzenden Rollen sehr attraktiv. Gerade unter dem Punkt Rhytmusveränderung wäre das geil, weil die drei ja doch alle sehr unterschiedlich Strukturen schaffen. Aber ich stelle es mir auch äußerst schwierig vor die Spieler tatsächlich über 90min so hinzubiegen.

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